grim104 – Imperium // Review

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Wertung: Fünf Kronen

»Sitz in Therapie, sag „hab‘ Angst vor dem Tag, an dem man meinen Namen das letzte Mal sagt“«, rappt grim104 auf dem Titeltrack seines Albums »Imperium«. Angst vor dem Tag, an dem er schlussendlich in Vergessenheit gerät. In einer Zeit, in der sein Imperium lange zerfallen sein wird. Überwuchert von Vegetation, zu Staub zerbröselt oder ein verlassener Nicht-Ort wie die Videothek, die sein Albumcover ziert. Das mag weit vorausgedacht sein, aber macht in der Diskographie eines Rappers Sinn, der auf dem Outro des letzten Zugezogen Maskulin Albums offen über den »Exit« aus der Rapszene nachgedacht und sich auf seinem vorigen Solo-Projekt in die Rolle eines unsterblichen Vampirs begeben hat. Sein Werk »Imperium« ist eine große Reflektion über Veränderung und Vergänglichkeit aus der subjektiven Perspektive einer Person, die sich laut eigener Aussage selbst kaum kennt. (»Abrakadabra«) Wobei man das grim104 kaum abnimmt. Viel eher bleiben diese Erkenntnisse Teil von schweigepflichtigen Therapiesitzungen, während seine Fans einem unnahbaren Mysterium zuhören. Einem Phänomen, das im 1999er Honda Legend durch die Nacht cruist und genauso über die langsam verblassende gesellschaftliche Erinnerung an den Holocaust (»Komm und Sieh«) wie über unverwirklichte Zukunftsträume der 90er-Jahre nachdenkt. Wobei er zwangsläufig zur Frage »Wo geht es hin?« gelangt, sich allerdings auch mit der Gegenwart herumschlagen muss, die ihre eigenen Probleme bietet. Der eigenen Klasse mutmaßlich entwachsen, ist grim104 Rapstar mit Chartplatzierung, Festivalauftritten und den finanziellen Mitteln, um teure Marken zu tragen und kulinarische Spezialitäten zu genießen. Glücklich ist der Künstler mit der noch immer angespannten, aber mittlerweile weniger wütenden Stimme trotzdem nicht. Stattdessen wirkt er im hippen Voo Store noch immer fehl am Platz (»Voo Store«), blickt als Ü30 Mann im Club mit Neid auf die unbeschwerten Jugendlichen (»Ü30 Männer im Club«), ist dem aus der letzten EP bereits bekannten Horror des Alltags in der eigenen Wohnung des gentrifizierten Berlins ausgesetzt (»Versprechen«) und sehnt sich nach Betäubung seiner Schmerzen (»Numb«). Düsterer Trap, ausproduziert unter der Federführung von Asadjohn, begleitet die Kulissen des Albums auf abgeklärte Weise und verbindet Piano-Arpeggios und House-Einflüsse gekonnt zu einem zusammengehörigen Vibe. Lyrisch bewegt sich grim104 auf einem eigenen Level der kryptisch angehauchten Detailverliebtheit, die zwischen aufwühlendem Storytelling, Referenzen auf frühere Songs sowie Popkultur-Knowledge agiert und den selbstbewussten Grown-Man-Rap-Vergleich mit El-P und Jay-Z durchaus rechtfertigt. Das Ende des Albums ist genauso unvermeidlich wie der Niedergang eines jeden Imperiums und führt uns zurück zur Angst vor Vergänglichkeit. Während Gespenster, die grim auch in seinen Texten verfolgen, normalerweise in verwaisten Gebäuden spuken, sagt man über Musiker*innen, dass sich ihr Geist nach dem Tod in ihrer Kunst niederlässt, durch die Hörer*innen quasi in Dauerschleife mit der anderen Seite kommunizieren können. Man wird grim104 also auch nach seinem Ableben mit den Ketten rasseln hören, wenn man seine Platten auflegt. Und vielleicht wird es ihn trösten, dass das Ende der Welt wie wir sie kennen mittlerweile so nah und greifbar wirkt, dass der Tag, an dem sein Name endgültig in Vergessenheit gerät, gleichzeitig der Moment sein könnte, in dem das Imperium der menschlichen Existenz untergeht.

Text: David Regner

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