Schwesta Ewa: »Ich bin traumatisiert« // Interview

Ist Schwesta Ewa Opfer ihrer eigenen Realness? Vielleicht. Ihr unlängst erschienenes ­Album »Aywa« ist ein Zwischenstopp in Freiheit.

Dass Ewa in ihren Songs nie Märchen erzählte, war auch der Justiz bald klar. Als Ende 2016 die Aufnahmen für ihre zweite LP anstehen, wird sie im Sauerland von einem SEK in einem Tonstudio festgenommen. Zwischenzeitlich drohen ihr bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug, noch schwerer lesen sich die Anklagepunkte: Zwangs­prostitution Minderjähriger und Menschenhandel werden Ewa Malanda, wie die Rapperin bürgerlich heißt, von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen. Beim Urteilsspruch im Juni 2017 wird sie zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, Zeugenaussagen hatten viele der Vorwürfe entkräftet. »Zu viele Flecken auf der weißen Weste«, rappt sie im Album-Opener »Mein Geständnis« – dass die Zeit in U-Haft ihre Spuren hinterlassen hat, macht sie im Gespräch in Berlin Ende April schnell deutlich.

Du saßt in Einzelhaft. Wie viel Zeit verbringt man dort mit anderen Insassinnen?
Das war unterschiedlich. Zuerst war ich in Stammheim, einem Männerknast, hatte niemanden – da gab’s früh morgens eine Stunde Hofgang, ansonsten war man 23 Stunden eingesperrt. Irgendwann wurde ich dann in den Frauenknast nach Frankfurt verlegt. Der liegt auf derselben Straße, in der ich lebe. Von meinen Zellenfenster konnte ich meine Wohnung sehen – ich bin also in meiner Hood geblieben. Dort wurde ich ziemlich schnell Hausarbeiterin. Man hilft dann beispielsweise bei der Essensausgabe. Dort hatten wir jeden Tag zwei, drei Stunden, in denen alle gemeinsam Zeit verbringen konnten. Ich wurde aber auch dort immer wieder intern auf andere Stationen verlegt. Ich hatte Geld, also hingen alle bei mir ab. Meine Zelle nannten sie »Café Malanda«, bei mir gab’s Kaffee, Kippen, Briefmarken – alle mussten vor der Zelle ihre Schuhe ausziehen. Als die Wärter davon Wind bekamen, wurde ich schnell wieder verlegt – die dachten, ich wäre Pierre Vogel. Also haben die mich auf eine Station voller Spanierinnen verlegt, danach auf die Station voller Roma, in der Hoffnung, ich würde keinen Anschluss finden. Dabei hatten die vergessen, dass auch dort drinnen Geld regiert.

Ist der Job als Hausarbeiterin ein Privileg?
Ja, das darf nicht jeder werden. Wenn du mit Drogen erwischt wurdest, kannst du es vergessen. Was viele Leute nicht glauben werden: Ich war drinnen clean. (lacht) Ich hab nur am Wochenende mal gesoffen, sonst nichts. Das Coole daran ist, dass deine Zelle bis 13 Uhr geöffnet ist. Man muss zwar Tampons aus irgendwelchen Gullis fischen und Scheiße vom Boden aufheben. Aber trotz Putzdienst: Wenn du in Einzelhaft bist, ist eine offene Zelle ein Segen.

Wie lebt es sich eigentlich zurzeit? Das letztjährige Urteil ist ja aktuell nicht rechtskräftig, weil beide Seiten Einspruch eingelegt haben.
Wir haben das Urteil allerdings erst angefochten, nachdem die Anklage Einspruch eingelegt hat. Wir wollen schlichtweg erreichen, dass das Strafmaß bleibt und nicht erhöht wird. Selbst die Ermittlerinnen, die das verursacht haben, haben mir gesagt, dass das Strafmaß viel zu hoch ist – gerade wenn man berücksichtigt, dass ich nicht vorbestraft war und alles fallengelassen wurde, was in den Medien zuvor so hochgekocht worden war. Und das wohlgemerkt von fünf Richtern! Wen willst du da verarschen? Die haben mich ein Jahr lang observiert, die wissen also genau, was stimmt und was nicht. Aber für die beiden Staatsanwältinnen, die jetzt meinen Fall bearbeiten – jung, blond, hübsch –, ist das die Möglichkeit zum Sprung auf der Karriereleiter. Schon die Staatsanwältin, die meinen Fall ursprünglich bearbeitet hat, wurde befördert – keine Ahnung, vielleicht ging das auf meinen Nacken.

Worauf ich hinaus wollte: Du lebst mit einer Ungewissheit. Kannst du dein Leben gerade überhaupt genießen?
Nein, es ist katastrophal. Auch wenn man das im ersten Moment nicht checkt, ich bin ja ne starke Persönlichkeit. Aber ich habe Depressionen und kann kaum schlafen. Ich mache um 7 Uhr morgens die Augen zu und wache direkt wieder auf. Seit drei Wochen träume ich, wie das SEK meine Wohnung stürmt – jede Nacht derselbe Albtraum. Jedes Mal, wenn eine Tür laut ins Schloss fällt, kriege ich einen Flashback … ich bin traumatisiert. Ich wurde ja vor ein paar Monaten wieder vom SEK festgenommen – wegen nix!

Was ist da genau vorgefallen?
Ich hatte per Google-Bildersuche einen Screenshot von einer Waffe gemacht und die bei Instagram gepostet. Dann machen die deswegen ne Hausdurchsuchung und finden bis auf einen Böller gar nichts. Und deswegen habe ich jetzt trotzdem eine Anklage wegen Sprengstoffbesitz am Hals. Ich muss ehrlich sagen: Als ich da nackt auf dem Boden lag, war ich erleichtert. Kurz dachte ich: Endlich ist alles vorbei – jetzt gehst du direkt rein, dein Album kommt wieder nicht. Aber egal, dann hätte ich wenigstens Klarheit.

Du hast Angst, dass man dir weitere Dinge anlastet, um deine Haftstrafe zu erhöhen.
Gerade bin ich ja nur auf Haftverschonung raus, habe aber schon fünf neue Anklagen gegen mich laufen: Beleidigung, Verleumdung, Sprengstoff, Geldwäsche, Fahrerflucht. Sachen, die überhaupt nicht stimmen, wo es nur darum geht, mich zu ficken! Ich sitze mit 33 Jahren in der Zelle, mache den Fernseher an und höre, dass die zehn Jahre für mich fordern. Ich dachte, ich werde nie Kinder kriegen. Ich war direkt geständig – es bringt ja auch nichts, irgendwie zu lügen, wenn man ein Jahr observiert wird – sogar mein Auto war verwanzt. Ich kenne Leute, die mehrfach saßen und eine Bewährungsstrafe bekommen haben – ich musste ohne Vorstrafen direkt rein. Und das, obwohl ich meine Steuerschulden, wegen denen ich verurteilt wurde, bezahlt habe!

Wie geht es jetzt weiter?
Der Fall geht vor den Bundesgerichtshof. Da sitzen sonst Terroristen! Worum geht’s da? Natürlich wollen die ein Exempel statuieren! Okay, ich bin natürlich kein Engel, habe Scheiße gebaut. Aber dazu stehe ich auch – nur dann will ich eine gerechte Strafe. Die Anklage fordert jetzt 4 Jahre und 3 Monate, es könnte aber auch höher ausfallen. Was ist mit meinem Leben? Genauso die Anklage wegen Verleumdung: Im Rahmen der #Metoo-Debatte kann jede Frau erzählen, wenn sie am Arbeitsplatz mal sexuell belästigt wurde. Wenn ich sage, was im Knast los ist, hab ich direkt eine Klage am Hals. Dabei hat dieser Knast gerade zwanzig Anklagen von minderjährigen Mädels gegen sich laufen, weil die Wärter die angegangen haben. Hätte ich ein Handy im Knast gehabt, könnte ich Schwanzfotos von Wärtern zeigen. Ich fühle mich, als wäre ich vornübergebeugt und jeder darf mal reinstecken.

Hast du während deiner Zeit in U-Haft Reue empfunden?
Ja, ziemlich schnell sogar. Ich habe das ja jahrelang gemacht. Und es war auch kein Geheimnis, dass ich ein sehr aggressiver Mensch war. Die Steuerhinterziehung ist eine andere Sache. Der Richter wollte wissen, wieso. Ich hab dem gesagt: Ich wollte Steuern sparen! Ich war mein ganzes Leben kriminell, habe schon ganz früh angefangen, Scheiße zu bauen. Im Knast hatte ich dann zum ersten Mal die Gelegenheit, so richtig über mich und mein Leben nachzudenken. Draußen habe ich einfach gelebt, ich war reich. Aber dort drinnen drückst du die Zahnpastatube bis ganz zum Ende aus und machst dir Gedanken darüber, was richtig und was falsch ist. Ich habe auch Briefe an Fans und meine Mutter geschrieben, in denen stand: »Ich habe Scheiße gebaut und muss jetzt dafür geradestehen.« Die Briefe wurden direkt beschlagnahmt, um sie vor Gericht gegen mich zu verwenden. Dabei meinte ich das ernst!

»Für mich hat noch niemals eine Minderjährige Sex gehabt«

Stichwort Finanzen: Hast du, als es noch besser lief, etwas für schlechtere Zeiten beiseite gelegt?
Ja, natürlich, aber das ist längst weg. Ich musste ja meine Steuerschulden bezahlen. Das fing mit 584.000 Euro an. Gut, wir haben die runtergearbeitet, aber trotzdem war erst mal alles weg. Als ich rauskam, musste ich Giwar nach 100 Euro fragen. Plötzlich konnte ich meine Miete nicht mehr bezahlen, habe nur noch Yum-Yum-Nudeln gegessen. Alle denken, ich wäre sonst wer, aber die Realität sah nach meiner Entlassung anders aus. Jetzt habe ich Vorschüsse für mein Album und mein Buch bekommen, also ist alles wieder okay. Aber du musst dir vorstellen, in welchem Luxus ich vor meiner Inhaftierung gelebt habe, und das dann mit dem Zustand nach meiner Entlassung vergleichen. 100 Euro habe ich früher der Kellnerin im Club als Trinkgeld zugesteckt, wenn ich besoffen war. Jetzt musste ich danach fragen, um mir überhaupt ein paar Lebensmittel kaufen zu können. Immerhin habe ich im Knast kochen gelernt. (lacht)

Du hast gerade dein Buch angesprochen. Ursprünglich war geplant, dass Staiger deine Autobiografie schreibt. Wie ist das jetzt im Endeffekt abgelaufen?
Das war alles schon geregelt, bevor ich in Haft war. Staiger hatte damit angefangen – dann wollte ich, dass er mir das bisherige Manus­kript in den Knast schickt, damit die Richter lesen können, was für ein verkorkstes Leben ich hatte. Aber was macht Staiger? Er hat einfach alles geschickt! Ich hab das erst vier Wochen später bekommen, überall waren rote Stempel drin! Da ging’s um Mord und Drogendeals. Da war ich ein bisschen sauer, weil es mir fast das Genick gebrochen hätte. Ich mag ihn trotzdem, aber das Buch habe ich mit einem anderen Autor zu Ende geschrieben.

Das erste Gespräch nach deiner Entlassung wurde im Stern veröffentlicht. Dort ist auch von einem Umzug nach Berlin die Rede. Wie konkret sind diese Pläne?
Ich habe bereits meine Wohnung in Frankfurt gekündigt und suche in Berlin nach etwas Passendem. Ich melde mich jetzt erst mal bei meinem Cousin an. Alleine schon wegen der Möglichkeit, in den offenen Vollzug zu gelangen. Die Chancen stehen in Frankfurt, wo mich die Wärter alle kennen und schikanieren wollen, nicht besonders gut. In Berlin hingegen sind die Knäste überfüllt. Ich hab mir hier auch schon ein paar Wohnungen angeschaut – auch in Marzahn. Aber hau mal ab, da will ja kein Schwein hin.

Die Promophase zu diesem Album ist in Anbetracht deiner Lage ein kleines Minenfeld. Was sagen deine Anwälte dazu, dass jetzt alle mit dir über deine Gerichtsverhandlungen, Anklagen und die Zeit im Knast reden wollen?
Die hätten natürlich gerne, dass ich die Fresse halte. Ich weiß, dass ich mir damit Probleme mache. Aber was soll ich tun? Ich sage die Wahrheit. Dass die Justiz das nicht gut findet, ist mir bewusst. Dass ich vieles nicht gut finde, was die mit mir machen, interessiert ja auch niemanden. Die haben das so hochgepusht, haben von Menschenhandel und Zwangsprostitution Minderjähriger gesprochen. Und das ist jetzt vollkommen in Ordnung, dass mir das angelastet wurde? Damit werde ich mein Leben lang konfrontiert sein – und nichts davon stimmt. Ich war doch schon in der tiefsten Schublade: eine rappende Nutte. Hätte das nicht gelangt?

Wurdest du schon auf der Straße mit diesen Vorwürfen konfrontiert?
Es gab eine Schlüsselszene: Ich war im Supermarkt, und ein Mädchen kam zu mir und wollte ein Foto mit mir machen. Da kam die Mutter des Mädchens an und meinte: Nein, das geht nicht, die hat Minderjährige auf den Strich geschickt. Für mich hat noch niemals eine Minderjährige Sex gehabt. Das hat mich so schockiert, dass ich danach direkt nach Hause gegangen bin und 40 Minuten auf Instagram live war. Ich wollte in dem Moment nur, dass das aus den Köpfen der Leute verschwindet. Der Richter hat in meinem Urteil behauptet, die ganze Publicity rund um den Fall hätte mir so viel Promo gebracht, dass eine Strafschärfung vonnöten sei. Was für Promo? Viele Leute wollen nicht mehr mit mir arbeiten, seit ich wegen diesen Dingen vor Gericht stand – auch wenn ich von eben diesen Anklagepunkten wie Menschenhandel freigesprochen wurde. Auf solche »Promo« scheiße ich – bei aller Liebe.

So direkt, wie du Entscheidungen, Aussagen und Verhalten der Justiz ansprichst, riskierst du sicher Konsequenzen.
Schau mal, ich habe das letztens auch so gepostet: Man macht oft taktisch unkluge Sachen, die aber emotional wichtig sind.

Das ist also eine Art Therapie, deine Art und Weise, mit der Situation umzugehen.
Ja, anscheinend. Und du bist mein Therapeut … Hammer! (lacht)

Text: Jakob Paur
Foto: ONDRO

TEIL 1 des großen Interviews mit Schwesta Ewa findet ihr hier.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #187. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Shop bestellen.

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