»If you’re reading this …« – 15 Lieblingsbücher über HipHop // Liste

Die Checkliste für Rap-Leseratten: 15 Lieblingsbücher von, für und mit HipHop. »Read more, learn more, change the globe«.

HipHop Raised Me (2016)

DJ Semtex
(Thames & Hudson)

»Für viele ist HipHop bloß Unterhaltung. Für andere hingegen ist er eine Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Einige brauchen diese Flucht, weil ihr Leben unerträglich ist«, erklärt DJ Semtex den Stellenwert, den HipHop schon in seiner Jugend für ihn hatte. Der Brite litt seit seiner Geburt an einem Lymphangiom, einer seltenen gutartigen Tumorerkrankung der Lymphgefäße, die bei ihm solche Schmerzen verursachte, dass er im Krankenhaus quasi zu Hause war. Die Platten seines Bruders waren sein einziger Ausweg aus den körperlichen Qualen, bis ihm schließlich im Alter von 16 Jahren der rechte Arm amputiert wurde. Was für viele nach einer Horrorvorstellung klingt, ermöglichte Semtex endlich ein normales Leben, das er fortan seiner Karriere als DJ widmete. Heute hat der mittlerweile 45-Jährige gefühlt jeden großen US-Rapper interviewt und sich als ehemaliger »BBC 1Xtra«-Host und Tour-DJ von Dizzee Rascal einen Namen in der Szene gemacht. »HipHop Raised Me« ist also gleichzeitig Danksagung und Liebeserklärung an die Kultur, die Semtex jahrelang geprägt und seinem Leben eine Bedeutung gegeben hat – und das liest man in jeder Zeile. Auf rund 450 Seiten erzählt und visualisiert er die Entstehungs- und Erfolgsgeschichte der mittlerweile weltweit meistgestreamten Musikrichtung, von den Ursprüngen im New York der Siebziger über die goldenen Neunziger und die Politisierung im Wahlkampf Obamas bis zur jüngsten Generation. Was das Ganze besonders lesenswert macht: Bei aller Liebe geht es nicht nur um die Höhen, sondern auch um die Tiefen, die HipHop über rund vier Jahrzehnte geformt haben. So widmet Semtex sich – neben dem unvermeidlichen Kapitel über den Tupac-vs.-Biggie-Beef – auch dem Konflikt um das N-Wort, dem im Musikbusiness leider nach wie vor präsenten Rassismus und den Hürden, denen weiße Rapper sich im US-Game oft stellen müssen (Stichwort: Eminem-Vergleich). Kommentare seitens der Künstler und selbst erstellte Übersichten, unter anderem über die größten Beefs, die Geschichte von Frauen im Rap und das Vermächtnis von Rap-Mogulen wie Dr. Dre und Jay-Z, sowie eine schier endlose Sammlung an Mixtape- und Albumcovern, Interviewauszügen und teils unveröffentlichten Fotos lassen schließlich keinen Zweifel daran, dass Semtex HipHop mit jedem Atemzug aufgesogen hat.

Text: Lena Mändlen

The Autobiography Of Gucci Mane (2017)

Gucci Mane & Neil Martinze-Belkin
(Kunstmann)

Vom Traphouse zur Stage und zurück – die Story von Trap God, Eistattoo-Enthusiast und (Ex-)Lean-Liebhaber Gucci Mane beginnt so harmlos. Im beschaulichen Alabama wächst der junge Radric Delantis Davis auf. Sein schlimmstes Vergehen: heimliche Fahrradtouren zur Oma. Doch die Idylle hält nicht lange. Gucci landet in Atlanta. Hier wird er zur Legende, zum Förderer und personifizierten Wachssiegel für Trapmusik. Er schmückt sich mit seinen Entdeckungen, darunter viele heutige Schwergewichte wie die Migos, Nicki Minaj oder Young Thug. Dazu gibt’s Details glamouröser Awardshows, von Filmset-Storys und Treffen mit Mariah Carey. Doch das ganz große Highlife will nicht zum Alltag von Gucci passen. In jungen Jahren als Dealer aktiv, ist der Schritt ins Musikbusiness weniger emotionaler als pragmatischer Natur. Gucci ist in allererster Linie nämlich cleverer Geschäftsmann. In seiner Besessenheit nach einem undefinierbaren Mehr lebt er oft im Studio – und hat dabei immer etwas zu erzählen. Gucci produziert maschinell Part für Part im Freestyle-Modus. Das Ergebnis seiner Arbeitsmoral: 13 Studioalben und über siebzig (!) Mixtapes. Den eigenen Künstlernamen übernimmt er von Daddy Gucci, einem talentierten Trickbetrüger, der im Leben konstant an sich selbst scheitert. Die Namensübernahme gleicht einer Art bösen Prophezeiung für den Sohn. Wie in einem Fiebertraum scheinen sich Lebensabschnitte in einer bedrohlichen Abwärtsspirale zu wiederholen. In einem fragilen Umfeld wirkt das zunehmend beklemmend. Für Gucci gibt es keine Atempause, selbst in Momenten größten Erfolges droht immer der größtmögliche Fall. Manischen Musikproduktionsphasen folgt stets massiver Drogenkonsum, Stress mit dem Gesetz, Knast oder Entzug. Zusammen mit XXL-Magazine-Autor Neil Martinez-Belkin legt Gucci von alldem offen Zeugnis ab. Trotz einer gelegentlich kuriosen Verschiebung von Gerechtigkeitsvorstellungen, wenn er über seine eigenen Konflikte mit dem Gesetz spricht, weiß Gucci ganz genau um seine selbstzerstörerische und getriebene Ader, die ihn kontinuierlich ein Stückchen weiter an den Rand des Wahnsinns treibt. Seine analytische Selbstreflexion bringt dabei den notwendigen Funken Ruhe in das brenzlige Gemisch, von dem man hofft, dass es nicht doch noch eines Tages explodiert.

Text: Niklas Potthoff

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