Gucci Mane – The State vs. Radric Davis // Review

(So Icey/Asylum/Warner)

PRO 

Wertung: Fünf Kronen
Es gibt Funktionsklamotten. Und es gibt Funktionsmusik. Genauso wenig wie man im backenfreien Latexstrampler samt schick gezippter Hundemaske zum Kundentermin bei der Hannoverschen Leben einlaufen würde, genauso unwahrscheinlich würde man Gucci Manes “Sex In Crazy Places“ beim feierlichen Einzug der Konfirmanden im Regensburger Dom pumpen. Abends auf der “Flirten & Fummeln”, der größten Schaumparty auf Kommunalebene, wäre für die Nummer aber durchaus ein halbes Dutzend Rewinds drin. Soll heißen: “The State Vs. Radric Davis” bedeutet jede Menge kompromissloses Funktionsgerät für den auf Down und Dirty geeichten Discothekenbetrieb. Da werden genauso inbrünstig italienische Designertragerl aus schwerer Baumwollqualität mit echten Rindslederapplikationen besungen, wie hochpreisige Direkteinspritzer mit Suizidtüren nebst aufgeschäumten Video-Vixens auf der Rückliege. Mondän. Dabei aber hood bis zum Hau-mir-ab. So wird die Skimaske nicht nur auf der Flaniermeile in Aspen, sondern auch beim anschließenden Bruch in die Frittenranch am nächs­ten Autobahnzubringer gerockt. Dem Trapper sein Lieblingsrap, halt. Dem Joe seiner sowieso. Zumal sich hier neben Fatboi, Drumma Boy, Scott Storch, Bangladesh und Polow Da Don auch Shawty Redd abwechselnd die 808 rumschieben. Dazu ewig Bestes von Weezy, Cam, Ross, Waka Flocka, Bun B, Plies, OJ, Jada, Usher und Bobby V. – plus Radric Davis höchstselbst natürlich, der eigentlichen Attraktion des hier Dargebotenen. Denn was Kollegen gern absolutes Unvermögen schimpfen, wurde auf unserer letzten Überlandfahrt im 3er meines Kollegen “Big Pat” Mbolo viel treffender als “Swagger” bezeichnet.
joe (So Icey/Asylum/Warner)

CONTRA

Wertung: Zwei Kronen
Vielleicht bin ich wirklich zu alt. Vielleicht auch nur übellaunig, weil ich mir den Januar als Entgiftungsmonat ausgesucht und daher schon viel zu lange keinen Tropfen Alkohol mehr zu mir genommen habe. Vielleicht aber ist der Hype um den Gucci-Manni auch komplett überzogen. Stumpfsinniger, ignoranter und eindimensionaler geht HipHop nicht – der Horizont von “The State vs. Radric Davis” reicht von der Trap-Küche, wo stets reichlich Pulver aufgekocht wird, gerade bis zum nächsten Clubparkplatz, wo man die Nachbarschaftsratten mit absurdem Goldgehänge zu beeindrucken versucht. Die Dreiton-Unterlagen von Shawty Redd, Drumma Boy, Zaytoven oder Fatboi bewegen sich dabei zielsicher im Fahrwasser zwischen Klingeltontauglichkeit, austauschbarem Sub-Bass-Gewummer und synthetischem Pathos. Zudem umgibt sich Gucci, immerhin ein erwachsener Mann, mit zweifelhaften Jünglingen, die sich noch zweifelhaftere Namen wie OJ Da Juiceman, Waka Flocka Flame oder Wooh Da Kid geben. Der Reiz der ganzen Veranstaltung erschließt sich für Menschen, die sonst gerne die Reimschemata von Roc Marciano analysieren und sich immer noch ernsthaft auf die Re-Issue der Raw Dope Posse-Maxi freuen, eben nur schwer: Simpelste Haus-Maus-Reime, eklige Drogen- und Sexfantasien, einfältiges Motivationsgeseier und Hooks von sprachgestörten Legasthenikern dominieren dieses Machwerk, das sich in den USA dennoch über 200.000 mal verkauft hat. Gut, man kann das streckenweise amüsant finden. Die absurden Adlibs (“Burr!”), die eingängigen Melodien, die authentische Ignoranz, den – welch ein Unwort – Swagger. Doch wer pumpt das ernsthaft morgens in der überfüllten U-Bahn? Bei der abendlichen Partie Wii-Billard? Beim Abwasch? Während des Einkaufs beim Feinkost Käfer? Wenn ich mir nächsten Monat mal wieder einen ordentlichen Schnapsrausch gönne, probiere ich es noch ein letztes Mal mit “The State vs. Radric Davis”. Bis dahin ist das Musik, die mit meinem Leben, meinem Alltag und meinem Verständnis von guter Rapmusik wenig bis nichts zu tun hat. Schulle.

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