Flavio: »Meine Musik bisher war wie mein Tagebuch« // Interview

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Gelsenkirchen gilt nicht unbedingt als Brutstätte deutscher Nachwuchsrapper. Tatsächlich ist die Stadt im Ruhrpott eher für ihre Bergbau-Vergangenheit und einen zuletzt mäßig erfolgreichen Fußballverein bekannt. Für Flavio ist sie hingegen Schauplatz und Inspiration für die vielen Geschichten, die er in seiner Musik erzählt. Gerade veröffentlichte er sein Mixtape »Warm Up«, das für ihn in vielerlei Hinsicht eine Zusammenfassung der letzten zehn Jahre darstellt. Unser Autor Béla Gerardu hat Flavio getroffen und mit ihm über seine Heimatstadt, seinen Hang zum Understatement und einen Haftbefehl-Vergleich gesprochen. Warum es auf »Warm Up« keine Features gibt und welche stilistischen Veränderungen sich der Deutsch-Italiener in Zukunft vorstellen kann, lest ihr im folgenden Interview.

Du kommst aus Gelsenkirchen, eine der ärmsten Städte Deutschlands. Wie bist du dort aufgewachsen?
Ganz normal. Lange dachte ich, es wäre überall genauso wie hier. Ich bin in einer der vielen Bergbau-Siedlungen in Gelsenkirchen aufgewachsen. Wir waren ein Mix aus allen Nationalitäten, die sich zusammengehörig fühlten. Damals hat man noch nicht so ganz verstanden, dass etwas schiefläuft oder vielleicht anders ist als in anderen Städten. Mit dem Horizont, den man hatte, war es eine sehr schöne Kindheit.

Rapper erzählen gerne vom Aufwachsen in Siedlungen, viele kommen aus den Blöcken der Großstädte. Glaubst du das Aufwachsen in einer unattraktiven Stadt wie Gelsenkirchen hat da im Vergleich noch Besonderheiten?
Ich weiß nicht, wie es in anderen Städten abgelaufen ist und kann deswegen schwer vergleichen. Ich glaube, was diese Gegenden gemeinsam haben, ist die Unzufriedenheit und der Mangel an Hoffnung. Man gibt nicht an, achtet auf was man sagt und tut. So entsteht kein Drama.

Jetzt droppst du dein Mixtape »Warm Up«. Inwiefern war der Prozess ein anderer?
Ich denke, Arbeit expandiert immer auf den Zeitraum, den man für sie einteilt. Wenn ich erst in sechs Monaten fertig sein soll, bin ich das auch erst dann. Ich hatte mir eine eigene Deadline gesetzt, die deutlich vor der offiziellen war. Dann habe ich das »Warm Up« Tape in ungefähr zwei Tagen geschrieben.

Auf dem neuen Tape bist du ohne Features ausgekommen. Arbeitest du lieber alleine?
Bisher haben mir Features keinen Spaß gebracht. Ich habe das ein paar Mal ausprobiert, um mich einzufügen, aber die Musik hat mir nicht gefallen. Meine Musik bisher war wie mein Tagebuch, ich finde es komisch, wenn dort andere reinschreiben. Für die Zukunft sehe ich mich aber in vielen Features.

Auf alten Tracks hast du einzelne Textpassagen auf Italienisch gerappt. Kannst du dir das für die Zukunft auch nochmal vorstellen?
Ich feier das, wenn der Song fertig ist und da Teile auf Italienisch drin sind. Mich freut es auch immer sehr, wenn Leute das gut finden, die nicht Italienisch sprechen. Das Schreiben kommt eher unbewusst. Ich setze mich nicht hin und denke, heute schreibe ich mal in der Sprache. Es kommt automatisch, wenn mir zum Beispiel gerade kein Reim auf Deutsch einfällt. Ich bemerke es nicht.

Das Diffus Magazin schrieb Anfang des Jahres einen Artikel über dich, in dem sie einen Vergleich zu Haftbefehl zogen. Was denkst du über diesen Vergleich?
Ich feier das. Es gab wenige Rapper, die bei uns so groß waren wie Haftbefehl. Die älteren Jungs haben sich sogar so gekleidet und wir jüngeren haben es dann natürlich auch. »Kanackiş« war das einzige Album auf meinem MP3 – und das für Jahre. Der Vergleich, auch wenn es nur Medien-Meinung ist, ist mir eine große Ehre..

Ähnlich wie Haftbefehl machst du – neben dem Prahlen mit Luxus – auch keinen Halt davor, Schattenseiten aus deinem Leben zu thematisieren.
Die Tiefe in meinen Texten entsteht nicht bewusst. Ich suche mir kein Thema für einen Song aus oder so. Ich schreibe einfach unbewusst und wenn der Song fertig ist, lege ich ihn weg. Meistens bemerke ich die Tiefe der Texte erst, wenn ich drauf angesprochen werde.

Trotzdem entsteht diese Tiefe in deiner Musik. Beim Hören deiner Tracks fällt auf, dass du dein eigenes Verhalten oft reflektierst.
Ich habe in einem sehr frühen Alter angefangen, zu reflektieren, ich kam damals aber nicht an Ergebnisse. Ich hatte die Gedankengänge, aber konnte nicht viel daraus schließen. Nichts aktiv verändern. Schon früh habe ich mich mit emotionalem Schmerz auseinandergesetzt. Ich dachte, wenn ich keine physischen Schmerzen zugefügt bekommen habe, muss der Schmerz emotional sein. Daraufhin habe ich gelernt, meine Emotionen zu beeinflussen. Außerdem habe ich immer versucht, Dinge aus anderen Blickwinkeln zu sehen, um verschiedene Wahrnehmungen nachvollziehen zu können und habe somit immer ein Gefühl dafür gehabt, in welcher Situation ich oder mein Umfeld sich befinden.

Dein Mixtape war das »Warm Up«. Geht es jetzt richtig los?
Ich fühle mich jetzt so, als würde ich meinen ersten richtigen Schritt in der Musik machen. Bisher habe ich vor allem persönliche Texte geschrieben und diesen simplen Trap gemacht. Lange dachte ich, ich werde für immer dasselbe machen. Keine Studios, keine Adlibs, keine anderen Produzenten, keine experimentellen Beats. Jetzt ist aber der Punkt gekommen, an dem ich denke, ich habe diese Challenge gemeistert und ich brauche etwas Neues für mich. Mein aktuelles Leben ist im Vergleich zu früher sehr gut. Es macht Spaß, das machen zu können, was ich möchte und es mit meinen Leuten zu teilen. Ich bin aktuell sehr zufrieden. Ich will mich entwickeln. Vielleicht wird der Sound tanzbarer, positiver, was auch immer. Hauptsache Entwicklung.

Interview: Béla Gerardu

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5 Kommentare

  1. Flávio ist der beste Rapper der in den letzten Jahren zu uns fand. Er ist Inspirator , einzigartig , musikalisch und gibt einem immer etwas gutes mit auf den Weg m!

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