Olexesh – Ein neuer Sheriff ist in der Stadt // Feature

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Die Rap-Karriere von Olexesh ist wohl das, was man eine Erfolgsgeschichte nennt. Als No Name veröffentlichte er 2012 den Freetrack »Super 6«, den zufällig Celo zu hören bekam. Der kontaktierte den deutsch-ukrainischen Rapper, nahm ihn kurzerhand mit auf Tour und bei 385ideal unter Vertrag. Olexeshs Debütalbum »Nu eta da« knackte dann mal locker die Top Ten, und nun steht mit »Masta« ein Jahr später bereits dessen Nachfolger an. Die Erfolgsgeschichte geht weiter.
 
Geboren wird Olexesh 1988 in Kiew. Mit sieben Jahren kommt er mit seiner Mutter und vier Geschwistern nach Deutschland, weil seine Ma sich hier bessere Arbeitschancen verspricht. Olexeshs Vater hingegen zieht es bereits 1991 nach Amerika und ward seither nicht mehr gesehen.
 
Erste Station ist das 30.000-Einwohner ­Städtchen Kelkheim am Taunus. Im dortigen Asylantenbewerberheim verbringt die sechsköpfige Familie die ersten drei, vier Jahre, bis man sich eine eigene Wohnung leisten kann. Als 14-Jähriger nimmt Olexesh an einer Rap-AG im Kelkheimer Jugendhaus teil. Dort wird ihm etwas von Flows erzählt, er beginnt, erste Reime zu schreiben. »Ich wusste aber bis 18 nicht, was ein Sechzehner ist«, lacht Olexesh. Dann zieht die Familie nach Darmstadt-Kranichstein, und Olexesh lernt neue Leute kennen. Mit 16 nimmt er zum ersten Mal ­unter ansatzweise ­professionellen ­Bedingungen in einem Tonstudio in der Nähe von Frankfurt auf. Ein Freund seines ­Stiefvaters hatte ihm Studiozeit geschenkt – im Wert von 150 Euro. »Aber wenn ich die Aufnahmen von damals höre, bekomme ich das Kotzen«, gesteht Olexesh heute.
 

 
Als er 2012, mittlerweile längst in seiner eigenen Bude in Griesheim, den Song »Super 6« bei Youtube hochlädt, macht der Track die Runde. Olexesh freut sich damals noch über 20.000 Klicks. Der Song kommt auch Celo zu Ohren. »Die Olexesh-Facebook-Seite stand damals gerade bei elf Likes, und mein Kumpel hat mich immer angerufen, wenn es einen Like mehr gab«, lacht Olexesh. »Eines Tages rief er wieder an, ich dachte, wegen eines weiteren Likes, aber er meinte dann: ‚Ey, Bruder, du glaubst nicht, was passiert ist.‘ Ich sage so: ‚Was, Bruder?‘ Er sagt: ‚Bruder, Celo hat eine Nachricht geschrieben.‘ Ich sage so: ‚Ah, okay. Fett. Ehrlich jetzt?‘ Er sagt: ‚Ja, ja, wirklich.‘ Ich so: ‚Laber keinen Scheiß.‘ Ich habe mich mies gefreut an dem Tag.« Also verabreden sich Celo und Olexesh bei Celo in Bornheim, wo Olexesh mit der U-Bahn hinfährt. Schwarz natürlich. »Ging nicht anders.« Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Kurze Zeit später nehmen Celo & Abdi Olexesh mit auf Tour und bei ihrem neu gegründeten Label unter Vertrag. »Es hat einfach gepasst. Ich bin sehr glücklich, bei 385ideal zu sein, und könnte es mir bei keinem anderen Label vorstellen. Ich bin sehr zufrieden.« Und nun geht es daran, diese Zufriedenheit mit dem neuen Album »Masta« auszubauen.
 
Lass uns doch mal über das vergangene Jahr sprechen. Im März 2014 hattest du »Nu eta da« veröffentlicht. Wie hast du die Reaktionen darauf wahrgenommen?
Sehr gut. Die Leute waren sehr zufrieden, und daraus resultierend sind viele gute Sachen passiert. War alles gut.
 
Gibt es rückblickend Dinge, die du gerne anders gemacht hättest?
Nein. Ist alles perfekt. Ich bin sehr dankbar, dass mein Team und Celo & Abdi alles so gut gemanagt haben. Ich hätte es nicht besser machen können und bin sehr froh, bei diesem Label zu sein. Wir haben Platz 7 erreicht, und es ist etwas entstanden, was ich mir niemals erträumt hätte.
 

 
Was waren deine persönlichen Karriere-Highlights im vergangenen Jahr?
»Nu eta da« war ja mein erstes Album, und es war einfach krass, eine CD von mir im Laden zu sehen. Als die CD rausgekommen ist, bin ich direkt mit zwei Freunden zu Saturn, und das war echt krass, die CD da mit eigenen Augen zu sehen. Das Geile war: Als wir an der Kasse standen, meinte mein Kumpel zu mir: »Guck mal, da kauft gerade einer ‚Nu eta da‘.« Ich drehe mich um und sehe also diesen Typen – das war wirklich ein brutales Gefühl.
 
Hast du mit dem Jungen ­gesprochen?
Ja, ja, ich bin zu ihm hingegangen und wir haben ein kleines Video davon gedreht. Ich habe ihm die Hand geschüttelt und ihm dafür gedankt, dass er die CD gekauft hat.
 
Inwiefern hat sich dein Leben in den letzten zwölf Monaten verändert?
Ich habe Geld verdient. Ich habe Para ­gemacht. Endlich! Ich habe meiner Mutter ein Auto gekauft. Sie hat geweint, als ich ihr das Geld gegeben habe, weil sie einfach nicht ­damit gerechnet hat, dass ich ihr einfach mal so 2.000 Euro in die Hand geben kann; dass sie sich einfach mal einen Wagen kaufen kann, der sogar eine Servolenkung hat für eine Frau wie sie, die nicht mehr so viel Kraft in den Armen hat, verstehst du? Ich wollte meiner Mutter einfach mal etwas Gutes tun, so wie sie ihr Leben lang für mich. Und das war schön.
 
Was hat sich noch verändert?
Zu Hause sieht es mittlerweile ein bisschen besser aus – aber ganz normal, auf Domäne-Style. Also nicht übertrieben, keine Dings hier … nichts mit Granitplatten oder so was. Aber ich habe immer noch keinen Wasser-hahn in der Küche. Die Küche habe ich mir 2013 gekauft, aber keinen Wasserhahn eingebaut, weshalb ich mein Geschirr immer im Bad ­waschen muss. Das ist noch gleich ­geblieben. (lacht) Verbessert haben sich aber mein Flow und meine Texte und meine Musik.
 
Dein neues Album heißt »Masta«. ­Warum?
Ich sage mal so: Mein Flow und meine Technik haben sich in zwei, drei Monaten sehr gesteigert. Jetzt klinge ich so, wie ich schon immer klingen wollte. Meine Technik, das ist wie Kung-Fu. Wie Kampfkunst mit sich selbst.
 
Du bist jetzt sozusagen ins Meister-Level aufgestiegen.
Genau, genau. Der Flow, die Tracks an sich, das ist alles so standhaft geworden, so stark, sodass ich echt sagen kann, ich habe einen neuen Stil entwickelt. Es ist kein Oldschool-Flow, es ist kein Double-Time, es ist kein Trap, es ist … Masta.
 
Masta ist also der Name deines Styles?
Genau. Der Style ist Masta. Der Flow und die Technik sind Masta. Früher konnte ich nur leicht reimen mit Wörtern, heute kann ich die Rhymes auch zu Geschichten verarbeiten. Alles hat mehr Groove.
 

 
Auf dem Albumcover posierst du mit einem Ghettoblaster. Hat das eine tiefere Bedeutung?
Als Rap kam, kam ja auch der Ghettoblaster. Und das war auch die Zeit, als Rapper zu richtigen Mastern wurden, zu MCs, zu Meistern der Zeremonie.
 
Der Ghettoblaster ist für dich also ein Sinnbild für die Entwicklung von Rap.
Genau. Das ist ein Symbol für die Musik, für HipHop, für Rap, für Leidenschaft.
 
Ist die von dir gerade angesprochene ­Verbesserung bewusst passiert?
Meinen Stil habe ich eher zufällig weiter-­entwickelt, einfach durchs Machen. Ich wusste, da geht noch was.
 
Kannst du mal konkretisieren, was dir beim ersten Album noch gefehlt hat? Wo du dich verbessern wolltest?
Ich wollte mehr Hymnen, klarere Ansagen, krassere Beats und mehr Selbstvertrauen.
 
Der erste Song des neuen Albums heißt »Kranichstil« – in Anlehnung zum einen an Darmstadt-­Kranichstein und zum ­anderen an den Film »Karate Kid«. Hat dich der Film geprägt?
Der Film ist Oldschool und ein Klassiker. Ich selbst habe aber lieber »Bloodsport« geguckt mit Van Damme, der war noch eine Liga drüber.
 
Gibt es denn so etwas wie einen Rap-Stil aus Kranichstein? Oder bist du mehr oder weniger der einzige Rapper dort?
Masta, der Stil aus Kranichstein, wurde dort entwickelt. Der Kranichstil, das ist Masta.
 
Oder bist du der Master des Kranichstils?
Ich bin der Meister des Kranichstils, genau, so sieht es aus. (lacht)
 

 
Du hast eben gesagt, dass es dir ­wichtig war, dass die Beats noch besser werden. Ungefähr die Hälfte der Songs wurde von m3 produziert. Was schätzt du an seinen Produktionen?
Dass jeder Beat gut ist. Die sind ­übertrieben, jeder Beat ist so warm, die sind so … ganz. Die Beats sind voll. Die sagen sehr viel aus. M3 ist einer der krassesten Beat-­Produzenten. Sein Sound ist einfach so vollendet. Der passt zu »Masta«.
 
Lass uns über deine Features sprechen: Mit Kollabos mit Celo & Abdi, Haftbefehl und Hanybal war zu rechnen, aber du hast auch mit Sido zusammengearbeitet. Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe mal mitbekommen, dass er »Purple Haze« feiert, sodass ich mir überlegt habe, ihn nach einem Feature zu fragen, weil das noch mal eine Steigerung zu »Nu eta da« ist – ­wieder etwas Neues, eine Entwicklung. Also habe ich ihn bei Twitter angeschrieben, und er hatte Bock drauf. Dann habe ich mich mit meinem Team zusammengesetzt und überlegt, was wir machen könnten. Und weil Sido »Purple Haze« gefeiert hat, haben wir die Hook für unseren gemeinsamen Song aus einem Part von »Purple Haze« gebastelt – und das hat er gefeiert.
 
Ein weiteres Feature kommt von Yasha. Kam der Kontakt durch Celo & Abdi?
Genau. Yasha ist ein super Sänger. Seine Stimme passt einfach sehr gut auf den Beat. Dafür bin ich sehr dankbar. »Plan B« heißt der Song.
 
Apropos Plan B: Hättest du einen gehabt, wenn es mit der Rap-Karriere nicht ­geklappt hätte?
Nein. Es gab nur einen Plan. Ein Weg, ein Ziel.
 
Dann hast du Glück gehabt, dass es hingehauen hat.
Ja, auf jeden Fall. Deswegen war es nach »Nu eta da« auch wichtig, dass ich am Ball bleibe und mich steigere, damit ich mir noch mal Respekt verdiene. Und es hat geklappt, Gott sei Dank.
 
Du hast insgesamt angenehm wenige Features auf dem Album. War das eine bewusste Entscheidung?
Auf jeden Fall. Es heißt ja »Masta«, und ein Master muss sich beweisen, der kann nicht auf jedem Track ein Feature haben – dann wäre er ja kein Master. Aber: Es gibt zwar wenig Features, doch die sind alle top.
 
Reduktion aufs Maximum sozusagen.
Genau. Ich habe ja auch schon mein nächstes Album angefangen, und da werden auch wieder ganz viele neue Sachen drauf sein. Ich kann nur noch besser werden. Es wird immer besser, immer besser.
 
Gab es denn Leute, die du gern auf der Platte gehabt hättest, bei denen es dann nicht geklappt hat?
Nein, eigentlich nicht. 2Pac wollte ich haben, aber geht nicht.
 
Ja, das wäre schwierig geworden.
Ich mache Spaß. Nein, eigentlich niemanden. Alles perfekt. Ich habe alles gegeben und alles ist top gelaufen.
 
Mit »Avtomat« gibt es einen Track über das Automatenspiel und Spielsucht. Inwiefern ist das in deinem Leben ein Thema? Spielst du selbst ab und zu, oder entstammt das Thema ­Alltagsbeobachtungen?
Ja, manchmal geht schon so ’n Fuffi rein. Aber jetzt nicht Sucht oder so. Süchtig bin ich nicht, aber vielleicht ist es ein Song für die Süchtigen. Die hören den vielleicht sogar in der Spielothek. Vielleicht kriege ich ja ein paar Werbeverträge bei Spielotheken. Nein, Spaß. Aber bevor Leute sagen »Warum macht der so eine Scheiße? Der verherrlicht die Spielerwelt!«, kann ich nur sagen: Ich präsentiere die Welt eines Spielsüchtigen, und das kommt dabei heraus, wenn ihr spielt. Am Ende kann es passieren, dass du genauso wirst, wie ich es im Song beschreibe. Im Endeffekt ist es nichts Gutes, worüber ich da rede, aber es ist realistisch, authentisch. Ich beschreibe die Welt eines Menschen, der halt draußen chillt, in’n Puff geht oder spielt; der einfach abgefuckt ist. Reich ist jedenfalls noch keiner geworden vom Automat.
 

 
Wie groß ist der Einfluss von Celo & Abdi auf deine Musik? Machst du letzten Endes, was du willst, und gibst irgendwann ein fertiges Tape ab, oder ­diskutiert ihr viel über deine Sachen?
Bei »Nu eta da« brauchte ich noch viel Hilfe. Aber diesmal habe ich einfach abgeliefert, und die Jungs waren oft zufrieden. Klar, ab und zu haben die auch noch mal Kleinigkeiten verbessert, aber im Großen und Ganzen war das nicht nötig. Ich bin ja jetzt auch Master, und der lässt sich nicht mehr viel gefallen.
 
Auf der Platte gibt es einen Song ­namens »Arschkontrolle«. Ich hoffe, der basiert nicht auf eigenen Erfahrungen.
Natürlich! Das ist passiert. Ich war mit dem kompletten 385ideal-Team für einen Auftritt Richtung Schweiz unterwegs: Arschkontrolle. Drei Stunden lang an der Schweizer Grenze. Ich weiß nicht, wie es bei den Jungs war. (zu seinem Manager Syn, der anwesend ist) Wie war es bei dir so?
Syn: Ich habe geschlafen. Und die anderen wurden auch nicht kontrolliert, soweit ich weiß.
Olexesh: Die haben ihn bestimmt ­kontrolliert, als er geschlafen hat. (lacht) Ich musste jedenfalls eine Arschkontrolle über mich ergehen lassen. Ich kam da in so einen Raum rein. Und ich hatte wegen Weed schon mal was gehabt, eine kleine Anzeige, und dann war auch die Drogenkontrolle positiv. Tja, Pech gehabt. Also musste ich die Hose ausziehen und dann meinten die: »Ziehen Sie die Boxershorts aus, gehen Sie in die Hocke, husten Sie bitte zweimal.« Da habe ich gesagt: »Muss das echt sein? Ich will nicht.« Aber die haben gesagt: »Wenn Sie das nicht freiwillig machen, dann müssten wir Sie zwingen. Wir sind zu viert.« Da habe ich dann gesagt: »Okay, ich mach’s. Aber ich hasse euch, Alter.« (lacht) Dann habe ich die Boxershorts runtergezogen, bin runter in die Hocke, habe gehustet, wieder hoch, zack, zack, zwei ­Sekunden waren das. Ich habe mich geschämt, aber was will man machen?
 
Wann war das ungefähr?
Vor zwei Jahren. Die Story und den Beat hatte ich auch schon etwas länger.
 

 
Du hast eben erzählt, dass du bereits angefangen hast, an einer neuen Platte zu arbeiten. Wie weit bist du damit?
Schon sehr weit. Fast fertig sogar. 16 Tracks habe ich bereits.
 
Aber wenn das aktuelle Album schon »Masta« ist, wie willst du das noch steigern?
Ich weiß nicht. Ich glaube, ich vergebe keinen Namen mehr.
 
Oder du musst die nächste Platte auch »King« nennen wie Kollegah.
Ich nenne sie einfach »Schneller als das Licht«, das passt zur Platte. Das Licht geht so an und aus, die ganze Zeit. Wie soll ich es dir erklären, Bruder? Das wird einfach krank, so Pillenwelt. Aber ich nehme keine Pillen. Das Album wird heftig, das ist richtig so, als würdest du vor einem Strobo … wie heißt das?
 
Stroboskop.
Stroboskop, Horoskop. Nein. Auf jeden Fall, als würdest du vor dem Strobokopf, Robotkopf…scheiße, ich weiß nicht, was ich dazu noch sagen soll. (lacht) ◘
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #165 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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