Eminem: »Einige Leute mögen denken, das war’s, Eminem ist erledigt« // Interview

Foto: Universal Music

»Revival« ist längst draußen, und naturgemäß ist bereits viel darüber gesprochen und geschrieben worden – wenig Gutes, wie wir wissen. Wir hatten die seltene Gelegenheit, in einem bizarren Interviewszenario mit Eminem selbst zu sprechen. Und zwar nicht über die neue Platte, sondern auch über Erfolgsdruck, zwanghaftes Schreiben, die neue Rap-Generation und, natürlich, über Donald Trump.

Der größte Rap-Künstler aller Zeiten hat sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Mit der Presse in Hotelzimmerinterviews über neue Alben zu sprechen, ist eine Technik, der sich in digitalen Zeiten niemand mehr bedient, der sich auf einem ähnlichen Level wie er befindet. Megastars wie Beyoncé, Jay-Z, Kanye West, Kendrick Lamar oder Rihanna nutzen ihre eigenen Kanäle zur direkten, ungefilterten Ansprache an die Fans – und freuen sich über die inhaltliche Kontrolle, die ihnen dieser Kommunikations­weg garantiert. Eminem aber hält sich an einem Tag im Herbst 2017 in der Nähe von London auf, um über sein inzwischen erschienenes Album »Revival« zu sprechen.

Eminem will es also anders machen, aber so anders nun auch wieder nicht: Über Titel und Produzenten des zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht angekündigten Albums wolle er nicht sprechen, wird vor Gesprächsbeginn vom Management mitgeteilt. Zudem behält sich der Künstler das Recht einer Autorisierung vor, die jedoch dermaßen viel Zeit in Anspruch nimmt, dass das Interview erst jetzt veröffentlicht werden kann. Überhaupt erinnern die Rahmenbedingungen des Treffens an eine Geheimoperation: Das Interview findet in dem 45 Minuten außerhalb von London gelegenen, von dichtem Wald umgebenen Fünf-Sterne-Wellness-Ressort Pennyhill Park statt. Der Künstler empfängt in einem Raum, in dem außer ihm selbst noch sein Manager, ein Mitarbeiter seiner Plattenfirma und eine von selbiger beschäftigte, aus vier Leuten bestehende Filmcrew warten. Eminem hat seine Kappe so tief ins Gesicht gezogen, dass man ihn in dem ganzen Gewusel zunächst nicht erkennt.

Es ist ein bisschen absurd: Eminem ist der erfolgreichste HipHop-Künstler aller Zeiten. Zehnmal standen seine Alben auf Platz eins der amerikanischen Charts, insgesamt hat er über 170 Millionen Platten verkauft. Auch HipHop-übergreifend gibt es keinen Solokünstler, der in den vergangenen 25 Jahren mit Musik so erfolgreich war wie dieser Mann. Man könnte aus diesem Umstand eine gewisse Souveränität ableiten, stattdessen wirken der Künstler und sein Team maximal aufgeregt und angespannt. Insofern muss man sich Eminem 2017 vielleicht ein bisschen so vorstellen wie den späten Elvis Presley: Pennyhill Park ist im Grunde ein ähnliches Anwesen wie jenes, in dem der Rapper im Speckgürtel von Detroit wohnt. Seine genaue Adresse ist unbekannt, Eminem besitzt mehrere Immobilien in der Gegend. Eins aber haben all diese Häuser gemeinsam: Sie sind zwar nur einige Meilen, aber gleichzeitig Lichtjahre entfernt von der Welt, aus der Eminem stammt – jener sozial hochproblematischen Battleszene rund um die durch den gleichnamigen Film berühmt gewordene 8 Mile Road, auf der Eminems bester Freund, der Rapper Proof, 2006 vor einem Club erschossen wurde. Auf dieser Straße, in dieser Gegend hat der junge Eminem ein White-Trash-Leben geführt, das er nicht zuletzt als Material für seine Kunst begriff – auch das hat ihn so erfolgreich gemacht. Eminem hat über Drogen gerappt und über seine Familie, seine Neurosen und Depressionen. Jetzt aber sitzt er versteckt in einem Luxushotel und wirkt erschöpft.

Eminem, gestern hast du für die BBC ein Live-Special in London aufgezeichnet. Nutzt du solche Gelegenheiten, um dir die Stadt anzusehen?
Ich versuche es, so oft ich kann. Ich bin ein Mann des Volkes und mische mich gerne unter die Leute.

Ist es denn mit deiner Prominenz überhaupt noch möglich, dich ohne Personenschutz und unerkannt zu bewegen?
Ab und zu geht das. Ich ziehe mir die Kappe dann ein bisschen tiefer ins Gesicht.

»Mal ist es mir vollkommen egal, was andere über mich sagen. Aber meistens nehme ich sie ernst.«

Ich stelle diese Fragen auch, weil du im Song »Walk On Water« über den Druck der Öffentlichkeit rappst. Die Erwartungen, die damit verbunden sind, und wie sehr dir diese offenbar zusetzen.
Ich habe viele Songs geschrieben, in denen ich mein Inneres nach außen kehre, aber so nackt wie in diesem habe ich mich womöglich noch nie gemacht. Es geht um die Schwierigkeit, die eigenen Standards jedes Mal aufs Neue zu erfüllen. Um negative Kritik von Leuten, nach deren Meinung ich inzwischen hinter diesen Standards zurückbleibe. Die meiste Zeit bin ich extrem fokussiert auf meine Arbeit, aber es gibt auch Phasen, in denen ich alles Negative sehe. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil das Leben überwiegend negativ ist?

Wie gehst du generell mit Kritik um?
Unterschiedlich. Mal ist es mir vollkommen egal, was andere über mich sagen. Aber meistens nehme ich sie ernst. Ich frage mich: Habe ich mich wirklich wiederholt? Ich orientiere mich immer an den Standards, die ich selbst gesetzt habe. Also tue ich alles, ihnen so nahe zu kommen wie irgend möglich. Darum geht es in dem Song.

Bei Künstlern mit einer langen Karriere wird es von Album zu Album automatisch schwieriger, sich nicht zu wiederholen. Wie und wo findest du überhaupt noch neue Themen?
Bei jedem Wort, das ich rappe, überlege ich, ob ich dieses Wort schon mal in dieser Kombination benutzt habe. Ich versuche immer, Wiederholungen zu vermeiden, eine neue Perspektive zu finden. Am Anfang der Karriere ist es leicht: Man sitzt vor einer leeren Leinwand und kann machen, was immer einem in den Kopf kommt. Irgendwann aber sind die meisten Farben verbraucht. Ich habe über so viele verschiedene Themen gesprochen im Laufe der Jahre, dass es immer schwieriger wird, noch einen originellen Gedanken zu entwickeln. Es gibt einfach keine freie Fläche mehr auf der Leinwand.

Was ist deine Schlussfolgerung aus ­dieser Erkenntnis?
Es bleibt nichts anderes, als einige alte Bilder zu übermalen. Darin besteht die Herausforderung. Das ist es aber auch, was mir am meisten Spaß macht. Wenn mir dann wirklich etwas für mich Neues gelingt, sind das die größten Momente.

Wiegt dieser Spaß den Druck auf, den du zuvor empfindest?
Ich bin mir nicht sicher. Das Schreiben macht Spaß. Für die Arbeit im Studio gilt das nicht immer. Es ist schön, die Sachen zu hören, wenn sie fertig sind. Der Rest ist harte Arbeit. Der Druck ist immer da, bei jedem Album. Ich befinde mich in einem dauerhaften Wettbewerb mit mir selbst.

Welcher Grundgedanke lag der Arbeit an »Revival« zugrunde?
Ich wollte das Album von Anfang an so vielseitig gestalten, dass am Ende für jeden etwas dabei ist. Es gibt Leute, die es nicht mögen, wenn ich in diesem nasalen Tonfall rappe, dann gibt es welche, die keine Texte über Drogen und anderes verrücktes Zeug hören wollen – und andere, die genau das von mir erwarten, aber kein Interesse an dem emotionalen Kram haben. Und nun ging es mir darum, ein Album zu machen, mit dem all diese unterschiedlichen Leute sich irgendwie identifizieren können.

Klingt nach einem Gemischtwarenladen. Was sagen die Songs noch über dich, über Marshall Mathers, aus?
Sie sind eine Momentaufnahme. Die Songs sind in einem relativ kurzen Zeitraum entstanden und zeigen, wie ich mich in dieser Phase gefühlt habe. Natürlich ist es mir wichtig, in jedem Moment authentisch zu bleiben, mich nicht zu verstellen. Die ­Balance ist mir wichtig, alle Facetten meiner Kunst müssen vertreten sein.

Hast du während der Arbeit an dem ­Album noch etwas Neues gelernt?
An einem Tag haben Rick Rubin und ich uns über eine mögliche Bridge für einen Song unterhalten. Ich war diesbezüglich unsicher, weil ich diese Bridge zu offensichtlich fand. Also blickte Rick mir tief in die Augen und sagte: »Ich bin nicht schlau genug, um zu ahnen, was andere Leute über meine Arbeit denken werden. Also richte ich mich nicht nach vermeintlichen Erwartungen, sondern mache immer nur das, was sich für mich selbst richtig anfühlt.« Ich kann es schlecht beschreiben, aber dieser kleine Satz hatte was von einem Yoda-Luke-Skywalker-Moment.

Neben Rick Rubin war auch Dr. Dre wieder an »Revival« beteiligt. Die Zusammenarbeit mit ihm ist die große Konstante deiner Karriere. Inwiefern hat sich euer Verhältnis über die Jahre gewandelt?
Dres Arbeitsweise hat sich ein bisschen verändert. Generell ist er offener für Neues als ich. Ich neige dazu, eine einmal gefundene Arbeitsweise nicht mehr in Frage zu stellen. Zum Beispiel nehme ich meine Rap-Parts immer noch am liebsten in einer klassischen Gesangskabine auf. Ich brauche diese Intimität: nur das Mikrofon und ich. Dre hingegen schließt das Mikro inzwischen direkt ans Mischpult an und nimmt den Gesang mitten im Raum auf. Ich weiß nicht, ob ich mich an diese ­Methode gewöhnen könnte. Aber ich finde es interessant, dass Dre für solche Veränderungen offen bleibt. Das sind aber nur Kleinigkeiten: Die meisten Leute könnten es nach so langer Zeit vermutlich nicht mehr miteinander aushalten, aber wir machen immer noch viel zusammen. Wir sind Freunde, und das wird auch immer so bleiben.

Im Rahmen der BET-Awards hast du deinem Ärger über Donald Trump kürzlich ganz ohne Beats Luft gemacht: in dem Freestyle »The Storm«.
Jeder sollte mindestens einen Anti-Trump-Song machen. Nicht nur Amerikaner, einfach jeder Künstler auf der ganzen Welt sollte gegen Trump singen.

Viele haben danach ein radikales ­politisches Album von dir erwartet.
Bisweilen rege ich mich dermaßen über ­unseren Präsidenten auf, dass ich nicht mehr klar denken kann, was keine gute Grundlage für das Gelingen von Kunst ist. Er macht mich wahnsinnig! Das alles ist extrem frustrierend. Man wartet bei Trump ja immer nur auf die nächste Unfassbarkeit. Diese Dinge in Worte zu fassen, ist gar nicht so einfach. Ich muss mich da dringend beruhigen und einen Schritt zurücktreten.

Wie viel vom alten Battle-Eminem steckt noch im Superstar Eminem?
Definitiv der Wettbewerbsgedanke. Ich bin absolut konkurrenzgetrieben, in allen Aspekten des Lebens, auch beim Sport. Ich liebe Battlerap. Das ist es, wo ich herkomme. Mir ist klar, dass die meisten Hörer wahrscheinlich nicht allzu viel über vielsilbige Reime nachdenken. Oder über die Metaphern, die ich verwende, wie ich mit Sprache spiele. Aber für mich ist das extrem wichtig – und ich weiß, dass es ­alles andere als leicht ist. Wenn ich jemanden sehe, dem all diese Dinge scheinbar mühelos gelingen, erkenne ich die enorme Arbeit, die dahintersteckt.

Rapsongs sind oft Underdog-Erzählungen. Diese Perspektive kannst du heute zwangsläufig nicht mehr einnehmen.
Ich fühle mich immer noch ein bisschen wie ein Underdog. Einige Leute mögen denken, das war’s, Eminem ist erledigt. Ihnen das Gegenteil zu beweisen, treibt mich an. Es ist gut, dass Leute wie Jay-Z und ich weitermachen. Wir können junge Rapper inspirieren, den ganzen Weg zu gehen.

Fühlst du dich manchmal abgehängt?
Im Internet hat jeder eine Stimme, eine Meinung, ist ein Experte für absolut alles. Das führt ab und zu dazu, dass man das Gefühl hat, nicht mehr Teil der Diskussion zu sein. Aus irgendeinem Grund ist es bei mir aber so: Je mehr von dieser Scheiße ich im Netz sehe, desto mehr treibt es mich an. So lange man sich inspiriert fühlt, weiterzumachen, hat niemand das Recht, einem zu sagen, dass man besser aufhören sollte.

»Keine Ahnung, was ich machen würde, wenn ich nicht mehr rappen könnte. Vermutlich würde ich aus dem Fenster springen.«

HipHop ist heute so gesund wie noch nie und die global wichtigste Jugendkultur. Hättest du das früher für möglich gehalten?
Es gibt Leute wie J. Cole, Joyner Lucas oder Kendrick Lamar. Das sind Rapper, die ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sie kennen die Wurzeln. Man kann einfach nicht so gut sein wie diese Jungs, ohne sich mit der Evolution von HipHop beschäftigt zu haben.

Vermisst du diese Bezüge bei anderen jungen Rappern?
In erster Linie war ich immer riesiger Rap-Fan. Diesen Respekt habe ich nie verloren. Er fehlt aber einigen jungen Rappern. Alle, die jetzt anfangen, und die Urväter verhöhnen, sollten sich die alten Platten besorgen und diese Lektion auf sich wirken lassen. Hört euch LL Cool J an, Big Daddy Kane, Masta Ace, Naughty By Nature. Hört euch all diese Leute an!

Im HipHop altert man schneller als in anderen Genres. Denkst du bisweilen über dein Vermächtnis nach?
Ich bin mir nicht sicher, ob Vermächtnis das richtige Wort ist. Das fühlt sich für mich jedenfalls sonderbar an, ich bin ja noch mittendrin. Aber wenn ich wirklich einmal abtrete, habe ich hoffentlich ein paar Leute inspiriert.

Was willst du noch beweisen?
Mir selbst: dass ich es immer noch kann. Keine Ahnung, was ich machen würde, wenn ich nicht mehr rappen könnte. Vermutlich würde ich aus dem Fenster springen.

Woher nimmst du den Antrieb?
Ich bin Perfektionist. Das ist wie eine Zwangsneurose, ich kann einfach nicht anders. Ich schreibe, bis mir der Kopf platzt. Jeder Reim, jedes Wort, jeder Beat, jede Hi-Hat … Ich werde noch wahnsinnig darüber! Vermutlich habe ich die Reimkrankheit.

Text: Torsten Groß
Foto: Universal Music

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #185. Back Issues können im Shop versandkostenfrei nachbestellt werden.

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