Neue Aliens – HipHop in Atlanta [Feature]

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Zur Hochzeit von Outkast war Atlanta Regierungssitz des Südstaaten-Rap, niemand im Dirty South konnte ihnen das Wasser reichen. Heute ist HipHop in der Stadt lebendig wie lange nicht mehr, aber auch sehr kompliziert: Statt klarer Hackordnung gibt es viele MCs mit eigenwilligem Stil und ­bewegter ­Lebensgeschichte, die nur einen Hit vom Durchbruch ­entfernt zu sein scheinen. Young Thug, Migos und Future sind die ­verheißungsvollsten Vertreter der chaotischen Szene. Zwischen Trap-Rap, Auto-Tune und exzentrischem Auftreten knüpfen sie auch an bewährte Atlanta-Traditionen an.
 
Der 8. Januar 2014 wurde gefeiert, als sei Rap aus Atlanta ­gerade von den Toten auferstanden. ­Outkast, deren Name acht Jahre nach ihrem letzten Album »Idlewild« noch immer als Synonym für die ganze Musik der Stadt gebraucht wird, bestätigten an diesem Tag Gerüchte um ihre bevorstehende Rückkehr: Im Lauf des Jahres werden sie bei mehr als 40 Festivals auftreten, um den 20. Geburtstag ihres ­Debütalbums ­»Southernplayalisticadillacmuzik« zu feiern. Die Summen, die Big Boi und André 3000 damit verdienen werden, will man sich gar nicht ausmalen. Den Spaß, den ihre Shows versprechen, möchte man aber miterleben. Nur Pläne für ein neues Outkast-Album gibt es anscheinend nicht. Die nahezu ­makellose Diskografie des Duos soll offenbar ­unangetastet bleiben – die Tickets werden sich ja ohnehin von selbst verkaufen.
 
Heißt aber auch: Den Atlanta-Rap der ­Gegenwart müssen andere liefern. ­Tatsächlich reicht schon eine oberflächliche ­Beschäftigung mit der aktuellen Musik der Stadt, um eine dicht vernetzte Szene zu erkennen, die die Errungenschaften von ­Outkast gleichzeitig weiterschreibt und in Frage stellt. Der Rapper Young Thug und das Trio Migos sind die momentan ­ausgefallensten Protagonisten dieser Szene und außerdem für zwei der größten Hits verantwortlich, die man abseits des HipHop-Mainstreams im vergangenen Jahr ­bestaunen konnte. Young Thug brachte sich mit ­»Picacho« von seinem vierten, bisher besten Mixtape »1017 Thug« als innovativer Weirdo mit völlig eigenem Stil in Position. ­Migos ­planierten mit der »Versace«-Dampfwalze aus ihrem dritten Tape »Young Rich Niggas« den bis dahin gültigen Status Quo des Trap-Rap. Der Track erreichte den symbolisch ­amüsanten 99. Platz der US-Single-Charts.
 
Solche Erfolge lesen sich derzeit noch vergleichsweise bescheiden. Neben den Aufstiegskandidaten Migos und Young Thug (und ihren zahlreichen, oft ähnlich talentierten Weggefährten) stehen aber auch MCs, Beatmaker und Labelbetreiber aus Atlanta, die längst das landesweite Landschaftsbild des HipHop mitbestimmen. Gucci Mane ist der inoffizielle Trap-Overlord der Südstaaten. Mit seiner eigenen Musik und noch mehr als Chef der Plattenfirma 1017 Brick Squad gibt er den stets konfliktfreudigen Ton in der Stadt vor. Außerdem soll er den Künstlernamen des Produzenten Mike Will Made It geprägt haben – der wiederum behauptet, seinen allerersten Beat noch zu Teenager-Zeiten an Gucci Mane verkauft zu haben. ­Mittlerweile dreht er ganz andere Dinger: Mike Will Made It produzierte 2013 das Miley-Cyrus-Rebranding »Bangerz« und wird dieses Jahr mindestens zwei heiß erwartete Alben aus Atlanta betreuen. Sein eigenes Major-Label-Debüt »Est. In 1989 (Part 3)« und »Honest«, die zweite offizielle Platte von Future.
 
Es ist zunächst schwierig, klare ­Verbindungen zwischen dem Atlanta-Sound dieser Künstler und all den HipHop-­Wegweisern zu erkennen, die von Outkast aufgestellt wurden. Outkast standen für eine Musikalität, die sich gleichzeitig an ­Vergangenheit und Zukunft richtete. Aus dem P-Funk der George-Clinton-Projekte Parliament und Funkadelic oder dem progressiven Siebziger-Jahre-Soul ­solcher ­Universalgenies wie Stevie Wonder und ­Curtis Mayfield entwickelten sie einen Rap-Entwurf, der schon wegen seiner Ambitionen, aber auch dank André 3000s Spaceship-Fantasien, futuristisch erschien. Outkast waren Science Fiction. Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens wurden sie zu den Aliens, die der Titel ihres zweiten Albums »ATLiens« 1996 versprochen hatte.
 
Die Künstler der 1017 Brick Squad wirken damit verglichen nicht weniger außerirdisch, aber auf aggressive Art unmusikalisch. Midi-Fanfaren, Stripclub-Schlagzeug und 808-­Bässe setzten sich meist zu einem dünnen, blechernen Sound zusammen, der in seinen harschsten Momenten schon den Gedanken zu verlachen scheint, dass es hier um Musik gehen könnte. Trotzdem ist es unmöglich, Young Thug, Migos, Future und ihre Arbeitgeber, Produzenten und Mitstreiter nicht auch als Outkast-Nachfahren wahrzunehmen. Schon das Aussehen erinnert mit derzeit weit verbreiteten schulterlangen Dreadlocks, Muckibuden-Verbot, wenig Bling und ­zunehmend gewagter Garderobe an alte André-3000-Looks – und vergessen wir nicht, dass auch Big Boi früher rumlief, als hätte ihm ein Dreijähriger die Kleidung rausgelegt. Die Bereitschaft zum Schrägen setzt sich abseits solcher Äußerlichkeiten auch in den Tracks von Young Thug oder Migos fort. Mit ihrer Vorliebe für Wiederholungen und Überzeichnungen können sie sich auf ganz andere ­Weise in einen ähnlichen Wahnsinn ­hineinsteigern, wie er auch bei André 3000 und Big Boi üblich war. Das Outkast-Erbe wird bei ihnen nicht bloß verwaltet, sondern weiterentwickelt. Es befindet sich in guten Händen.
 
Young Thug
 
Young Thug ist der wahrscheinlich ­exzentrischste Rapper aus Atlanta seit ­André 3000. Als Jeffrey Williams wird er 1992 in der Stadt geboren, wächst aber knapp 30 Kilometer südlich der Südstaaten-Metropole in Jonesboro South auf. Dort teilt er sich mit seiner Mutter (Spitzname: Big Duck) und zehn Geschwistern ein Apartment in den Projects und erlebt eine Kindheit, die er heute als wichtigsten Einfluss auf seinen ungewöhnlichen Stil beschreibt. Thugs Vater ist Spieler und Kleinganove, mal im Knast, mal im Krankenhaus, selten zu Hause. Einer seiner Brüder wird im Jahr 2000 direkt vor der Haustür erschossen. Drinnen krabbeln die Kakerlaken herum. Vor vier Jahren erklärte die zuständige Stadtverwaltung ihre Jonesboro Projects für gescheitert und ließ weite Teile des Problembezirks abreißen.
 

 
Young Thug ist alles andere als ein Kind von Traurigkeit. Dem US-Magazin The Fader ­erzählte er im Februar von einem Raubüberfall auf ein Nagelstudio, den er noch zu Jonesboro-Zeiten mit ­einigen Freunden begangen haben will. Im Teenager-Alter ­entwickelt sich aber auch sein Interesse an der Musik. Gemeinsam mit Peewee ­Longway, der vier Hochhäuser weiter aufwächst und bis heute ein ­regelmäßiger ­Kollaborateur ist, schließt er sich ersten Rap-Crews an. Fahrt nimmt seine Karriere dann in Atlanta auf, wo Young Thug von Gucci Mane entdeckt wird und seinen Stil auf den Mixtapes »I Came From Nothing 1–3« (2011/12) entwickelt. Klingt er ­zunächst noch nach einem treuen Lil-­Wayne-Follower, der sich ulkigen Nerdkram wie Roxette-Samples oder einen Dirk-Nowitzki-Shoutout erlaubt, zeigt sich spätestens ab dem zweiten Release sein ganzes Weirdo-Potenzial. Young Thug klingt wie kein anderer Rapper. Es fällt ihm hörbar schwer, seine vielen Spleens und Talente unter einen Hut zu bekommen.
 
Im Prinzip gilt das bis heute: Thug pflegt einen ebenso unkontrollierbaren wie ­unberechenbaren Stil. Von Zeile zu Zeile springt er zwischen seinen ­verschiedenen Stimmlagen herum. Mal singt er ­amateurhaft auf Autotune, dann rappt er mit ­aggressivem Danny-Brown-Flow und ähnlich ­krächzendem Tonfall. Wenn gar nichts mehr geht, kommen nur noch heiser gebellte Schlagworte raus. Dazu passt Young Thugs regelwidriger Sprachgebrauch. Mit Subjekt, Prädikat, Objekt braucht man ihm nicht zu kommen. Satzanfänge und -enden fahren einander regelmäßig in die Parade. Slangwörter und zurechtgebogene Aussprachen lassen seine Texte oft sinnloser erscheinen, als sie wirklich sind. Young Thug ist kein Storyteller, dazu fehlt ihm wohl die Geduld. Aber auch mit seinem Schlaglicht-Stil kann er Eindrücke aus den oben beschriebenen Lebensbedingungen vermitteln, die ihn als ewig unruhigen, erfolgshungrigen, aber auch verletzlichen Charakter zeigen.
 
Nicht nur wegen der Flow-Parallelen ist Danny Brown – der sich selbst als ­großer Fan von Young Thug bezeichnet – ein ­naheliegender Vergleich. Beide Rapper inszenieren sich abseits gängiger HipHop-Konventionen, wobei Thug deutlich weiter geht als Brown mit seinen engen Jeans und dem komischen Haarschnitt. Zahlreiche Zweideutigkeiten laden zur Spekulation über seine Sexualität ein. Young Thug trägt UGG-Boots und Nagellack, Kleider im Leoparden-Look und generell viel Pink. Es scheint ihm zu gefallen, diese vermeintlichen ­Provokationen seinen sexuell doch sehr eindeutigen Texten gegenüberzustellen. Heterogehabe quer durch alle Betten trifft in diesen Texten auf Molly-, Lean- und Weed-Anspielungen. Anders als Brown verzichtet Thug bisher aber auf die Beschäftigung mit den Schattenseiten seines dauerbreiten ­Lebenswandels. Dafür geht es ihm gerade viel zu gut im Delirium: Wie sein Vater ­bezeichnet sich Young Thug als Gambler und lässt eine Glücksspieler-Mentalität ­erkennen, die unvorhersehbar macht, ob sein nächster Track zum Hit oder zur Niete wird.
 
Migos
 
Die Geschichte von Migos ähnelt der von Young Thug in vielen Punkten. Auch der 23-jährige Quavo, sein 20-jähriger Neffe Takeoff und ihr 22-jähriger Schulfreund Offset stammen nicht direkt aus Atlanta, sondern aus dem nordöstlich gelegenen Gwinnett County, wo sie in zerrissenen Familien, aber doch vergleichsweise behütet aufwachsen. Erste Aufmerksamkeit lenkt das Trio auf seine Musik, indem es sich in die Stripclubs von Atlanta einschleicht und dort die DJs mit Drinks und Trinkgeld dazu anregt, ein paar ihrer Tracks zu spielen. Schon früh lässt sich ein Stil erkennen, der den Sound von Guccis Brick Squad in eine Art verschlankten Party-Trap übersetzt. Migos wissen: Jedes Wort wird mit jeder Wiederholung noch ein bisschen besser.
 

 
Als das Mixtape »Young Rich Niggas« im Sommer 2013 durch die Decke geht, ­profitieren Migos abermals von ­ähnlichen Umständen wie Young Thug. Ihr ­unausweichlicher »Versace«-Kampfschrei steckt mit seiner Erfolgsgeilheit den stets ­ambitionierten Drake an, der einen ­Remix mit eigener Strophe anfertigt und Migos damit ins landesweite Rampenlicht schubst. Thug erhält ähnliche Schützenhilfe durch ­einen Nicki-Minaj-Remix seiner Single »Danny Glover« – zum Zeitpunkt der ­starbesetzten Neuaufnahmen kann man allerdings bereits davon ausgehen, dass Drake und Minaj nicht ganz uneigennützig handeln.
 
Migos und Young Thug sind inzwischen Namen, die auch den ganz Großen einen Coolness-Boost geben können. Umso schwieriger muss es für Offset sein, dass er den Migos-Aufstieg von der Strafbank aus betrachten muss. Von Februar bis ­Oktober 2013 geht der MC wegen verletzter ­Bewährungsauflagen in den Knast. Bei den ersten Duo-Shows von Migos spielen sich Szenen ab, die an Odd Futures »Free Earl«-Kampagne erinnern. Nach seiner Entlassung stürzt sich Offset nicht in den nächsten Stripclub, sondern ins Studio. Er legt eine Entschlossenheit an den Tag, die auf dem jüngsten Migos-Mixtape »No Label 2« in jeder seiner Zeilen zu hören ist. Auch sonst schlägt das Tape einen siegesgewissen Ton an: »Wait On It« ermahnt alle Fans zur Geduld, die sich fragen, warum Migos noch keinen Deal unterschrieben haben. Fast in jedem Stück hagelt es Seitenhiebe auf andere Rapper, die den charakteristischen Migos-Flow in ihr Repertoire aufgenommen haben.
 
Dieser Flow klingt in den angriffslustigsten Tracks des Trios, als würden die Worte mit einer Machete voneinander getrennt. Migos sind nicht so flexibel und verspielt wie Young Thug. Sie rappen härter und kühler, und sie – man wiederholt es gerne – ­wiederholen ­gerne. Die Namen von popkulturellen Schlüsselspielern wie Hannah Montana und Dennis Rodman werden dabei zu Catchphrasen, die Migos so lange vor sich herbrüllen, bis sie nichts mehr bedeuten – außer Party. Bis zu sieben Tracks, sagen sie, entstehen bei ihnen pro Tag. Wenn eine Aufnahme länger als 15 Minuten dauert, wird sie verworfen. Auch diese Wegwerfmentalität teilen sich Migos mit Young Thug. Die ­Qualität der Songs scheint mitunter zweitrangig zu sein. ­Wichtiger ist es, den eigenen Namen ununterbrochen im Spiel zu halten. Outkast haben in 15 Karrierejahren nur unwesentlich mehr Musik veröffentlicht als die jungen MCs in drei.
 
Für den Hörer wird die Überforderung damit zum Teil der Erfahrung. Neben ihren eigenen Mixtapes beteiligen sich Thug und Migos auch an den Releases befreundeter Rapper wie Peewee Longway, Rich Homie Quan oder Rich The Kid. Hinzu kommen Gruppen­alben, die in verschiedenen Konstellationen entstehen. Als Fan ist es nahezu unmöglich, den Überblick zu behalten, und auch für andere MCs kann der Umgang mit dem ­vorgelegten Tempo schwierig sein. Gucci Mane zum Beispiel hat das beste Material seiner Karriere gleich zu Beginn ­veröffentlicht. Seit fast zehn Jahren läuft der 34-Jährige seiner alten Form ­hinterher. ­Hinzu kommen quasi ununterbrochen ­Konflikte mit dem Gesetz. Derzeit sitzt Gucci mal wieder ein. Atlantas aktueller Sound scheint ein Ding der jungen Leute zu sein.
Probleme mit dem Staat kennen Young Thug und Migos allerdings auch. Ihre Tracks leben von Unberechenbarkeit und Nähe zum Wahnsinn. Die Vorgehensweise setzt bei beiden auf gnadenlose ­Selbstausbeutung. Gerade Thugs Musik strahlt eine Paranoia und Rastlosigkeit aus, die er nicht immer von seinem Lebenswandel trennen kann. Aufnahmesessions ziehen sich bis zu 15 Stunden hin. Sie finden in den Häusern befreundeter Rapper statt, zu denen kaum ein Mitglied der ­Entourage ohne Waffe ­erscheint, wie ein Reporter von The Fader im ­vergangenen ­Dezember ­beobachten konnte. Wann immer jemand klingelt, könnte die Vergangenheit vor der Tür stehen. »Wir müssen Thug ­beschäftigen«, hat sein Manager im Zuge des Hausbesuchs gesagt. »Sonst wird er zum Problem.« Ende Februar hat er wohl einmal nicht ­aufgepasst: Thug wird zu einer Verkehrskontrolle ­rausgewunken und ­wegen ­Drogenbesitzes einkassiert. Ein ­Plattenvertrag mit Cash Money soll trotzdem kurz ­bevorstehen. Young Thug kann seinen Durchbruch wohl nur noch selbst verhindern.
 
Future
 
Nayvadius Wilburn scheint, zumindest was das betrifft, aus dem Schneider zu sein. Der 30-jährige wird voraussichtlich noch im Frühjahr sein zweites Album als Future veröffentlichen und könnte damit endgültig zum größten Rapstar in Atlanta aufsteigen. Seit 2010 hat Future acht Mixtapes (eines davon mit Gucci Mane) und das Album ­»Pluto« herausgebracht. Sein ­Markenzeichen ist die Autotune-Verwendung: Kein MC nutzt die Software zur Stimmmanipulation derzeit radikaler und innovativer. Future ­verbindet Straßenrap-Geschichten aus seiner Dealer-Vergangenheit mit einem benebelten Singsang, wie ihn auch Young Thug pflegt. Er hat aber auch Melodien und Balladen, die seine Experimentierfreude massentauglich machen. Wahrscheinlich muss er dafür nicht mal größere Kompromisse eingehen.
 
Future ist in Kirkwood auf Atlantas Eastside aufgewachsen. Er ist eine Art ­Bindeglied zwischen Rap-Gegenwart und -­Vergangenheit der Stadt. Schon als ­Teenager wird er Mitglied der Dungeon ­Family, zu der von Outkast über Goodie Mob bis Cee-Lo Green, Killer Mike und Janelle Monáe lange Zeit alle wichtigen Musiker der Stadt gehörten. Rico Wade, der als Teil des Produktionsteams Organized Noize zu den Architekten der Karriere von Outkast gezählt wird, ist ein Cousin von Future. Die beiden lernen sich auf einer ­Beerdigung kennen und arbeiten ­anschließend ­regelmäßig zusammen. Futures erstes Projekt Da Connect ­(damals noch unter dem Moniker Meathead), das 2003 eine neue Ära der Dungeon Family einläuten soll, floppt ­allerdings. Future tritt zurück in die zweite Reihe. Er schreibt als Auftragsautor für andere Rapper und entwickelt sich zum Arbeitstier im Studio.
 

 
Als Solokünstler hat Future außerhalb der Dungeon Family mehr Erfolg. Gemeinsam mit Produzenten wie Mike Will Made It und den Brick-Squad-Mitgliedern ­Zayvoten und Lex Luger entwickelt er ab 2010 seinen ­heutigen Sound. Future geht seine ­zweite Chance diszipliniert und fokussiert an: weniger Lean und Dope, mehr Songs. Über 1.000 unveröffentlichte Stücke will er zu Hause auf der Festplatte haben. Zahlreiche Features, unter anderen für Lil Wayne, Rihanna und Miley Cyrus, machen ihn stetig bekannter. Im Herbst 2013 geht Future mit Drake auf Tour, außerdem verlobt er sich mit dem R’n’B-Star Ciara. Das Paar wird zur Südstaaten-Version von Beyoncé und Jay Z verklärt. Der eigentlich eher öffentlichkeitsscheue Future nimmt sich eine Zweitwohnung in Los Angeles, um ungestört an seiner neuen Platte ­arbeiten zu können.
 
»Honest« wurde im Verlauf des ­vergangenen Jahres immer wieder verschoben, bei heiß erwarteten Rap-Alben gehört das ­mittlerweile ja fast zum guten Ton. Nicht nur für Future könnte die Platte ­einen weiteren Schritt in Richtung von Yeezus-, Jigga- und Drake-­Dimensionen ­bedeuten, auch die Beiträge von Mike Will Made It werden mit ­Spannung erwartet. Der ­dauerarbeitende ­Produzent scheint wie ­gemacht für ­Futures Absichten: Die besten seiner Beats sind immer gleichzeitig Hochglanz und Dunkelheit, selbst einigen seiner Miley-Cyrus-Tracks haftete etwas ­faszinierend Kaputtes an. Zwischen Ekstase und Delirium bestehen derzeit denkbar ­kurze Dienstwege in Atlanta. Wie ­selbstbewusst sich Mike Will Made It darauf bewegt, zeigte Anfang Februar sein »Honest«-Vorbote »Move That Dope«. Future rappt darauf komplett ohne Filter und begibt sich mit Veteranen wie Pusha T und Pharrells Gandalf-Hut in den Infight. Der ­sechsminütige Track ist das bisher düsterste und beste Stück seiner Karriere. Wenn ­»Honest« dann endlich ­erscheint, wird es auch ein André-3000-Feature enthalten. Man muss sich wohl auf die offizielle ­Übergabe des Staffelstabs vorbereiten.
 
Text: Daniel Gerhardt
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #158 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
 

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