Kendrick Lamar – Mr. Morale & The Big Steppers // Review

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Cover: Renell Medrano
Wertung: Fünf Kronen

»Love, loss and grief have disturbed my comfort zone« – Ein Halbsatz in der Ankündigung von Kendrick Lamars letztem Album bei TDE auf der mystisch-minimalistischen Website oklama.com machte schon Monate vor der Veröffentlichung deutlich, von welchem Ausgangspunkt »Mr. Morale & The Big Steppers« startet. K-Dot meldet sich fünf Jahre nach »DAMN.«, einer zweijährigen Schreibblockade und in einer neuen Rolle als Vater zurück und erklärt im Intro »United In Grief« all den Luxus, der mit dem Leben als einer der meistgefeierten Rapper der Jetzt-Zeit einhergeht, zu nicht glücklich machenden, nur das Ego fütternden Überflüssigkeiten, die von Trauer und Problemen überschattet werden. Es wird ungemütlich auf diesem Doppelalbum, dessen erste »Big Steppers«-Seite einen detaillierten und schonungslosen Blick darauf wirft, mit welchen Konflikten der sich isolierende Künstler in den letzten Jahren gekämpft hat. Kendrick springt auf organisch-instrumentierten Beats, die ihren Charakter oft noch innerhalb der Songs verändern, von Materialismus zu mentaler Gesundheit, thematisiert Schwarz-Sein in Zusammenhang mit dem Hang zu Seitensprüngen sowie dem Kampf gegen seine Sexsucht und bettet die dichten Erzählungen in den Kontext von generationenvererbtem Trauma ein. Eine autobiographische Annäherung an spezifische Probleme, die selbstredend viel mehr Tragweite haben als sich nur um den Kosmos eines Individuums zu drehen. »This is what the world sounds like« haucht Kendricks Lebensgefährtin Whitney Alford passenderweise über ein dissonantes Piano, das die wohlig-epischen Klänge eines Florence + the Machine-Samples zu Beginn von »We Cry Togehter« unterbricht und Platz für einen emotionalen Ausbruch schafft. In den folgenden fünf Minuten werfen sich Kendrick Lamar und Taylour Paige Beleidigungen an den Kopf, steigern sich in ihren Frust, übertreten Grenzen und arbeiten sich gnadenlos an den Fehlern des Gegenübers ab: Abgefuckt, wütend, unfair, selbstzerstörerisch. Der eskalierende Höhepunkt der ersten Seite und gleichzeitig eine intensive Offenlegung von moralischen Widersprüchen, vorgetragen als »Mann vs. Frau«-Perspektive, welche die Frage nach Lösungen offen lässt. Letzteres nimmt Kung-Fu Kenny mit auf die »Mr. Morale«-Seite, verweigert aber bewusst einfache Auswege, sondern begibt sich in einen schmerzhaften Prozess der Heiligung, der genauso sein Selbstbild wie Projektionen von außen umkrempelt. Unnachgiebig wiederholt er auf der Klavier-Ballade »Crown«, dass er nicht alle Menschen zufriedenstellen kann und löst sich auf »Savior« von den utopischen Erwartungen, die an ihn herangetragen werden. Kendrick vergleicht sich mit Vertretern der Black Community wie J.Cole, Future sowie Le Bron James und ruft den Hörer*innen ins Gedächtnis, dass sie zwar wichtige Repräsentanten und Stimmen, aber eben keine heldenhaften Erlöser sind. Der Rapper verbindet dieses Statement mit einer offenen Ablehnung von moralisch ‚perfektem‘ Verhalten, das nicht nur Kritik an oberflächlichem Aktivismus durch schwarze Instagram-Kacheln und woken Marketing-Stunts von Unternehmen einschließt, sondern auch durch die mehrfachen Auftritte von Kodak Black auf dem Album untermauert wird. Dieser wurde letztes Jahr wegen Körperverletzung gegenüber einer Teenagerin verurteilt, wobei Vorwürfe sexualisierter Gewalt aufgrund eines Deals samt Bewährung nicht weiter verfolgt wurden, nachdem er bereits 2019 an Donald Trumps letztem Tag als Präsident in Zusammenhang mit Waffengewalt begnadigt wurde. Kodak Black ist ein personifizierter Widerspruch an Kendricks Seite, der ähnlich wie der mehrfach genannte R. Kelly nicht nur Gegenstand kontroverser Diskussionen aufgrund von Fehlverhalten, sondern eben auch Teil eines über Generationen vererbten Traumas in Schwarzen Communitys und Familien ist. Kendrick spielt mit dieser Komplexität und verknüpft sie auf »Auntie Diaries« wieder mit der eigenen Biographie, indem er von seinem trans Onkel sowie einem trans Cousin erzählt und seinen eigenen problematischen Umgang mit deren Geschlecht und sexueller Orientierung reflektiert. Kendrick rappt nicht nur über Fehler, sondern reproduziert sie durch homophobe Ausdrücke und Deadnaming der Familienmitglieder. Das Trans-Sein auf einem der wichtigsten HipHop-Alben des Jahres so ausführlich thematisiert wird ist gleichermaßen fortschrittlich wie die Art und Weise der Thematisierung schmerzhaft für Mitglieder der LGBTQ-Community ist. Widersprüche, die der Comptoner auch am Ende des Albums nicht auflöst, sondern als Teil eines persönlichen und therapeutisch begleiteten Prozesses begreift. Seine Metamorphose zementiert er im letzten Song »Mirror«, dessen groovend dahinschwingendes Pharrell-Instrumental nach all der Schwere eine gewisse Gelöstheit mitbringt. Kendrick reflektiert sich selbst noch einmal im Spiegel, wie auch die 9 Songs der ersten Seite von diesem neunten Song der zweiten Seite gespiegelt werden, und singsangt in Dauerschleife, auch in Zukunft und an sich selbst zu arbeiten – »I choose me, I’m sorry«. Der Mann, der auf dem Albumcover eine Dornenkrone trägt, die offensichtlich schwer wiegt und ihn belastet, dreht sich in diesem Bild weg von den Zuschauer*innen und fokussiert sich auf die wirklich wichtigen Dinge – seine Familie. »Sorry I didn’t save the world, my friend« schiebt einer der Best Rappers Alive im letzten Song noch hinterher und zieht einen ernüchternden aber menschlichen Schlussstrich unter mehr als eine Dekade seiner Musik bei Top Dawg Entertainment. Man kann ihm das verzeihen und bleibt in Dankbarkeit für all das zurück, was Kendrick Lamar der Welt durch seine Musik bisher gegeben hat.

Text: David Regner

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