Prinz Pi: »Der Pi von damals würde mich nicht verstehen« // Feature

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Tippt man ein Prinz Pi Interview ab, dann kann es passieren, dass man Kamp »Versager ohne Zukunft« hörend, googelt, was für ein Accent doch gleich über das »O« von Entrecôte kommt. Denn die Welt des Friedrich Kautz, von der er uns manchmal in seinen öfters deepen Texten erzählt, war schon immer kompliziert. Die Spannweite von Versager bis Entrecôte bilden auch die fünf JUICE-Cover ab, die Prinz Pi in den letzten 15 Jahren sammelte. Einmal war darauf ein zielloses Mittelstandskind, ein anderes Mal ein nerdiger Verschwörungstheoretiker, dann plötzlich eine Stimme der Jugend, später ein erfolgreicher Label-Chef und schlussendlich ein angekommener Berliner. Jedes einzelne Foto steht für eine Station in der Schaffensphase des Musikers. Ein Gespräch über die Geschichte hinter den Covern.

Foto: Annika Yanura

Erstes Cover // JUICE #95 (2007)

Wer ist der Junge, den du auf diesem Cover siehst?
Das Foto entstand vor 15 Jahren im Backstage der Tour zu meinem ersten Album »Donnerwetter!« mit Kollegah und K.I.Z als Supports. Bei einem Tourdate hieß es plötzlich: Heute kommt jemand von der JUICE vorbei, der führt ein Interview und macht mit dir ein Fotoshooting.
Das war 2007. Damals war Deutschrap extrem unerfolgreich, fast niemand konnte davon leben geschweige denn reich werden. Dieser Junge da auf dem Cover hatte gerade sein Studium fertig und sagte sich: »Ich gehe nicht in eine Werbeagentur und werde Senior Art-Director, wie alle anderen«. Er wollte es mit Musik probieren. Deshalb gründete er ein Indie-Label, legte, um ernstgenommen zu werden, seinen Sprüher-Namen Prinz Porno ab und nahm sein erstes Album als Prinz Pi auf. Dieser Junge wollte um jeden Preis etwas anders machen als die Rapper vor ihm. Er wollte clevere Sachen sagen und nicht mit einem harten Image kaschieren, dass er ein deutscher Lauch ist. So begann er stattdessen über seine Lebensrealität zu sprechen und sich Gedanken über die Welt und die Gesellschaft zu machen.

Warum inszenierte sich dieser junge Weltveränderer mit Hantel, Sonnenbrille und Gelfrisur – gab es da eine tiefere Idee?
(lacht) Nein, auf gar keinen Fall! Über sowas hat man sich damals keine Gedanken gemacht. Das war die Hantel von Toni (Kollegah). Die lag da einfach rum, also habe ich sie genommen und in die Kamera gehalten. Ich habe mir damals über mein Image auf Fotos keinen Kopf gemacht. Das Hemd, was ich auf dem Foto trage, ist von Y-3, einer Kollaboration zwischen Adidas und Yohji Yamamoto. Vor 15 Jahren wusste noch niemand wie teuer ein Outfit ist. Heute leben wir in einer viel visuelleren Welt, in der junge Menschen großen Wert auf teure Marken legen.

Was sich seit 15 Jahren nicht geändert hat, ist die Bedeutung auf einem Cover stattzufinden. Was hat dieser Junge gedacht, als er damals das JUICE-Magazin mit seinem Gesicht auf dem Cover in den Händen hielt?
Vielleicht beschreibe ich das in etwa so: Wir alle kommen mit dem Gefühl aus der Schule, dass wir für das, was wir machen, eine Bewertung in Form eines Zeugnisses bekommen. Bonus-Zahlungen oder Beförderungen ersetzen diese Zeugnisse im Arbeitsleben. Das alles sind Rückkopplungen, die dir anzeigen, wie gut du deinen Job machst. Als Rapper in Deutschland im Jahr 2006 hast du diese Bestätigung nicht bekommen, weil du mit deiner Musik kaum Geld verdient hast – außer dein Name war Bushido oder Sido. So ging das auch K.I.Z und Kollegah, die damals mit mir in einem kleinen Neun-Sitzer Tourbus gefahren sind – das waren krasse Musiker, aber noch keine Stars. Ein Kommentar im Mzee-Forum zu unseren Konzerten war der einzige Hinweis, ob wir mit der Musik Erfolg hatten. Das JUICE-Cover hingegen war ein offizieller Stempel, der dir bescheinigte, dass du dein Leben in diese Musik gesteckt hast. Auf dem Cover zu sein, war für mich als junger Künstler eine unwahrscheinliche Bestätigung. Es hat mich so stolz und glücklich gemacht.

Wenn du zurückreisen könntest in den Backstage zu deinem 28-Jährigen Ich, das man auf diesem Cover sieht: Was würdest du ihm sagen?
Präsentier dich so, wie du in deiner Musik bist. Das Foto hat nicht viel mit deinen Songs zu tun mein Jung. Lass dir einen Bart wachsen, du hast ein unschönes Kinn.

»Ich sehe keinen Grund in 20 Jahren nicht mehr auf einer Bühne zu stehen. Ich will ja auch kein klassischer Rap-Artist sein.« Das hast du im Interview zur damaligen Titel-Story gesagt. Woher hast du als junger Künstler die Überzeugung genommen, dass das alles irgendwann einmal klappt?
Ich war schon immer ein super selbstkritischer Mensch. Aber es gab einen Moment in meinem Leben, in dem ich entschieden habe, dass es mir die Welt bedeutet, Musiker zu werden. Meinen Eltern musste ich erst beibringen, dass das keine schlechte Idee ist. Wäre ich nicht davon überzeugt gewesen, einer der besten Texter in Deutschland zu sein, dann hätte ich mich damals gegen die Musik entschieden. Im Interview vor 15 Jahren hatte ich bereits eine Vision, welche Position ich im Deutschrap einnehmen wollte. Diese Position war unbesetzt und niemand anderes hatte Aussichten sie auszufüllen. Daraus erwuchs mein Mut, es einfach zu versuchen.

Wenn du an die nächtlichen Momente mit Casper, K.I.Z, Maeckes und Kollegah im Tourbus zurückdenkst: Wart ihr überzeugt, dass das einmal so groß wird wie heute?
Die Jungs bei mir im Bus waren schon damals krasse Künstler. Bei K.I.Z beispielsweise hatte sich das bereits abgezeichnet. Die waren eine der ersten Rap-Gruppen, die bei einem Major-Label waren und von einem richtigen Profi-Manager betreut wurden, der bereits 20 Jahre im Musikgeschäft war und die richtigen Kontakte hatte – da haben die Rahmenbedingungen einfach gestimmt. Kollegah war der Gegenentwurf. Der hatte nur Elvir. Ein Mann, der im wahrsten Sinne des Wortes alles »Selfmade« auf die HipHop-Art gemacht hat. Doch selbst die beiden glaubten fest daran, dass sie es irgendwann schaffen würden. Am Ende sollten sie damit recht behalten. Nicht nur uns Künstlern damals im Tourbus, auch den Leuten um uns herum hast du angemerkt, wie sehr wir es schaffen wollten – alle hatten so einen Biss. Kollegahs »Boss der Bosse« beispielsweise war technisch gesehen mind-blowing. Der Typ war so ein Talent. Das hatte man zuvor noch nie im Deutschrap gehört.

Gab es rückblickend einen Moment in deiner Karriere an dem dein Weg beinahe anders verlaufen wäre?
Diesen Moment, in dem du alles hinwerfen willst, den hat jeder. Künstler, die lange dabei sind, haben diesen Moment oft durchlebt. Da musst du durchgehen, selbst wenn die anderen dir das nicht raten. Zum Zeitpunkt dieses Covers habe ich mein Album »Donnerwetter« gemacht. Das hat über zwei Jahre wahnsinnig viel Kraft gekostet. Am Ende saß ich ewig lange an diesem super aufwendigen Cover und mein Produzent Biztram hat eine zweite CD gemacht, die einen komplett klassisch instrumentierten Filmsound hatte, über den ich einen 40-minütigen Storytelling-Track gerappt habe. Es war völliger Irrsinn, so etwas auf die Beine zu stellen. Aber ich habe es gemacht, weil ich daran geglaubt habe. Auch die anderen haben mitgemacht, weil ich daran geglaubt habe. Ich erinnere mich als wäre es gestern… Am Abend vor dem Release war ich mit Ramin von Groove Attack etwas trinken und er sagte zu mir nach zwei Jahren Arbeit: »Ey das Album wird durch die Decke gehen, vielleicht wird es nicht die Eins, aber auf Platz Zwei wirst du definitiv charten!«. Am Ende sind wir auf Platz 56 gechartet. Um nochmal den Schulzeugnis-Vergleich zu bemühen: Das war eine gefühlte Vier-Minus.

»Ich habe jahrelang nur geschrien.«

Die Coverstory trug damals den Titel Neue Idole. Dieser Titel bezieht sich auf einen Song von dir (»Keine Idole«) und zugleich auf eine Aussage, die du im Interview triffst: »Ich kämpfe gegen diese Anti-Idole, gegen die Sinnlosigkeit, gegen den von den Medien gnadenlos gepushten Hedonismus«. Als Anti-Idol hast du damals in erster Linie Paris Hilton bezeichnet. Ich frage mich: Bist du denn selber heute zu dem anti-hedonistischen Idol geworden, das du damals sein wolltest?
Also zunächst einmal: Paris Hilton hat mich damals schon sehr krass aufgeregt. Die hatte dieses T-Shirt mit dem Spruch: »Stop being poor!«. (Anmerkung: Das Shirt war eine Fotomontage. Paris Hilton hat dieses Shirt wahrscheinlich nie getragen, wie sich Jahre später herausstellte). Aber zu deiner Frage. (überlegt)… Also ich glaube schon, dass ich ein Vorbild für meine Fans geworden bin. Wobei sich die Beziehung zu meinen Fans über die Jahre sehr verändert hat, da ich inzwischen ein »erwachsener« Erwachsener und Familienvater von drei Kindern bin. Mittlerweile spreche ich in meinen Texten nicht mehr über kaputte Beziehungen, weil ich heute eine funktionale Beziehung führe. Natürlich habe ich auch einen Fundus an Luxus-Gegenständen, den ich mir früher nicht hätte vorstellen können. Allerdings sind meine privaten Schätze – meine Musikanlagen, meine Kaffemaschine oder mein Auto – keine Dinge über die ich mein Image aufbaue. Andere Künstler tun genau das. Ich hingegen könnte von mir aus auch einfach Senseo Kaffee trinken und VW Golf fahren. Diese Luxus-Güter zu besitzen ist für mich so eine Kultur-Sache, die ich selber einfach mag. Ich glaube aber der Prinz Pi von damals könnte nicht verstehen, wie ich heute lebe. Aber der hätte vor allem auch nicht verstanden, wie man drei Kinder haben kann.

Neben einer Absage an jeglichen Hedonismus ist »systemkritisch« wohl das Adjektiv, das den Prinz Pi von damals am besten beschreibt. Wärt ihr nicht in wahnsinnig vielen Dingen heute getrennter Meinung?
(überlegt) Nein, das glaube ich nicht. Diese Systemkritik oder nenn es »Verachtung von Regeln« ist geblieben. Noch immer spüre ich in mir harte Ablehnung gegen Dinge, die klingen wie: »Das haben wir schon immer so gemacht und das wird auch so bleiben!«. Noch immer hasse ich diesen nach unten gewandten, verachtenden Blick einer Bevölkerungsschicht, die sich an anderen bereichert. Ich fordere noch immer soziale Gerechtigkeit, bzw. eine Leistungsgerechtigkeit, die Menschen mit wichtigen Jobs richtig entlohnt. Beispielsweise Krankenpfleger, Rettungssanitäter oder auch Altenpfleger – ich finde das sind mitunter die wichtigsten Jobs, doch sie bekommen dafür weder genug Geld noch gesellschaftliche Anerkennung. Was sich verändert hat, ist der Blick auf meine eigene Wut. Ich habe jahrelang geschrien und musste mir so lange anhören, dass das doch alles Quatsch ist, was ich da fordere, bis ich aufgehört habe zu schreien. Heute würde ich sagen, dass es nichts bringt so laut zu schreien, wie ich es früher getan habe.

Du hast damals davon erzählt, dass deine Eltern dein Konzert in Berlin früher verlassen haben. Heute hast du selbst eine Familie und verhandelst deine Vaterrolle so explizit in Songs, wie es nur wenige Rapper machen. Ist es dir wichtig, dass deine Kinder verstehen, wer du einmal warst und wie dein Leben aussah?
Meine älteste Tochter war schon oft auf meinen Konzerten. Sie steht dann da mit ihren Freundinnen und tanzt zu manchen Liedern, die sie cool findet. Generell kennen mich meine Kinder nicht nur als Musiker, sondern als Vater. Ich weiß nicht, ob mich meine Tochter als Rapper wahrnimmt. Sie weiß zwar, dass ihr Vater ein Studio hat und dass ab und an Onkel Raf oder Onkel Fler mit lauten Autos zu Besuch kommen, mehr interpretieren die da aber nicht rein. 

»Meine Musik ist nicht unveränderlich, sondern ein ungefiltertes, sich immer veränderndes Journal meines Lebens. Nicht jeder meiner Fans kann mit jeder Phase meines Lebens etwas anfangen.«

Wie über eine Familie hast du damals auch über deine Fans gesprochen. Du hast von einem Fan erzählt, der dir sagte, er würde gerne in eine Sekte von dir eintreten, so sehr liebe er deine Musik und von einem anderen, der sich einen Song von dir auf seiner Beerdigung gewünscht habe. Hast du manchmal noch Kontakt zu Fans der ersten Stunde?
Über die Jahre sind noch viel verrücktere Geschichten mit meinen Fans passiert. Meine Fans der ersten Stunde gibt es noch, die schleppe ich zum Teil seit Jahrzehnten mit mir rum. Manchmal schreibt mir jemand, der mit meiner Musik erwachsen geworden ist, inzwischen jedoch im Ausland wohnt und meine Konzerte nicht mehr besuchen kann, aber meine Musik noch immer verfolgt. Der Kontakt zu diesen Menschen ist für mich sehr wichtig. Die meisten Freundschaften halten nicht so lange, wie manche meiner Fan-Beziehungen mich bereits begleiten. Ich liebe es, wenn mir Fans von früher schreiben: »Ey Pi guck mal, manchmal stand ich in meiner Entwicklung an genau demselben Punkt im Leben wie du, dann hast du aber ein Album gemacht, das konnte ich nicht mehr nachvollziehen, weil unser Leben anders verlaufen ist oder ich noch nicht an dem neuen Punkt angekommen war. Heute ist mir aber plötzlich klar geworden, was du damals damit meintest«. Meine Musik ist kein gleichbleibendes Zuhälter-Narrativ wie bei Kollegah, sondern ein ungefiltertes, sich immer veränderndes Journal meines Lebens. Nicht jeder meiner Fans kann mit jeder Phase meines Lebens etwas anfangen.

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