Anderson .Paak: »Dre ist kein Freund von Schnellschüssen« // Interview

Klassiker mit Ansage: Wenn alles nach Plan verläuft, wird Anderson .Paak in naher Zukunft eines der besten Alben des Jahres veröffentlichen. Grund genug, ihn vor seinem Berlin-Auftritt Anfang Juli noch mal zu sprechen, bevor er sich per Überholspur in ­Richtung Superstar-Dasein absetzt.

Apropos Autobahn: Seit 2014 fährt Brandon Paak Anderson nördlich entlang der California State Route 1. Von »Venice« ging es zwei Jahre später nach »Malibu«. Nach zwei Grammy-Nominierungen und einer Vertragsunterschrift bei Dr. Dre führt ihn der sagenumwobene Highway 1 dieses Jahr wohl zurück in seine Heimatstadt Oxnard in Ventura County. Diese Vermutung lässt nicht nur ein Blick auf die Landkarte, sondern auch ein Ende Mai veröffentlichtes Instagram-Live-Video zu, in dem Dr. Dre höchstpersönlich den Albumtitel »Oxnard Ventura« [mittlerweile heißt das Album nur noch »Oxnard«] leakt.

Dass das dritte Album seit dem Wechsel seines Künstlernamens vor knapp fünf Jahren den vorläufigen Höhepunkt seiner Roadtrip-Trilogie markieren könnte, scheint dabei nicht unwahrscheinlich. Dafür sprechende Faktoren gibt es zuhauf: An erster Stelle natürlich die Zusammenarbeit mit Dre und die daraus resultierenden Möglichkeiten. Aber auch die Tatsache, dass .Paak mit seinen 32 Jahren ein sogenannter »Late Bloomer« ist; einer, der erst zum Ende seiner Zwanziger erste Rechnungen mit diesem Musikding bezahlen konnte. Der Struggle, den .Paak als junger Familienvater ohne festen Wohnsitz Anfang dieses Jahrzehnts durchlebt hat, ist zugleich Erzählstoff für seine Tracks und Ansporn für den Vollblutmusiker, im Studio perfektionistischer zu arbeiten als die halb so alte Lean- und Xanny-Fraktion.

Überhaupt gibt die Biografie des Sohnes einer Koreanerin und eines Afroamerikaners so einiges her: Seinen leiblichen Vater sieht er zum letzten Mal im Alter von sieben Jahren, als der seine Frau auf offener Straße angreift und übel zurichtet. Die logische Konsequenz: Eine lange Haftstrafe, nach deren Ende der Vater, an Krebs erkrankt, noch mal Kontakt zu seinem Sohn sucht. Der blockt ab. Auch seine Mutter kann .Paak jahrelang nur hinter schwedischen Gardinen besuchen: Acht Jahre sitzt sie unter anderem wegen Steuerhinterziehung ein. Fesselnd ist .Paaks Musik jedoch nicht wegen seiner Lebensgeschichte: Er spielt Drums, singt, rappt und weiß mit seiner Band The Free Nationals eine kongeniale Kombo um sich, die jede Liveshow zum Ausnahme-Event macht. Wenn auch tief im HipHop verwurzelt, so findet der Hörer Versatzstücke aus Jazz, R’n’B, Funk, Punk und sogar House, wenn Future-Beats-Virtuose Kaytranada mal wieder für eine der Produktionen verantwortlich zeichnet. So viel steht fest: HipHop kann sich glücklich schätzen, einen wie Andy in den eigenen Reihen zu haben.

Wie sieht dein Kreativprozess heutzu­tage aus? Setzt du dich immer noch an die MPC, um Samples zu choppen?
Meistens fängt es mit meinem Telefon an. Ich habe eine Idee, also rufe ich die richtigen Leute an und trommle sie für eine Session zusammen. Oder ich erinnere mich an einen alten Beat von Zweitausendirgendwas, über den ich gerne aufnehmen möchte.

Was kommt zuerst: die Idee für den Text oder die Musik?
Letzteres. In den vergangenen Jahren nehme ich vor allem bei Dre im Studio auf. Kurz nachdem »Malibu« rauskam, habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Die Ausgangssituation ist meistens wie folgt: Ich umgebe mich mit Leuten, mit denen ich Spaß habe – meistens sind das meine Bandkollegen. Aber es ist auch immer wieder toll, wenn man zum ersten Mal mit jemand Neuem zusammenarbeitet. Ich war in den letzten Jahren nicht nur mit Wunschkandidaten, sondern auch mit einem Haufen Produzenten im Studio, von denen ich gar nicht wusste, dass ich mit ­ihnen arbeiten möchte. Meistens nehmen wir etwas, das der Produzent in die Session mitbringt, und bauen darauf auf – wir entfernen Elemente, fügen andere Dinge hinzu. Bei Leuten wie Kaytranada oder POMO muss ich oft gar nichts mehr machen. Was die Texte angeht: Früher habe ich oft Ideen oder Lyrics in meinem Textbuch festgehalten, heute versuche ich lieber den Vibe einzufangen, der im Studio herrscht oder den ein bestimmter Beat vorgibt.

Wie viele fertige Songs haben sich seit »Malibu« angehäuft?
Das letzte Mal, als mir jemand diese Frage gestellt hat, war meine Antwort 62.000. Also tippe ich jetzt auf 72.000.

Ich frage, weil uns Jannis [Stürtz, Betreiber von Jakarta Records; Anm. d. Verf.] vor ein paar Monaten verraten hat, dass noch zwei fertige Alben von dir auf einer seiner Festplatten schlummern.
Das stimmt. Ein paar dieser Songs sind auf »Malibu« gelandet, aber das meiste davon ist unveröffentlicht.

»Der ganze Prozess war ein einziger langer Moment der kreativen Glückseligkeit.«

Man hat uns vor dem Interview darauf hingewiesen, dass du nicht über ein mögliches anstehendes Album, sondern nur über die aktuelle Single »Bubblin« sprechen möchtest. Ist das eine Schutzmaßnahme seitens des Labels oder dein persönlicher Wunsch?
Eher Ersteres. Eigentlich wollte ich gar keine Interviews geben, bis es wirklich ­etwas gibt, über das wir sprechen können. Ich will weder deine noch meine Zeit verschwenden – ich weiß ja, dass die Leute etwas über das Album wissen möchten. Als Thema taugt »Bubblin« vielleicht für einen Tag oder eine Woche. Aber die Fans möchten wissen, was als nächstes kommt. Ich kann dir nur so viel verraten: Das Album ist wirklich spektakulär. Ich bin superstolz darauf.

Mehr darfst du wirklich nicht sagen?
Ich spreche hier mit dem größten HipHop-Magazin Deutschlands, oder?

Ja, wir sind zumindest das einzige verbliebene Printmagazin.
Okay, nur so viel: Dre war die ganze Zeit mit mir im Studio. Ich bin für die Arbeiten einmal um die ganze Welt gereist und habe wirklich alle Features bekommen, die ich haben wollte. Ich habe mit Leuten gearbeitet, von denen ich nicht mal im Entferntesten geglaubt hätte, dass wir je zusammenarbeiten könnten. Der ganze Prozess war ein einziger langer Moment der kreativen Glückseligkeit. (lacht) Jetzt, wo das Album gerade gemischt und gemastert wird, ist es, als würde ich so langsam von der Wolke runterkommen, auf der ich in letzter Zeit geschwebt bin. So nach dem Motto: »Oh Shit, das Ding kommt bald raus!«

Mit dem NxWorries-Album bist du nach dem Erfolg von »Malibu« zum letzten Mal in den Indiebereich abgetaucht. Dein nächstes Soloalbum ist nun zwangsläufig ein weiterer Schlüsselmoment in deiner Karriere. Spürst du deswegen Druck?
Ich habe weiterhin das Bedürfnis, mich selbst und meine Band zu beeindrucken. Wir wollen eine gewisse Spannung aufrechterhalten. Das war im Laufe der Aufnahmen auch die größte Herausforderung. Ich wollte mit anderen Songwritern arbeiten, andere Stimmen im Background haben und so weiter. Vor allem die Arbeit mit weiblichen Songwritern hat mir dabei geholfen, ein Selbstvertrauen in meine Fähigkeiten wiederzufinden und die Tatsache auszublenden, dass das Album aus kommerzieller Sicht mein bisher größtes Projekt ist. Und dann arbeite ich jetzt mit Dre zusammen – natürlich ist da eine gewisse Erwartungshaltung, was den Erfolg angeht. Schau dir nur an, mit wem er schon alles Musik gemacht hat. Aber ich hatte so viel Spaß, dass ich darauf gar keinen Gedanken verschwendet habe. Ich muss Dre auch zugutehalten, dass er keinen Druck aufgebaut hat. Natürlich geht es ihm immer darum, das Bestmögliche herauszuholen – dafür haben wir beide sehr hart gearbeitet. Und wir sind total stolz auf das, was dabei herausgekommen ist. Dre ist kein Freund von Schnellschüssen. Solange er von etwas nicht überzeugt ist, wird er es auch nicht mixen. Wir freuen uns einfach total darauf, es bald herauszubringen. Druck entsteht für mich nur, wenn ich bei einem Festival vor 70.000 Menschen spiele – und das machen wir mittlerweile jeden Sommer.

Ich habe dich im März in London ­gesehen. Da kam Dre auf die Bühne, hat zwei Songs mit dir gemeinsam gespielt und die Bühne mit den Worten verlassen: »Dieser Mann ist dazu berufen, Superstar zu werden.« Wie fühlt sich das an?
Es ist eine solche Ehre, dass er das überhaupt sagt. Diesen Co-Sign von Dre zu haben, ist natürlich unglaublich. Aber ihn als Mensch zu kennen und so eng mit ihm zusammenarbeiten zu können, ist mindestens genauso dope. Das baut allerdings keinen zusätzlichen Druck auf, weil ich es mir selbst immer noch am meisten beweisen will. In dieser Industrie muss man sich Dinge selbst ermöglichen. Und man muss Kunst schaffen, die von der Seele kommt und den Hörer berührt. Dres Worte ermutigen und motivieren mich, noch härter für meine Ziele zu arbeiten.

Dre ist nicht die einzige lebende ­Legende, die großer Fan deiner Musik ist. Wann warst du das letzte Mal richtig nervös, als du jemanden getroffen hast, mit dessen Musik du aufgewachsen bist?
Ja, das ist schon verrückt. Wir reden hier von Leuten wie Snoop, Busta, Q-Tip oder T.I. Vor fünf oder zehn Jahren wäre ich wohl kaum in der Lage gewesen, mich einem der Genannten gegenüber normal zu verhalten. Da wäre ich viel zu nervös gewesen. Mittlerweile bin ich alt und selbstbewusst genug, dass ich mich nicht mehr unwohl fühle, wenn ich jemanden von diesem Kaliber treffe. Ich spüre stets, dass da ein gegenseitiger Respekt vorhanden ist. Das schafft eine positive Grundstimmung. So habe ich über die vergangenen Jahre ganz viele wichtige Einblicke von den älteren Homies bekommen. Das ist mit viel Demut verbunden, gleichzeitig ist es für mein Selbstbewusstsein ein enormer Boost, wenn mir einer dieser Dudes sagt: »Du bist alles andere als Durchschnitt. Verkauf dich nicht unter Wert!« Auch von gleichaltrigen Kollegen wie J. Cole oder Bruno Mars habe ich schon unglaublich viel gelernt. Bruno hatte in den letzten Jahren so einen unglaublichen Erfolg und hat eine solche Aura um sich, dass ich mir vorkomme wie sein kleiner Homie. Mein Antrieb war schon immer Respekt und Liebe. Und genau das von all diesen Leuten zu bekommen, fühlt sich unglaublich an.

»Q-Tip hat mir das neulich so erklärt: Es gab noch nie einen Schwarzen im HipHop, der gleichzeitig Drums gespielt, gesungen und gerappt hat.«

In den letzten Jahren wurde viel über den neuen Generationenkonflikt im HipHop diskutiert. Deine Musik hingegen scheint von Hörern verschiedenster Generatio­nen gehört und gemocht zu werden. Wie erlebst du das?
Ich treffe so oft Menschen, die mir davon erzählen, dass ihre Eltern meine Musik hören. Es gab sogar schon Kids, die dadurch zu meiner Musik gekommen sind, dass ihre Eltern mein »Tiny Desk Concert« bei NPR gesehen haben. Anscheinend nennt man das »gap artists« – Künstler, auf die sich Eltern und Kinder einigen können. Das liebe ich! Meine Mutter konnte nie etwas mit der Musik anfangen, die ich als Teenager gehört habe. Ich versuche das auch auf kreativer Ebene zu forcieren – es reizt mich persönlich sehr, mit Produzenten zu arbeiten, die schon in den Neunzigern Hits gemacht haben. Leute wie 9th Wonder, Hi-Tek und Madlib haben mir gesagt, dass sie lange auf jemand Neues gewartet haben, mit dessen Musik sie etwas anfangen können.

Du hast zwei Kinder, dein älterer Sohn ist mittlerweile sieben. Wie wirkt sich die Vaterschaft auf dein Schaffen aus?
Ich spiele meinem Sohn alles vor. Er versteht es, Singles zu picken. Und er ist brutal ehrlich und sagt mir sofort, wenn er etwas nicht fühlt. Generell bin ich sehr darauf bedacht, dass es in meiner Familie harmonisch zugeht. Und das hilft mir wiederum bei der Entscheidungsfindung in vielen beruflichen Situationen und hat einen positiven Effekt auf mein Arbeitsethos.

Ebro von Hot 97 hat dich vor ein paar Wochen in einem Interview mit Phil Collins verglichen. Kannst du damit leben?
Ich verstehe schon, woher das kommt, das ist eben die offensichtlichste popkulturelle Referenz. Aber Q-Tip hat mir das neulich so erklärt: Es gab noch nie einen Schwarzen im HipHop, der gleichzeitig Drums gespielt, gesungen und gerappt hat. Mach einfach weiter damit, entwickle dich weiter. Irgendwann werden sich die Leute daran gewöhnt und es voll und ganz verstanden haben. Dann bedarf es auch nicht mehr dieses Vergleichs. Wobei ich das nicht haten will – es ist immer toll, im selben Atemzug mit einem der ganz Großen der Popgeschichte genannt zu werden. Aber ich selbst habe ein wenig gebraucht, um das überhaupt zu verstehen. Natürlich kannte ich Phil Collins, aber ich wusste nicht besonders viel über seine Rolle als Drummer, bis ich das recherchiert habe. Es gab halt bislang nichts Vergleichbares im HipHop.

Vielleicht inspirierst du ja irgendwann Questlove auf seine alten Tage, mit dem Rappen anzufangen.
Ja, das wär’s. Nimm dir das Mic und sing einfach mal was, Questo!

Foto: Israel Ramos

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #188 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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