Mit Viva con Agua in Kenia: Afrika verändert dein Leben // Feature

viva con agua
 
Wenn Du einmal in Afrika gewesen bist, wirst du die Welt danach mit anderen Augen sehen. Das mag bescheuert klingen, ist aber die Wahrheit. Anfang Oktober waren wir in Kenia, und tatsächlich hat sich seitdem meine Sicht der Dinge verändert. Zumindest hat sich meine Sicht auf manche Dinge verändert. Es ist nicht so, dass das jetzt das ultimative spirituelle Erlebnis war. Es ist auch nicht so, dass wir dort Dinge gesehen haben, die wir zuvor nicht gekannt haben. Es ist eher so, dass wir dort alles gesehen haben, was wir schon immer wussten, nur eben live und in echt und in Farbe und vor allem: mit Menschen.

 

Es ist so, wie wenn du in Brooklyn aus der U-Bahn steigst und plötzlich feststellst, dass HipHop lebt, weil jeder, den du triffst, HipHop ist; weil die Geräusche auf der Straße so klingen wie die Samples auf deinen Lieblingsplatten; weil die einfache Frage, mit welcher Sauce du deine ­Hähnchenteile haben willst, sich anhören wie ein Freestyle; weil sogar die Sechzigjährigen dort Baggies und Basecaps tragen. Und ähnlich verhält es sich mit der Armut, der Kraft, den Farben, dem Hunger, der Spiritualität, dem Trotz, dem Kapitalismus, der ­Ungerechtigkeit und der Unterdrückung, wenn du nach Afrika fährst. Alles ist leibhaftig und ganz nah, und du weißt, dass es so, wie es ist, scheiße ist, und dass wir was ändern müssen. Es ist nichts, was wir nicht schon vorher wussten, nur seit ich in Afrika war, weiß ich, dass es dringender ist als je zuvor.
 

 
Unsere Reisegruppe bestand aus Onejiru, Maeckes, Marteria, Paul Ripke, Michael Fritz von Viva Con Agua und mir. Außerdem waren noch Daniel und Luke vom Filmteam dabei; und zusammen mit Doreen, einer kenianischen Fußballspielerin, die schon bei Werder Bremen und Köln gespielt hat, sowie dem kenianischen Rapper Octopizzo besuchten wir mehrere Wasserprojekte von Viva Con Agua in Kenia. Wir fuhren durch das öde Buschland des kenianischen Südens und besuchten Massai, die im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen sitzen. Am Ende der Dürrezeit sind die Wassertanks leer und die Menschen müssen bis zu zwanzig Kilometer am Tag laufen, um auch nur an das allerallernotwendigste Wasser zu kommen. Dann graben sie tiefe Löcher in die ausgetrockneten Flussbette, in denen sich das Grundwasser sammelt, und füllen ihre 20-Liter-Kanister, die sie dann nach Hause schleppen. In diesen unwirtlichen Gegenden ist Wassermangel ein existenzielles Problem, das alle möglichen anderen Probleme nach sich zieht. Durch den Wassermangel können Kinder nicht mehr zur Schule gehen, weil sie mit der Wassersuche beschäftigt sind. Die hygienischen Bedingungen sind ­alles andere als optimal, sodass die Menschen aufgrund von verunreinigtem Wasser an Krankheiten leiden, die man hierzulande nur noch vom Hörensagen kennt. Und allerorts müssen die Menschen Geld auftreiben, um sich zum Beispiel ein Motorrad leisten zu können, das ab und zu vom nächsten Bohrloch sauberes und ungefährliches Wasser besorgt. Doch wie kommt man an Geld in so einer Gegend? Die meisten der Menschen, die wir getroffen haben, wollen weg. Sie wollen nach Europa, weil sie denken, dass sie dort ihr Potenzial besser entfalten können. Sie wollen nach Europa, weil sie gehört haben, dass man dort arbeiten und Geld ­verdienen kann. Geld, das sie dann an ihre Familien schicken könnten, die damit wiederum ­Wasser kaufen und eine Ausbildung für die Geschwister finanzieren könnten. Geld, mit dem sie endlich an dem unendlichen Reichtum der westlichen Gesellschaft teilhaben könnten, der ihnen tagtäglich versprochen und ständig vor die Nase gehalten wird. Denn so freudig die freie Marktwirtschaft ihre ­Errungenschaften via Werbung und Fernsehen in alle Winkel der Erde transportiert, genauso unerbittlich macht sie den Menschen klar, dass sie ohne das dazugehörige Geld nicht mitspielen dürfen. Deshalb unterwerfen sich Menschen diesen Regeln und fangen an, selbst im ­tiefsten Buschland Wege zu finden, um an Geld zu kommen.
 
Das Handy klingelt am Gürtel des Dorfältesten mit den traditionell ausgeleierten Ohrläppchen und er erzählt, wie er versucht, seine Rinder zu verkaufen; dass seine Kinder schon lange in die Stadt abgewandert sind, um irgendeinen Beruf zu ergreifen. Man fragt uns, ob wir nicht eine Möglichkeit hätten, den einen oder anderen mit nach Europa zu nehmen. Eine Theatergruppe spielt ein Stück, in dem sie sich über korrupte ­Provinzpolitiker lustig macht. Danach kommen wir ins Gespräch und die Jugendlichen erklären uns, dass sie allesamt nach Europa wollen und sich einen Film über Europa gewünscht hätten. Sie sind hungrig nach Informationen aus der Welt, von der sie glauben, dass sie die Erfüllung all ihrer Träume ist. Was hätten wir ihnen zeigen sollen? Die Zäune der spanischen Enklaven in Marokko, an denen die afrikanischen Einwanderer hängen bleiben? Die Toten vom Mittelmeer? Oder die Containerdörfer, in denen die Geflüchteten in Deutschland untergebracht werden? Wir sprechen über Bohrlöcher, die wir einrichten könnten – Wasser für Tausende, die in der staubtrockenen Savanne leben und keinen Zugang zu frischem Trinkwasser haben. Mit einem Bohrloch, das Viva Con Agua in so einer Gegend finanziert, können 5.000 Menschen mit sauberem Wasser versorgt werden. Das ist nicht die Welt. Das ist erst der Anfang. Das ist wichtig, um zu überleben.
 
VivaConAgua-MichaelFritz-Octopizzo
 
In der Stadt ist es noch schlimmer. Auch wenn Octopizzo, der Rapper aus Nairobi, zutiefst schockiert war über die Lebensumstände der Massai und nicht glauben wollte, dass es Menschen gibt, die überhaupt kein Wasser haben – ich bin schockiert über die Lebensumstände, in denen die Menschen in Kibera, dem größten Slum Afrikas, leben müssen. Wenn es regnet, verwandelt sich der lehmige Boden in eine glitschige Rutschbahn. Weil es in diesem Stadtteil nicht ausreichend Toiletten für alle gibt und für die Benutzung öffentlicher Toiletten relativ viel Geld verlangt wird, weiß man nicht, in was man da herumwatet. Octopizzo erzählt von den Flying Toilets – den Tüten, in die man seine Notdurft verrichtet, und die dann auf die Dächer der Häuser geworfen werden. Manchmal trifft man auch Passanten, die gerade eines der frittierten Brote essen, die überall und an jeder Straßenecke in Kibera verkauft werden. Dann hört man sie fluchen, erzählt der Rapper lachend, und es klingt, als hätten er und seine Freunde die Tüten früher auch gerne mal mit Absicht auf andere Leute geworfen. »Normal«, erklärt er mit einem breiten Grinsen. Man hat sich eben so eingerichtet. Man gewöhnt sich an alles. Wir sind hier, weil wir uns ein sogenanntes WASH-Projekt anschauen wollen. WASH steht in diesem Zusammenhang für »Wasser, Sanitätsversorgung und Hygiene« für alle und ist ein relativ neues Betätigungsfeld von Viva Con Agua, mit dem der Verein auf die sanitären Probleme im urbanen Raum reagieren will. In Zusammenarbeit mit lokalen Basisgemeinschaften vor Ort sollen öffentliche Wasserstellen, Duschen und Toiletten gebaut werden. Was wir sehen, läuft gut. Eine kanadische Organisation hat uns eingeladen und zeigt uns, wie man es machen könnte. Die Anlage wurde unter Mitwirkung der Bevölkerung errichtet. Die Anlage gehört den Menschen vor Ort, die auch darauf achten, dass sie in Schuss bleibt. Es ist kein Projekt, das von irgendeiner Hilfsorganisation von außen einfach nur hingestellt wurde. Die Leute haben einen echten und realen Bezug zu der Einrichtung. Sie gehört ihnen. Das ist wichtig, und Viva Con Agua achtet sehr darauf, dass die Bevölkerung in all die Projekte, die unternommen werden, mit einbezogen wird. Ein Grundsatz, der bei den meisten Hilfsorganisationen mittlerweile bekannt ist, den aber längst noch nicht alle verinnerlicht haben. Über 200 Hilfsorganisationen tummeln sich in Kibera, erzählt uns später ein Funktionär der UNO-Organisation UN-Habitat, wobei er gleichzeitig die Frage aufwirft, warum sich bei einer solch ­großen Anzahl von ausländischen NGOs nicht nachhaltig etwas verändert? Der Lärm, die Farben, die Gerüche, die Menschen. Die Kinder, die ankommen und an den Haaren auf meinen Armen zupfen. Die Müllkippe auf der Maeckes sein Video gedreht hat und auf der Menschen nach irgendetwas Verwertbarem suchen, das sie aus dem Abfall ziehen können. Die reiche, weiße Oberschicht, die wir auf der Party des Botschafters kennengelernt haben, ein Gartenfest zu Ehren des Tags der Deutschen Einheit. All das. Ich wusste es schon vorher, dass es das gibt. Es war keine Überraschung. Jetzt weiß ich es wirklich. Afrika hat mein Leben verändert. ◘
 
Fotos: Paul Ripke
 

 
Dieses Feature ist erschienen in JUICE #164 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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