MC Bogy – Interview

 

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»Über Bogy hörste immer: Der ist abstinent, Waschbrettbauch, 30-cm-Puller und ein Bizeps bis zum Hochhaus. Dann siehste mich aber und denkst: Hm, da hat ihn jemand verwechselt«, grinst der glatzköpfige Hüne. Wie so oft ist der lyrische Hooligan aus Lankwitz zu Scherzen aufgelegt. Doch die Witze können nicht darüber hinwegtäuschen, dass MC Bogy in seinem Leben nicht immer nur die Sonnenseite zu sehen bekommen hat. Noch immer ist er auf Bewährung, noch immer gerät er ­gelegentlich in körperliche Auseinandersetzungen und noch immer hinkt sein monetärer Erfolg seinem Legendenstatus in der Berliner Rap-Szene gewaltig hinterher. Doch mit einer gehörigen Portion ­tiefschwarzem Humor lacht er auch so ernste Probleme wie seine angeschlagenen Stimmbänder oder seine Konflikte mit der Staatsmacht weg – ein unverwüstliches Original eben, dessen Herz mindestens so groß ist wie seine Schnauze.

 

Was machst du den ganzen Tag?
Gerade lass ich mich gehen, saufe vier Tage am Stück, verprügele jemanden oder ficke eine Hure. Dann wieder gehe ich beten, bin traurig, weine den ganzen Tag. Sonst chille ich und rauche mit meinen Brüdern Weed.

 

Und arbeitest an deinem neuen Album?
Ja. Vorher kommt noch mein Street-Album mit Medizin Mann, »Verbales Kokain«. Mein Soloalbum heißt vielleicht »Biografie eines Psychopathen«. Oder »Fremdscham«. Denn Fremdscham ist alles, was man über die heutige HipHop-Szene sagen kann. Wir ­wollen aber keinem was Schlechtes, wir mögen Babys und kleine Hunde. (lacht)

 

»Biografie eines Psychopathen« klingt nach persönlicher Aufarbeitung.
Bei mir ist es doch immer persönlich. Je älter man wird, um so besser hat man sich ­analysiert. Mein Kopf ist mein Drehbuch. Ich rappe über das, was ich mache, nicht darüber, was meine Homies machen oder was ich in irgendwelchen Filmen gesehen habe. Zum Glück habe ich einen, der auf mich aufpasst. Ein alter Freund, das ist der Herr Browning. Der hat immer neun Kumpels dabei, die sind immer schneller als alle anderen. Nee Spaß, ich spiele ja nur mit dem Image als Rapper, ich gehöre auch zu denen, die das alles bei »Goodfellas« gesehen haben und nach Berlin gezogen sind. Jetzt bin ich auch ein Gangster. (lacht)

 

Versuchst du jetzt, endlich Fuß zu ­fassen im »richtigen« Musikbusiness?
Na ja, ich will wenigstens ohne Schulden aus diesem Geschäft rauskommen. Irgendwann stößt jeder Mann an seine Grenzen. Du kannst wahrscheinlich keinen Security-Job machen, weil du nicht drei Minuten auf einen drauftreten kannst. Ich kann das ganz gut, aber ich könnte nicht den ganzen Tag am Computer sitzen. Ich bin froh, dass ich noch lebe und seit Jahren Musik machen kann. ­Finanzielle Erträge habe ich mir sowieso abgeschminkt. Nicht falsch verstehen, ich denke auch immer nur an Geld. Aber wenn ich eine CD aufnehme, mache ich das aus Liebe. Oder aus Spaß, Liebe ist so ein großes Wort. Ich mache es für mich und meine Homies. Das ist die Bassboxxx-Mentalität.

 

 

Du glaubst nicht mehr daran, mit der Musik Geld verdienen zu können?
Nö. Ich brauch auch nicht viel, ein paar Homies um mich herum, ein bisschen rotes Fleisch auf dem Grill – so wie heute.

 

Hat Musik zu machen sich für dich ­trotzdem gelohnt?
Wo wäre ich denn sonst? Der Respekt und die Liebe, die ich bekommen habe, so viel Positives werde ich wahrscheinlich nirgendwo anders mehr im Leben erfahren. Finanziell habe ich nichts vorzuweisen, meine Mutter denkt, ich sei ein armer Schlucker. Aber ich bin glücklich, ich bin »hood rich«. Jeder kriegt, was er verdient, meine Million ist in meinem Herzen. Mal im Ernst: Ich habe auch einen Pokal zuhause.

 

Vom Boxen?
Nee, von der Leichathletik. Früher durfte ich nicht boxen, weil mein Vater mal einen im Ring verloren hat. Deswegen durfte ich erst mit 13 boxen. Er wollte mich erst kämpfen lassen, wenn ich alt genug bin zu entscheiden, ob ich bluten will oder nicht.

 

Hörst du eigentlich auch mal neue Rap-Sachen oder stehst du nur auf das alte Zeug?
Nee, nur die alten Sachen. Ich bin ein echter B-Boy. Wir haben HipHop kennen gelernt, da war nicht mal dran zu denken, damit Geld zu verdienen. Wir haben es aus Liebe gemacht. Mit dem, worüber andere rappen, haben wir unser Geld gemacht. Wir waren nie im Studio. Wir haben es in der U-Bahn gelernt. Am Bahnhof, unter der Brücke, im Park oder im Kinderzimmer. Oder in der Gesa (Gefangenensammelstelle, Anm. d. Verf.).

 

Und heute?
Alles zum Kotzen, Fremdscham. Mir wird schlecht, wenn ich Männer in engen Hosen sehe. Aber: leben und leben lassen, wa?

 

 

Gibt es den Geist aus der Berlin Crime-Zeit nicht mehr?
Nein. Das heißt, bei uns ja. Eigentlich ­nehmen wir auch nur Leute ernst, die ein BC-Tattoo auf dem Rücken und auch mal dafür geblutet haben. (zeigt sein Tattoo)

 

Das war ja auch der Aufmacher bei unserer Titelgeschichte über Berlin Rap.
Ja, vielen Dank noch mal dafür. Mein Vater hat sich gefreut. Der holt sich immer die Zeitungen, in denen ich drin bin. Da freut er sich, wenn es mal nicht wegen Körperverletzung oder Vergewaltigung ist. Nee, nur Spaß natürlich. (lacht)

 

Du hast jetzt ein neues Management…
Na ja, das läuft alles freundschaftlich ab. Im Musikgeschäft sehe ich eben nicht so durch, da schieße ich manchmal auf Mücken mit Elefanten und dann wieder mit Pusterohren auf F16s. Jetzt sagen die mir, was eine Mücke ist und was eine F16, aber schießen tu immer noch ich. Ich kann halt nicht diskutieren, sondern ich schlage zu. Ich sage zehnmal »bitte« und beim elften Mal bricht eine Nase. Ich ärgere mich immer nur, dass ich kein Scheidungskind bin, sonst könnte ich alles darauf schieben. (lacht) Um das Nuttengeschäft zu verstehen, braucht man aber einen, der ihre Sprache spricht.

 

Einen Zuhälter?
Nee, hab ich keinen. Ich bin ja frei ­anschaffender Künstler. Die letzte Edelnutte hier auf’m Kiez ohne Zuhälter. (lacht)

 

Schon mal überlegt, selbst Zuhälter zu werden?
Bin ich doch längst. Aber ich gehöre zu den dummen Zuhältern, die in ihre Nutte verliebt sind. In die Musik, meine ich. Und die eigene Frau auf den Strich zu schicken, ist noch mal was anderes. (lacht)

 

Stimmt eigentlich das Gerücht, du seist zum Islam konvertiert?
Ich glaube an den Koran, leider lebe ich nicht danach, weil ich zu schwach bin. Der Islam hat mir die Augen geöffnet. Auf viele Fragen habe ich Antworten bekommen, für meinen Schmerz, meine Liebe, meine Suche. Ich würde das aber nie mit meiner Musik verbinden, das ist meine Privatsache. Ich finde es schlimm, wie das jetzt diskriminiert wird. Früher die bösen Kommunisten, heute die bösen Moslems. Immer wird abgelenkt und gegen Randgruppen gehetzt.

 

Was bedeutet dir HipHop heute?
Das ist meine Kultur. Es ist das, was uns alle verbindet. Es ist nicht, woher du kommst, sondern was du machst. Einfach ein Sprachrohr für Leute, die sonst keine Stimme haben, für Außenseiter. Aber für die Außenseiter hat sich nicht viel geändert, nur für die, die sie vermarktet haben.

 

Text: Oliver Marquart

 

 

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