Anderson .Paak: »Dr. Dre ist der Tastemaker.«

Anderson Paak

No worries. Wenn du dich fragst, wer dieser Typ auf dem neuen Dre-Album ist, bist du nicht allein. Gleich auf sechs Tracks trällert sich Anderson .Paak auf »Compton« den Dreck aus der Kehle – an der Seite von Kendrick, Eminem, Cube und Andre Young himself. Wirft man einen Blick auf das bisherige Schaffen des Kaliforniers, guckt man ein bisschen blöd aus der Wäsche. Vor drei Jahren bereits hätte man Anderson .Paak zum Fackelträger des Soul an der US-Westküste ernennen können. Sein Debütalbum »O.B.E. Vol. 1«, damals noch unter dem käsigen Alias Breezy Lovejoy erschienen, fristete seinerzeit ein Dasein in den unergründlichen Weiten von Bandcamp. Erst im vergangenen Jahr widmete Jakarta Records der von .Paak im Alleingang produzierten Platte ein Release auf schwarzem Plastik. Eine Handvoll Releases später ist der Hype am Rollen. Als wir mit dem Sänger, Drummer, Produzenten und Rapper aus Oxnard, Kalifornien, telefonieren, bereitet er sich gerade auf eine Show mit Beatmaker Knxwledge vor. Sie eröffnen an diesem Abend für Earl Sweatshirt, als NxWorries – jenes Stones-Throw-Projekt, das Anderson auch auf den Radar von Talentschmied Dr. Dre warf.

Du bist Sänger, Drummer, Produzent und Rapper. Wie hast du mit der Musik angefangen?
Mit sieben Jahren habe ich mit meinen Cousins erste Texte geschrieben. Der Einfluss kam von meiner größeren Schwester, die hörte damals A Tribe Called Quest, Nas, Snoop und so. Mein erstes Drum-Set habe ich dann mit elf Jahren bekommen. Zu der Zeit habe ich angefangen, in der Kirche Drums zu spielen – bis heute meine wichtigste musikalische Erziehung. In der achten Klasse habe ich mein erstes Paar Turntables bekommen und mit dem Auflegen angefangen. Das hat mich schließlich zu meinen eigenen Beats geführt, und in der neunten Klasse bekam ich eine MPC. Von dort an habe ich nur noch Beats gebaut und Texte darauf geschrieben. 

Wer hat dich denn beeinflusst, als du mit dem Produzieren angefangen hast?
Ich habe damals vor allem Produzenten wie Timbaland, Dr. Dre, Just Blaze und Kanye West nachgeeifert. Während der High School war ich riesiger Jay-Z-Fan, alles, was auf Roc-A-Fella rauskam, fand ich großartig – auch die Produzenten. Bei Kanye wusste ich schon, dass er einiges für Jay Z produziert hat, und als ich dann rausfand, dass er auch rappt, hat mich das umgehauen. Dazu war er auch noch dope! Bis heute eines meiner Idole. 

Haben dich deine Eltern supportet, oder wie hast du das Equipment finanziert?
Ja, sehr. In der Kirche habe ich jeden Sonntag hundert Bucks für’s Schlagzeugspielen bekommen, und ich hatte einen Deal mit meinen Eltern: Ich gebe ihnen die Hälfte des Geldes, und wenn ich bei einer bestimmten Summe ankomme, verdoppeln sie die. So konnte ich mir ein Drum-Set, Turntables und eine MPC kaufen. In meinem zweiten Highschool-Jahr hatte ich so bereits mein eigenes, kleines Studio. Wir lebten damals in einem Fünf-Zimmer-Apartment und ich durfte einen Raum mit all meinem Equipment füllen.

 
In der Kirche hast du dann auch gelernt, über Drogen und Frauen zu singen?
(lacht) Vor allem habe ich eine ordentliche Portion Musiktheorie mitgenommen. Nicht im Sinne vom Notenlesen, sondern was mein musikalisches Gefühl angeht. Du lernst, nach Gehör zu spielen – das schult im Timing und im Spiel mit anderen Musikern. Und ja, über Frauen habe ich dort auch einiges gelernt. 

Was habt ihr denn in der Kirche gespielt?
Modernen Gospel, musikalisch ziemlich fortschrittlich. Du kannst dort Jazz, Fusion und Latin in einem Song spielen. Und diese Songs haben sowohl Ensemble-Passagen als auch Soli, die Dynamiken sind unglaublich.

Hast du dir das Singen auch selbst beigebracht?
Das war ein Trial-and-Error-Ding. Ich habe früher vor allem gerappt. Ich ­wusste, dass ich einen Ton halten kann, aber ich habe meiner Stimme nicht vertraut. Nachdem ich mich darin aber immer wieder probiert habe, bin ich in den letzten zwei Jahren wohl zu einem Vocalist geworden – im Gegensatz zu jemandem, der nur rappt. Aber der Unterricht steht bis jetzt nur auf meinem Plan.

Du hast bereits eine Handvoll Alben und EPs veröffentlicht, die du alle selbst produziert hast. Auf deinem jüngsten Album »Venice« ist allerdings kaum noch ein Beat von dir. Wie kam es zu diesem Wandel?
Die ganzen Releases vor »Venice« liefen noch unter dem Namen Breezy Lovejoy. Nun wollte ich als Anderson .Paak einen anderen Weg gehen und mal mit verschiedenen Produzenten arbeiten. Ich war bei »Venice« von vorne bis hinten in die komplette Entstehung involviert, ich wollte allerdings einen Schritt zurück gehen, was die Produktionen angeht und habe mich mehr auf das Schreiben und meine Vocals konzentriert. Allerdings denke ich dabei auch wie ein Produzent. Ich nehme Beats entsprechend auseinander und gebe Feedback, an welcher Stelle ich mir was wünsche. Ich arrangiere weiterhin die Tracks. Auch wenn ich seit gut zwei Jahren keinen eigenen Beat mehr gemacht habe, sehe ich mich also noch immer als Produzenten. So ähnlich habe ich auch Dr. Dre arbeiten sehen. Das sagt mir im Moment eher zu, als mich hinter ein Pult zu klemmen und den ganzen Tag Samples zu choppen. 

Also siehst du Dre mehr als eine Art Regisseur?
Ja, er ist der Kapitän des Schiffs. Er arbeitet mit so vielen talentierten Köpfen und leitet das ganze Projekt. Er gibt seinen Input und sorgt dafür, dass alles in die Wege geleitet wird. Er macht keine Beats im wörtlichen Sinne, aber er ist der Tastemaker. Natürlich sind alle einzelnen Teile notwendig für das große Ganze, aber ohne diese eine Person würde es am Ende nicht so klingen, wie es klingt.

Ist das ähnlich der Art und Weise, wie Kanye heute arbeitet? 
Ja, ich war nie mit ihm im Studio, aber ich habe ihn darüber reden hören, dass er keinen Reiz darin sieht, alleine im Studio zu hocken. Es geht ihm bei der Studioarbeit um den Austausch mit anderen. So ähnlich sehe ich das mittlerweile auch. Ich will den Input von anderen haben und sehen, wie ich Leute zusammenbringen kann. 

Ich nehme an, du hast mit der Arbeit an dem Dre-Album eine Menge neue Leute kennengelernt.
Ja, ich habe viel Zeit mit Leuten wie Candice Pillay, Justus und King Mez verbracht. Außerdem war ich häufig mit den Musikern im Studio – Curt Chambers, der auf dem Album die Gitarren eingespielt hat, und Trevor, der Drummer. Dr. Dre habe ich natürlich auch oft gesehen. 

Habt ihr denn gemeinsam an Songs ­gesessen, oder standen die Beats bereits, als du aufgenommen hast?
Das war jedes Mal anders. Als ich zum ersten Mal ins Studio kam und Dre getroffen habe, saßen sie gerade an »All In A Day’s Work«. Er hatte meinen Song »Suede« mit Knxwledge gehört und wollte direkt mit mir arbeiten. Als ich dort ankam, ließen sie gerade einen Beat laufen, den DJ Dahi geschickt hatte. Der war so großartig, dass ich gefragt habe, ob ich direkt ans Mic gehen könne, um etwas zu freestylen und ein paar Melodien hinzulegen. Ich habe dann die Augen geschlossen, mein Ding durchgezogen und als ich sie wieder öffnete, haben alle gelächelt. Und so haben wir aus dem, was ich eingesungen habe, Lyrics geformt. Bis der Song letztlich stand, hat es aber noch ein paar Wochen gebraucht, weil wir zwischendurch auch viele andere Sachen geschrieben haben. Dre hat mich immer angerufen, wenn er meinen Input für bestimmte Tracks wollte. Bei »Issues« stand zum Beispiel nur der Beat – und Dre ­hatte konkrete Ideen, was ich wie darauf machen könne. Bei »Deep Water« standen bereits sein Part und der von Kendrick, und Dre meinte, er bräuchte noch etwas Kleines dazwischen. Bei »Medicine Man« war es wiederum ganz anders: Candice Pillay und Dem Jointz, die eine Menge doper Produktionen auf dem Album gemacht haben, hatten seit Jahren versucht, diesen Track auf’s Album zu bekommen. Aber Dre wollte ihn wohl nicht drauf haben. Also meinten sie zu mir, er möge diesen einen Part nicht und ich solle doch versuchen, dort noch ’ne Bridge einzusingen. Er hat den Track schließlich immer besser verstanden, und nachdem Eminem seine Strophe geschickt hatte, war er auch überzeugt. 

Wie viel Zeit hast du denn mit dem Projekt verbracht?
Vor vier Monaten war ich zum ersten Mal dort. Und wir haben bis zur Woche vor dem ­Erscheinen noch an Tracks gesessen. Eine unglaubliche Erfahrung! ◘

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #170 (hier versandkostenfrei nachbestellen).JUICE-Cover-170-groß