Eine Dekade im Rückblick #6: Und der MC Ist weiblich! // Titelstory

Sabrina Setlur, Loredana

Dieses Jahrzehnt war vermutlich das spannendste, das Deutschrap bis dato erleben durfte: Die musikalische Diversifizierung der Szene, die rekordverdächtigen Erfolge, die wichtige und hoffentlich nachhaltige Etablierung von vielen weiblichen Künstlerinnen. Ohne Frage: Es war eine gute Zeit – und eine, die Maßstäbe für die Zukunft setzt.

Badmómzjay. Pilz. Nura. Adden. Tice. Loredana. Antifuchs. Lumaraa. Ace Tee. Mine. Eunique. Lady Bitch Ray. Cora E. Schwesta Ewa. ÉSMaticx. Juju. Haiyti. Namika. Ebow. Shirin David. Mavi Phoenix. Sookee. Haszcara. Leila Akiniy. Hunney Pimp. Rola. Sabrina Setlur. Tic Tac Toe. Tice. Kitty Kat. Yael. Taiga Trece. Naya Isso. Mel. Hava. KeKe. Malsha. Mashanda. Nina MC. Mansha. Fantasma Gloria. Pyranja. Lena Stöhrfaktor. Mama Malou. Yetundey. Jennifer Gegenläufer. Fiva. Miss Platnum. Amanda. Brixx. FaulenzA. Bahar. Ninjah.

Ich könnte meinen Text über Frauen im Rap an dieser Stelle beenden. Denn all diese Künstlerinnen haben ihre Daseinsberechtigung und tragen einen Teil zu Rap bei – und mir würden bestimmt noch doppelt so viele Namen einfallen. Was ich damit sagen will: So euch Lehrer*innen früher androhten, dass ihr Matheformel XY »können solltet, wenn man euch nachts anruft«, würde ich es mir wünschen, dass alle ihre Deutschrap-Hausaufgaben machen und die oben genannten Künstlerinnen ohne peinliches Rumgestotter aufzählen könnten, wenn es um Frauen im Rapkosmos geht. Labelbosse, Veranstalter, Journalisten: Ihr besonders. Das ewige Argument, »es gibt halt nicht so viele«, stimmt schon lange nicht mehr. Wer damit argumentiert, hat keinen Plan von Rap oder noch schlimmer: Will keinen Plan haben. Keine Sorge, das wird nicht der x-te Artikel über Sexismus (naja, bisschen schon, ihr kennt mich). Die letzte JUICE-Ausgabe möchte ich vor allem dafür nutzen, den Frauen, die es gab und gibt, zu huldigen.

»Hey Mr. Wichtig, du machst da was nicht richtig«

Es begann mit Rapperinnen wie Cora E., Brixx, Sabrina Setlur, Mansha und Tic Tac Toe. Während Mansha eher als trauriges Beispiel dafür gilt, wie man versucht, Rapperinnen, die sich gegen erfolgreiche Typen auflehnen, in der Geschichte unsichtbar zu machen, stellten Tic Tac Toe und Sabrina Setlur Rekorde auf, die zum Teil erst dieses Jahr gebrochen werden konnten.

»Du meinst, dass du mich disst, nennst du Ficker mich Bitch?«

In den 2000ern ging es vor allem um (Berliner) Crews. In »Rapcity Berlin« wurde Adden bei Horrorkore, Pyranja bei Ostblokk (»Das alte Lied mit den Frauen. Ich sag dazu: Ist mir scheißegal, Hauptsache der Flow ist tight«), She-Raw bei Main Theme, Ninjah bei Tempeltainment und Kitty Kat bei Aggro Berlin vorgestellt. Diese wurde unter anderem auch für ihre offenherzigen Texte über Sex bekannt. Der Höhepunkt dessen ist wohl Lady Bitch Ray, die mit ihrem »Bitchism« das Wort »Bitch« neu besetzte und für ein sexpositives, selbstbestimmtes Frauenbild einstand. Deutschrap, der sich gerne in kleinen Schritten entwickelt, waren Lady Bitch Rays Sprints wahrscheinlich etwas zu schnell. 

»Endlich ist ein Mädel da«

Die anfänglichen 2010er wurden dominiert von Schwesta Ewa. Während das Narrativ der Prostituierten-gone-Rapperin in den USA längst normal war, erzählte Ewa von einer Lebensrealität, von der bisher hauptsächlich die männliche Perspektive bekannt war. Nicht zu vergessen: Rapperinnen wie Pilz und ÉSMaticx, die diverse Battles aufmischten.

»Jetzt sind die Fotzen wieder da«

Juju und Nura drehten als SXTN den Spieß um und taten einfach, worauf sie Bock hatten. Vorbilder wollten sie nie sein, aber es gibt bisher kaum Künstlerinnen, mit denen sich junge Frauen (und Männer) mehr identifizieren. 

»Du siehst mich im Fernsehen, ich bin in den Charts«

2019 brechen Frauen wie Loredana und Shirin David alle Rekorde, erst kürzlich erhielten Juju und Loredana den MTV EMA, einige Festivals planen für nächstes Jahr 50/50 Line-ups. Den Frauen, die in der Vergangenheit Pionierarbeit geleistet haben, haben wir zu verdanken, wo wir jetzt stehen. Nicht zu vergessen sind Produzentinnen wie Melbeatz, Lia oder Suena, Moderatorinnen und Journalistinnen, allen voran natürlich Visa Vie und alle anderen Frauen, die im Background wichtige Arbeit leisten. 

Jedes Mal, wenn ich die Erfolge einer Frau im Rap betone, dauert es keine drei Sekunden, bis die erste Person »DoPpElMorAL« ruft. Aber ist die Frau schuld, die strukturellem Sexismus ausgesetzt ist und merkt, mit welchen Mechanismen sie erfolgreich werden kann? Oder eine Gesellschaft, die es sie spüren lässt? Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Auch Menschen, die illegale und/oder moralisch falsche (nicht alles, was illegal ist, ist gleichzeitig amoralisch) Dinge tun, haben wiederum auch gute Dinge getan. Ja, Petra tut mir auch leid. Trotzdem kann man Rapperinnen wie Loredana nicht absprechen, dass sie dazu beitragen, dass sich wiederum andere Frauen durch ihr Dasein, ihre Erfolge und in diesem Fall sogar ihre Rolle als Mutter bestärkt fühlen. Empowerment muss nicht per se politisch korrekt sein. Kritik sollte immer stattfinden, aber nicht nur als Instrument dienen, um Errungenschaft von Frauen kleinzureden. 

»Feminismus bedeutet gleichberechtigung, und davon profitieren wir alle«

Was ich mir wünschen würde für eine noch progressive Rap-Zukunft: Rafft mal, dass Feminismus nicht bedeutet, dass alle Frauen mit unrasierten Achseln rumlaufen und Männer nie wieder einen Joke machen dürfen. Auch ich habe mir damals Orgi bei Alice Schwarzer angeguckt und gedacht: »Die checkt’s nicht.« Aber Feminismus 2019 ist nicht Alice Schwarzer. Er bedeutet Gleichberechtigung, und davon profitieren wir alle. Dass Rapper immer offener über ihre Gefühle sprechen und rumlaufen können, wie sie wollen, ist natürlich nicht die Revolution, aber: Gleichberechtigung = mehr Freiheit = die Kunst profitiert. Auf dass wir bald nie wieder betonen müssen, dass das Frauenrap auf Deutsch ist, sondern wir nur noch danach gehen, was zerstört und was nicht.

Text: Miriam Davoudvandi
Illustration: Henrike Ott

Hier geht es weiter zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6 und Teil 7.

Dieses Feature erschien zuerst in JUICE 195.

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