Yung FSK18: »Wenn Leute mich als Pornorapperin labeln wollen, stimme ich damit nicht ganz überein« // Interview

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»Du willst eine Bitch im Bett doch eine Lady auf der Straße / Verpiss dich, wir sind Bitches, aber auch stabile Atzen« – Mit dieser Punchline aus ihrem Untergrund-Hit »Essen und Sex« zusammen mit Swaer Boss hat Yung FSK18 treffend auf den Punkt gebracht, wie man sie als Künstlerin verstehen muss. Genervt von der sexistischen Objektivierung, die im Deutschrap an der Tagesordnung ist, und gleichzeitig nicht dazu bereit die eigene Sexualität nur wegen der geiernden Blicke von Männern zu verstecken, hat die Rapperin aus Halle / S. eine kraftvolle Sprache der Selbstermächtigung gefunden. Ihr neues Album »18plus« vereint Sexpositivität mit rohen Punchlines, Humor und einer gewissen Angriffslustigkeit, aber legt genauso die eigene Verletzlichkeit offen und thematisiert die Suche nach dem passenden Platz in der Gesellschaft. Wir haben Yung FSK zum Interview getroffen und über ihre musikalischen Anfänge, die Zusammenarbeit mit Produzent Rattenjunge, den Begriff »Pornorapperin« und alltägliche Struggles gesprochen.

Foto: Janina Wagner

Ich habe Halle / S. nie als eine besonders populäre HipHop-Stadt wahrgenommen, auch weil Leipzig direkt um die Ecke ist. Wie hast du hier mit deiner Musik angefangen?
Yung FSK18: Erst relativ spät. Ich war als Kind und Teenie nicht so der HipHop-Head, dass ich direkt eigene Texte schreiben und rappen wollte. Das hat sich eher während der Pubertät ergeben, weil ich angefangen habe mich für Typen zu interessieren, die sich für Rap interessiert haben. (lacht) Außerdem gab es ne Gruppe, die hier jeden Montag eine Cypher veranstaltet haben, was sich aus einem Freundeskreis entwickelt hat, der sich regelmäßig zum Sketchen getroffen hat, also eher aus dem Graffiti-Umfeld. Das ist dann nach und nach größer geworden; einer hat eine MPC mitgebracht, andere haben gefreestylet und ich wurde dorthin von einem Freund mitgenommen. Am Anfang saß ich nur schüchtern daneben und habe gezeichnet – das habe ich schon immer gerne gemacht. Meine Cover und Artworks mache ich ja auch selber. Irgendwann bin ich dann auf den Film gekommen, dass ich erstmal heimlich zuhause die ersten eigenen Texte geschrieben habe. Ich habe schon immer gerne gesungen und die anderen meinten, dass ich das mal machen soll, auch mal eine Hook oder nen Part schreiben. Nach kurzer Zeit habe ich mich getraut diese Texte dort zu zeigen, habe angefangen zu freestylen und war angefixt. Ich war dort eine von wenigen Frauen, manchmal die einzige in der Runde. Das war ein zusätzlicher Push zu sagen: »OK, hier hast du was gefunden, was besonders ist.« Ich habe als Kind auch mal Gitarre gespielt – aber Gitarre spielen halt alle und alle spielen besser als ich. Ich mach’s nicht mehr. (lacht) Aber rappen? Da habe ich entdeckt, dass ich ein Talent dafür habe.

Wie alt warst du da?
Yung FSK 18: Ich war so 19 Jahre alt. In diesem Sinne auf jeden Fall Spätzünder. Ich habe mich definitiv schon viel früher für sehr erwachsen gehalten, aber in den letzten Jahren immer wieder festgestellt, dass es noch einige Sachen gibt, die man erst hinterher weiß. (lacht)

Gingen die Texte schon in eine ähnliche Richtung wie dein Rap jetzt klingt?
Yung FSK18: Mir lag schon immer etwas daran über Grenzen zu gehen, auch meine eigenen. Dinge auszusprechen, bei denen es um die eigene Schwächen, Verletzlichkeit oder auch Bedürfnisse geht, die teilweise eher tabuisiert werden. Wenn Leute mich jetzt als »Pornorapperin« labeln wollen, weil ich viele Songs habe, wo es unter anderem um Sex geht, stimme ich damit nicht ganz überein. Weil ich auch damals schon kein Blatt vor den Mund genommen habe und es explizit geworden ist, ich aber sagen würde, dass das alles Liebeslieder sind. Ne Art schmutziger Conscious Rap. Ich wollte nicht über Sachen schreiben, die alle schon tausendfach gesagt habe. Ich wollte Sachen rappen, die spannend und provokant sind. Das sind genau die Sachen, die mir am Anfang bei Rap direkt Spaß gemacht haben. Sachen auf eine pubertäre Art und Weise einfach rauszulassen.

»Wenn ich mir angucke, was die Kids sonst so für Musik hören, dann ist meine Musik dagegen ja eher schon Bildungsarbeit.« 

Auch dein Name als Rapperin klingt direkt ein bisschen pubertär und provokativ gleichzeitig, genauso wie sich dein aktuelles Album mit dem Titel »18plus« da gut anschließt? Warum hast du dir diesen Namen gegeben?
Yung FSK18: Ich bin darauf gekommen, weil ich nach etwas neuem gesucht habe. Ich brauchte einen Neuanfang, hatte Heartbreak dies das. Den Namen hatte ich schon etwas länger auf Instagram und fand die Kombi einfach gut: »Yung« steht für fresh und gleichzeitig ist damit klar, dass ich Rapperin bin. »FSK18« bringt diese Härte und Sexappeal mit rein und halt was Erwachsenes. Denn ich bin ja nicht nur niedlich. Diesen Kontrast fand ich gut, denn er zeigt die Ambivalenzen auf, mit denen ich in meinem Leben zu kämpfen habe.

Mit dieser Härte von Straßenrap kommt dein Album »18plus« auf den ersten beiden Songs direkt rein.
Yung FSK18: Das sind auch meine beiden liebsten Songs davon zurzeit.

Ein heftiger Einstieg einfach.
Yung FSK18: So macht man das ja auch mit ’nem Album. Es ist ja generell ein kleiner Kampf, auch für mich bei diesem ersten »richtigen« Album, dass es so lange dauert. Auf dem Album sind deshalb auch Songs drauf, die so lange her sind, dass ich sie so nicht nochmal machen würde. (lacht) Aber für die Fans ist es natürlich gerade spannend das mitzuerleben, dass ich mich dort ausprobiere und rausfinden will, wo mein Platz ist und was mir Spaß macht. Das kann sich natürlich auch einfach ändern. Wir werden ja alle erwachsener und immer erwachsener und erwachsener – und dann sterben wir.

Gleichzeitig klingt dein Rap nicht nur erwachsen, sondern funktioniert durch viele rohe und freche Elemente.
Yung FSK18: Das stimmt. Diesen ganzen Ernst des Erwachsenenlebens und die ganzen Erfahrungen, die man gemacht hat, mit Humor zu nehmen ist auch eine Art von Erwachsensein. Viele von den leicht gesagten, frechen Sprüchen, die so jugendlich daherkommen, sind dadurch erwachsen, dass sie unverschämt ehrlich sind, weil ich Dinge bearbeiten will, die irgendwie tabuisiert sind. Damit hören viele Erwachsene irgendwann auf, weil sie gewisse Dinge nicht zugeben wollen. Das ist auch verständlich, wenn man einfach klarkommen will und dafür gewisse Fassaden aufrecht erhalten muss. Dazu gehört dann vielleicht, dass man lieber sagt »So eine bin ich nicht« und gewisse Worte nicht in den Mund nimmt, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Oder es gibt andere, die die coolen OGs sein wollen, die über allem stehen. Von denen hört man dann halt, dass es sie nicht interessiert, wenn »die Schlampe» einem das Herz brechen könnte, denn sie wird ja sicherheitshalber nach dem ersten Date eh nie zurückgerufen. Alles Selbstschutz aus einer Verletzlichkeit heraus, die wir ja alle haben. Dem versuche ich mich immer wieder zu stellen. Klar ist das teilweise trotzig und pubertär, weil ich immer wieder diese Konfrontation suche. (lache) Aber ich mache das halt einfach. Adrenalinkick, gib ihn mir!

Natürlich frage ich mich manchmal: »Darf ich das?« (lacht) Aber ich mache ja nichts Böses. Wenn sich jetzt Kinder meine Musik anhören, bei der es um Sex und Drogen geht, dann denk ich mir Auweia. Aber eigentlich ist doch nichts, was ich da sage, wirklich verherrlichend, weil ich im Kontext des selben Songs auch die Komplikationen anspreche, die damit einhergehen. Wenn ich mir angucke, was die Kids sonst so für Musik hören, dann ist meine Musik dagegen ja eher schon Bildungsarbeit.

Klar, das ist so auch eine klassische Rap-Sache, dass Eltern seit den 2000ern und Aggro Berlin Angst davor haben, dass ihre Kinder durch HipHop verroht werden. Da passt du als provokative Rapperin gut rein, aber gleichzeitig ist die Szene selbst ultra sexistisch. Wie war das für dich dort Fuß zu fassen? Wurde sich über deinen Stil eher lustig gemacht oder gab es dafür Respekt?
Yung FSK18: Beides. Ich würde sagen, dass es auf manche Leute, vor allem gewisse Rapper und Produzenten, die das öffentlich nie zugeben würden, eine Faszination ausübt, was ich mache. Aber wie das oft bei der Abbildung von weiblicher Sexualität ist – egal ob im Rap, in Film oder in Gemälden wenn junge Künstlerinnen einfach ihr Ding machen, können viele damit nicht umgehen. Die reagieren dann mit Ablehnung bis zu Hass. Mein Sound ist natürlich gewöhnungsbedürftig und es ist absolut ok, wenn dir das nicht gefällt. Aber wie viele schlechte Rapper gibt es da draußen, die dir komplett egal sind? Wenn es dir nicht gefällt, schreibst du unter deren Videos auch keinen Kommentar, dass sie aufhören sollen und was das überhaupt soll. Das ist auf jeden Fall nach wie vor besorgniserregend dieser Frauenhass. Da hat sich noch nicht so viel geändert. Natürlich gibt es mehr bekanntere Rapperinnen, aber man sieht auch mit wie viel Hate gerade die zu kämpfen haben. Es besteht die Hoffnung, dass sich das nach und nach weiter normalisiert, aber wir sind noch lange nicht angekommen. Es gibt noch immer Leute, die sich von uns bedroht fühlen, so als ob man ihnen etwas wegnimmt. Zum Beispiel wenn MC Bogy von B-Lash indoktriniert wird und auf einmal gegen #DeutschrapMeToo hatet. Hey Bogy, es sagt euch doch keiner, dass ihr aufhören müsst »Fotze« und »Schlampe« zu sagen – macht alles, was euch Spaß macht. – Aber lasst doch einfach Frauen in Ruhe und vor allem die Frauen, die sich dagegen wehren, dass sie Gewalt erfahren haben und noch immer erfahren. Lasst die ihr Ding machen, euch nimmt keiner etwas weg. Ich bin da relativ lange drumherum gekommen, weil ich mich lange im Untergrund bewegt habe und das Glück hatte, nicht so oft an die falschen Leute zu geraten. Auch dieser Shitstorm- und Internet-Hate ist mir eher ferngeblieben, obwohl ich provokanten, aufreizenden Content poste. Ich habe ein bisschen den Glauben, dass das auch an meinem selbstbewussten Auftreten liegt. Denn die Täter, die so eine Scheiße Verbrechen, suchen sich lieber die Frauen, denen sie die Angst und den Ekel anmerken und geilen sich daran auf. Das sind oftmals nicht mal sexuelle Sachen, sondern es sind Machtspielchen. Das sind einfach richtig miese Sadisten, die sich freuen, wenn sich eine junge Frau über das Dickpic aufregt. Ich würde mich natürlich auch darüber aufregen, aber ihn wahrscheinlich einfach blocken. Vielleicht schrecke ich die durch meine sexuell-aggressive Art und Weise ab, weil sie denken »Ach, die freut sich am Ende noch darüber.« (lacht) Aber nein, ich freu mich nicht. Leave me alone!

Wo liegt dann für dich die Grenze, was in der Musik stattfinden sollte und was nicht? Den Leuten vom Tiefbasskommando wird zum Beispiel auch vorgeworfen, dass ihre Musik zu viele sexistische Begriffe nutzt. Trotzdem macht das Feature mit Shoki vom TBK auf deinem Album natürlich total Sinn.
Yung FSK18:
Ja keine Ahnung. Wenn ihr es nicht lassen könnt, Fotze und Schlampe in euren Tracks zu sagen, weil es euch so unendlich Spaß macht, ok. Aber bitte setzt dann im echten Leben und auch in eurem öffentlichen Auftreten mal ein paar Statements gegen Sexismus. Ich habe mir da mittlerweile ein ganz gutes Standing geschaffen, wie ich mit dem Sexismus in der Szene umgehe. Ich habe mir meine Leute gesucht und wir verbünden und nach und nach immer mehr. Auf dem Album ist es zum Beispiel bei »Direkt verliebt« auch Thema oder bei »Just wanna have fun«, dass wir »Diese Freundin, von der alle Rapper reden« sind. Es ist dieser Konflikt, dass man einerseits als selbstbewusste, sexy Rapperin in der Szene viel Zuspruch bekommt, aber andererseits in vielen Formen nicht aufgenommen wird, weil es die Leute zwar fasziniert, sie es vor ihren Jungs aber nicht zugeben wollen. »Lass‘ doch gerne mal treffen, wir gehen ins Studio«, aber am Ende erhoffen sie sich etwas mehr als nur ein Feature. Ich war schon immer dazu geneigt bei den Jungs mitspielen zu wollen, schon als Teenager. Das waren die coolen Typen, ich wollte auch cool sein und wollte, dass die mich mitmachen lassen. Oft ging das auch komplett fit, aber oft Ende bist du immer noch die eine Frau und der Typ von der coolen Rapcrew will vielleicht ein Feature mit dir, aber das läuft eben nicht kollegial und freundschaftlich. Das war zum Beispiel bei meinem Song mit Teuterekordz anders, es soll keiner denken, dass es hier um die geht, das sind Freunde, absolut korrekte Leute! Aber viele denken sich »Das ist jetzt die neue Pornorapperin. Die kann einen Song mit mir machen, wo sie einen Part darüber schreibt was für ein geiler Stecher ich bin und mir noch ein paar Adlibs einstöhnen. Dann setzen wir sie wieder ab.« Selbst Leute, die mir in die DMs sliden und mir Komplimente machen, haben am Ende so misogyne Vorbehalte, die in der Szene leider verbreitet sind, dass sie mir niemals folgen oder mich sichtbar supporten würden. Nur weil sie es vor ihrem Kumpel nicht zugeben wollen, obwohl der vielleicht auch schon längst in meinen DMs ist. (lacht) Das ist am Ende tragisch, wenn man die Arbeitsverhältnisse betrachtet, in denen sich Rapperinnen, Musikerinnen und Produzentinnen befinden. Du darfst da als Quotenfrau oder sexy Sängerin für die Hook gerne mal dabei sein, aber am Ende musst du doppelt und dreifach so hart arbeiten und sollst dazu noch hübsch aussehen und tanzen können und richtig dazu gehören tust du vielleicht trotzdem niemals, am Ende bekommst du immer noch weniger Gage. Das ist eine Schande. Deswegen habe ich mir meine eigenen Leute gesucht und habe durch die Arbeit am Album auch gemerkt, dass ich gar nicht mehr versuchen will da mitzuspielen. Ich will gar kein Teil mehr von diesem Bastardverein sein, wenn sie zu mir zwar nett sind, aber schlecht über andere Frauen reden. Abgesehen davon, dass ich mittlerweile auch genug Frauen kenne, mit denen ich zusammenarbeite, gibt es natürlich auch Typen, die einen nicht nur ausnutzen wollen, sondern mit einem zusammenarbeiten, weil sie einen ernsthaft respektieren, sodass eine längere Zusammenarbeit, vielleicht sogar Freundschaft daraus entsteht. Warum sollte ich also noch irgendwelchen Leuten hinterherrennen, bloß weil der so ein krasser Gangster ist, dessen Interesse mir zwar irgendwie schmeichelt, der andere Frauen aber scheiße behandelt? Man denkt sich erst »Was ein riesen Kompliment!« Aber ne, ist es nicht! Erstens respektiert er mich wahrscheinlich auch nicht so sehr wie ich es mir erhoffe. Zweitens ist es eine ideelle Sache. Selbst wenn ich nicht gemeint bin, wenn er Schlampe sagt, fällt das auf meine Freundinnen zurück. Und wir sind besser dran, wenn wir zusammenhalten. Das würde ich nicht mal Geschlechter-getrennt sehen. Ich habe gute Frauen und Männer am Start, die derselben Meinung sind, also mache ich halt was mit denen.

Logisch. Auf dem Album und in deiner Diskographie gibt es eh einige weibliche Features, daher hab ich mich gefragt, ob das nicht die beste Strategie ist, um sich gegenseitig zu empowern.
Yung FSK18: Absolut. Vor allem, weil man dann von den Sachen wegkommt, die einen selber und die Kolleginnen nerven. Zum Beispiel, dass man nur bei diesem einen Track dabei sein darf, wo es dann ums Ficken geht. Es war mir schon immer ein Anliegen, dass ich mich in meiner Musik nicht festlegen wollte. Ich bin halt ein Mensch, ich mache das alles: ficken, feiern, arbeiten und ich möchte Tracks über all diese Sachen schreiben. Das geht meinen Freundinnen doch nicht anders und ich möchte mich da nicht in eine Schublade stecken lassen. Da kommt man gut von weg, wenn man etwas mit den Kolleginnen zusammen macht und das Tracks sind, die sich nicht nur um Typen drehen, sondern auch um alles andere in unserem Leben. Damit die Leute mal merken, dass wir auch nur Menschen sind. Und ihr könnt uns auch wie solche behandeln.

»Mir lag schon immer etwas daran über Grenzen zu gehen, auch meine eigenen. Dinge auszusprechen, bei denen es um die eigene Schwächen, Verletzlichkeit oder auch Bedürfnisse geht, die teilweise eher tabuisiert werden.«

Lass uns noch über Rattenjunge sprechen, der dein komplettes Album produziert hat. Wie habt ihr euch kennengelernt und wie seid ihr zu einer so engen Zusammenarbeit gekommen?
Yung FSK18: Rattenjunge habe ich über Schmutz Records aus Leipzig kennengelernt. Das ist ein super heterogener Freundeskreis / Clique, die schon seit 2013/2014 Musik machen. Als ich 2015/2016 aus Halle nach Leipzig gezogen bin und aus meinen Cypher-Anfängen kam, habe ich von Rattenjungen und Jehovah die ersten Trap-Beats zugespielt bekommen. Das war für mich die übelste Offenbarung und außerdem supercool dazuzukommen, weil alle experimentierfreudig waren. Regelrecht punkig, was die Genre-Vielfalt angeht. Es gab keine Etikette, wo du einen bestimmten Style und Attitude haben musstest, wie das im Gangster-Rap oder Pop vielleicht eher der Fall ist. Schmutz Records war sehr locker, 50/50 Frauen und Männer, mit vielen, die noch nie gerappt hatten, manche parallel in Metal-Bands waren und Instrumente gespielt haben. Teilweise haben wir zu zehnt Konzerte gespielt, jeder zwei Songs im kompletten Chaos ohne Monitor-Lautsprecher dies das. Das hat definitiv für einige spannende Situationen und Songs gesorgt. Ich glaube den ersten Song mit Rattenjunge habe ich 2016 gemacht und daraus hat sich eine sehr gute Freundschaft entwickelt, weil wir uns sowohl inhaltlich als auch musikalisch sehr gut verstehen. Was mir also auch sehr wichtig ist, ist dass wir uns gut über teilweise problematische Sachen im Rap, im Freundeskreis und in der Szene austauschen können und man ein gemeinsames Verständnis hat. Es ist irgendwie organisch gewachsen und aus einem DIY-Kontext entstanden. Er hat Beats geschickt, ich habe Songs geschrieben, irgendwann haben wir uns getroffen und in zwei Tagen zehn Songs aufgenommen und nach einem Monat war das »Sextape« oder »Dieses Business« fertig. Beim neuen Album war klar, dass wir etwas reininvestieren und wollten, dass man den Songs anhört, dass wir uns gesteigert haben. Man soll dem Sound anhören, dass wir Dinge mehr ausproduzieren. Ich bin teilweise traurig, weil bei einigen Songs vor dem Album so viele geile Ideen und Ansätze da sind, die nicht ganz ausgearbeitet geworden sind. Vielleicht ist es teilweise aber auch genau das, was den Charme ausmacht.

Voll. Deine Musik lebt schon von dem schnelllebigen und rotzigen Vibe, der dann natürlich verloren gehen kann.
Yung FSK18: Klar. Aber dann hört man alte Sachen und denkt sich so: »Ah, dieser Satz oder diese Hook, das hätte ein Hit werden können.« Ich glaube, das ist ein Dilemma, mit dem sich viele Leute rumschlagen. Wann hört man auf? Wann ist es fertig? Wie viel Zeit will man investieren? Oder macht man nicht vielleicht lieber den nächsten Hit, der dann wirklich einer wird? Ich bin da hin- und hergerissen gewesen, weil dieses Album so lange gebraucht hat und man in dieser Zeit viel Stress, aber auch Spaß dabei hatte. Zum Beispiel beim Drehen der Videos. Wir wollten eigentlich drei Videos machen, am Ende sind es sechs geworden. Bis auf eins habe ich die alle selbst geschnitten und produziert. Bei einem hat meine Freundin Antonia Grunicke Regie geführt und das Drehbuch geschrieben. Man fragt sich immer, ob man etwas hätte anders machen sollen. Und wenn ein Song schon ein Jahr alt ist, denke ich mir »Das bin doch nicht mehr ich.« Aber ich denke, das macht dieses Album spannend. Diese Entwicklung und diese Suche nach meinem Platz in der Szene, beziehungsweise in der Welt.

Auch der Sound von »18plus« legt sich nicht fest, sondern bietet richtig vielen Genres Platz. Nach dem harten Einstieg gibt es auch melodische Sachen, Einflüsse von Afrobeats und generell viele Facetten.
Yung FSK18: Man könnte fast denken, dass ich irgendwem was beweisen wollte. Das kann ich auch und das hier auch. Das hört sich vom Sound her vielleicht spannend an, aber ist vor allem für mich gut. Woher soll ich sonst am Ende meines Lebens wissen, ob ich nicht lieber hätte Dancehall machen wollen? Dann hätte ich nicht in Frieden sterben können. So kann ich froh sein, dass ich das gemacht habe.

Auch bei deinen früheren Sachen, beziehungsweise Featureparts, reicht die Spannweite von Memphis-Style auf einem AlphaMob-Beat bis zu House-beeinflussten Tracks wie dem mit Mell-G und Odd John.
Yung FSK18: Ich bin da sehr beeinflussbar und sehe das als etwas sehr Positives. Wenn ich schon ein Feature mache, lasse ich mich gerne mitnehmen. Aber bei meinen nächsten Releases würde ich schon gerne tiefer in eine Richtung gehen und mich da ausprobieren. Ich denke ich werde nicht so ein Memphis-Realkeeper wie ein AlphaMob oder Skinny Finsta, oder wie Tiefbasskommando das ganze Bassboxxx-Ding aufleben lassen. Aber ich hätte schon mal Bock, mehrere Songs kohärent in einem Stil durchzuziehen.

Genauso wie du deine Videos in Eigenregie umsetzt, hast du auch das Cover von »18plus« selbst gestaltet und dich dafür entschieden, dort gleich drei Mal aufzutauchen. Warum?
Yung FSK18: Heißt ja auch »18plus«, nur einmal hätte da nicht gereicht. (lacht) Das ist manchmal auch ein bisschen aus der Not heraus entstanden. Ich muss gestehen, dass es absolut größenwahnsinnig war zu sagen, dass ich so viele Video- und Singleauskopplungen mache und dabei so viel Arbeit selbst übernehme. Für die Cover hat mir @xulididit zumindest noch die Schrift beigesteuert. Eigentlich muss so ein Album-Cover ja das Superkrasseste sein, aber ich hatte zu der Zeit das schrottigste Smartphone aller Zeiten und es waren noch zwei Tage bis zu Abgabe des Albums. Mit dem Smartphone habe ich dann zuhause im Wohnzimmer vor der Couch gepost und immerhin noch ein buntes LED-Licht in die Ecke gestellt und Make-Up ins Gesicht gemacht, damit es noch ein bisschen Glamour bekommt. Aber das alleine war noch kein Cover, deshalb bin ich jetzt dreimal drauf. Wenn es schnell gehen muss und man trotzdem noch Ansprüche hat, muss man halt alle Geschütze auffahren, die man hat. Rattenjunge sollte auch noch drauf, den habe ich dann gezeichnet. Jetzt ist es im Pen & Pixel Style – danke für die Inspiration an dieser Stelle! Trotzdem ist es natürlich modern umgedeutet, damit es nicht einfach genau aussieht wie ein früheres Frauenarzt- oder heute MC Bomber-Cover.

Facts.
Yung FSK18: Das ist wieder das Ding: Man lässt sich natürlich inspirieren und hat Spaß daran, aber man möchte sich auch abgrenzen und sein eigenes Ding machen. Es macht ja nicht nur mir Spaß, bekannte Sachen zu benutzten, sondern auch den Zuhörer*innen, diese Sachen dann zu entdecken. Wer findet es nicht geil, wenn er ein Sample wiedererkennt, selbst wenn es nur ein Adlib ist, oder sich das Video genauer anguckt und dort bekannte Leute im Hintergrund oder verschiedene Posen aus bekannten Filmen findet. Das macht doch Bock.

Am Ende von »18plus« gab es mit »Badass« nochmal einen richtigen Downer, der sehr deutlich gemacht hat, dass nicht alles aus Spaß und Party besteht. Hört man da am ehesten Bezüge zu deinem Real Life?
Yung FSK18: Ja defintiv, der Struggle ist real. Am Ende habe ich immer meine Familie, Freunde und nicht die größten Existenzängste. Aber ich frage mich trotzdem, wo das alles hinführen soll. Vielleicht sind das depressive Verstimmungen, vielleicht aber auch das Dilemma menschlichen Lebens an sich. Wir haben alle Bedürfnisse und haben alle Bock, aber hinterher schiebst du immer einen Kater und bist pleite. Oder eifersüchtig, oder er ist eifersüchtig, oder beide. Einerseits wünscht man sich eine Form von Ruhe und Sicherheit, andererseits kann man nicht stillsitzen und will was erleben. Wenn das mit diesen gesellschaftlichen Verhältnissen, Arbeitsverhältnissen und Geldproblemen zusammenkommt, ist das schon oft richtiger Abfuck. Ich bin einerseits super dankbar, dass ich etwas machen kann, das mich interessiert. Besser als wenn ich bei Gorillas Essen ausfahren oder irgendwo im Callcenter sitzen müsste. Trotzdem geht es mir wie wahrscheinlich vielen Menschen in meiner Situation, die sich fragen, wo das hinführen soll. Man arbeitet und arbeitet, aber ich kann mir nichts davon kaufen. Ich bezahle die Miete und die Krankenkasse und kann sonst nichts machen, außer weiterhin die Musik, von der ich in einem Moment denke, dass ich sie gut finde. Im anderen Moment hasse ich es, weil ich mich frage, ob es das ganze Herzblut wert war, dass man reingesteckt hat. Hinterher kann man nicht sagen, ob man damit wirklich mal Geld verdienen wird. Möchte man das überhaupt? Dann muss ich auf Tour gehen und am Wochenende Konzerte spielen. Werde ich es schaffen dann sauber zu bleiben? Wahrscheinlich nicht. Wie drogenabhängig bin ich dann am Ende?

Das ist schon weit vorausgedacht. Die meisten würden es wahrscheinlich einfach machen.
Yung FSK18:
Irgendwann will ich halt auch eine Familie gründen, aber sowas geht dann nicht. Das sind gemischte Gefühle. Ich glaube, so fühlt es sich einfach an, am Leben zu sein. Ich bin froh, dass ich es so weit aushalte, dass ich mich nicht wie andere Leute zurzeit komplett auf Opiaten wegmachen muss. Ängste und Widersprüche und dieser Struggle sind halt auch etwas, das einem zum Menschen macht. Ich bin da immer noch auf der Suche, das ist mit den Songs auf dem Album noch nicht abgearbeitet. Es geht weiter und ich glaube ich bin auf einem guten Weg, weil ich nicht mehr auf dem Film bin, dass ich Leute von mir beeindrucken und überzeugen muss, die es überhaupt nicht verdient haben. Das sorgt schonmal für eine gewisse Stabilität und hoffentlich dafür, dass ich damit langfristig erfolgreich bin und damit auch alle meine Familie und Freunde. Eben alle, die es verdient haben.

Interview: David Regner

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