Eli Preiss: »Niemand kann einen so sehr kaputt machen und hassen wie man selbst – aber umgekehrt genauso« // Interview

-

Am 10. Juni erschien das neue Album »LVL UP« der gebürtigen Österreicherin Eli Preiss. Mit 14 Songs serviert Eli einen bislang untypischen Genre-Mix, der neuen und experimentellen Sound in die deutsche Hip-Hop-Landschaft bringt. Zwischen Simulation und Realität, Gameboys und Cheat-Codes – die 23-Jährige stattet ihre Kunst sowohl visuell als auch textlich mit einer Gaming-Metaphorik aus. Unsere Autorin Dania Douwa hat die Wienerin vor ihrem Release getroffen und über ihre musikalische und persönliche Selbstfindung, innere Konflikte im Umgang mit Weltschmerz und ihren wahren Endboss gesprochen – sie selbst.

Foto: Bennet Henkel

Morgen ist es soweit – dein Album »LVL UP« erscheint. Inwiefern unterscheidet sich dieses Release für dich von den vorherigen? Wie fühlte sich diese Album-Phase an?
Ich fühle mich so, als hätte ich mich mehr gefunden – auch genretechnisch habe ich mehr ausprobiert. Die Arbeit daran war allgemein viel freier und einfach experimenteller. Ich hatte davor noch meine Findungsphase und jetzt fühlt es sich sehr an wie ich. Bei diesem Album dachte ich mir: »Ok, das ist jetzt mein Ding.«

Wie die Tracklist schon auf den ersten Blick suggerieren lässt, zieht sich die Gaming/Spiele-Metaphorik wie ein roter Faden durch dein Album. Was sind Momente in deinem Leben, in denen du dich wie in einer Simulation fühlst?
Für mich sind Deja Vus oder luzide Träume Momente, die sich einfach weird anfühlen. Das war zum Beispiel die Inspiration für den Song »Simulation«. Es gibt ein Lied von Ella Fitzgerald, was es ganz gut beschreibt. Darin sagt sie: »Say, it′s only a paper moon. Sailing over a cardboard sea. But it wouldn’t be make-believe. If you believed in me«. Da geht es basically darum: »Stell dir vor, alles um uns herum ist fake, aber die Liebe fühlt sich echt an« – und das habe ich voll gefühlt. Es war einerseits voll schön, aber es hat gleichzeitig dieses jazzige, was jeden Moment in einen Horrorfilm übergehen könnte. Dieses alte, jazzige, ohne Beat. Dieses schöne, was aber auch halb creepy ist. Diese Ästhetik gefällt mir voll gut – sowohl vom Soundbild, als auch vom Video und deshalb wollte ich dasselbe auch für mein Album.

Machen wir in dieser Rhetorik weiter. An einer Stelle sagst du: »Um gegen mich selbst zu gewinnen, musste ich erstmal verlieren«. Bist du in Wahrheit dein eigener Endboss?
Auf jeden Fall! Ich bin definitiv die Person, die mir im Leben am meisten im Weg gestanden ist und die sich selber auch am meisten in den Ruin treiben kann, wenn sie möchte. Niemand kann einen so sehr kaputt machen und hassen wie man selbst – aber umgekehrt genauso. Niemand kann einen so sehr aufbauen, lieben und verbessern wie man selbst. Das heißt, du hast die Wahl.

Du redest in deinem Album viel über deinen Weg zur Selbstliebe. Darüber, den eigenen Wert zu sehen und den Respekt, den man verdient, zu claimen. Das klang in deinen vorherigen Releases noch anders. Wie war dieser Weg für dich?
Zuerst dachte ich, das Wahre ist es, sich immer supergut zu fühlen – sich empowered zu fühlen und im Einklang mit sich selbst zu sein. Das war bei »Wie ich bleib« noch mein Ziel. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ich bin endlich bei mir und alles ist so super. Als ich dann aber plötzlich wieder Down-Phasen hatte, war ich richtig frustriert. Ich habe mich gefragt, warum ich nicht immer diese Person sein kann, die super positiv, offen und sozial ist. Letztendlich musste ich realisieren, dass beide Seiten ein Teil von mir sind. Sowohl meine shady Schattenseiten als auch die guten. Ich musste akzeptieren, dass das Leben in Phasen läuft. Das war mein größter Prozess. Ich habe gelernt, auch die »negativen« Dinge als positive Entwicklung zu sehen, meine Vergangenheit nicht wegzustecken und zu ignorieren, sondern meine Erfahrungen aufzuarbeiten.

Wenn du der Vergangenheits-Eli einen Tipp mitgeben könntest, welcher wäre das?
Urcringe, aber ich würde ihr sagen: »Es ist okay, nicht okay zu sein« (lacht).

Foto: Jessie Sway

Du sprichst häufiger über Therapie. Ich gehe zwar davon aus, dass das Musikmachen an sich schon therapeutisch für dich ist, aber das ist nicht das, worüber du redest – richtig?
Ja. Ich rede über Therapie und das, obwohl es in der Gesellschaft als etwas sehr Privates gesehen wird. Ich rede darüber, obwohl es ein Thema ist, worüber man eben nicht redet, weil ich diese Einstellung urfalsch finde. Viele – vor allem junge Leute – sollten es öfter hören. Es sollte Normalität sein, darüber zu sprechen und offen damit umzugehen.

Ich habe manchmal den Eindruck, die Rap-Szene lebt davon, traurig, depressed und einsam zu sein. Gleichzeitig werden mentale Krankheiten nur selten thematisiert oder versucht, zu durchbrechen.
Ja, genau. Es ist dieses pessimistische. Ich stelle mir das manchmal so vor: Du sitzt im Dunkeln mit einer Kerze in der Hand. Aber anstatt sie anzuzünden, entscheidest du dich dafür, über die Dunkelheit zu klagen. So fühlt es sich oftmals an.

Die Eli in »LVL UP« klingt tatsächlich auch viel reflektierter, reifer und gefestigter. Viele deiner Zeilen vermitteln Sex-Positivity und sind vor allem für andere Frauen empowernt. Was sind die schönsten Komplimente, die du von anderen Frauen bekommst?
Es sind schon ein paar Mal Girls auf mich zugekommen und meinten, dass sie sich stark fühlen, wenn sie meine Musik hören. Dass sie sich sexy fühlen, wenn sie meine Musik hören. Dass sie das Gefühl haben, sie trauen sich jetzt mehr, ihrem Freund zu sagen, was sie möchten oder nicht möchten. Oder dass sie sich auch mal auflehnen und sagen »Ich zieh mich an, wie ich möchte«. Das freut mich so sehr. Auch Eltern, die sagen »Meine kleine Tochter singt jetzt auch. Die kann sich jetzt besser vorstellen, auch mal Rapperin zu werden«. Das freut mich so sehr, weil ich muss ehrlich sagen – obwohl es natürlich schon immer Frauen in diesem Deutschrap-Kosmos gab – hatte ich leider nie weibliche Vorbilder. Ich habe bis vor Kurzem eigentlich nie Deutschrap gehört und mir war gar nicht bewusst, dass es zum Beispiel Leute wie Ace Tee gibt. Deshalb hatte ich keine anderen Vorbilder, weil ich sie einfach nicht kannte.

In deinem letzten Interview mit rap.de aus 2021 sprichst du darüber, dass du in Zukunft mehr gesellschaftliche Themen ansprechen möchtest. Inwiefern ist dir das mit diesem Album gelungen?
In Songs wie »Glühheiße Wüste« habe ich sehr viel über meine Wut in der Szene oder in der Zusammenarbeit gesprochen. Über das Gefühl, unterdrückt zu sein, unterschätzt und weiterhin nicht respektiert zu werden. Darüber, dass sich einige wie der Shit fühlen, obwohl sie es nicht sind. Das ist mir glaube ich ganz gut gelungen. Bei »Bleib Still« geht es wiederum sehr viel um diesen Weltschmerz, den man vor allem momentan sehr stark fühlt. Darin sage ich: »Doch ich steh auf der besseren Seite, deshalb sag ich‘s keinem«. Eigentlich spüre ich extrem viel Empathie und Schmerz gegenüber anderen Menschen und was gerade auf der Welt abgeht. Gleichzeitig aber fühlt es sich falsch an, darüber zu reden oder das zu stark auszudrücken. Eigentlich sollte ich ja meine Privilegien genießen und glücklich sein darüber, dass ich hier in Sicherheit bin. Das geht aber auch nicht, wenn man ständig im Kopf hat, wie es anderen Menschen geht.

In »Bleib Still« sagst du auch: »So viel zu sagen, doch ich bleib still«. Was sind Themen, über die deiner Meinung nach immer noch zu wenig gesprochen wird?
Die ganzen Missstände, die auf dem Kapitalismus beruhen. Die Verherrlichung von Luxus-Gütern. Das hat alles so eine Schattenseite, über die nicht geredet wird. Es ist immer dieses »Schau, ich bin jetzt erfolgreich und habe jetzt meine Diamanten«. Ich finde, Billie Eilish macht es zum Beispiel richtig gut. Einerseits spricht sie über ihren Erfolg und kann sagen, dass sie stolz auf sich ist. Andererseits spricht sie auch darüber, dass zum Beispiel fremde Leute für ihre Sicherheit zuständig sind. Sie beleuchtet immer auch die Schattenseiten des Erfolgs und verherrlicht Fame, Geld und Luxus nicht. Das feier‘ ich, weil es zu wenige machen. Menschen reden immer so schnell darüber, wie krass es ist, all diese Sachen zu besitzen – aber nicht darüber, was das Ganze mit sich bringt.

Wir haben vorhin dein Vergangenheits-Ich erwähnt – aber was ist mit der Zukunfts-Eli? Welche Wünsche hast du für sie?
Ich wünsche mir, dass sich Zukunfts-Eli – egal, was dieser Beruf mit sich bringt – nicht blenden lässt. Von dem Luxus. Davon, dass plötzlich alle nett zu einem sind oder auch von dem großen Geld. Wenn man zum Beispiel super viel Geld angeboten bekommt für eine Sache, die eigentlich gar nicht moralisch vertretbar ist. Und ich habe im Gespür, dass die Zukunfts-Eli im klassischen Sinne erfolgreich sein wird. Ich wünsche mir nur, dass sie sich weiterhin treu bleibt.

Interview: Dania Douwa

- Advertisement -

2 Kommentare

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisement -