Odd Future

Die Kinder sind in Ordnung. Mehr oder weniger jedenfalls. Es ist beruhigend zu wissen, dass die Jugend nach wie vor den Drang verspürt, HipHop als Ausdrucksform ihrer kreativen Ausbrüche zu nutzen. Wenn nämlich plötzlich Klassenfotos weißer Vorstadtkids für Albumcover in Monster-Porträts umgestaltet werden, Einhörnern mit Gartenschaufeln die Unschuld geraubt wird, Arschmilch als Lieblingsgetränk angepriesen wird, Morddrohungen gegen Jerk-Tänzer ausgesprochen werden und die Musik nach eigener Aussage als Schlafmusik für Luzifer herhalten könnte, dann lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. OFWGKTA („Odd Future Wolf Gang Kill Them All“) ist ein loser Verbund von ca. 50 Kids aus East L.A., bestehend aus Skatern, MCs, Produzenten, Fotografen, Videoregisseuren und Freunden, die einfach nur abhängen und die Schule anzünden wollen. Ganz normale Jugendliche also, nur dass ihre Free-Download-Tapes allesamt auf einem technisch extrem hohen Niveau agieren und einem Bilder vor Augen führen, die eigentlich in jene Ecke der Videothek gehören, die man sonst nicht unbedingt aufsuchen möchte.

„EARL“ /// Music Video. from AG Rojas on Vimeo.

Ein Häuschen im Osten von Los Angeles. Es klopft an der Tür. Eine Horde afroamerikanischer Teenager begrüßt sich überschwänglich, betritt die Küche, gesellt sich um den Mixer und fängt an, die Rezeptur für einen speziellen Gute-Laune-Cocktail umzusetzen: Man mische verschreibungspflichtige Pillen, schwermütigen Hustensaft, weißes Pulver, ein halbes Pfund indisches Kraut, einen halben Liter Schnaps und ein paar Biere, lasse alles kurz durchziehen und genieße es anschließend im Kreise der Lieben – um die Wirkung voll entfalten zu lassen und gleichzeitig in vertrauter Umgebung zu sein, falls etwas schief geht. Auf jedem ordentlichen Goa-Rave wird dem nahtodinteressierten Jugendlichen erklärt, dass das Mischen von Substanzen zwar der Bewusstseinserweiterung dienen kann, man nur genau beachten muss, in welchem Verhältnis die Blumen zueinander passen. Im Fall der minderjährigen Bande scheint die nötige Erfahrung nicht vorhanden zu sein, und so passiert das Unumgängliche. Der Gleichgewichtssinn setzt aus, beim Skateboardfahren kommt es zu schmerzhaften Stürzen und Verletzungen. Durch die psychoaktiven Zutaten kommen längst verborgene Ängste des Unterbewusstseins zum Vorschein, dramatische Panikattacken sind die Folge. Der Menschenhass wird auf das eigene Ich projiziert, dabei Fingernägel und Zähne als Fremdkörper wahrgenommen, die schnellstmöglich beseitigt werden müssen. Blut strömt aus Körperöffnungen und selbst die jünglichen Brustwarzen verwandeln sich in Quellen purpurroter Flüsse.

Diese verstörenden Szenen werden begleitet von einem schleppenden und aufs Minimalste reduzierten Beat. Rapper Earl Sweatshirt sitzt währenddessen auf einem Friseurstuhl und lässt gleich zu Beginn des Videos verlauten, dass er sich für einen rattenscharfen und von der Welt angekotzten Astronauten hält, der sein Gefährt gegen einen Meteroiten setzt, weil er unter Masturbations-Tourette leidet und sich während der Fahrt einen runterholte, da ihn ein Video erregte, welches Asher Roth zeigt, der genüsslich Apfelmus verputzt. Gleich danach landet er wieder auf der Erde, bearbeitet das Rektum der katholischen Gemeinde mit einer Säge und benutzt deren ausgeweiteten Schließmuskel als Aschenbecher für seine Sportzigaretten, wobei ihn dieser Anblick selbstredend zum Lachen bringt.
Noch befremdender als die begleitenden Szenen hyperventilierender Kids am Rande des Nervenzusammenbruchs ist die Tatsache, dass der Junge auf dem Salonstuhl noch nicht mal einen Flaumbart aus den kindlichen Gesichtsporen drücken kann. Der HipHop-Mensch sitzt verdutzt vor dem Monitor, vollends zur Statur des Sounds versteinert, da diese widerlichen und abartigen Fantasien nicht nur von einem Burschen vorgetragen werden, der beim Erscheinen der ersten Eminem-Tapes gerade mal im Kindergarten war, sondern diese bemerkenswerten Gräss­lichkeiten auch noch perfekt auf dem Beat sitzen. Der Clip wandert durch den Irrgarten des Internets, bald wird überall diskutiert, ob die Szenen wirklich echt seien. Ein Blick in die Vimeo-Credits zeigt allerdings, dass ein gewisser Jesse Doland für die Special Effects zuständig war.

AG Rojas, aufstrebender Filmemacher aus der Skater-Szene Kaliforniens, offenbarte auf seiner Homepage, welch aufwändiges Treatment für die Vorbereitung des „Earl“-Videdrehs notwendig war. Es bestand aus einem einzigen Satz: „Kids mischen alle möglichen Drogen und veranstalten Chaos und Verwirrung in der Stadt.“ Am Telefon verrät AG, dass die Szenen gestellt seien. Doch jeder, der die Odd Future Gang kenne, wisse auch, dass ähnliche Handlungen durchaus zur Freizeitbeschäftigung dieser Bengel gehören. Earl Sweatshirt sitzt derweil sogar imagegerecht im Bootcamp. Warum, das sei nicht ganz klar. „He just did some real hoodrat shit“, teilt Odd Future-Chef Tyler The Creator ebenfalls per Lautsprecher mit. So seien die Dreharbeiten zwar sehr lustig und spaßig gewesen – da der Hauptteil der Bande jedoch noch nicht einmal volljährig ist, gab es laut AG Rojas einen Kulturclash der etwas anderen Art. „Die Jungs haben einen sehr eigenen Sinn für Humor. Ich verstehe sie manchmal einfach nicht, so als würden sie eine andere Sprache sprechen.“ Ähnliches lässt Tyler verlauten. „AG hat es auf jeden Fall drauf, er hat sehr gute Ideen. Das Problem ist nur, dass er so verdammt alt ist. Alte Menschen verstehen junge Menschen einfach nicht, das war schon immer so.“ Generationskonflikte gehören zum Leben, dennoch sollte vermerkt werden, dass Tyler als ältester Kopf der Gruppe gerade mal 19 Jahre auf dem Buckel hat und der seiner Meinung nach frühvergreiste AG nur fünf Jahre mehr. Power to the youth.

Mit der Wolf Gang hat sich in East L.A. eine ganz besondere Terrorzelle entwickelt. Durch die Bank mit irrsinnig viel Talent und der nötigen Portion juveniler Ignoranz gesegnet, eint sie vor allem die pure Verachtung für die vergangenen Tage. Pädagogisch wertvoll und mit dem Fokus auf der Abtötung des gegebenen Standards, rufen Tyler und seine Männer auf futuristischen Beats zur unfriedlichen Kulturrevolution. Alexander Mitscherlich, Psychoanalytiker und Widerstandskämpfer im Dritten Reich, sagte einst, dass zu jeder Revolution eine ordentliche Packung Vatermord gehöre. Erzeuger werden von diesen jungen Wahnsinnigen ohne Ende zur Strecke gebracht. Ja, dem Über-den-Jordan-Bringen der eigenen Väter wird im Leben der verrotteten Zukunft sogar ein ganz besonderer Platz im Werk von Odd Future eingeräumt. Aufgrund der lyrischen Nähe zu Horrorcore-Bands lag der Vergleich zu Acts aus Memphis oder den Gravediggaz nahe, doch Tyler beschwerte sich via Facebook und Twitter schon mehrfach über diese unverschämte Referenz. Man könne das Werk der Amadeus Gang keinesfalls mit den textlichen und musikalischen Exkrementen ihrer Vorgänger vergleichen. Schließlich seien dies überschätzte Opas, die nicht den geringsten Funken von Skills und Delivery mitbringen. Das Anti-Pop Consortium, mit denen sie auch bereits verglichen wurden, ist in Tylers Augen übrigens auch nur ein Haufen Toys.

Nicht nur Rapper im Frührentner-Alter werden von der Gang öffentlich geringgeschätzt, auch ihren leiblichen Vätern geht es immer wieder an den Kragen. Auf dem herrlich unübersichtlichen Blog der Kalifornier (oddfuture.tumblr.com) hat sie zum Vatertag einen Track veröffentlicht, der allen Jungs gewidmet war, die ohne männliches Vorbild aufwachsen mussten. Lässt man die bildlichen Metzgerträume mal außer Acht, fällt schnell auf, dass von Earl über Tyler und Domo Genesis bis Mellow Hype jeder der camp-eigenen Rapper in der Lage ist, mit Worten glasklare Bilder zu erschaffen, die dem Mindstate der westlichen Inner City Kids aus der Seele sprechen. „Started thinking about a normal life, got me suicidal/standing in the kitchen with a noose and a rifle.“ Mit diesen Zeilen startet „Moonlife“ auf Earls selbstbetiteltem Debütalbum, geschrieben mit 15 Jahren und veröffentlicht mit 16 – das gibt einem schon zu denken.

Der kurzzeitige Erziehungsbeauftragte AG Rojas dazu: „Diese Kids sind am Arsch. Heutige Teenager sind ja schlauer als die Generation vor ihnen. Gleichzeitig gibt es eine gleichgültige Masse, die einfach alles schluckt, was man ihnen vorsetzt. Die hören Emocore, B.o.B, Drake und wie sie alle heißen. Odd Future ist eine Gegenbewegung zu all dem weichgespülten, glatten Zeug aus dem Fernsehen. Sie wissen, dass sie eigentlich viele Möglichkeiten haben, gleichzeitig sind sie sich aber auch dessen bewusst, dass ihnen eine heile Welt vorgegaukelt wird, die für viele nicht zugänglich ist. Außerdem hat die Wolf Gang einen sehr eigenen Background. Kid Cudi und Lupe Fiasco flirten ja auch regelmäßig mit der ­Skate-Kultur, obwohl sie eigentlich nichts damit zu tun haben. Tyler und seine Gang sind aus Compton, haben die schlimmsten Verbrechen mitbekommen und sind gleichzeitig tief in der Skate-Szene verwurzelt, einige von ihnen haben sogar das Zeug, richtige Pros zu werden. Das ist eine sehr interessante Mischung. Die Jungs sind eigentlich extrem politisch, auch wenn sie das nie zugeben würden. Aber mir gefällt das sehr, deswegen wollte ich auch unbedingt das ‘Earl’-Video drehen.“

Die Faszination dieser nihilistischen Clique besteht auch darin, dass es eine richtige Crew mit klassischer Rollenverteilung ist. So ist Earl Sweatshirt der durchgeknallte Lyricist mit zurückgelehntem Flow, lässigen Fünffachreimen und den verdrehten Gedankengängen eines belgischen Kinderschänders. Domo Genesis ist der verkiffte Player, Mellow Hype sind die arroganten Styler-Kumpels und Tyler The Creator ist das zentrale Mastermind mit Regie-Ambitionen und dem Zeug zum echten Star. Keine zwanzig Jahre alt, produziert er einen Großteil des bisherigen Outputs, dreht fast alle Videos, gestaltet die schaurigen Cover und hat zur Krönung auch noch die Stimme eines Serienkillers. So muss man sich während des Interviews immer wieder in Erinnerung rufen, dass man gerade mit einem Jungen telefoniert, der vor kurzem erst die High School abgeschlossen hat. Trotzdem wird einem sofort klar, dass man es mit einem intelligenten und vor allem sehr analytisch veranlagten Jugendlichen zu tun hat, der während des gesamten Gesprächs erstaunlich wenig flucht und sehr präzise formuliert. So kommt die Rede auf ein begonnenes Filmstudium, das allerdings abgebrochen werden muss, da das Leben als Autodidakt erfüllender sei. „Das bewahrt mir die natürliche Leidenschaft.“ Nach dem Satz wird das Gespräch für eine knappe Minute unterbrochen: Tyler bekommt einen kleinen Lachanfall, da die eigene Aussage seiner Meinung nach unglaublich homosexuell klingt.

Solcher Stumpfsinn wechselt sich sekündlich mit irrsinnig weitsichtigen Aussagen ab. In einem Moment wünscht Tyler tanzenden Kindern in gelben Röhrenjeans die Pest an den Hals, danach führt er einem auf fast schon intime Art und Weise all den Schmerz einer vaterlosen Jugend in Compton vor Augen. Sein Album „Bastard“, wie alle Releases der Gang als Free Download auf der Tumblr-Page erhältlich, ist sowohl textlich als auch musikalisch herausragend. Auf poetische Weise verbindet er hier widerlichste Gewalt, ultrabösen Humor, die hormonbedingte Verwirrung eines Teenagers und ehrliche Sozialkritik miteinander. Beiläufig erfährt der Zuhörer, dass er eigentlich seinen nigerianischen Vater sucht, den er noch nie gesehen hat. Natürlich nur, um ihm detailliert zu erklären, wie sehr er ihn hasst – ein Klageruf nach Herzenswärme. Der Impact der Veröffentlichung ist enorm. Zur Zeit des Interviews hatte Tyler Kalifornien noch kein einziges Mal verlassen, doch der Weg in die weite Welt bahnte sich langsam an. Vier Tage vor dem Telefonat verbrachte er einige Zeit im Studio eines weiteren jungen Revoluzzers. Steven Ellison, besser bekannt als Flying Lotus, gehört mittlerweile zu den größten Fans des Kollektivs. Über die umtriebigen Sa-Ra Creative Partners kam er in Besitz einiger Odd Future-CDs und lud Tyler kurzerhand zu einer Jam-Session ein.
„Das war schon merkwürdig. Ich meine, der Typ reist um die ganze Welt und jeder küsst seinen Arsch. Dann stellt sich heraus, dass er ein Fan unserer Musik ist. Er hat sich die ganze Zeit bedankt, dass ich mit ihm chille. Ich mag seine Musik sehr. Zu ­wissen, dass er meine Tracks fehlerfrei mitrappen kann, ist schon irre.“

Die Wege der Re-Posts und Re-Tweets führten Tyler und Freunde sogar schon zu ausverkauften Shows in New York und London. „Die Konzerte werden immer verrückter. Wir haben in L.A. eine starke Fanbase, das sind Kids aus unserer Hood, die uns und unseren Slang verstehen. Aber woanders stehen plötzlich lauter Indie-Kids, Punks, Metal-Fans und sogar stinkreiche Jungs aus Villengegenden. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll, aber ich glaube, mir gefällt das. Nur die Hipster, die verstehe ich nicht. Ich hasse die.“ Der Hype nimmt in den USA verrückte Formen an, sogar der Mainstream-Sender Hot 97 hat einige ihrer Tracks in seine Rotation aufgenommen und die renommierte „New York Times“ hat über das Kollektiv berichtet. Zahlreiche Rapper und Produzenten schwärmen von den durchgeknallten Spinnern aus Compton.

Neben den beängstigenden Inhalten ist es die textliche und musikalische Qualität, die verblüfft. Tyler hat für das hohe Level jedoch eine recht logische Erklärung parat: „Ich bin 19. Ich höre HipHop, seitdem ich denken kann. Ich habe mit fünf Jahren angefangen zu rappen. Ich rappe also fast länger, als ich Fahrrad fahren kann. So geht es all meinen Freunden.“
Zur musikalischen Erziehung des Odd Future-Kopfes gehörten neben lokalen Größen wie Dr. Dre, N.W.A. oder Too $hort auch die Musik von Erykah Badu, Stereolab, Madlib, James Pants, N.E.R.D. und Sade. Nur die eher bodenständige Musik der True School sei spurlos an ihm vorbeigegangen. „Ich hasse Backpacker. Wenn ich mit denen abhänge, fühle ich mich immer so, als hätte ich meine Hausaufgaben vergessen. Es gibt meiner Meinung nach kaum unentspanntere Menschen. Außerdem haten die Waka Flocka, der eine der Hauptinspirationen für meine Musik ist.“ Allgemein werden alle Menschen außerhalb des eigenen Freundeskreises erst mal argwöhnisch begutachtet. Mac Miller wurde sogar öffentlich von der Gang ausgelacht, nachdem er versuchte, Tyler via Internet zu kontaktieren.

OFWGKTA live at Low End Theory from Alpha Pup on Vimeo.

Die Wolf Gang ist sicherlich nicht die Rettung von HipHop als progressive Jugendkultur, auch wird sie das Spiel an sich nicht verändern. Jeder feiert irgendwann Geburtstag und demnach ist der Bonus der ewig jungen Genies eines Tages aufgebraucht. Doch bis es soweit ist, werden hoffentlich weiterhin jede Menge menschliche Abgründe zu Wort gebracht und dazu ebenso viele perfekt unperfekte Videofantasien auf YouTube gestellt. Und da diese seltsamen Kreaturen gewissenhaft und mit dem Eifer schwäbischer Häuslebauer an ihrer Karriere arbeiten, darf man sehr gespannt sein, was der Untergrund rund um Compton noch für Überraschungen bereithält.

Text: Ndilyo Nimindé
Fotos: AG Rojas, Dinesh Bangara

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