2021 war nichts wichtiger als #DeutschrapMeToo // Kommentar

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Das Jahr geht zu Ende und wie immer setzt damit die Phase ein, in der man die wichtigsten Ereignisse der letzten 12 Monate noch einmal Revue passieren lässt und einordnet. Dabei sind einige spannende Alben und Artists zu nennen, die wir euch bald in unserem (W)Rap-Up präsentieren, genauso wie 2021 bereits das zweite Jahr war, in dem die gesamte Musikwelt extrem durch die Corona-Pandemie beeinflusst wurde. Was beim Rückblick auf das Deutschrap-Jahr 2021 hängenbleibt, sind aber weniger neue Musik und abgesagte Konzerte, als vielmehr der Prozess, der durch den Mut von Influencerin Nika Irani angestoßen wurde und von einer aktivistischen Initiative weitergeführt wird: #DeutschrapMeToo. Warum das Thema so wichtig ist, wie wir als JUICE damit umgegangen sind und welche Konsequenzen es in Zukunft braucht.

Mit den erhobenen Vorwürfen gegen einen bekannten Rapper, der die Vorwürfe abstreitet, hat Nika Irani ein Thema auf die Karte gesetzt, das im Endeffekt kein neues ist, aber bisher kaum ernsthafte Veränderungen ausgelöst hat. Es ist nicht so, als ob das Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt nicht schon seit Jahren immer wieder in Berichterstattung stattfinden würden. Salwa Houmsi hat 2017 ausführlich zum alltäglichen Sexismus in der Rapszene geschrieben, dem Moderatorinnen und Interviewerinnen ausgesetzt sind; Oliver Marquardt hat schon 2019 gefordert, dass Deutschrap eine #MeToo-Bewegung braucht; Jane hat sich letztes Jahr über eine absurde Debatte ausgekotzt, in der das eigentliche Thema, belästigte Frauen, komplett in den Hintergrund geraten ist. Die Wirkung solcher Beiträge, so wichtig sie auch sind, blieb eher begrenzt.

In diesem Jahr hat sich das geändert und zum ersten hat man das Gefühl, dass mehr als eine kurze Welle der Empörung entstanden ist. Das liegt zum einen daran, dass Nika Irani den mutigen Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hat und dort offen über ihre eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt spricht. Zum anderen liegt das an der Welle der Solidarität und Unterstützung im Kampf gegen sexualisierte Gewalt, die daraufhin folgte. Die Initiative #DeutschrapMeToo hat in den letzten Monaten als Vernetzung von Betroffenen sexualisierter Gewalt in der Deutschrapbranche agiert und die Berichte von Betroffenen Frauen in anonymisierter Form auf Instagram geteilt. Während Nika der Bewegung ein Gesicht gegeben hat, sind diese Berichte die Stimme von Vielen, die die Dimensionen des Problems mehr als deutlich machen. Wer immer noch nicht anerkennt, dass es in der Szene ein strukturelles Problem gibt, verharmlost diese Übergriffe.

Unser Umgang #DeutschrapMeToo

Von einigen Seiten wurde der Ruf laut, dass es doch an den HipHop-Medien und der fehlenden Bereitschaft zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema läge, dass sich in der Szene nichts tut. Solche Kritik an der (fehlenden) Berichterstattung ist zwar an vielen Stellen gerechtfertigt, aber überschätzt den Einfluss solcher Artikel komplett. An dieser Stelle daher ein kurzer Einblick, wie wir als JUICE mit #DeutschrapMeToo umgegangen sind. Nachdem die Vorwürfe öffentlich gemacht und auf Sozialen Medien verbreitet wurden, haben wir als erstes HipHop-Medium eine Meldung dazu verfasst. Dieser Artikel, obwohl nur knapp anderthalb Tage online, wird unser meistgeklickter Beitrag 2021 sein. Auch das verdeutlicht die Wichtigkeit des Themas und das Interesse unserer Leser*innen am Thema. Genauso ist klar geworden, dass nicht nur Sexismus, sondern auch das Vorgehen gegen kritische Berichterstattung in der Szene bestand hat. Dass etliche Beiträge verschiedener Magazine, in denen es um konkrete Vorwürfe gegen Rapper ging, in den letzten Jahren aufgrund von Abmahnungen offline genommen wurden, sollte kein Geheimnis sein.

Danach waren in der Öffentlichkeit vor allem zwei Arten von Reaktionen zu beobachten: Einmal der verzweifelte Kampf um Aufmerksamkeit von Sexisten und Verschwörungstheoretikern, die das Thema für ihre Zwecke instrumentalisieren wollten. Zum anderen die Solidarität mit Nika Irani, weiteren Betroffenen und der #DeutschrapMeToo-Initiative, sowie simple Positionierungen gegen Sexismus. Während wir uns, hauptsächlich auf Instagram, mehrfach solidarisch mit der Initiative #DeutschrapMeToo erklärt haben und dadurch auch ins Visier der zuvor genannten Schwachköpfe geraten sind, haben wir auf weitere Statements oder Artikel vorerst verzichtet. Das lag vor allem daran, dass so ein Statement nur wirklich dann sinnvoll ist, wenn man tatsächlich hinter seinem Inhalt stehen kann und etwas Produktives beiträgt. Manche Rapper haben sich für eine catchy Instagram-Kachel entschieden, auf der dann beispielsweise ein plakatives »Nein zu Sexismus« zu lesen war. Das ist vielleicht gut gemeint, aber nicht konsequent umgesetzt, wenn man das Thema damit abhakt und im nächsten Post schon wieder mit sexistischen Mackern abkumpelt. Solche Schnellschüsse wollten wir vermeiden, weil sie eher scheinheilig und inhaltsleer sind, als wirkliche Konsequenzen zu ziehen.

»Wir alle sind Teil einer HipHop-Szene, die ein großes Problem hat. Wo sollte man also anfangen, Konsequenzen zu ziehen und etwas zu verändern, wenn nicht dort?«

Und genau darum geht es: Ernsthafte Konsequenzen aus #DeutschrapMeToo zu ziehen und damit Teil eines Prozesses zu werden, der Strukturen in der Szene erneuert. Ja, niemand hier wird Sexismus im Alleingang besiegen und das Problem sexualisierter Gewalt ist kein spezifisches Deutschrap-Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches, das sich genauso in anderen Kulturbereichen wie Comedy oder Poetry Slam zeigt. Dass dort teilweise genauso rigoros abgemahnt wird, ist kein Zufall, sondern zeigt eher, an wie vielen Stellen der Kampf gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt erschwert wird. Andererseits sind wir alle Teil einer HipHop-Szene, die ein großes Problem hat. Sexistische Texte gehören für viele zum guten Ton, über sexualisierte Gewalt soll am liebsten geschwiegen werden – ein Wandel ist dringend nötig. Wo sollte man also anfangen, Konsequenzen zu ziehen und etwas zu verändern, wenn nicht zuerst dort?

In den letzten Monaten haben wir uns damit auseinandergesetzt, wo wir diese Konsequenzen bei uns selbst ziehen können. Das hier ist kein Zeigefinger-Artikel, der die Schuld nur bei anderen sucht und sich selbstgefällig als Beobachter zurücklehnt. Wir ziehen nicht erst seit #DeutschrapMeToo Konsequenzen, wenn Rapper Scheiße bauen. Leute, die Verschwörungstheorien verbreiten, sich rassistisch äußern, ekelhaft sexistische Texte rappen und in anderer Weise durch die Verharmlosung sexualisierter Gewalt aufgefallen sind, finden bei uns keinen Platz. Stattdessen versuchen wir, die andere Teile dieser vielfältige Szene, die wir längst haben, in ihrer Diversität abzubilden. Dabei kann man auf den klassisch sexistischen Macho Type Artist ziemlich einfach verzichten. Trotzdem geht unser Umgang damit oft nicht weiter, als gewisse Personen in unserer Berichterstattung zu ignorieren, anstatt ausführlicher darüber zu berichten, welche Kritik gegen diese Personen im Raum steht. Dort wollen wir in Zukunft mehr Arbeit leisten. (An dieser Stelle trotzdem nochmal der Hinweis auf das Abmahn-Problem) Darüber hinaus versuchen wir, eine größere Sensibilität für sexistische Texte zu entwickeln. Klar ist aber auch, dass sexistische Textzeilen nur ein kleiner Anfang sein können, um gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt vorzugehen. Übergriffe durch Männer kommen aus allen möglichen Ecken der Szene und können sich auch hinter harmloseren Lyrics verstecken.

Es braucht überall Konsequenzen

Um wirklich aktiv gegen das Problem vorzugehen, braucht es deshalb Unterstützung aus allen möglichen Ecken dieser Szene und Industrie. Andere HipHop-Magazine sind nicht gerade glänzende Vorbilder, was den Umgang mit Sexisten anbelangt. Einige Kolleg*innen dürfen gerne anfangen sich zu fragen, ob sie wirklich den hundertsten unkritischen News-Artikel zu problematischen Rappern veröffentlichen sollten, nur weil es Klicks bringt.

Am meisten betrifft ein Umdenken natürlich die Rapper selbst. Sie sind gegenüber Fans in Machtpositionen und sollten ihr Verhalten dementsprechend reflektieren. Dabei ist weniger wichtig, wie oft sie »Bitch« rappen, als wie sie sich gegenüber Frauen verhalten. Dass Betroffene oft sehr junge Frauen sind, die manipuliert und unter Drogen gesetzt werden, sollte jedem zu denken geben.

Ähnliches gilt für Labels, insbesondere die drei Majors Universal, Sony und Warner, die ihre Signings nicht hinterfragen, solange sie genug Geld einbringen. Aller paar Wochen eine Promo-Mail zu einem feministischen Song von gesignten Rapperinnen zu schicken, der das Labelimage aufbessern soll, ist außerdem scheinheilig, wenn man es nicht mal hinbekommt, sich glaubwürdig von Sexisten in den eigenen Reihen zu distanzieren. (Kein Vorwurf an Rapperinnen, die feministische Songs releasen – egal ob gesignt oder nicht.)

Weiter geht es bei Booking-Agenturen und Festivals, die ihre Tourpläne und Line-Ups mit Männern vollstopfen, anstatt Frauen und non-binäre Personen fair zu repräsentieren. Immerhin das Spektrum Festival geht 2022 voran und zeigt, wie konkrete Veränderungen aussehen können. Bei der nächsten Ausgabe werden genauso viele Rapperinnen, Produzentinnen und Musikerinnen auf dem Line-Up stehen, wie männliche Artists.

Dieselben Probleme bei der Auswahl von Rappern gibt es in den großen Deutschrap-Playlists von Spotify, die ihrer Hörerschaft regelmäßig übergriffige Männer und sexistische Texte vorsetzen. Durch prominente Playlist-Platzierungen verstärkt der Streamingdienst noch, dass eh sehr viele Leute diese Rapper hören.

Zuletzt liegt ein Umdenken deshalb auch bei den Fans, die großen Einfluss darauf haben, wer Erfolg hat und wer nicht. In den letzten Wochen hat eine Grafik von Spotify die Runde gemacht, auf der die zehn erfolgreichsten Künstler*innen 2021 in Deutschland gezeigt werden. Viel davon sind Rapper, einige davon werden für Sexismus und Rassismus kritisiert. Dass sie in diesen Top10 gelandet sind, liegt nur indirekt an Spotify, wo die Artists für solche Listen nicht redaktionell nach Qualität der Musik ausgewählt werden. »Erfolg« bedeutet auf Spotify schlicht, dass die ersten dreißig Sekunden der eigenen Songs möglichst oft abgespielt werden. Und diese Verantwortung liegt in der Masse der Hörer*innen, die in dieser Aufzählung sowieso die größte Gruppe ausmachen und alle vorig genannten Leute aus der Szene einschließen. Es macht einen Unterschied, was ihr euch anhört. Erst recht, seit unser Hörverhalten dank Spotify systematisch erfasst und ausgewertet wird.

Die Fans in der Community haben am Ende die lauteste Stimme und auf Social Media-Kanälen einfache Möglichkeiten, diese Stimme in die Öffentlichkeit zu bringen. #DeutschrapMeToo ist eine Bewegung von unten, bei der Soziale Medien extrem wichtig für Austausch und Aufklärung waren und immer noch sind. Denn #DeutschrapMeToo ist nicht vorbei, sondern im besten Fall der Startschuss für einen andauernden Prozess, der Strukturen in der Szene erneuert. Das wird nur gelingen, wenn die Bewegung von Vielen unterstützt wird und von unten nach oben schwappt. Sprich: Zu all den Leuten, die in dieser Branche ihr Geld verdienen. Daher der Aufruf an alle (uns selbst eingeschlossen), die den Kampf gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt ernst nehmen: Zieht Konsequenzen aus #DeutschrapMeToo!

Text: David Regner

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