Kamp: »Nichts gescheites, aber es funktioniert« // Interview

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Kamp ist back! 13 Jahre nach seinem Album »Versager ohne Zukunft« mit Produzent Whizz Vienna ist mit »2urück 0hne 2ukunft« ein Nachfolger erschienen, den wahrscheinlich nur die wenigsten erwartet haben. Zusammen mit Fid Mella verarbeitet Kamp dort neue Verhaltensweisen, persönliche Verluste, den Wechsel vom Rapper zum Bürohengst und die Gründung einer eigenen Familie. Wir haben uns nach dem Release von »202« mit dem Wiener zusammengesetzt und über die Phase nach »VOZ«, die kaputte Musikindustrie, Tauben und natürlich seine Zukunft unterhalten.

Wie geht’s dir nach dem Release des Albums? Du rappst dort, dass dich dein Releasedate nicht juckt.
Kamp:
Das Releasedate ist ja offensichtlich, weil es so lange gedauert hat. Ich freue mich, dass die Reaktionen durch die Bank weg sehr schön sind und alle fünf Leute, die das nach wie vor verfolgt haben, sich über die Platte gefreut haben. Vielleicht kommen die ganzen negativen Katastrophen-Reviews später bei mir an. Bis jetzt ist das ein super Feedback und ich müsste lügen, wenn ich behaupte, dass mir das nichts bedeutet. Das ist nach all der Zeit sehr schön. Meine Familie und ich haben uns letzte Woche Corona eingefangen und hatten dadurch viel Zeit uns die Reaktionen anzuschauen. Fühlt sich gut an wieder back zu sein!

Von wegen fünf Leute. Die erste Vinyl-Auflage war innerhalb eines Tages ausverkauft! Die Leute hatten dann schon großes Interesse, oder?
Kamp:
Das war auf jeden Fall mehr als wir eingeschätzt haben. Ob das jetzt wirklich mehr als fünf Leute sind, die sich jeweils 200 Platten bestellt haben, weiß ich nicht. Das werden dann eBay und Discogs zeigen. Aber das ist natürlich dieses Tiefstapeln, das wir uns angeeignet haben, um nicht verletzt zu werden. (lacht)

Gab es diese Angst in gewissem Maße tatsächlich bei dir? Dass du doch nochmal ein neues Album herausbringst, dass an deinem Ruf kratzen könnte, der durch VOZ und die lange Pause danach quasi schon legendär geworden ist?
Kamp:
Ja, auf jeden Fall. Das war zumindest ein Gedanke, wenn auch keine große Angst. Fid Mella und ich wussten schon, dass wir etwas schönes gebastelt haben. Aber es ist immer eine andere Sache, ob das bei den Leuten auch so ankommt. Natürlich wäre es einfacher gewesen, sich ewig auf diesem »Classic« auszuruhen, der vielleicht kein Konsens-Klassiker ist, aber bei Leuten, auf deren Meinung ich etwas gebe, eben doch als Klassiker gilt. Wir haben uns dazu entschlossen den Versuch zu starten, einen zweiten Klassiker „hinterherzuschieben«. Also 13 Jahre später. (lacht) Das war immer wieder ein für und wider – ich bin froh, dass wir das gemacht haben.

In den vergangenen 13 Jahren sind natürlich eine Menge Dinge passiert, über die man jetzt reden könnte. Vielleicht kannst du als erstes erzählen, wann und wie du nach VOZ mit Musik generell weitergemacht hast. Gab es da eine Pause?
Kamp:
Ich habe direkt im Anschluss an das VOZ-Album weiterhin geschrieben und hatte den Wunsch noch ein weiteres Album rauszubringen. Deswegen gibt es auf »202« einzelne Parts, die teilweise 13 oder 14 Jahre alt sind. Ursprünglich war eine EP geplant, die auf VOZ folgen sollte. Die war mit Mellas und meinem Freund Mainloop geplant, der das Hector Macello-Label gemacht hat, wo die ganzen Beatsachen der Jungs veröffentlicht werden. Im Zuge dieses Arbeitsprozesses habe ich es geschafft Mainloop die Freude am Produzieren und Musikmachen auszutreiben und bin dann Stück für Stück mit dem Zeug zu Mella rüber gewandert. Da waren einige Skizzen und Strukturen schon da, die Platte hätte »Vom Opium zerstört« heißen sollen, das ist ein Insider-Schmäh. Diese EP haben wir immer mal wieder angekündigt und wurde jetzt zu diesem Doppel-Album mit Fid Mella. Der Wunsch etwas herauszubringen war nach VOZ auf jeden Fall noch da, er ist nur im Laufe der Zeit immer weniger geworden. Bis auf alle paar Monate ein bisschen schreiben habe ich im Großteil dieser Zeit zwischen den Alben keine Musik gemacht. In Wirklichkeit auch keine Musik gehört, ich war da komplett raus.

Gab es einen großen Grund?
Kamp:
Das war tatsächlich nur persönlich. Ich habe irgendwann die Notwendigkeit gesehen, mir ein richtiges Normalo-Leben aufzubauen und weg von den Höhen, den Tiefen und dem Exzess zu kommen. Ich hoffe, dass ich davon auch jetzt größtenteils wegbleiben kann, auch wenn ich mich dazu entschlossen habe, wieder in dieses Spiel zurückzukehren. Richtung 2012, 2013 war ich mit Mädness und Morlockk Dilemma auf einer Tour, aber da war ich gefühlt schon einige Zeit raus. Das war nochmal ein guter Grund nicht weiterzumachen. Ich kann immer nur eine Sache machen und bin der Multitasking-unfähigste Mensch. Vor allem weil ich einen relativ hohen Anspruch an die Sachen stelle, die ich mache. Dann wollte ich halt der beste im Berufsfeld sein, das ich mir ausgesucht habe. Quasi der Beste im Normal-Sein. Dafür musste ich die Musik zumindest pausieren.

»Ich bin ein 40 Jahre alter Sack mit einer gefühlten Lebenserwartung von vielleicht noch 20 Jahren. Ich möchte diese Jahre mit etwas füllen, das mir etwas bedeutet. Und das ist, seit ich denken kann, dieses Rap-Ding gewesen.«

Hat es dir etwas gegeben, in dieses »Normalo-Leben« zu gehen?
Kamp:
Voll. Zu Beginn hat mir das relativ schnell relativ viel gegeben. Das hat über die Zeit dann aber recht schnell nachgelassen. Ich habe mir innerhalb meines Jobs Möglichkeiten gesucht, kreativ zu sein und mir darüber eine Form von Bestätigung zu holen. Als ich da gefühlt alles rausgeholt habe und ich noch immer nicht befriedigt war, bin ich halt wieder zum Rappen gekommen. (lacht)

Das klingt nach den Höhen und Tiefen, die auch das aktuelle Album bestimmen. Bist du eigentlich auf der Suche nach mehr Beständigkeit oder gehören diese wechselhafte Phasen mit zu deiner Person?
Kamp:
Ich glaube tatsächlich beides. Ich fürchte es gehört zu meiner Persönlichkeit dazu. Ich bin ein Mensch der Extreme, auch der ungesunden Extreme. Aber ich habe eine Familie und eine kleine Tochter. Das hilft auf jeden Fall dabei sich zusammenzureißen und das Schöne in der Beständigkeit zu sehen. Auf der anderen Seite bin ich auch ein 40 Jahre alter Sack mit einer gefühlten Lebenserwartung von vielleicht noch 20 Jahren. Ich möchte diese Jahre mit etwas füllen, das mir etwas bedeutet. Und das ist, seit ich denken kann, dieses Rap-Ding gewesen. Insofern gönne ich mir das jetzt und versuche gleichzeitig, dass niemand von meiner Familie darunter leidet.

Schon ein gewagter Schritt, gerade wenn man auf die aktuelle Raplandschaft blickt, die von eher jungen Leute bestimmt wird und wo die Rapper in deinem Alter meistens welche sind, die regelmäßig in den Charts landen.
Kamp:
Absolut, es ist ambitioniert. Aber ich glaube tatsächlich, dass es heutzutage für vieles eine Nische gibt, wo es keine Grundvoraussetzung ist, dass du everybodys darling bist und besonders breit stattfindest. Die einzelnen Nischen sind momentan gerade groß genug, dass auch so obskures wie ein Kamp da existieren und ein bisschen mitnaschen kann. Ohne dass ich mich verdrehen müsste oder mich ständig mit Leuten vergleichen müsste, die es wirklich geschafft haben. Das ist gerade ein guter Zeitpunkt, es kann aber bald auch wieder anders aussehen. (lacht) Aber ich glaube derzeit kann vieles so koexistieren wie man es vor 10-15 Jahren erwartet hat, als es de facto noch nicht so war. Dass eben der Conscious-Rap neben dem Straßen-Rap neben dem Pop-Rap seine Nische und Berechtigung hat. Das war damals eher für ein paar bekannte Namen so. Jetzt sind wir im Zeitalter der Bubbles angekommen. Das kann echt eine scheiß Tatsache sein, aber für den Kreativbereich ist es teilweise ganz gut, dass wir im Bubble-Zeitalter sind.

Klar. Vor dem Interview habe ich gesehen, dass du aktuell in den Midweek-Charts auftauchst, obwohl Kamp jetzt nicht gerade der geläufigste Name aktueller Deutschrap-Hörer*innen ist.
Kamp:
Das zeigt umso mehr wie kaputt die Musikindustrie ist. (lacht) Aber auf der anderen Seite auch schön. Alles, was kaputt ist, bietet auch viele Möglichkeiten. Es muss zerstört werden, damit etwas neues aufgebaut werden kann. (lacht)

Auf »Bürohengst« beschreibst du die Modewelt, in die du beruflich gegangen bist, als »Freakshow«. Da habe ich mich natürlich gefragt, ob die Rap-Welt nicht mindestens genauso eine Freakshow ist, zu der du jetzt zurückkehrst.
Kamp:
Absolut. Beides sind Freakshows. Ich fühle mich der Rapwelt aber mehr verbunden, weil ich mich als menschlichen Bodensatz sehe, im Gegensatz zu den Menschen in der Modebranche. Und ich rede da nicht von »Tamaris« oder so, ich war im absoluten Luxusbereich tätig. Ich war in Showrooms von Gucci bis Valentino und habe dort gearbeitet. Auch die Rapwelt ist absurd, aber dieser High-End-Bereich in der Modebranche ist wirklich ekelhaft. Das sind Leute, die ihre Existenz dadurch aufwerten, dass sie dort arbeiten und sich unglaublich spüren. Dieses ganze Tamtam und Drumherum ist wirklich ein Zirkus. Ich fühle mich der Rapwelt verbundener, weil es etwas bodenständigeres ist als dieser Bereich, in dem ich gearbeitet habe. Ich bin froh, dass ich dort aktuell nicht mehr bin, denn dieser Zirkus dreht sich natürlich trotzdem weiter. Trotz allem, was in der Welt gerade los ist, sitzt man im Showroom und unterhält sich über neue Schuhe, lässt sie sich von Models vorführen und hat die dümmsten Diskussionen mit Geschäftsführern. Angesichts der derzeitigen Lage der Welt ist das noch absurder als es mir damals erschien.

»Ich musste keine Platte als super cleaner straight-edge-Kamp machen, sondern konnte meine alte Person weiterführen. Nur mit den Zusätzen, dass ich ab und zu ein braver Kerl bin und dann wieder in alte Muster verfalle.«

Ist die Modewelt nicht auch ein Ort des Exzesses und der Drogen?
Kamp:
Absolut, aber da war ich nur ein kleines Zahnrad, dass das nur von außen mitbekommen hat. Aber natürlich gibt es da eine Dekadenz, egal ob du im Top-Bereich der Wirtschaft oder im Management an sich bist. Die Modewelt ist von Exzess, »Wir sind besser als der Pöbel« und »Wir spüren uns besonders, wenn wir Party machen« geprägt. Aber das hat mich zum Glück nicht betroffen und ich habe brav mein Bürohengst-Leben führen können. Ich war ein Einkaufs-Assistent. Ich habe Dinge eingekauft, die Leute im Laden ein halbes Jahr später einkaufen konnten. Ansonsten hätte ich da wahrscheinlich auch Exzess mitgemacht.

Als ich die erste Single »202« gehört habe, dachte ich erst es wird ein komplettes Anti-Alkoholiker-Album, weil du rappst, dass du genug vom Hardcore-Trinken hast. Das war dann nicht der Fall, aber es spielt trotzdem eine Rolle. Wie war es für dich diese Art von Lebenswandel im Vergleich zu VOZ in den Texten zu verarbeiten? Es hat sich ja nicht komplett geändert, aber changiert hin und her.
Kamp:
So wie es auch im Leben eines Alkis ist. Das wechselt sich auch ab. Und wenn du jemand bist, der nur Null oder Hundert kann, dann ganz besonders. Das ist mitunter ein Grund, warum wir es nicht geschafft haben, eine Platte im Anschluss an VOZ zu machen. Ich hatte erstmal eine Abstinenz, wo ich keinen Tropfen Alkohol getrunken und ich ein recht gesundes Leben geführt habe. Ich wusste nicht wie ich das in meine Rap-Persona übersetzen soll. Dieser große Zeitraum, den das Album gebraucht hat, hat es mir erst möglich beziehungsweise leichter gemacht diese Platte fertigzustellen. Weil es dann legitim ist, dass dort beides stattfindet. Ich musste keine Platte als super cleaner straight-edge-Kamp machen, sondern konnte meine alte Person weiterführen. Nur mit den Zusätzen, dass ich ab und zu ein braver Kerl bin und dann wieder in alte Muster verfalle. Damit habe ich quasi die feige Lösung gewählt. Ich kann mich an viele Diskussionen erinnern, wo mir gut zugeredet wurde, dass ich doch eine weitere Platte machen soll. Aber ich konnte mir nicht vorstellen wie ich diesen Bürohengst, der ich dann war, in irgendeiner Weise interessant auf einer Platte gestalten sollte. Ich wüsste das auch heute nicht. Ich habe mich ein bisschen davor gedrückt und jetzt funktioniert es gut auf der neuen Platte. Es ist nicht Fisch, nicht Fleisch, es ist nichts. (lacht) Nichts gescheites, aber es funktioniert.

Klar, es funktioniert auch, weil man so an deiner Geschichte teilhaben kann. Ich finde, dass diese 13 Jahre Lebenszeit dir ermöglicht haben, dass du viel essenziellere Dinge verarbeiten kannst, als es die meisten anderen Rapper tun.
Kamp:
Schön, dass du das so siehst. Ich selbst lange damit gehadert, weil ich doch einen großen Teil des Albums als gar nicht so substanziell empfunden habe. Eher als »Das passiert doch jedem«. Es gibt gefühlt keine großen Ereignisse, aber vielleicht sehe ich das verklärt, weil es meine letzten zehn Lebensjahre waren. Ich hatte öfter den Gedanken, ob es überhaupt relevant ist, das auf einer Platte zu erzählen. Wir waren öfter kurz davor das Ding abzublasen. Ich musste mir dann gut zureden, dass ich ja niemanden zwinge sich das Album anzuhören oder als relevant zu empfinden. Jetzt bin ich ganz froh, dass wir das doch gemacht haben. Aber ich denke es gibt Leute, die nach zehn Jahren einiges mehr erzählen können. Aber das muss halt jeder selbst erleben und es ist auch eine Frage wie man es erzählt. Jetzt sehe ich auch, dass viele Leute das als interessant erzählt empfinden, so dass man sich die Musik gerne anhört, auch wenn es keine Geschichten von aufregenden Gefängnisausbrüchen sind, sondern das normale Leben.

Ich würde gerne über »Leuchtende Tage« sprechen, wo du vom Tod deiner Mutter erzählst und der sicherlich einer der wichtigsten Songs auf dem Album ist. War es dir wichtig, dieses für dich schlimme Ereignis mit auf die Platte zu nehmen oder ist es dir eher schwergefallen, die Geschehnisse in Reimen zu verpacken und zu vertonen?
Kamp:
Das ist ohne Frage ein wichtiger Teil des Albums und quasi der Schwerpunkt des Albums im doppelten Sinne. Das Schreiben ist mir nicht schwergefallen, weil ich es in der Situation selber gemacht habe. Es war gefühlt wie ein Wirbelsturm durch den ich wochen- und monatelang gegangen bin. Das habe ich zum Anlass genommen habe, mich selbst komplett zu ruinieren, quasi suizidal zu saufen und sonstige Dinge zu tun. Der einzige rote Faden in dieser zeitlosen Zeit war dieser Text, den ich im Kopf vor mich hingeschrieben habe. Das war also nichts, wo ich mich später in einer beruhigteren Position mit weniger Emotionen oder überlegter hingesetzt habe, sondern es ist im Moment selbst entstanden. Ich kann mich bei fast jeder Zeile noch daran erinnern, welche Wege ich da gegangen bin. Wortwörtlich. Ich hatte in diesem Zeitraum einen sehr kleinen Aktionsradius und habe nicht viel gemacht, außer zu saufen. Das einzige, was mich bei der Stange gehalten hat, war diesen Text im Kopf fertig zu kriegen. Ich hatte ihn also schon kurz nach dem Tod meiner Mutter, da gab es keine Gedanken wie ich das verpacken soll oder ähnliches. Im Text gibt es auch Sachen, die ich aus meinem Rap-Anspruch heraus nicht so toll finde, aber der muss so sein wie er ist. Er ist für mich persönlich ein ganz wichtiges Zeitdokument.

Mit dem Song und dem Instrumental haben wir uns sehr schwergetan. Das war der Song, von dem wir die meisten Versionen gemacht und wieder verworfen haben, bis wir am Schluss über verschiedene Zufälle zu diesem Beat gekommen sind. Der ist nicht so klassisch traurig-melancholisch, sondern etwas rotziger. Wir hatten sehr viele todtraurige Streicher und diesen ganzen Scheiß, den du im ersten Moment damit assoziieren würdest. Aber das hat alles nicht gepasst. Mella musste sich da sehr lang von mir quälen lassen, aber wir sind beide recht happy damit wie es jetzt erschienen ist.

Krass. Viel ehrlicher oder auch authentischer, obwohl das eigentlich so ein schlimm genutztes Wort ist, kann dein Rap an dieser Stelle eigentlich nicht werden.
Kamp:
Ich sag‘ noch ein schlimmeres Wort: Therapeutisch. Es ist furchtbar und man darf das im Musik-Kontext eigentlich gar nicht verwenden. Aber wenn es halt leider so ist, muss ich das auch hier verwenden. Das ist das einzige gewesen, was mich hat weitermachen lassen. Ich habe meinen Kopf nicht abgeschaltet, weil ich diesen Text vor mich hingetrieben habe, um ihn irgendwann fertig zu haben.

Deine Mutter spielt eine große Rolle auf dem Album und ist die meistgenannte Person. Im Verlauf der LP werden die Texte dann auch ein bisschen glücklicher und die Romantik kommt wieder dazu. Ich habe mich gefragt, ob gerade deine Familie eine Art Antrieb für dich ist, mit Sachen weiterzumachen. Denn als Versager würde ich dich an deinem heutigen Stand definitiv nicht mehr labeln.
Kamp:
In vielen Momenten, wo ich vor einer Weggabelung stand, mich zwischen »Komplett abfucken« und »Endlich mal zusammenreißen« entscheiden musste und ich mich für Letzteres entschieden habe, war das dem geschuldet, dass ich mich vor meiner verstorbenen Mutter verantworten wollte. Ich wollte ihr, jetzt wo sie nicht mehr da ist, vielleicht weniger zumuten als sie zu ihren Lebzeiten von mir mitbekommen hat. Meine Mutter war für mich die wichtigste Person in meinem Leben. Ich habe auch eine tolle Familie und habe Geschwister, die aber deutlich älter sind als ich, weshalb ich immer das Nesthäkchen war. Ich bin da eigentlich sehr gesegnet, aber hatte immer etwas Abstand dazu. Ich war ein Muttersöhnchen par excellence und deshalb war für mich immer klar, auch wenn es vielleicht cringy ist, dass ich das Album ihr widme. Sowohl textlich als auch gedanklich.

Neben den persönlichen Themen müssen wir auf jeden Fall noch über Tauben sprechen. Eine ist auf dem Album-Cover abgebildet, es gibt den Song »Dapigens« und außerdem noch etliche Tauben-Referenzen quer durch das Album. Was fasziniert dich an Tauben?
Kamp:
My spirit animals. Die Versager des urbanen Tierreichs und gleichzeitig die Survivor. Ich war davon schon immer fasziniert und habe auch viel Zeit damit verbracht, Tauben zu beobachten. Einfach weil ich viel Zeit meines Lebens mit draußen rumlungern verschwendet habe, abcornern wie man heute sagt. Ich habe getrunken und hatte nichts besseres zu tun als mir Tauben anzuschauen und über die eine oder andere Line nachzudenken. Das hat mein Leben ganz lange ausgemacht. Ich würde sagen, das macht so ungefähr die Hälfte meiner Lebenszeit aus. Traurig aber wahr. (lacht) Grundsätzlich habe ich immer viel Liebe für die Underdogs. Gefühlt 9 von 10 Leuten finden Tauben scheiße und verscheuchen sie. Du möchtest nicht wissen wie viel Beef ich schon auf Kinderspielplätzen mit Eltern von Kindern hatte, die Tauben verjagen. Ich fühle mich ein bisschen wie der Schutzpatron der Tauben. Ich finde sie werden viel zu wenig in Schutz genommen, da wird drübergefahren und die werden weggetreten. Das sind so coole Tiere! Außerdem assoziiere ich sie stark mit HipHop, sie sind ein totales New York-Ding. Man muss nur in der Rap-Historie über das Visuelle gehen, um zu sehen wie stark sie dort eingebunden waren, zum Beispiel auch auf Covern. Und sie bewegen sich kopfnickend durch die Gegend! Es gibt also viele Überscheidungen mit Dingen, die ich liebe. Tauben sind stark!

Ich weiß gar nicht, ob man das bei Interviews mit dir machen darf, aber vielleicht willst du zum Ende noch ein Statement raushauen, dass du in ein, zwei Jahren dann vielleicht bereuen wirst …
Kamp:
Ja!

… das Album endet mit einem Sample, auf dem man »Nein, das gefällt mir nicht« hört, was es ein bisschen unversöhnlich anmuten lässt. Es hört sich irgendwie nach einem Aufbruch an. Daher die offensichtlich Frage: Was macht Kamp in der Zukunft?
Kamp:
Dieses »Nein, das gefällt mir nicht« kann man natürlich unterschiedlich interpretieren. Ich würde es so interpretieren, dass es einem nicht gefällt, dass das Album jetzt zu Ende ist. Wie ich vorhin schon meinte: Ich gönne mir jetzt als alter Sack nochmal Rap. Das wird auf jeden Fall über dieses Album hinausgehen. Ich kann noch nicht sagen in welcher Form das weitergeht, aber ich bin für meine Verhältnisse gerade überaus fleißig, was das Abarbeiten von Feature-Anfragen betrifft. Es wird dieses Jahr sicher noch ein paar Nummern geben, auf denen ich zu hören bin. Und es gibt ein paar Ideen, was man nächstes Jahr machen könnte. Während ich das sage merke ich, dass mir das wahrscheinlich wirklich leidtun wird. (lacht) Aber ich habe tatsächlich vor, dass das nicht die letzte Platte war, die ich rausbringe.

Interview: David Regner

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