Haftbefehl vs. The Beats // Feature

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Mittlerweile hält ihn Google für relevanter als die schriftliche Anordnung eines Gerichts, einen Menschen in Haft zu nehmen. Der Rapper Haftbefehl ist ein Star, ­zweifellos. Im deutschen HipHop sowieso. Kaum jemand besaß in den letzten Jahren größere ­Relevanz für die Szene als Aykut Anhan, der mit seinem stetig wachsenden Azzlackz-Anhang den Straßen- und Gangsta-Rap in eine neue Richtung gedrückt und: der ­deutschen Mitte zumindest ein klein wenig Straßen-Esperanto beigebracht hat.
 
Allein: Kommerziell ist Haftbefehl noch nicht am Ziel. Um das zu ändern, vollzog er vor einigen Monaten den Move zum Major. Dank der Hilfe von ­Universal Music soll Aykuts Kontostand ­möglichst bald auch seinen Status widerspiegeln. Für den Herbst ist sein viertes Solo-Album ­angekündigt, ein designierter Blockbuster. Zuvor hat Haftbefehl aber eine kleine Tournee zu absolvieren – seine erste mit Band.
 
Als er seine kommenden Konzerte im vergangenen Mai bewirbt, gibt er sich betont gelassen. Während er sich Musik vorspielen lässt, lümmelt er tiefenentspannt auf einer dunklen Couch-Garnitur. Das Mikrofon legt er dabei auf seinem stattlichen Bauch ab. Er antwortet höflich, aber kurz und bestimmt. Haftbefehl ist ein Gesprächspartner, an dem sich unerfahrene Interviewer die Zähne ausbeißen. Er gibt sich so, wie sich das für einen echten Star – von denen hat Deutschland immer noch zu wenig – ziemt. Spürbar vergnügt wird Hafti erst, als man ihm Songs aus seiner Jugend vorsetzt.
 

 
Die Fantastischen Vier
Geboren (MTV Unplugged II) (2012)

 
Ach, die Herren, mit denen ich meine Live-Geschäfte mache.
 
Hast du als Musikhörer einen Bezug zu den Fanstastischen Vieren?
Ja, natürlich. Ein, zwei Songs von den Fantas habe ich als Kind schon regelmäßig gehört. Damals gab es ja noch kein Youtube, sondern nur MTV. Von einem der Herren konnte ich sogar mal ein paar Strophen auswendig, das war der, der auch »Sie ist weg« gerappt hat.
 
Michi Beck?
Genau, der. Das lief die ganze Zeit bei MTV. »Die Da« kannte ja sogar meine Mama, ­obwohl sie nicht so gut Deutsch kann.
 
Die Fantas feiern dieses Jahr ­25-jähriges Bandjubiläum. Wie wirst du feiern, wenn es Haftbefehl seit 25 Jahren gibt?
Ich glaube nicht, dass es den dann noch gibt. Dann müsste ich ja noch mit fünfzig rappen, Alder. Ich glaube nicht, dass ich das so lange durchziehe. Ich weiß nicht, wo ich dann überhaupt sein werde. Aber ich hätte gar nichts dagegen, dann reich zu sein und nur noch auf der faulen Haut zu liegen. (gähnt)
 

 
Olexesh
Purple Haze (2014)

 
(Fängt an die Melodie mitzusummen) Olexesh. Geiler Flow auf jeden Fall. Es gibt wenige Rapper, die es schaffen, einen so ­eigenen Flow auf einem Beat ­komplett durchzuziehen. Das ist schon sehr ­amerikanisch, was er da macht. Finde ich richtig gut. 385ideal sind natürlich alle unsere Brüder.
 
Was bedeutet es dir, dass du quasi den Anfangspunkt für eine neue Art von ­Straßenrap gesetzt hast?
Auf jeden Fall ’ne ganze Menge. Wir haben da etwas Neues gemacht, und das schaffen immer nur ganz wenige Künstler. Aber am meisten freut es mich, dass Celo und Abdi jetzt auch ihr eigenes Ding am ­Laufen haben. Da bin ich sehr stolz drauf. Die geben sich richtig Mühe mit ihrem Label und ich hoffe, dass sie damit noch weit kommen.
 

 
Notorious B.I.G.
Party & Bullshit (1993)

 
(Singt, schon bevor die Hook anfängt) »Party and bullshit, and party and bullshit«. Auch wenn das manche Leute sagen: Ich bin nicht der deutsche Biggie Smalls, Alder. Ich habe zwar in meiner Anfangszeit ein paar Songs aufgenommen, auf denen ich mich von ihm hab inspirieren lassen, aber ich bin Aykut Anhan. Ich halte Biggie natürlich für den größten Rapper aller Zeiten, aber ich bin trotzdem einfach Haftbefehl und nicht der deutsche B.I.G.
 
Kannst du dich daran erinnern, wann du Biggie das erste Mal gehört hast?
Das war auf jeden Fall nicht »Ready To Die«, sondern erst »Life After Death«. »Hypnotize« lief damals immer in den Diskos. Als ich 15 war, gab es so eine Disse in Darmstadt, die hieß Natrix. Das war ein Club für 3.000 bis 4.000 Leute, und die ganze Zeit lief Rap. Da haben wir uns damals ­reingeschlichen. Ich war dort immer; durchgehend von ­Donnerstag bis Samstag.
 

 
A Tribe Called Quest
Oh My God (1994)

 
Die habe ich nie gehört. ­Feier ich einfach nicht. Ich finde ja, dass Ma$e die bessere Version von Q-Tip ist. Die beiden haben ungefähr die gleiche Stimmlage, aber wenn du mich fragst, hat Ma$e wesentlich cooler und fresher gerappt. Wozu brauche ich dann den anderen Spasti? (lacht)
 
Hast du generell viel von den ganzen Bad Boy-Sachen gehört?
Ich habe sehr viel Bad Boy gehört, auf jeden Fall – bis zu »No Way Out« von Puffy. Da waren zwar auch noch ein paar krasse Sachen drauf, aber »I’ll Be Missing You« war echt aufgesetzte Kacke. Aber G. Dep, Shyne, Loon – die fand ich top. Ich finde nur ­merkwürdig, dass alle, die irgendwann von Bad Boy weg sind, Priester, Moslem oder Jude geworden sind. French Montana ist ja als Moslem zu Bad Boy ­gegangen und hat mittlerweile auch einen Song ­veröffentlicht, der »The Devil Want My Soul« heißt. ­Komischerweise scheint es niemand mit ­Diddy für mehr als ein, zwei Jahre ­auszuhalten. Irgendwas stimmt da nicht.
 
Würdest du auf einen Boss wie Diddy klarkommen?
Nee, Mann. Ich glaube, ich würde dem auf die Fresse hauen und nach zwei Minuten das Büro verlassen.
 

 
Cam’ron
Hey Ma feat. Juelz Santana (2002)

 
(Singt nach drei Sekunden mit) Ja – ­Dipset, Alder. Die habe ich lange echt richtig ­gefeiert. Die Sachen, die Jim Jones bis vor drei, vier Jahren gemacht hat, waren richtig gut. Juelz konnte krass rappen, aber ich mochte seine Stimme nie so richtig. Cam’ron war aber natürlich auch krass. Voll komisch, dass die alle irgendwann total von der Bildfläche verschwunden sind. Seitdem Cam’ron angeschossen wurde, als man ihm seinen Ferrari klauen wollte, kam echt nicht mehr viel von denen.
 
Na ja, danach gab es zumindest noch den sehr unterhaltsamen Beef mit 50 Cent.
(Ruft) »Cuuurtis!« Ja, stimmt. Das war auch gut. Da hat Cam’ron Fifty aber, wie ich finde, richtig fertig gemacht.
 

 
J-Kwon
Tipsy (2004)

 
(Spricht wieder mit und summt dann weiter) »I got a fake I.D., though.«
 
Hättest du Bock, mal auf so plakative Nullerjahre-Club-Beats zu rappen?
Ey, nee. Auf »Blockplatin« habe ich ja in die Richtung schon ein wenig experimentiert, aber das ist mit dem nächsten Album auf jeden Fall vorbei. Da geht es nur darum (spricht mit verstellter Stimme): Ihr Hurensöhne, ich fick euch alle und kauf mir Rolex mit Diamanten, Bruda!
 
Also auch keine Gesellschaftskritik mehr?
Doch, doch. So hardcore ziehe ich das natürlich nicht durch. Ich will auch weiter so Sachen machen; Sozialkritik, oder was man dazu sagt. (lacht)
 

 
R. Kelly
I’m A Flirt feat. T.I. & T-Pain (2007)

 
Ach, R. Kelly? Der Typ ist einfach ein Pädo, Alder. R. Kelly ist aber trotzdem ein krasser Sänger, den höre ich heute auch noch ab und zu. Zu der Zeit, als er »I’m A Flirt« rausgebracht hat, nachdem er sich mit Jay-Z zerstritten hatte, wurde er nur immer ­behinderter. Aber »Snake« zum Beispiel war echt ein krasser Song. Seine ganz alten ­Sachen, »Sparkle« und so, höre ich immer noch total oft. Irgendwann wurde R’n’B ja leider ­scheiße. Eine zeitlang aber waren Ginuwine und so schon mit das Geilste.
 
Hätte ich dir jetzt »Pony« mitbringen sollen?
Nee, Mann. Zu der Zeit war das cool, aber heute kann ich das nicht mehr hören. Das ist nur noch so Autoscooter-Musik.
 

 
The Clipse
Momma, I’m Sorry (2006)

 
(Macht den Beat nach und fängt dann an zu rappen:) »Miami Vice, Miami Vice, die Kriminalpolizei hängt mir am Arsch, Cho, du weißt.« Krass, krass. Das war richtig gut. Pusha T ist aber ohnehin momentan auch einer meiner Top 3-Rapper. Zusammen mit Jay Z und Nas – das sind die besten. (nach einer kurzen Pause) Obwohl, jetzt habe ich natürlich French Montana vergessen. Der hat auch richtig viel Style.
 
Ich habe The Clipse damals über die JUICE kennengelernt. Und du?
Keine Ahnung. Das erste Mal habe ich die auf jeden Fall gehört, als sie auf »Like I Love You« von Justin Timberlake gefeaturet ­wurden. Und zwei, drei Songs von »Lord Willin« liefen damals auch immer im Club.
 

 
The Cool Kids
One Two (2008)

 
Diese Four-Door-Lines, Alder. Der soll mal die Fresse halten. So ein Schmodder! Wer ist das?
 
Die Cool Kids, aus Chicago. Man könnte sie als Hipster-Rap-Vorreiter bezeichnen.
Sag ich doch: Schmodder. (grinst)
 
Gibt es auch sogenannte »Hipster«, die du selbst cool findest?
Nee, Mann. Also ich finde Carlo [Cro; Anm. des. Verf.] menschlich sehr cool, aber das ist keine Musik, mit der ich viel anfangen kann. Ist Pharrell eigentlich ein Hipster?
 
Der ist ein krasser Hipster, ja.
Ja, stimmt. Aber der macht ja auch ­eigentlich keine Rap-Musik, sondern eher so (fängt wieder an zu singen): »I’m happy … Ich bin ein Huuurensohn!« Nee, »Happy« ist schon ein echt guter Song, aber wenn du den zwei, drei Mal hörst, schiebst du ­irgendwann darauf so einen krassen Abturn.
 

 
Not.FX x Haftbefehl
Welle hin, Welle her (Trap Remix) (2013)

 
Das ist gut, das ist ja ein Song von dieser EP, die DJ Sweap, unser Kuseng aus der Schweiz, gemacht hat.
 
Das ist nicht das erste Mal, dass ­jemand deine Musik remixt. Was glaubst du, ­warum deine Songs so gut bei ­Produzenten ankommen?
Ich glaube, das liegt an meiner Stimme. Die klingt relativ druckvoll und kommt auch im Club gut.
 
Feierst du diese Trap-Sachen auch selbst?
Überkrass. Es kommt schon immer darauf an, wer auf so was rappt, aber bei French und Rick Ross zum Beispiel feiere ich das sehr. Ich werde vermutlich auch zwei, drei Trap-Beats auf meinem neuen Album haben.
 
Gehst du eigentlich selbst in Clubs?
Ja, aber nur wenn ich Auftritte habe. Ich gehe nicht auf irgendwelche Trap-Parties oder so. Privat gehe ich generell gar nicht mehr weg. Da hänge ich nur zu Hause ab. Ich habe gar keinen Bock mehr auf so was. Ich bin total faul geworden.
 

 
Herr Trüstedt & Herr Wiedermann
Azzlackz sterben jung (2014)

 
Geil, Alter. Was ist das?
 
Das ist eine Berliner Formation, die live häufig bekannte Rap-Songs covert
Das ist gut. Da siehste mal, wie meine Songs richtig rollen, wenn man sie singt. Also kauft euch die Songwriter-Version von »Azzlack Stereotyp«. Demnächst im Handel! Oder ich fang bald selbst an zu singen, das wäre auch was.
 
Holst du dann auch die Akustikgitarre raus?
Nee Mann, ich mach’ auf Aerosmith.
 
Hast du nicht mal gesagt, dass du Rock-Musik hasst?
Ich weiß, ich labere gerade nur Scheiße. Was haben wir denn noch?
 

 
Chief Keef
Don’t Like (2012)

 
Ich mag die Beats von Young Chop. Ich hab letztens sogar mal Beats von dem geschickt bekommen. Von denen mir aber leider nur einer gefallen hat. Aufs Album schafft der es wohl nicht, aber mein Manager ist cool mit dem, deswegen werde ich wohl früher oder später wirklich mal mit dem arbeiten.
 

 
YG
»My Nigga« (2014)

 
Mann, der hat ja immer dieselben Endreime. Außerdem singt der ja, der rappt doch gar nicht richtig. Ich weiß nicht, in diesem Singsang-Rap-Metier kann halt keiner French Montana das Wasser reichen. Dann kommt der einmal mit »Paranoid«, und alle anderen können einpacken. Wobei: So viel Ami-Rap höre ich momentan gar nicht.
 
Was hörst du stattdessen?
Eigentlich habe ich wirklich nur selbst Musik gemacht und meinen eigenen Kram gehört. Gerade jetzt für das nächste Album ist das total wichtig, weil ich mich da auf meinen alten Style konzentrieren möchte. »Azzlack Stereotyp« war ja mein ganz eigener Sound. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass ich während der Arbeit an »Kanackis« und »Blockplatin« zu viel andere Musik gehört habe, weißt du?
 
Wollte dein neues Label eigentlich explizit, dass du dich stärker auf deinen ursprünglichen Sound konzentrierst?
Eigentlich gar nicht. Universal meinte zu mir: »Ist uns egal. Mach ‚Blockplatin 2‘, mach ‚Azzlack Stereotyp 2‘ – ganz gleich. Wir ­unterstützen dich auf jeden Fall.« Das war dann auch das, was mich am Ende dazu bewogen hat – neben der Patte natürlich – bei denen zu unterschreiben.
 
Hast du eigentlich lange gebraucht, um dich für Universal zu entscheiden? Eigentlich hattest du ja lange Vorbehalte gegenüber Majors.
Um ehrlich zu sein, wollte ich eigentlich bei Groove Attack bleiben. Aber dann kam Universal um die Ecke und machte mir ein richtig gutes Angebot: Die wollten mir keinen dieser Knecht-Verträge andrehen. Ich bin ja auch noch mal zu Groove Attack gegangen, nachdem ich das Angebot von Universal auf dem Tisch hatte. Ich meinte zu denen: »Guckt mal, ich will doch irgendwann auch mal meiner Mutter ein Haus kaufen. Könnt ihr da mitziehen?« Am Ende war das Angebot von Universal einfach besser – und natürlich nimmt man das dann an. Wenn du Fußball spielst und dich der AC Mailand und Juve haben wollen, dann gehst du doch auch zu dem, der dir das bessere Angebot macht, oder nicht? Was die Leute daran ­kritisieren, das interessiert mich keinen ­Meter. Ich werde mit dem nächsten Album auf jeden Fall abliefern. Es wird definitiv härter und krasser als die letzte Platte. Sollen die doch haten. Das H in Haftbefehl steht ja eh für hassen, also lasse ich sie einfach. ◘
 
Foto: Maxim Rosenbauer
 
Dieses Feature ist erschienen in JUICE #160 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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