Jannis Stürtz vs. The Beats: »Ich sitze noch auf zwei unveröffentlichten Alben von Anderson .Paak« // Feature

Auch wenn sie es vermutlich nicht gerne hören wollen – das Team um Jakarta Records hat seine kleine Plattform zur Startrampe für Karrieren großer Namen ausgebaut. Die ersten Hypes großer Künstler entstehen häufig dort. Während des 13-jährigen Besteh­ens hat die treibende Kraft des kleinen Independent-Labels, Jannis Stürtz, schon einige namhafte Leute kommen und gehen sehen. Zeit für einen Rückblick.

Promoe
Sag Was (2007)

Erinnerst du dich noch an deinen Diss gegen Kool Savas?
Jajaja, klar! Promoe ist ein guter Dude. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob wir mal explizit darüber geredet haben. Ehrlich gesagt war das aber schon ein relativ kalkulierter Move. (lacht) Looptroop waren nie die Jungs, die Beef mit irgendwem hatten. Die waren aber immer feministisch eingestellt, und Savas war damals das komplette Gegenteil. 2007 war das ja auch noch wesentlich näher am substanziell sexistischen Savas als heute. (überlegt) Obwohl: Live spielt er ja immer noch »KKS«.

Oddisee
All Because She’s Gone (2008)

Oddisee kenne ich seit 2002, da war ich in der zwölften Klasse. Auf seiner ersten Europatournee hab ich ihn für 150 Mark ins Jugendzentrum meiner Kleinstadt vor den Toren Kölns gebucht. Oddisee ist der Künstler, den ich mit Abstand am längsten kenne. Der taucht, ähnlich wie Looptroop, immer mal wieder hier und da mit einem Feature oder einer Produktion auf. Bis heute ist der Kontakt ziemlich eng geblieben. Hier bei mir im Hinterzimmer hat er die Vocals fürs vorvorletzte Album geschrieben. Er hatte erst nur die Beats und hat dann zwei Monate bei mir gewohnt und daran gearbeitet. Über die Jahre ist zwischen uns eine Freundschaft entstanden. Es ist cool, wie ich regelrecht miterleben konnte, wie er gewachsen ist und wie er alles, was er sich vorgenommen hatte, in die Tat umgesetzt hat.

Akua Naru
Poetry: How Does It Feel Now??? (2012)

Die Live-Interpretation war viel größer als die Studioversion.
Als wir ihr erstes Album »… The Journey Aflame« gemacht haben, mussten wir einen Track wieder runternehmen, um es von der Länge auf Vinyl zu bekommen. Wir haben damals gesagt »Lasst uns ‚Poetry‘ runternehmen!«, weil wir den alle nicht so gesehen haben. Akua beharrte aber darauf, den draufzulassen: »Nein, das ist der Track!« Rückblickend muss man sagen: Sie hatte total Recht! Das ist ihr stärkster Track auf Youtube mit 4,5 Millionen Klicks. Das haben wir damals alle nicht gepeilt. Inzwischen hat sie sogar ihr eigenes Label.

Dynasty
Stay Shinin’ (feat. Talib Kweli) (2013)

(nickt) Mit Dynasty haben wir auch ein Album gemacht. Leider gibt es nach wie vor zu wenige Frauen, die rappen, und bei Producerinnen ist es noch viel schlimmer. Im Verhältnis zu anderen haben wir aber immer relativ viele Female MCs gehabt. Im Vergleich zu Akua ist sie straighterer Rap, und live aber rasiert sie immer.

Blitz The Ambassador
Dikembe (2013)

Das Video zum Song ist in der Zeit entstanden, als Habibi Funk angefangen hat. Das haben wir in Rabat geschossen. Blitz hatte zu der Zeit ein Festival in Marokko gespielt. Der Fotograf Robert Winter kam dann dazu, sodass wir etwas länger geblieben sind und noch das Video produziert haben. Inzwischen hat Blitz sogar seinen ersten Spielfilm in Ghana gedreht. Im Moment verändert sich sein Fokus etwas aufs Filmemachen. Er hat ja schon immer relativ ambitionierte Videos gehabt.

Ivan Ave
Obedience (2014)

Ich brauch wieder die Vocals, um den Track zu erkennen … (nickt) Ivan ist ähnlich wie Umse jemand, der organisch wächst. Ganz lange war der ein Favorit von anderen Musikern. Wir haben krasse Co-Signs von Kaytranada und so bekommen,
ohne dass wir ihnen den gezeigt haben. Ivan hat es geschafft, seinen eigenen Sound zu finden. Auf dem letzten Album waren gar keine Samples mehr. Seine Her-angehensweise war immer, dass er zwei Producer zusammenbringt. Einer spielt die Keys, und einer legt die Drums drunter. Mit diesen ganzen Achtziger–Boogie- und Soul-Referenzen ist das gerade sehr zeitgeistig.

Juju Rogers
Introduction (2015)

Juju war damals unser erster Praktikant. Er hatte uns gegenüber aber relativ geheimgehalten, dass er selbst an was arbeitet. Ich höre oft von Leuten, die lange Zeit keinen Bock mehr auf HipHop hatten, dass seine Platte »From The Life Of A Good-For-Nothing« für die Wiederent-deckung des HipHops taugt. Juju ist so was wie unser Flying Lotus. Der war, glaube ich, auch Stones-Throw-Praktikant.

Benny Sings
You & Me (feat. GoldLink) (2015)

Von Benny Sings habe ich mir die allererste Platte gekauft, als ich mit 18 in Köln bei Groove Attack im Plattenladen gearbeitet habe. Ich habe immer gedacht, das ist der Megakiller-Dude – spielt alle Instrumente und produziert alles selbst. Aber gleichzeitig ist der nie so richtig groß geworden, mag ja auch keine Interviews und nicht gerne live spielen – was sicherlich alles nicht so richtig hilft, um erfolgreich zu werden. Inzwischen hat er sechs Alben gemacht, Leute wie Mayer Hawthorne sind Überfans von dem. Irgendwann hab ich mal ein GoldLink-Interview gesehen, da wurde gefragt, was er denn so höre. Er sagte: »Nicht viel: Stevie Wonder, Michael Jackson und Benny Sings.« (lacht) GoldLink saß wohl in irgendeinem Restaurant in L.A., da lief was von Sings im Hintergrund und Link ist scheinbar völlig ausgeflippt. Daher gab’s auf dem »STUDIO«-Album eben auch dieses Feature von ihm.

IAMNOBODI
Luther’s Joint (2016)

Der gute Nobodi. Den haben wir auch an einem ziemlich frühen Punkt erwischt, als er gerade noch unter 10.000 bei Soundcloud war. Das ist aber schnell gewachsen, viele Amis feiern ihn – auch wegen der Soulection-Geschichten. Mittlerweile ist der Kontakt zu ihm leider etwas abgerissen, weil er jetzt viel in L.A. ist und da Studioarbeit macht. Aber es gibt wenige deutsche Produzenten auf seinem Level. Was bei ihm so superkrass ist: Du hörst diesen Beat und denkst dir: »Okay, der ballert. Producer XY könnte das in Deutschland auch raushauen.« Aber wenn Nobodi ein gutes Wochenende hat, hat er zehn solcher Dinger rausgebracht. Ungelogen. Fertige. Ich vermute, der hat irgendwo noch tausend fertige gute Beats auf einer Festplatte rumliegen.

Anderson .Paak
Sadie (2014)

Als wir auf den gestoßen sind, hieß der noch Breezy Lovejoy – immer killer gefunden. Auch so eine Benny-Sings-Geschichte: Es gab schon drei Releases von ihm, die haben aber keinen interessiert. Ich sitze jetzt auch noch auf zwei unveröffentlichten Alben. Als wir »O.B.E. Vol. 1« rausbringen wollten, hatte er sich gerade in Anderson .Paak umbenannt. Da hatte er uns sogar noch eine E-Mail geschickt: »By the way: Bitte ändert meinen Namen auf der Platte.« Wir waren skeptisch, weil diesen Namen natürlich noch überhaupt niemand kannte, wir haben es aber trotzdem gemacht. Rückblickend war das natürlich Gold wert. Vor eineinhalb Jahren haben wir auf dem splash! zusammengesessen, da hab ich ihm Simone Cihlar vorgestellt, meine alte Mitbewohnerin. Die macht inzwischen das gesamte Instagram-Design für ihn. Aber ja, Anderson hat das Superstar-Gen. Da bin ich mir sicher.

Das Unreleased-Zeug, von dem du gerade sprachst, wird aber wohl nicht mehr veröffentlicht, oder?
Nein. Da werden im Moment auch keine Features mehr durchgewunken. Inzwischen gibt es vermutlich den Deal, dass Dr. Dre erst sein Okay geben müsste.

Dalton
Soul Brother (2015)

Wir waren bereits auf der Suche nach Fadoul, als wir über diese Platte bei einem französischen Mailorder stolperten. Bandleader und Credits waren alle mit Faouzi Chekili angegeben. Ich hab den Namen bei Facebook eingegeben und ihn sofort gefunden. Im Gegensatz zu den anderen ist der auch noch voll connectet. Dann hab ich ihn über Skype angerufen, obwohl er schon über siebzig Jahre alt ist. In Tunesien kennt den jeder, weil fast alle Gitarrenunterricht bei ihm hatten. Auf der B-Seite singt er übrigens. Das ist der einzige Song, auf dem er jemals in seinem Leben auf Platte gesungen hat.

Fadoul
Bsslama Hbibti (2017)

Fadoul hat Habibi Funk natürlich weit nach vorne katapultiert. Auf der einen Seite ist das alles total rough und roh, auf der anderen Seite wird das durch die James-Brown-Referenzen aber total greifbar. Fadoul ist einfach ein Original: Der hat fünf Jahre als Zirkusclown gearbeitet, und dann geht’s bei dem thematisch plötzlich um Drogen und Freiheit. Das bricht mit so vielen Stereotypen über die arabische Welt, dass das ohne besondere Kalkulation ein perfekter Starter für unser Nebenprojekt Habibi Funk war.

Kamal Keila
Agricultural Revolution (TBA)

Killer! Demnächst werden drei bis vier Platten aus dem Sudan kommen, eine davon von Kamal Keila. Bisher hat der höchstens mal ein Tape veröffentlicht, das es aber nur in ganz schlimmer Qualität gibt. Als wir ihn in einer Vorstadt von Khartum getroffen haben, hat er glücklicherweise zwei alte Reels von Radioaufnahmen präsentieren können. Der Track ist sogar aus den Neunzigern.

Ahmed Malek
La Côte (2016)

Nicht Ahmed Malek selbst, aber seine Musik ist sehr bekannt in Algerien, obwohl der seit 15 Jahren tot ist. Der hat eine Menge Musik für große Filme des algerischen Kinos in den Siebzigerjahren gemacht, dadurch hatte ich den relativ früh auf dem Schirm. Als ich in Beirut war und dort gespielt habe, hing ich mit einer Freundin ab. Die meinte, sie kenne da wen in Algerien, den sie mal anquatschen wollte. Zwei Wochen später meldete sie sich wieder und erzählte mir, dass die Familie der Freundin von ihr die Nachbarn von Ahmed Maleks Tochter sind. Ein krasser Zufall, immerhin leben in Algerien 40 Millionen Leute! Mit Maleks Tochter haben wir dann einen Deal gemacht und herausgefunden, dass es noch vierzig Studiobänder gab mit größtenteils unveröffentlichtem Material. Daraus ist dann die avantgardistisch-elektronische Platte »The Electronic Tapes« mit Flako entstanden. Wahrscheinlich wird es noch ein bis zwei weitere Alben von Malek geben, dann aber wieder eher klassisch.

Foto: Robert Winter

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