Rap im Radio: »Wollen wir, dass morgens Mütter gef**** werden und Kokain gezogen wird? Hmm, nein« // Feature

Illustration: Bastian Wienecke

Es scheint, als wären nur noch Astronauten im Radio aktiv, Lieblingsmenschen, die »Easy« bleiben und dem wichtigsten Rat des letzten Jahres folgen: »Bleib so wie du bist«. Das ist real, würde KC Rebell vielleicht mit wissender Miene sagen, weil er es geschafft hat, in den Radio-Club reinzukommen, an dessen Tür Deutschrap trotz anhaltender Relevanz oft abgewiesen wird – zumindest fühlt es sich so an. Zeit zu ergründen, welche Rolle Deutschrap 2017 tatsächlich im Radio spielt, und wie Songs überhaupt in der Rotation landen.

Am Freitag, dem 17. März 2017, wurde klar: Sie alle wollen rein ins Radio. Marteria, Kraftklub und Kontra K haben ihre neuen Singles veröffentlicht. Außerdem Adel Tawil, zusammen mit KC Rebell und Summer Cem. »Yeah, ich fahre blind durch den Abendwind/Es fühlt sich an als ob die Welt mich in die Arme nimmt« (KC Rebell), hieß es. Oder: »Ich bin wie der Wind/Für meine Vergangenheit nicht mehr zu greifen« (Kontra K). Und im Hintergrund lallten auf Ohrwurm getrimmte Beats zum Mitsummen voller Synths, wahlweise Gitarren.

Außer Kraftklub, die in ihrem Song die Ex halbironisch als Hure bezeichneten, waren das sprachlich eher harmlose, auf Ästhetik getrimmte Tracks, die für Monika (45), Hausfrau, genauso zugänglich sind wie für Torben (23), BWL-Student, und Linus (14), Schüler – was erst einmal nichts Schlechtes ist. Und warum sollte man diesen Mainstream-Ansatz einem der genannten Künstler verübeln? Das Radio jedenfalls ist beim Erlangen von Reichweite das Medium der Wahl, denn es erreicht so gut wie alle Altersgruppen. Im Radio können Singles schnell zu szeneübergreifenden Hits werden, und zwar in einer Größenordnung, die durch Youtube oder Streamingdienste allein so bisher noch kaum möglich ist.

Das zumindest belegen die Zahlen. 78,1% der deutschen Bevölkerung, also über 50 Millionen Menschen, schalten täglich das Radio ein. Die 14- bis 49-Jährigen durchschnittlich für knapp 237 Minuten. Das jedenfalls besagt eine Statistik der Arbeitsgemeinschaft Mediaanalyse e.V. von März 2017. Und eine Befragung des Bundesverbands für Musik­industrie e.V. stellt fest, dass immerhin 27% der Deutschen ihre Musik hauptsächlich übers Radio hören – und damit weit mehr als über Streamingdienste wie Spotify & Co.

In der Radiolandschaft muss man allerdings unterscheiden: zwischen privaten Formatradios wie zum Beispiel Energy oder Jam FM und öffentlich-rechtlichen Stationen wie Fritz (das Jugendprogramm vom rbb) oder 1Live (WDR). Die einen müssen Geld über Werbung verdienen und ihr Programm dementsprechend an den Einschaltquoten ausrichten, die anderen finanzieren sich hauptsächlich über die Rundfunkgebühren und müssen ihr Programm vielfältiger gestalten. Immerhin sollen diese Stationen die Vielfalt der Musiklandschaft widerspiegeln, auch das ist der öffentlich-rechtliche Auftrag. Da müsste Rap doch seinen Platz haben, oder?

Hintergrundbeschallung

Montag. Morningshow auf Radio Fritz. Zwischen 5 und 8 Uhr laufen neben Robin Schulz auch Genetikk, 257ers, Marteria, Kontra K und Teesy. Auf Jam FM und Energy fehlt von Deutschrap währenddessen jede Spur.

Salwa Houmsi sagt, dass das Morgenprogramm am wichtigsten ist. Da schalten die meisten Menschen ein – beim Frühstück oder im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Hintergrundbeschallung. »Die Moderatoren am Morgen sind die Stars der Sender.« Sie muss es wissen. Die 20-Jährige arbeitet als freie Journalistin und Moderatorin für Radio Fritz und Deutschlandradio Kultur, manchmal auch für das splash! Mag. Musikalisch wurde sie mit Deutschrap sozialisiert.

Auf Fritz hat Salwa zusammen mit einem Kollegen seit kurzem eine eigene Sendung. »Neu und gut« heißt die, läuft jeden Montag ab 20 Uhr und soll unter der Oberfläche graben, neue Musik thematisieren, die nicht seit drei Wochen in den iTunes-Top Ten stattgefunden haben muss. »Ungefähr 20% der Musik wählen wir als Moderatoren selbst aus, und da versuche ich der Musikredaktion schon auch zu erklären, warum man Haiyti spielen muss.« Tatsächlich lief deren Musik schließlich auf Fritz, sogar im Tagesprogramm neben Tracks von Soufian, Sookee und Zuna.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn speziellere Songs werden im deutschen Radio meistens ins Abendprogramm abgeschoben. So auch die Sendung »Neu und gut«, genauso wie Visa Vies »Irgendwas mit Rap« (mittwochs ab 20 Uhr) und Juse Jus »Nightflight« (donnerstags ab ein Uhr nachts), vor denen sogar der Warnhinweis eingespielt wird: »Achtung, in dieser Sendung werden Musiktitel gespielt, die deutliche Worte enthalten und mitunter verstörend, beleidigend oder sogar verletzend wirken können. Dies ist ein Stilmittel des Rap und absolut beabsichtigt. Sollten sie also ein oder mehrere Probleme damit haben, dann sollten sie jetzt vielleicht lieber irgendwas anderes hören.«

Patrick Ressler, Musikredakteur bei Fritz und somit einer derjenigen, die den restlichen Teil von Salwas Sendung mitbestimmen, findet nicht, dass Rap unterrepräsentiert ist. Er mutmaßt aber, dass die Musikradiolandschaft eher konservativ eingestellt ist und deswegen gerne leicht Verdauliches spielt. Rap gehöre eben nicht dazu, außer vielleicht so leichte Kost wie »Holz« von den 257ers. Bei Fritz soll es anders sein. Der Ansatz: »Wir erstellen unsere Playlist aus den Musikrichtungen Pop, Rock, Club und Urban«, sagt Patrick Ressler.

Weiter erklärt er: »Generell darf jedes Musikstück im Radio laufen, das nicht indiziert oder verboten ist. Die Auswahl trifft bei jedem Sender die entsprechende Musikredaktion. Im Falle von Deutschrap können dabei auch ethische Gründe sowie die Haltung des Senders eine Rolle spielen. Wollen wir, dass morgens zum Frühstück um halb acht Mütter gefickt werden und Kokain gezogen wird? Hmm, nein – das will Fritz eher nicht.« Der Sender 1Live, auf dem Rap ähnlich präsent ist, spielt Songs mit solchen Inhalten trotzdem, zensiert aber explizite Lines. Es entstehen sogenannte Radioversionen. Trotzdem wird klar: Rap unten halten, das will hier keiner. Aber bei Fritz müssten im Tagesprogramm eben Kompromisse eingegangen werden, Mainstream- und Underground-Acts sich die Waage halten. Auf Hörerbefragungen wird beim Sender indes wenig Wert gelegt. Die Entscheidungsgewalt liegt bei der Redaktion, die aus Nerds mit verschiedenen musikalischen Backgrounds besteht, und versucht, ihre Zielgruppe auch mal zu fordern.

Anders ist das bei Formatradiosendern wie Energy und Jam FM. Während die Köpfe hinter Energy, die nur »Hit Music only« spielen, wenn man dem Jingle Glauben schenken mag (und der eigentlich durch »Aber nur die Hit Music, die nicht wehtut« ergänzt werden müsste), ein Interview kategorisch ablehnen, erklärt sich die Jam-FM-Musikchefin Therese Kaselow dazu bereit.

Im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichen Frequenzen geht es im Privatradio noch viel mehr um Hörerbindung. Die Sender finanzieren sich durch Werbung, und Werbung muss verkauft werden. Musik wird nicht redaktionell ausgewählt, sondern strikt nach Relevanz. Therese fasst es so zusammen: »Wir machen nicht die Hits, wir spielen sie.« Deutschrap läuft auf Jam FM aber kaum, obwohl der Sender früher einmal sehr offen gegenüber HipHop war. »Ich vergleiche, welche Songs bei Spotify, iTunes, Shazam und in den USA oder Großbritannien erfolgreich sind«, erklärt sie. Außerdem gebe es sogenannte Call Outs: Eine Telefonbefragung, die den kleinsten gemeinsamen Nenner der Hörer herausfiltern soll. »Ich höre auch gerne mal Kollegah, aber mein privater Geschmack bleibt zu Hause und hat im Job erst mal nichts verloren«, sagt Therese.

Nur um RAF & Bonez seien sie im letzten Jahr nicht herumgekommen. »Das können wir dann auch mal spielen, weil sie so erfolgreich waren.« Zwischen den 300 bis 350 anderen Songs, die am Tag so laufen, blieben RAF & Bonez dennoch Exoten, denn Jam FM habe sich mittlerweile vor allem auf Dance spezialisiert. Es gäbe aber einen Online-Stream, der auch Rapfans ansprechen soll, und manchmal wird plötzlich dilettantisch mit Dat Adam gefreestylt. Das sind Momente, in denen ältere Musikfans abschalten, junge Hörer aber wahrscheinlich intuitiv damit beginnen zu dabben. Auch das ist Konsensprogramm: Freestyles mit Youtubern.

Ansonsten aber geht es in erster Linie darum, den Hörer bis zum nächsten Werbeblock bei der Stange zu halten. Vorwerfen kann man das den Sendern nicht. Sie stehen unter ständigem Erfolgsdruck. »Ausschaltimpulse sollen dort vermieden werden«, sagt Ruben Jonas Schnell, Programmdirektor von ByteFM und freier Radiojournalist für den NDR. Für viele Privatradios sei Deutschrap noch immer ein solcher Ausschaltimpuls.

Doch es gibt auch andere Ansätze. ByteFM ist ebenfalls als Privatsender aufgestellt, findet weitgehend online statt und macht sich vor allem darüber Gedanken, wie jede noch so kleine musikalische Randerscheinung abgebildet werden kann. Auch Facetten des Rap finden statt, was für Ruben eigentlich auch zum Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Stationen dazugehöre. Das Formatradio, so sagt er, sehe er gar nicht als Problem. »Das ist genauso ein legitimes Geschäftsmodell wie Plakatwerbung – aber eben keine Plattform für Musikjournalisten.«

Eine solche Plattform wiederum bietet Byte, kann aber, weil die Leute auch mit Abseitigem konfrontiert werden und eben nicht auf Krampf vom Abschalten abgehalten werden müssen, nur niedrige Gehälter zahlen. Autorensendungen laufen nach dem Selbstausbeutungsprinzip von Enthusiasten, die sich für eine intensive Auseinandersetzung mit Musik einsetzen. Ruben findet, dass ein »Fick dich« im Radio an sich unproblematisch sei, sagt aber: »Wenn man in einer Sendung Rap mit eindeutig frauenfeindlichen Texten spielt, dann ist eine Positionierung wichtig. So etwas unreflektiert abzubilden, finde ich falsch.«

»Redaktionen sind offener gegenüber Rap mit Message geworden«

Sonntag, 21 Uhr. Durch einen Berliner Dönerimbiss hallt ein Song von Morlockk Dilemma & Brenk Sinatra. Es läuft eine Sendung von K.I.Zs DJ Craft auf Fritz.

Montag. 21 Uhr. 1Live spielt Marterias »Aliens«, danach läuft ein halbstündiges Interview mit Veedel Kaztro, zwischendurch ein Yung-Hurn-Track.

»Redaktionen sind offener gegenüber Rap mit Message geworden«, sagt Sarah Wächter von der Radio-PR-Agentur »s’läuft!«. Sie versucht, Künstler wie die Antilopen Gang, Zugezogen Maskulin oder Sookee ins Radio zu bringen – nicht die leichteste Aufgabe. »Als wir mit Zugezogen Maskulin angefangen haben, haben sich die Redaktionen damit anfangs schwergetan«, erinnert sie sich. »Aber je größer etwas wird, desto mehr gewöhnen sich Redakteure daran. Gangstarap findet im Radio aber immer noch nicht statt. Die begreifen die Sprache da gar nicht als Stilmittel und verzichten sowieso gerne auf Musik mit Statements.«

Als Radiopromoterin, sagt sie, gehe es vor allem darum, gute Argumente für das Spielen eines Tracks vorzubringen. Zuerst grast man die offeneren Sender ab wie ByteFM oder Fritz. Mit diesen Referenzen kann man dann auch auf andere Stationen zugehen und sagen: »Guck mal, wer das schon alles gespielt hat.« Das erfordert Geduld, die sich aber durchaus auszahlen kann. Der Song »Pizza« vom aktuellen Antilopen-Gang-Album »Anarchie und Alltag« schaffte es beispielsweise in die Rotation. Doch selbst dieser eigentlich harmlose Track stieß Leuten vor den Kopf. »An einen Sender, der ‚Pizza‘ gespielt hat, wurde eine böse Mail geschickt, in der jemand kritisiert hat, dass im Song Pizza­stücke als Wurfgeschosse benutzt würden – so weit geht es manchmal.« Und so amüsant das erst einmal klingen mag: Auf solche Reaktionen haben die Sender keine Lust. Sarah sagt, dass die Programmverantwortlichen sich oft zu wenig trauen, vor allem im Tagesprogramm. Nachts sehe es da etwas besser aus.

Koljah von der Antilopen Gang glaubt aber, dass seine Band durch das Radio-Airplay von »Pizza« durchaus ein paar mehr Platten und Konzerttickets verkauft habe. »Wie viele Leute tatsächlich noch Radio hören, hatte ich so nicht auf dem Schirm.« Und »Pizza« sei halt ein poppiger Song mit eingängigem Refrain und einem Thema, mit dem jeder Depp etwas anfangen könne. Dann sagt Koljah noch: »Ich glaube nicht, dass es bei etablierten Radiosendern darum geht, irgendeine fortschrittliche Agenda zu fahren. Die sind mehr so staatstragend unterwegs, und die Antilopen Gang darf dann vielleicht mal den Quotenrebellen spielen.«

Eine Frage bleibt schließlich offen: Warum klappt das mit Rap und Radio in Großbritannien und den USA so viel besser? In den Staaten läuft Rap im Radio rauf und runter, und auf dem britischen Sender BBC One Xtra beispielsweise finden regel­mäßig Grime-Cyphers statt. Rap ist den ganzen Tag über ein Thema – und das im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Antwort dafür hat Ruben parat: »BBC ­operiert als Sender fürs ganze Land, hat dadurch eine andere Positionierung und kann auch die vermeintliche Minderheit der Musiknerds erreichen. In Deutschland ist das Radio viel lokaler aufgestellt, das erklärt die defensivere Programmpolitik der Sender.«

Halten wir fest: Sowohl die öffentlich-rechtlichen Radiosender als auch private Qualitätsinstanzen wie ByteFM oder Flux FM (mit ihrem HipHop-Channel Boom.FM) arbeiten effektiv daran, deutsche Rapmusik in ihr Programm zu integrieren. Die Verantwortlichen sind gegenüber HipHop aufgeschlossener geworden, sogar gegenüber Straßenrap. Dennoch braucht man sich nichts vorzumachen: Auch in den nächsten Jahren ist in den Hitstationen und Formatradios nicht auf mehr Deutschrap zu hoffen – vorausgesetzt, die Rapper schließen sich nicht alle kollektiv zusammen, um gemeinsam mit Andreas Bourani abzuheben. Bis es so weit ist, tanzt Drake mit Tränen in den Augen alleine zu »One Dance«, während sich Robin Schulz und Max Giesinger zu kitschigem Phrasengedresche Sekt nachschenken. Na Sdorowje! ◘

Text: Johann Voigt
Illustration: Bastian Wienecke

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