Dizzee Rascal (Feature JUICE #152)

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»Die Session wird bei ihm zu Hause stattfinden.« Uff, wie bitte?! Das muss ich erst mal sacken ­lassen. Gerade habe ich erfahren, dass ich in ein paar Tagen Zeuge einer Real-Life-Version einer »MTV Cribs«-Folge werde. Zuhause. Bei einem von Europas größten und erfolgreichsten Rappern. Bei dem Typen, der letztes Jahr bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele vor fast einer Milliarde Fernsehzuschauern auftreten durfte. Der Kerl, der von seinem letzten Album »Tongue n’ Cheek« drei Singles auf Platz eins der britischen Charts platzieren konnte und mit mehr als 300.000 ­verkauften Einheiten in Großbritannien mit Platin ausgezeichnet wurde. Ein Popstar eben. Aber auch der Typ, der vor zehn Jahren mit seinem brillanten Debüt »Boy In Da Corner« ins Game platzte, das Subgenre Grime entscheidend definierte und seitdem HipHop auf der Insel ­grundlegend verändert hat. Dass es bei dem Termin eigentlich um Dizzee Rascals fünftes Studioalbum »The Fifth« geht, ist bereits jetzt lediglich eine Randnotiz.

VOM BORDSTEIN ZUM EIGENHEIM

Halb sechs Uhr abends, U-Bahn-Station North Greenwich: Ich steige aus der »Tube«, wie die Londoner ihre U-Bahn liebevoll nennen, und sehe mich mit Scharen von ­Depeche-Mode-Fans konfrontiert. In ­Plateauschuhen und mit Lidschatten galore stapft die Meute in Richtung der naheliegenden O2 Arena. Auf dem Parkplatz wartet laut der mir vorliegenden Infos der Shuttlebus, der uns zu Dizzee nach Hause bringen soll. Blöd nur, dass die Arena vier verschiedene Parkplätze hat, die sich über ein Areal von mehreren Quadratkilometern erstrecken. Ich laufe eine halbe Stunde genervt über alle Parkplätze, bis ich das Shuttle an einer ­Bushaltestelle finde, an der sonst Linienbusse halten. Am Ende bin ich froh, dass man nicht ohne mich losgefahren ist. Mit ordentlich Verspätung bricht der Bus zu dem für uns noch unbekannten Ziel auf.

Schnell sind wir auf der A2, die Richtung Dover und Ärmelkanal führt. Wir verlassen das Londoner Stadtgebiet und befinden uns in Kent, der Grafschaft südöstlich von London, die mit dem Slogan »The Garden of England« für ihre idyllischen Landschaften wirbt. Dizzees heutiges Zuhause hat recht wenig mit den vornehmlich aus Plattenbauten bestehenden Council Estates im Osten Londons zu tun, in denen er aufgewachsen ist. Nach einer Weile wechseln wir auf die große Ringautobahn M25, die rund um London führt und zu allen Tages- und Nachtzeiten mit unglaublicher Tristesse und zähfließendem Verkehr besticht. Von Kent kommen wir in die benachbarte Region Surrey und sind nach 75 Minuten Fahrt in Byfleet, einem Kaff einige Meilen südlich des Großflughafens Heathrow. Ganz in der Nähe liegt auch Staines, die verschlafene Kleinstadt, die Sacha Baron Cohens fiktiver Pseudo-Gangster Ali G so stolz repräsentiert. Hier wohnt also Englands größter Rap-Star? Unser Fahrer parkt den Bus neben einem Block hässlicher Sozialwohnungen und behauptet allen Ernstes: »This is it.« Sicher doch. Kollektives Kichern im Bus. Schnell stellt sich heraus, dass der Fahrer eine Postleitzahl in sein Navi eingegeben hat, die rein gar nichts mit Dizzees eigentlicher Adresse zu tun hat. Wir sind nicht nur in der Pampa, sondern auch völlig falsch. Es ­beginnt ein Wortgefecht zwischen der Verantwortlichen von Universal und dem Busfahrer, das damit endet, dass der Busfahrer schreit: »I don’t lie!« Hilft ja alles nichts, zurück auf den Motorway Richtung Kent. Dizzee ist also doch im »Garden of England« zu Hause.

Nach weiteren 50 Minuten sind wir endlich da. Das letzte Stück müssen wir zu Fuß bewältigen, der steile Waldweg, der zu Dizzees Grundstück führt, ist für den Bus nicht befahrbar. Es hat schon fast etwas von Wandertag in der Grundschule, wie die Herde aus Musikjournalisten und Label-Angestellten in kleinen Grüppchen durch den Wald spaziert. Mit mehr als eineinhalb Stunden Verspätung sind wir endlich am Tor des Anwesens angekommen. Ob Dizzee sein Karma eingeholt hat, weil er in der Vergangenheit zu oft Journalisten warten ließ?

WELCOME TO MY CRIB

In der Einfahrt ist eine mobile Toilette aufgebaut, am Hauseingang steht ein glatzköpfiger Typ, der zuerst grimmig schaut, dann aber freundlich grüßt und einem anschließend den Weg Richtung Garten weist. Ganz der Engländer eben. Gleichzeitig stellt der breitschultrige Herr sicher, dass man erst gar nicht auf die Idee kommt, einen Blick ins Casa Rascal zu werfen. Wird wohl doch nichts mit MTV Cribs. Schade. Dafür entschädigt der Hausherr uns mit einem im Garten aufgebauten Pavillon. Sektempfang, Canapés, Open Bar, Cocktailkarte mit Drinks, die nach Dizzee-Rascal-Tracks benannt sind. Die Partnerschaft mit dem Major-Label scheint sich zumindest hier und vor allem für die angereisten Journalisten schon mal bezahlt zu machen. Ich lasse die Häppchen links liegen und konzentriere mich auf die Flüssignahrung. Nach dem Glas Champagner gönne ich mir einen »Fix Up, Look Sharp«. Wir werden von Dizzees Manager Cage begrüßt: »Fühlt euch wie zu Hause! Ihr könnt so viel trinken wie ihr wollt, im Zelt gibt’s auch was zu rauchen.« Hat der gerade »was zu rauchen« gesagt? Ungläubig schreite ich ins Hauptzelt, wo Sofas und Liegewiesen aufgebaut sind. Und tatsächlich: Auf den Couchtischen stehen Aschenbecher voller vorgebauter Tüten und Blunts. Läuft. Die Musik kommt aus zwei mannshohen Boxentürmen, zwischen denen ein DJ-Pult steht. Der Alkohol beginnt zu wirken, das Ganze fühlt sich jetzt schon eher nach Gartenparty als nach Arbeit an. Schade nur, dass die englischen Witterungsbedingungen das Quecksilber kaum über die 10-Grad-Marke klettern lassen.

 
Als ich mich im Zelt umsehe, erwartet mich die nächste Überraschung: Wer chillt da mit dem Blunt in der Hand an einem der Stehtische? Bun B höchstpersönlich. Jetzt geht alles irgendwie zu schnell: Ich werde Dizzee vorgestellt, er hält mir direkt einen Aschenbecher mit drei Joints und zwei Blunts hin. Ich lehne erst mal dankend ab. Man will ja noch irgendwie ein halbwegs professionelles Auftreten wahren. Doch noch bevor die Session losgeht, stehe ich wieder zwischen Dizzee und Bun. Der Gastgeber hält mir eine brennende Tüte hin, grinst schief und sagt auf unnachahmliche Weise: »Get loose, yeah.« Klingt im Endeffekt mehr nach Aufforderung als Angebot. Ein zweites Mal kann ich also nicht nein sagen. Während sich Dizzee alle Mühe macht, die restlichen Partygäste vor Start der Listening-Session ausreichend mit Rauschmitteln zu versorgen, unterhalte ich mich kurz mit Bun über seine Freundschaft zu Dizzee und die Gumball Rallye, an der er dieses Jahr zum vierten Mal teilgenommen hat. »Ich kenne Dizzee schon sieben oder acht Jahre. Als er das erste Mal zum SXSW kam, haben wir direkt connectet. Dass ich ihn nach dem Gumball-Rennen besuche, war Ehrensache.« Klingt nach echter Männerfreundschaft.

Dann werden im Hauptzelt die Lichter gedimmt, die Discobeleuchtung geht an, der erste Track stampft bereits mit gut 130 BPM aus den Boxen. »Ich glaube, es geht los«, meint Bun und gibt mir zu erkennen, dass er sich zurückziehen will und ich meinem Job nachgehen sollte. Doch mittlerweile habe ich drei Drinks intus, der Joint in meiner Hand ist entschieden kleiner geworden. Dazu die bunten Lichter und die Club-Atmosphäre – ein halbwegs objektives Urteil über die Tracks zu fällen, gestaltet sich schwierig. Ich sacke erst mal in eine Couch, krame meinen Notizblock hervor. Nach einigen Songs wird mir klar: Die Veranstalter, Dizzee ­eingeschlossen, wollen alles, außer dass man sich nüchtern und mit dem journalistischen Stock im Arsch mit dieser Musik ­auseinandersetzt. Es ist Party-Mucke, perfekt ausproduzierte Popmusik.

Gleichzeitig ist sie die logische Fortsetzung von »Tongue n’ Cheek«. Später verrät Dizzee im Interview: »Mein letztes Album war eine Reaktion auf den Erfolg von ‘Dance Wiv Me’. Die Single lief damals so gut, dass ich mir dachte, ich mache mal lieber schnell ein neues Album.« Entsprechend »groß« sollte daher auch das neue Werk klingen. Deswegen hat man für »The Fifth« tief in die Tasche gegriffen, die Tracks größtenteils in L.A. aufgenommen und mit Produzenten und Songwritern wie RedOne und Jean-Baptiste zusammengearbeitet, die in den letzten Jahren etwa für die amerikanischen Pop-Konserven von Lady Gaga, Chris Brown oder den Black Eyed Peas verantwortlich waren. Chartkompatibler Stadion-Trance, Handtaschen-House à la Tiësto oder David Guetta, Club-lastiger R&B, Tracks mit Brostep-Einschüben. Man macht hier wirklich vor nichts und niemandem halt, jeder Pop-Trend der jüngeren Vergangenheit wird irgendwie verwurstet. Das Klangbild hat weitestgehend die Ecken und Kanten und die rohe Energie verloren, die man noch von Dizzees ersten beiden Alben gewohnt war. Aber kein Wunder: Nach »Bonkers« und dem eben genannten »Dance Wiv Me« wäre im Jahre 2013 nichts unlogischer als eine erzwungene Rückkehr in das kleine Sub­genre Grime. Dessen war sich Dizzee schon im Vorfeld der Veröffentlichung von »Tongue n’ Cheek« ­bewusst. Als Club- und Party-Album ­geplant, das sich nach Belieben anderer Genres bedient, öffnete ihm der kommerzielle Erfolg den Zugang zu einer völlig neuen Hörerschaft. Keine Frage, dass ihm das viele Fans der ersten Stunde übelgenommen haben. Diese zurückzugewinnen würde jedoch einer Sisyphusarbeit ähneln. Dann doch lieber der Griff nach absolutem Weltruhm und vor allem dem uneingeschränkten Durchbruch in den USA.

 
Erklären lässt sich die musikalische und inhaltliche Marschrichtung auch geografisch: Das Landgut, auf dem wir da gerade chillen, hat rein gar nichts mehr mit dem harten Beton des Londoner Stadtteils Bow zu tun, auf dem Dizzee seinen Style einst fand. »Now I look forward to tea time« heißt es in einem der neuen Tracks – spätestens jetzt sollte dem letzten Zweifler klar werden: Der Junge aus dem East End ist längst in der Mitte der britischen Gesellschaft angekommen. Dass er sich für den Refrain der ersten Single »Goin’ Crazy« mit Robbie Williams einen britischen Volkshelden ins Boot geholt hat, scheint seine Nachbarn jedoch herzlich wenig zu interessieren. Die haben nach wenigen Tracks die Polizei wegen Ruhestörung alarmiert. Die zweite Hälfte des Albums läuft deswegen auf halber Lautstärke. Vielleicht auch besser so. Eine weitere Erklärung für die konsequente Poppigkeit erschließt sich mir beim Hören der Songs: Mit Tinie Tempah hat sich in den letzten Jahren ein neuer Platzhirsch im britischen Pop-Rap-Gefilde breitgemacht. Tempahs Debüt »Disc-Overy« verkaufte 2010 gleich in der ersten Woche Gold, lieferte zwei Nummer-eins-Hits, vier weitere Top-20-Singles und wurde Mitte 2011 mit Doppel-Platin ausgezeichnet. So imposant die anfangs genannten Zahlen von Dizzees viertem Album klingen mögen, Tinies erstes offizielles Release lässt das Ganze wie Peanuts erscheinen. Logisch, dass da – auch wenn das Verhältnis der beiden Künstler als freundschaftlich gilt – Paroli geboten werden muss. Da passt ins Bild, dass Tempahs zweites Album »Demonstration« genau wie »The Fifth« mehrfach verschoben wurde und es nun danach aussieht, als würden die beiden Schwergewichte aufgrund ähnlicher Release-Dates die Vormachtstellung anhand der verkauften Einheiten neu ausfechten.

SOUND OF THE PLANET

Als die Listening-Session zu Ende geht, muss der DJ den Applaus einleiten. Nun taucht auch Dizzee, der sich ins Haus verzogen hatte, auf einmal wieder auf. Seine neuen Songs sollen auf Festivals und Stadien vor zehntausenden Menschen funktionieren – wie sie auf eine Horde angestrengt schauender Schreiberlinge wirken, scheint ihn kaum zu tangieren. Angeleiert von den Offiziellen der Plattenfirma entsteht spontan eine Art Mini-Pressekonferenz auf Dizzees Veranda. Wir sitzen zu siebt um seinen Gartentisch. Nachdem während der Session keinerlei Infos zu den Tracks kommuniziert wurden, steht er uns nun eine halbe Stunde lang Rede und Antwort. Er berichtet davon, dass es sein erstes in den USA aufgenommenes Album ist. Dass der Vibe positiver ist als bei seinen vergangenen Alben. Dass die Musik den Hörer ergreifen soll. Dass es letztlich darum ging, festzuhalten, wie er durch die Welt gereist ist und eine »good fuckin’ time« hatte. Generell wirkt er bemüht, reagiert auch bei kritischeren Fragen nicht sofort eingeschnappt – er will ein guter Gastgeber sein und ist nach zehn Jahren im Game mehr Medienprofi denn je. »Einen globalen Sound« hätte er angestrebt. »Der Deal ist international. Mit dem letzten Album waren wir noch independent. Mit der Unterstützung von Universal gehen wir das Ganze jetzt weltweit an.« Die Zusammenarbeit mit dem Produzenten von »Poker Face« und »Bad Romance« ist da nur konsequent.

Aber fernab von Lady Gaga, Stadiontouren und Chart-Hits kommen wir auch mehrfach auf den bereits vorab erschienenen, von A-Trak produzierten Track »H-Town« zu sprechen. Die Hymne auf die texanische Metropole, standesgemäß mit Features von Bun B und Trae, ist die mit Abstand unpoppigste Nummer auf dem Album. »Die Beats, das Unkomplizierte, der Singsang, der Swag – das alles sind Dinge, die mich an Südstaaten-Rap immer begeistert haben. Die Musik hat diesen ‘Bounce’. Darauf achte ich auch, wenn ich selbst Musik mache. Ohne viele dieser Dirty-South-Elemente hätte es Grime auch nie gegeben«, erklärt Dizzee seine Verbindung zum Süden.


 
Zum Abschluss will ich ihn fragen, ob er sich in dem Track bewusst dazu entschieden hat, zu erwähnen, dass er trotz seiner Liebe zu Houston keinen Hustensaft trinkt. ­Außerdem will ich wissen, wie er dazu steht, dass MDMA so oft in Rap-Lyrics erwähnt wird. Ich erwähne, dass Kendrick Lamar sich kürzlich gegen den Überfluss an »Molly«-Referenzen ausgesprochen hatte. Aber so richtig dazu äußern will er sich nicht. »Ich trinke kein Lean. Aber ich respektiere DJ Screw, ohne ihn und diese Droge hätte es diese ­Musikrichtung nie gegeben.« Vielleicht haben Dizzees Heilkräuter auch zu viel Wirkung ­hinterlassen, als dass ich die Frage noch sinnvoll stellen könnte. Irgendwie auch heuchlerisch, in meinem Zustand mit so einer Frage um die Ecke zu kommen. »Da bist du drauf gekommen, weil Kendrick Lamar irgendwas in einem Interview gesagt hat?«, fragt er und verzieht das Gesicht, während sein Homie im Hintergrund Schnarchgeräusche macht. Einige Lacher gehen auf meine Kosten, dann meint das Mädel von der Plattenfirma, dass wir nun Schluss machen müssen. »Just smoke your weed, man«, meint Dizzee zum Abschied und gibt mir erneut seinen Joint in die Hand. Ein versöhnliches Ende.

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