MC Bogy – Gangster haben’s schwer

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»Alle Sünden dieser Welt sind mein alleiniges Erbe«, rappte MC Bogy vor 15 Jahren auf »BRP 3« von Taktlo$$. Es war seine erste Rap-Strophe, aufgenommen in einer Zeit, in der die Welt in vielerlei Hinsicht noch eine andere war. Facebook und Youtube gab es noch nicht, keiner wusste etwas von 9/11 und niemand ahnte, dass nicht mal zwei Jahrzehnte später Deutsche in Syrien für ein radikal-islamisches Kalifat in den Krieg ziehen würden. Als wir MC Bogy in Berlin-Lankwitz besuchen, spielt all das eine Rolle.
 
In seinen bescheidenen vier Wänden, die dank der persönlichen Artefakte aus den Achtzigern und Neunzigern (Scarface, Rocky, Panzerketten, Jugendfotos, CDs von unter anderem Tupac, Big Pun und Big L) aussehen wie ein charmantes, sehr persönliches Museum, wohnt Bogy schon lange. Auf seinem alten Windows-Rechner zeigt er uns die Videos zu seinem seit Jahren angekündigten Solo-Epos »Biographie eines Dealers«. Rauch steht im Raum, Kaffee wird getrunken, die Stimmung ist gedrückt. Noch vor einigen Stunden musste Bogy Boulevardmedienvetreter abwimmeln, die mit ihm über einen reden wollten, der einst Denis Cuspert hieß. Dass er seinen Freund heute nur noch in der Bildzeitung sieht, belastet den 35-Jährigen. Eigentlich sind wir gekommen, um mit einer Untergrund-Legende über seine Entwicklung und sein neues Album zu sprechen. Als wir die Wohnung verlassen, haben wir mehr im Gepäck: Einen bewegenden Einblick in die Gedankenwelt eines Mannes, mit dem es das Leben nicht immer gut meinte.
 

 
Du hast »Biographie eines Dealers« vor mittlerweile vier Jahren angekündigt. Warum erscheint es erst jetzt?
Die Produktion hat länger gedauert als sonst. Früher hab ich alles einfach nur hingerotzt, aber dieses Mal haben wir unseren Sound so lange perfektioniert, bis wir wirklich zufrieden waren. Das Ergebnis ist dafür eine Meisterarbeit, mein »The Chronic«, wie B-Lash aus Spaß zu mir sagte. Mit mir und ihm ist das so wie mit einem Boxer, der nur dann funktioniert, wenn er den richtigen Trainer in seiner Ecke hat. Ich kann mich auf ihn verlassen, weil er meine Defizite kennt.
 
B-Lash ist also dein Boxtrainer?
Ja. Obwohl, nein. Er ist musikalisch mein Mentor, und ich business-technisch seiner. Außerdem darf ich Supafunk natürlich nicht vergessen. Er, B-Lash und ich, wir sind das Team.
 
Muss B-Lash dich ab und zu ins Studio prügeln, oder bist du selbst diszipliniert genug?
Nee, das muss er nicht. Ich musste B-Lash ins Studio prügeln. Nein, keiner prügelt sich, wir sind beide erwachsene Männer, haben Familie. B-Lash und ich, wir sind genau auf demselben hohen Level. Trotzdem machen wir finanziell nicht mal ein Prozent von dem, was andere Rapper machen. Du kannst nicht fünf oder sieben Tage die Woche im Studio sein. In diesen harten Zeiten kannst du nicht einfach deine Familie vernachlässigen, nur weil du lieber im Studio hängst. Du musst ja auch Geld nach Hause bringen.
 
Wie erklärst du dir, dass ihr kämpfen müsst, während anderen das Geld fast in den Schoß fällt?
Das Spiel wurde übernommen von Leuten, die es kaputt machen. Die machen sich lustig über uns Gangsta-Rapper, zum Beispiel dieser DCVDNS. Das ist kein Diss, ich hab nix gegen den. Auch nicht gegen MC Fitti. Das ist nix Persönliches, doch der kann nicht rappen, verkauft aber alles. Warum geben die keinem B-Lash nen Vorschuss? Weil die anderen alles korrupte Barden sind. Wir hingegen würden unser Maul aufmachen, politische Missstände ansprechen – von A bis Z! Deswegen würden die uns niemals nach oben lassen. Außerdem lehnen viele mich ab, weil ich Vorstrafen habe. Dabei habe ich keine sexuellen Straftaten begangen oder was ähnlich Ekliges. Das waren alles Raubdelikte und Körperverletzungen. Und darauf bin ich nicht stolz! Aber die drehen mir einen Strick daraus, und das ist eigentlich eine Unverschämtheit. Ich mache halt Gangsta-Rap, und für uns, gottverdammt noch mal, ist dieser Kuchen bestimmt! Auf mich warten nur Jobcenter, Armut, Tür oder dealen oder sonst irgendeine Scheiße. Die anderen, die sind nicht echt. Die könnten es auch auf normalem Wege schaffen und uns den Gangsta-Rap-Kuchen überlassen. Meine Crew BLN ist das beste Beispiel dafür: Bero, Isar und B-lash, das sind drei Meister! Aber die verkaufen keine CDs, kriegen keine Plattform. »Schnappi« war 2006 das meistverkaufte Album, Mann. Das ist Opium fürs Volk. Die wollen die Leute dumm halten, deshalb lassen sie nur kastrierte Poeten nach oben.
 
Unabhängig von den kommerziellen Erfolgsaussichten: Wie sehr freust du dich darüber, dass dieses Album endlich fertig ist?
Ich freu mich unglaublich. Ich habe daran mit viel Herz gearbeitet, da ist alles echt. Wenn ich keinen Gangsta-Rap machen würde, würde ich wohl eher leichte Kost aufnehmen, mich zum Hampelmann machen. Das kann ich gut, sah man ja bei Atzenkalle – dann mache ich so ne Schrottscheiße. Aber nee, das will ich nicht, ich bin immer real. Wie man das am Ende vermarktet, ist mir auch eigentlich egal, aber manchmal wünsche ich mir einfach echte Gangster in den hohen Etagen, so wie Suge Knight. Oder Frank Hanebuth [aktuell inhaftierter Bordellbetreiber und Vorsteher des Hells-Angels-Chapters Hannover; Anm. d. Verf.], der müsste ein Label machen. So jemand hätte keinen Schiss vor einem Künstler wie mir.
 
Zumindest bist du in der Berliner Rap-Szene immer noch eine angesehene Persönlichkeit.
Ja, ich bin mit allen gut! Außer natürlich mit Leuten, die die Scheiße auf die Spitze treiben und immer Leute anpissen. Ich würde nie ne Drohung aussprechen, aber ab und zu braucht dieser Rapzirkus ne Ansage von mir, auch wenn das manchmal daneben geht. Ich kann so was wie G-Hot und Fler nicht mehr dulden. Die haben echt Leute verpfiffen, das schwöre ich beim Augenlicht meines Sohnes. Fler ist eine Pussy und soll sein Maul halten. Der ist nie in Südberlin, das hier sind unsere Straßen! Die haben unser Image genommen, tun so, als wären sie hier aufgewachsen, dabei kennt die in Lankwitz kein Arsch!
 
Um wieder zur Musik zu kommen: Du warst vor kurzem in Prinz Pornos »Eau de Porneau«-Video zu sehen, zusammen mit MC Basstard und Frauenarzt, beides Freunde von dir. Wie gerne blickt ihr auf die Zeit zurück, in der ihr gemeinsam anfingt zu rappen?
Das war schon ne sehr schöne Zeit. Da war ich noch gesund, wir waren jung. Wir fuhren mit Sinan und Frost im Rolls Royce rum, das war krass. Ich fing gerade an zu rappen und hatte irgendwo nen Auftritt. Ich spielte immer, bis die Bullen kamen, war ständig besoffen, habe kalt geduscht, stieg in den Tourbus und ging wieder raus auf die Bühne. Natürlich ist da auch viel schiefgegangen, und am Ende war ich der Leidtragende. Diese Auftritte von damals hängen mir auch immer noch nach. Aber damals war der Zusammenhalt toll. Manchmal ist es zwar eskaliert, aber todeslustig war es immer. Ich will diese Zeit nicht missen, trotzdem ist heute zum Glück alles professioneller. Eine Berlin-Crime-Tour mit all den Artisten von damals wäre schon eine tolle Sache.
 
Ist mit der Professionalisierung der Leute vielleicht auch etwas verlorengegangen? Eine bestimme Energie?
Na ja, schon. Bei Bassboxxx, da war jeder, was er war. Mach war Mach, Jope war Jope und Bogy war Bogy. Dis war ja noch voll Straight out of Lankwitz damals. Wir haben hier schon 93 angefangen zu rappen, da dachten alle noch, Lankwitz wäre dasselbe wie Dahlem [ein Teil von Berlin-Zehlendorf; Anm. d. Verf.]. Die dachten, wir wären irgendwelche Bonzenbengel oder sogar Nazis. Ich war 1994 das erste Mal freestylen im Acud am Rosenthaler Platz, Alter. Damals hieß DJ Tomekk noch DJ Salomon!
 
Dein erster Auftritt war in einem illegalen Club in Ost-Berlin?
Genau, das waren Veranstaltungen in nem besetzten Haus. Das war so HipHop, Atze! Ich war mit Frauenarzt auf der Bühne, und wir haben das Battle verloren, obwohl wir eigentlich besser waren. Ich war ein wirklich guter Freestyler damals. Leider gibt es davon keine Aufzeichnungen mehr, aber ich hatte da echt nen starken Wortschatz. Maxim [verstorbene Berliner HipHop-Legende; Anm. d. Verf.] war damals auch immer am Start.
 
Hinter uns steht ein Bild von dir als Jugendlicher. Wie alt bist du auf dem Foto?
Da habe ich bei meinem Vater und meiner Mutter gewohnt, ich war 17 oder 18. Ich bin 79 geboren, habe 84 meine ersten Rapsachen gehört, damals über meinen Vater. Dann kamen irgendwann Ice-T, die 2 Live Crew und 1991 »Fight The Power« von Public Enemy. Das war der Shit, Alter. Das war die geilste Musik und die beste Zeit überhaupt, als ich mit meinem Vater im Auto durch Berlin fuhr und Ice T im Tapedeck lief. Das war Berlin, Mann.
 

 
Seitdem ihr angefangen habt zu rappen, hat sich nicht nur die Rapszene, sondern auch Berlin verändert.
Alles Coole ist weg. Die Stadt ist korrupter geworden.
 
Woran liegt das?
Das liegt an der Generation. Meine Generation war die letzte, die noch auf der Straße gespielt hat. Heute läuft alles über Medien. Ihr wisst doch, wie das ist. Wenn ich früher gesagt hätte, der Typ von der JUICE ist ein Hurensohn, dann hätte ich dir das ins Gesicht sagen müssen, und dann hätten wir uns halt geprügelt. Heute beleidigt man Menschen von zu Hause aus. Jeder hat ne große Fresse, und viele Werte sind verlorengegangen. Auch im Milieu. Viele machen den 31er und sagen aus. Aber auch im Rest der Gesellschaft. Zum Beispiel die Mietpolitik, ach, die ganze Welt ist kaputt. Da waren mir die Achtziger noch lieber, da gab es noch das Feindbild des bösen Russen. So macht man das im Kapitalismus, man lenkt ab von der Scheiße, die man verzapft, indem man ein greifbares Feindbild schafft. Das ist heute der Islam, was völlig idiotisch ist. Natürlich gibt es Leute, die den Islam falsch auslegen, aber, ich weiß auch nicht, wir hatten hier früher auch Satanisten, die in Lankwitz an der Kirche rumgechillt haben, und die haben wir dann auch geklatscht – kannste im Bushido-Buch nachlesen. Genauso wie diese Idioten von Pro NRW. Boah, diese Welt ist schon sehr idiotisch und grausam. Alle meine Leute sind verheizt oder in Sachen involviert, die sogar für die JUICE zu heiß sind. Jeder macht irgendwas, es gibt keine Gemeinschaft mehr. Du kannst nicht mal mehr vernünftige Crewfotos machen, weil alle untereinander Streit haben. Das war anders, als wir alle noch HipHop gelebt haben. Das war keine Religion, bestimmt nicht. Wegen HipHop hatten alle eine Aufgabe und vor allem war es egal, wo du herkommst. Aber dann kam irgendwann diese Scheiße, dass alle anfingen, sich über ethnische Gruppen und ihre Vorfahren zu definieren. Der eine geht zu Al-Qaida, der nächste zum IS, der nächste wird Rocker, ein anderer Junkie – weil alles kaputt geht.

 
Also war HipHop in eurer Jugend für euch etwas, das das Beste aus euch herausgeholt hat?
Mann, wir hatten halt ne Alternative! Das hat einem Kraft gegeben. Ich kann nur positiv über HipHop reden. Das ist einfach eine tolle Kultur. Auch wenn wenig Geld da war, hatte ich eine gute Familie. Die Hauptsache war eh, dass Papier da war. Wenn man sich im Copyshop fünfzig Blatt geklaut hat, konnte man stundenlang malen. Oder fürs Rappen: Dafür brauchtest du nur eine Instrumental-Platte. Heute haben die Kids es ja eigentlich noch leichter, dank ihrer Laptops. Das ist was Tolles! Aber dann sagen sie: bla bla, kriminell – und das finde ich beschissen, weil das aufgesetzt ist. Ich wäre drin gewesen, ich wäre jetzt garantiert in Sicherheitsverwahrung, hätte ich Rap nicht gehabt.
 
Ist es für dich also schade, dass Berliner Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen heute nicht mehr so häufig in Straßengangs wie Berlin Crime organisiert sind?
Bruderschaft! Die Mehrheitsgesellschaft hat heute keine Werte mehr, die gibt es nur noch bei den Einprozentern [Motorradgangs; Anm. d. Verf.]. Da zählen noch manche Werte. Guck mal: Angenommen, ich spuck dir jetzt ins Gesicht, dann gibst du mir ne Backpfeife, völlig zu Recht. Vorm Gesetz ziehst du trotzdem den Kürzeren. Die Kiddies von heute haben Internet, die durchschauen all diese Ungerechtigkeiten. Aber dann sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und halten falsche Wahrheiten für richtig. Es ist schwer, heute brüderlich zu leben, aber das ist am Ende alles, was man hat. Guck mal, wer bin ich denn auf’m Papier? Verschuldet, durch Führungsaufsichten vom Gesetz kastriert, verstehst du? Aber in meiner Welt bin ich jemand. Ich habe Brüder, zum Glück. Da draußen ist alles so heuchlerisch. Diese ganzen Lügen über Assads Giftwaffen und Al-Qaida. Aber die meisten leben nun mal lieber in diesem Lügenkonstrukt, anstatt einzusehen: Ja, wir haben’s verkackt. Guck dir nur mal die Welt an! Dabei geht es uns eigentlich noch scheiße gut. Wir hier müssen nicht jede Nacht in den Keller, weil Senfgas geballert wird. Hier muss keiner Milchtransporter überfallen, wir sterben stattdessen an Herzinfarkten, Koks und Überfettung. Ihr wisst, was ich meine. Das ist ne grausame Scheißwelt, also zieht man sich am besten zurück in seine Familie oder in andere Gemeinschaften.
 
Zum Beispiel in eine Glaubensgemeinschaft?
Ja, na klar. Da ist ja auch erst mal gar nichts Schlechtes dran. Schlecht sind diese Glaubenssachen nur dann, wenn der eine sie dem anderen aufzwingt.
 
Du selbst bist ja Moslem, nicht?
Ich bin – alhamdulillah – Moslem seit zwölf Jahren, aber das spielt keine Rolle.
 
Du möchtest über deinen Glauben nicht in der Öffentlichkeit reden?
Mittlerweile schon. Weil er ständig angegriffen wird, auch wenn ich sicherlich nicht dieselbe Meinung wie jeder Moslem vertrete.
 
Warum bist du damals konvertiert?
Ich war zweieinhalb Tage lang klinisch tot und habe das überlebt. Danach habe ich mich viel mit Gott befasst, bin zum ersten Mal zum Freitagsgebet gegangen und habe plötzlich so viel Kraft verspürt. Das war eine Quelle für mich, aber wie das so ist, brauchte es nur einen Tropfen Öl, um sie zu verpesten. Heute weiß ich gar nicht mehr, wo ich zum Beten hin soll, weil sich alles so zugespitzt hat. Ich lebe meinen Glauben nur noch für mich alleine, weil ich zwischen all diesen Strömungen viel zu wenig durchblicke. Und ich muss zugeben: Ich lebe nicht nach dem Islam, obwohl ich aus einem Gefühl und meinem Wissen heraus weiß, dass er existiert, also Gott. Ich habe es gesehen, es gefühlt. Trotzdem bin ich ratlos. Es ist so grausam, wenn du siehst, wie Leute, die sich früher geliebt haben, einander heute einzig wegen religiöser Hintergründe hassen. Mir ist doch scheißegal, ob du Jude, Moslem oder Buddhist bist. Mensch ist Mensch, die Taten zählen. Ich schwöre bei Gott: Ich habe vor nichts Angst. Trotzdem mache ich mir Sorgen, weil sich die Spannungen zwischen den Religionen zuspitzen. Wer weiß, wer morgen einen Anschlag verübt? Ganz egal, ob ein Breivik, irgendwelche Moschee-Abbrenner oder eben Typen, die unschuldige Leute abknallen – diese ganze Kacke!
 
Woraus schöpfst du die Kraft, um mit diesen Entwicklungen umzugehen? Gehst du noch zum Freitagsgebet?
Nein, ich gehe nirgendwo mehr hin. Ich sollte mal wieder, aber das ist alles schwer geworden für mich. Weißt du, auch diese Sache mit Deso. Ich liebe meine Kurden! Ich bin mit denen im Krieg im Syrien, aber guck mal (Bogy sucht einen Moment lang nach den richtigen Worten): mein Bruder Deso. Du kannst die Liebe zu einem Menschen nicht so einfach abschalten. Was da alles passiert ist, mehr muss ich dazu gar nicht sagen, oder? Desos kleiner Bruder, ein guter Junge ist das, war letzte Woche bei mir, und der betritt manche Bezirke von Berlin gar nicht mehr, weil zu viele wissen, mit wem er verwandt ist. In Kobane sind mittlerweile so viele Menschen gestorben, da ist viel zu viel böses Blut. Du kannst zwischen den Menschen nicht mehr schlichten, und ich hasse eine Welt, in der so etwas passiert. Dieser Scheiß-Rassismus! Das hier ist die Endzeit, wir sind live in Babylon! Alle sagen, dass man verrückt ist, wenn man so etwas sagt, aber ich empfinde es nun mal so.
 
Wie gehst du damit um, wenn du solche schlimmen Dinge siehst oder erlebst?
(Bogy stockt) Guck mal, das hat nichts mit weich sein zu tun, aber ich hatte so viele Brüder, und mehr als zehn von denen sind mittlerweile tot. Und bei Deso ist es so: Aus der Nummer, in der er steckt, gibt es kein Zurück. Der kommt da nicht mehr lebend raus, wir werden ihn einfach nie wieder sehen, und das ist unfassbar traurig. Ich schwör’s dir, wir haben uns geliebt wie Brüder. Ich hab sogar noch zwanzig Lieder von ihm hier. Ich kann darüber nicht reden, Bruder. Ick werd noch verrückt: Erst letztes Jahr ist meine Cousine mit 17 gestorben. 30 Kilo hat sie gewogen. Ich darf darüber nicht reden, das sind einfach zu viele Sachen.
 
Das ist okay, lass uns lieber über etwas Positives reden.
Ich bin halt ein Weichei, Alter. Nee, Spaß. Wenn das Glas offen ist, ist es auch bald wieder zu. Wisst ihr, was ich meine?
 
Lass uns einen Bogen zurück zu deinem Album spannen. Die Grundstimmung darauf ist eigentlich eher positiv als negativ, oder?
Genau, das Album soll den Leuten Mut machen, das wirst du auch hören. Ich will den Leuten Kraft spenden.
 

 
Auch wenn du weiterhin keine 100.000 Platten verkaufen wirst, so ist es also immer noch eine gute Sache, dass du Musik machst. Weil du damit deinen Leuten etwas Positives mitgeben kannst, richtig?
Ja, Mann. Die Leute tätowieren sich meine Zeilen auf den Arm. Das bewirken Mainstream-Künstler nicht. Die Musik ist vielleicht wie eine Hure, aber ich liebe diese Nutte, und nur ich ficke sie! Keiner sonst! Das ist meine Musik. Ich will, dass die Leute es verstehen. Es gibt Menschen, die sich umbringen, weil sie denken, keiner versteht sie – und das ist tragisch. Deswegen mache ich Musik: Ich will denen da draußen sagen, dass sie meine Jungs sind. Wir sind nicht alleine. Deswegen bekomme ich auf der Straße nur positives Feedback. Es gibt noch Liebe auf der Straße, wegen meiner Musik. Ich tanze mit meinem Sohn morgens zur Musik. Der hört Rap und er tanzt, er freut sich, Alter! Verkaufszahlen sind so interessant wie ein Sack Reis in China. Das hier ist das wahre Gold, das Straßengold! ◘
 
Text: Sascha Ehlert & Johannes Rabolt
Fotos: Sylvain
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #166 (hier versandkostenfrei nachbestellen)
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