Skepta: »Regel Nummer eins: Es geht nur um die Musik! Regel Nummer zwei: keine Selfies«

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Ein Autohaus im Osten Londons, Shoreditch, gleich neben Hackney. Ein Soundsystem. Eine bunt gemischte, dicht gedrängte Menge. Ein Mann am Mic, sechs Fuß groß. »Fuck da police!«, lässt er die Zuhörer wiederholen. Drake flötet aus dem Off: »Trusss me daddi…« Die Leute johlen. Als die Fanfare einsetzt, flippt alles aus. Shutdown!

 
Vor Monaten schon hatte Skepta den Gratisrave für seine Fans angekündigt. Jetzt, am Erscheinungsdatum seiner neuen Single, löst er ihn ein. Die wackeligen Videos belegen: Der Mann hat einen echten Hit geschrieben, ein Monster, das seine Leine durchgebissen hat. Wenige Tage später fläzt er erschöpft, aber zufrieden auf einer Couch im Backstage des Berliner YAAMs. Skepta hat gerade sein erstes Konzert in der ­hiesigen Hauptstadt gegeben. Jetzt gibt es den verdienten Spliff. Dass er den gesamten Tag vor dem Auftritt über der Kloschüssel verbracht hat, sieht man ihm nicht mehr an. In Paris hatte es in der Nacht zuvor noch Meeresfrüchte ­gegeben. Prädikat: abgelaufen, ganz offensichtlich. Das für den Nachmittag angesetzte Interview verlegte man nach hinten. »Dabei versuche ich immer, für mich zu kochen, wenn ich mich krank fühle. Meine Pasta mit Lachs ist ziemlich gut«, meint der 1982 geborene Joseph Junior Adenuga. Mit dem Essen hat er es sowieso. Auf dem neuen Album seines jüngeren Bruders Jamie alias JME rappt er etwa: »You’re trying to look bouji in Milan/I’ll be eating sushi in Japan«. Aber überlassen wir die Food-Features Action Bronson. Schließlich arbeitet Skepta gerade sehr hart daran, 2015 sein Jahr werden zu lassen. Und bisher läuft es formidabel. Ein kleiner Höhepunkt jagt den nächsten, fleißig begleitet von sämtlichen Onlinemedien. Der Grime MC macht eine Mini-Tour durch Europa, tritt ganz in Weiß im britischen Fernsehen auf, jeder will ein Interview. Alle fragen danach, wann endlich »Konnichiwa« erscheint, sein fünftes und seit über einem Jahr angekündigtes Album.
 

 
Alles folgt einer Anfang des Jahres losgetretenen Welle, die in lexikalischen Dienstleistungsartikeln wie »15 Skepta Songs You Should Know« mündete. Der britische MC war von zwei Schwergewichten auf den Radar der internationalen Rapmedien gespült worden: Drake und Kanye West. Das Drake-Support-Paket in drei Schritten: Ein »That’s Not Me«-Reload auf Lil Waynes Mixtape »Sorry For The Wait 2«, in dem Drizzy zwei Skepta-Zeilen für »Used To« adaptiert. Zwei Instagram-Posts, in denen sich der langjährige Grime-Aficionado vor Wiley und Skepta verneigt sowie Skeptas legendäres »Lord Of The Mics«-Battle mit Devilman preist. »Talkin’ way before hashtags.« Und schließlich: ein Shout Out in den Liner Notes seines Albums »If You’re Reading This It’s Too Late«. Kanye wiederum präsentierte im Februar seinen neuen Song »All Day« bei den Brit Awards. Im von Flammenwerfern beleuchteten Hintergrund ging eine Gruppe vollständig in Schwarz gekleideter Männer ab. Darunter die Grime MCs Novelist und Skepta. Letzteren hatte Yeezus himself kurz zuvor angerufen. Ob er nicht ein paar Freunde mitbringen könne. Einen unverständlichen Shout Out gab es obendrauf. Plötzlich war Skepta auch Leuten ein Begriff, die sich sonst nicht mit Grime befassen.
 
So schnell nun alles voranschreitet, das Tempo bestimmt der Londoner noch immer selbst. Er hat das Fundament für den Hype mit den ­Singles »That’s Not Me« und »It Ain’t Safe« selbst gelegt und ist nicht bereit, sich vor dem Ziel aus der Bahn drängen zu lassen: »In ‚Shutdown‘ rappe ich: ‚Usain Bolt when I run up on stage‘. Er ist der erste schwarze Mann, der für sein Land solche Rekorde knackt. Genauso fühle ich mich.« Und eine ähnliche Ausnahmestellung hat aktuell der britische Hollywood-Schauspieler Idris Elba inne. Der aus »The Wire«, »Luther« und »Mandela« bekannte Golden-Globe-Gewinner wird derzeit ganz heiß als erster ­schwarzer James-Bond-Darsteller der Geschichte gehandelt. Elba ist zudem auch unter dem Alias Big Driis musikalisch aktiv gewesen und stammt wie Skepta aus Hackney, Ost-London. Letzterer konnte ihn nun für einen offiziellen Remix von »Shutdown« gewinnen. Es läuft einfach rund. Erstaunlich rund, wenn man bedenkt, dass Skepta jetzt seit über zehn Jahren im Game ist und seine Karriere eigentlich längst an eine gläserne Decke gestoßen schien. Um die Grundlagen für den späten Durchbruch etwas weiter zurückzuverfolgen: 2005 ist das Dizzee-Debüt »Boy In Da Corner« gerade zwei Jahre alt. Die Brüder Joseph Junior und Jamie Adenuga sind in der Betontristesse des Meridian Walk, Tottenham, aufgewachsen und in der Szene mit der Meridian Crew, zu der auch Big H gehört, aktiv. Wiley, einer der frühen Grime-Stars, gehört zu ihren besten Freunden. Er ist es auch, der Skepta, eigentlich als Produzent und DJ tätig, dazu ermutigt, es mal als MC zu probieren. Gemeinsam feilen sie an seinen ersten Bars. Nach dem Ende der Meridian Crew initiiert JME mit Wiley und Skepta die neue Crew Boy Better Know, deren gleichnamiges Label bis heute von ihm geführt wird. Hier erscheint nochmals zwei Jahre später das Skepta-Debüt­album, selbstbewusst »Greatest Hits« betitelt. Ein erster Achtungserfolg. Schon zuvor hatte er sich Respekt verschafft, indem er in einem heute legendären »Lord Of The Mics«-Clash über Devilman triumphierte. Die DVD-Reihe, abgedreht im Keller von Host Jammer, ist eines der zentralen Szeneorgane. Skepta, schon damals ganz Stratege, hatte sich mit Devilman bewusst einen MC aus Birmingham ausgesucht, der zweitgrößten Stadt des Vereinigten Königreichs, um sich durch den Wettstreit auch außerhalb Londons bekanntzumachen. Die Rivalität wird bis heute gepflegt: Devilman disst bereits gegen Skeptas neuen Erfolg an.
 
Nach »Greatest Hits« öffnet dieser aber erst mal seine Musik anderen Beats. Wiley hat gerade den Track »Wearing My Rolex« veröffentlicht. Skepta knüpft direkt mit der Single »Rolex Sweep« und einem dazugehörigen Tanz daran an. »Wiley war der Big Man, der große Anführer der Grime-Szene. Ich machte, was er machte«, sagt er heute. Wie auch die nächste Single »Too Many Man« aus seinem zweiten Album »Microphone Champion« schafft es das Lied in die Top 100. »Ich habe meinen eigenen Stil. Aber wenn ich Dinge genau beobachte, dann kann ich mich sofort einmischen und dabei doch selbstständig bleiben«, erinnert sich der MC und Produzent an die Zeit. »Das ist meine Stärke. Damals, als ich ‚Too Many Man‘ gemacht habe, tanzte ganz Britannien zu Funky House. Das war mein Bounce Track, ein grimey Bounce Track, klar. Ich mag große Lieder.« Beim Konzert in Berlin ist »Too Many Man« sein einziges Stück, das nicht nach »Blacklisted« erschienen ist. Letztgenanntes ist ein Mixtape, das er statt seines vierten Albums Ende Dezember 2012 veröffentlicht. Der Dance-Sound hat ihm als einigen von wenigen Grime-Künstlern die Türen in die großen Medien geöffnet. Er bekommt einen Major-Deal, bringt das Album »Doin’ It Again« heraus und tritt erstmals vor tausenden Leuten auf. Dennoch handelt es sich um eine Sackgasse: Weder er noch das Label sind zufrieden mit dem Material und den ersten Reaktionen auf den Nachfolger. Doch auf einer Tour überfällt Skepta der Impuls seines Lebens: Er kauft sich ein kleines Studio-Set-Up und packt es in den Tourbus, wo direkt der Track »Tour Bus Massacre« entsteht. Proto-zweite-Welle-Trap anno 2011. »Ich kam von der Tour zurück und hatte zum ersten Mal ein Studio zu Hause. Ich konnte plötzlich zu jeder Zeit aufnehmen, auch früh am Morgen. Verdammt noch mal, damit hat sich alles geändert. Ich wollte nie wieder auf eine andere Weise Musik machen. Ich rate jedem Künstler, es mir gleichzutun. Warum sollte man 2.000 Pfund für eine teure Flasche im Club und ein Foto auf Instagram ausgeben, wenn man sich davon bereits ein kleines Set-Up zusammenstellen kann?«
 

 
Skepta stellt alles auf Null. Die überteuerten Designerklamotten werden eingemottet. »Als ich jung war, hatte ich überhaupt kein Geld. Als dann der Erfolg kam, konnte ich endlich das Kind sein, das ich immer sein wollte. Ich kaufte mir Sachen von Moschino, viel von Ed Hardy, Louis Vuitton und anderen Scheiß. Als ich bemerkte, dass mich all das nicht glücklich machte, hörte ich einfach auf, so viel Geld auszugeben.« In seiner 2014er Single »That’s Not Me« ist das nachzuhören. Begleitet wird sie von einem wenige Pfund teuren Video, das mit Bierkästen als DJ-Pult und Tottenhamer Straßenszenen aufwartet. Oldschool. Trueschool. Zuvor hat er sich rar gemacht, die Post-»Blacklisted«-Zeit im Homestudio eingebunkert verbracht. Der Remix von Dapz On The Map & Lil Choppas »Straight Up« lässt zwischendurch nochmals schnell alle Ereignisse seit dem »Lord Of The Mics«-Clash Revue passieren. Die Inszenierung ist klar: Skepta soll als ehrlicher Untergrund-Künstler wahrgenommen werden, der sich unverstellt nach oben kämpft. Er wird nicht müde zu betonen, dass das alles eine Sache des Erwachsenwerdens ist, »a man t’ing«, wie er wieder und wieder sagt. Er hat kein Major-Label im Rücken – zumindest nicht mehr – und keinen Manager. Aber er lässt sich beraten. Etwa von Grace LaDoja, die in Berlin als seine Tourmanagerin fungiert und ansonsten verschiedene Marken-Events kuratiert. Als Regisseurin hat sie die bahnbrechenden Videos zur ersten EP von R’n’B-Verbiegungskünstlerin FKA Twigs ins Bild gesetzt, als diese noch ganz unbekannt war. Zuletzt drehte sie Skeptas »Shutdown«-Video. Der wichtigste Meilenstein für Skepta 2.0 ist allerdings der erfolgreiche Brückenschlag in die USA. Nicht wegen der Aufmerksamkeit, sondern wegen der musikalischen Entwicklung. Grime hat es im HipHop-Mutterland nie in die breite Masse geschafft. Ein Produzent wie Hudson Mohawke kommt mit seinen deutlich von dem Genre inspirierten Beats zwar überaus gut an, die MCs scheinen dagegen seit jeher gegen Windmühlen zu kämpfen.
 
Doch gerade die US-Rapper hören ­zunehmend über den großen Teich. Beim Besuch eines ­Radiosenders trifft Skepta auf Wiki, ­zahnlückiges Aushängeschild der New Yorker Gruppe Ratking. Dieser erkennt ihn sofort, gesteht ihm seine Bewunderung. Skepta organisiert ein Ratking-Gastspiel bei Just Jam, einer Live-Streaming-Plattform, ähnlich dem bekannten Format Boiler Room, die von den »That’s Not Me«-Regisseuren Tim & Barry gemacht wird. Später fliegt er in den Big Apple, macht mit Wiki einen Remix des Songs, trifft Devonté Heynes und A$AP Bari, ehemals Young Lord. Mit Letzterem nimmt er den Track »It Ain’t Safe« auf. Ein Brett. Eine Straßenhymne. Ein britisches »Fuck Tha Police«. In den USA lernt man so, dass es auch in Großbritannien Hoods gibt. Für das Video zu diesem musikgewordenen Dosenöffner lässt der Brite den Ami extra einfliegen. Skepta will nicht als Anbiederer an die US-Kultur, sondern als stolzer Tottenham Resident in Erscheinung treten. Es ist das Vorspiel für weitere Kollabos mit Earl Sweatshirt, Playboy Carti – und eben Kanye West, auf dessen nächstem Album man wohl den Namen Skepta erwarten darf, wenn nicht sogar muss. Virgil Abloh, kreativer Zuflüsterer von Kanye, ist ein langjähriger Anhänger von Boy Better Know und hat den Kontakt hergestellt. Dennoch ist und bleibt die Abgrenzung das höchste Gut für Skepta. Er plädiert für ein gesundes Selbstbewusstsein gegenüber den amerikanischen Kollegen, gerade auf Twitter und Instagram, wo er hunderttausende Follower hat. Konkret heißt das: »Ich will, dass die Leute in England und auf der ganzen Welt aufhören, die US-Szene zu vergöttern. Denen gehört nicht das Game! Ich bin im Londoner Osten aufgewachsen, einer anderen Welt. Nur, wer sich von dieser US-Besessenheit freimacht, der kommt voran.«
 

 
Skepta weiß, wovon er redet. »Ich bin auf Youtube aufgewachsen«, sagt er – und meint damit sowohl den eigenen Karriereverlauf, als auch die eigene Sozialisation. Vor einigen Jahren setzte er sich schließlich in dem Track »Mike Lowery« mit Youtube-Hatern auseinander. Und Social Media war für seinen zweiten Anlauf unabdingbar, das gibt er gerne zu. Aber es kommt eben auf das Wie an. In einem anderen Interview danach gefragt, warum gerade er es geschafft habe, an die US-Szene anzudocken, formuliert er zwei klare Regeln. Nummer eins: Es geht nur um die Musik! Regel Nummer zwei: keine Selfies – bei der Arbeit bleibt das Handy in der Tasche! Da ist es egal, ob Kanye, Earl oder sonst wer der Studiopartner ist. Und in diesem Mindstate der Ebenbürtigkeit formuliert man im gleichen Interview noch eine weitere ­Vorgabe: »Ich brauche Earl auf ‚Konnichiwa‘. Alles andere ist egal.« Natürlich werden aber auch alte Bekannte wie JME, Shorty und Lehrmeister Wiley vertreten sein. »Nun trete ich aus Wileys Schatten. Mein Kopf hat sich befreit – und jetzt bin ich derjenige, der den Leuten Sachen zeigt, die noch nie gemacht wurden. Das Album ist mein Baby. Nichts war mir je wichtiger.« Sobald er wieder zu Hause ist, will er sich direkt an »Konnichiwa« setzen. Die kurze, aber intensive Show, die Skepta eben noch durchgezogen hat, gilt dabei als Maßstab: »Ich glaube, dass mein Stil auf der Bühne das ist, was mich durch die zehn Jahre gebracht hat. Ich will ein Album machen, das du live erleben musst. Die Leute sollen zu den Shows kommen und sagen: ‚Skepta? Yeah, fuckin’ hard!’« ◘
 
Text: Thomas Vorreyer
 
Dieses Feature erschien in JUICE #169 (hier versandkostenfrei nachbestellen).JUICE_Cover_169