Ein Klassiker der Blog-Ära: Wiz Khalifas »Kush and Orange Juice« wird 10 Jahre alt // Feature

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Am 14. April 2010 erschien »Kush & Orange Juice«, das achte Mixtape von Wiz Khalifa. Als Hybrid aus Pop-Cheesyness, sympatischem Slacker-Talk und der grünlich-süßen Haltung gegenüber dem Leben markierte es die finale Transformation des Cameron Thomaz von einem rap-begeistertem Weedhead aus Pittsburgh zum Weltstar. Eine Geschichte über Transiträume.

Immer wieder kam es in der HipHop-Geschichte zu Movements, die nachfolgende Generationen durch Herangehensweise, Kunstverständnis und neuartiges Auftreten geprägt haben. Ende der Neunziger formte sich in New York beispielsweise eine Indie-Rap-Bubble um Phänomene wie Lyricist Lounge, Rawkus Records und Def Jux, die sich gegen die damalige Hochglanz-Dominanz von etwa Bad Boy Records positionierte. Die Jiggy-vs-Conscious-Ära. Doch auch die, sagen wir, SoundCloud-/Mumble-Rap-Phase um 2015 herum ist aus heutiger Sicht als eine solche Einleitung für einen Paradigmenwechsel anzusehen. Oftmals entstehen, ob bewusst oder unbewusst, in solchen Momenten Releases, die die Szene(n) im Kern erschüttern, noch weit vor dem großen kommerziellen Erfolg ihrer aufstrebenden Protagonisten. Eine Transitphase, wenn man so will.

Als »Kush & Orange Juice« am 14. April 2010 erscheint, befindet sich der US-Rap gerade in genau so einer Transitphase. Es ist die Blog-Ära um die Generation Datpiff, die sehr bald schon die nächsten Rap-Superstars hervorbringen wird. Auch wenn das damals noch keiner so richtig ahnen konnte, als Wiz Khalifa neben aufstrebenden Youngins wie J. Cole, Freddie Gibbs, Big Sean oder Jay Rock das »Freshmen«-Cover des XXL Magazines ziert. Khalifa hatte in den Jahren zuvor zwar bereits diverse Releases online gestellt, doch erst mit Mixtapes wie »Burn After Rolling« oder »How Fly« (mit Curren$y) ab 2009 ein nennenswertes Following aufgebaut.

Warum der Pittsburgher erst drei Jahre nach seinem Debütalbum »Show & Prove« diese Aufmerksamkeit bekam, hatte zwei Gründe. Auf seinen frühen Veröffentlichungen, wie etwa dem latent provinziell-wirkendem Dipset-Aufguss von Titelsong oder dem T.I.-Rip-Off »Youngin On His Grind«, versteckte Khalifa seine Affinität für Melodien und Pop noch hinter übermotiviertem Street-Rap-Strebertum. Handwerklich durchaus versiert, fehlte ihm schlichtweg das Alleinstellungsmerkmal. Zum anderen dürfte es, in dieser Prä-Spotify-Welt, auch an mangelndem Vertriebswegen gelegen haben, wenn man bedenkt, dass Wiz erst Anfang 2010 vom Indie Rostrum Records zum Big Player Atlantic Records wechselte.

Aber zurück zu den Mixtapes und vor allem den Blogs. »Kush & Orange Juice« erschien in einer Zeit, als sich das Internet allmählich zu der Art Tool entwickelte, wie wir es auch heute noch nutzen. Die Bedeutung von Plattformen wie Soundcloud (2007 gegründet) wuchs, Social-Media-Nutzung wie Twitter und Facebook gewannen an Einfluss und die immer erschwinglicher werdenden technischen Entwicklungen erleichterten schnelle, professionelle Produktionen ohne große Studiotechnik direkt aus dem Kinderzimmer. Das Format des Mixtapes als eine Playlist-Mischung aus Remixes bereits existierender Rap-Hits anderer Künstler und Eigenproduktionen war zudem bereits von 50 Cent, Dipset oder Lil Wayne zu kommerziellem Erfolg geführt worden. Für Wiz Khalfia war diese Form des Releases schlichtweg natürliches Habitat.

Generation datpiff.com

Gleichzeitig formte und professionalisierte sich in dieser Zeit eine Internet-Community um Industrie-ferne, von Rap-Fans geführten Seiten wie 2dopeboyz.com, nahright.com, kevinnottingham.com oder OnSmash.com, die als Hybrid aus Austauschort und News-Plattformen zunehmend die Tastemaker-Funktion von Magazinen, Labels und Plattenläden ersetzten. Diverse Künstler wie etwa auch Wizs damaliger Label-Kollege Mac Miller, A$AP Rocky, Big K.R.I.T. oder ein gewisser Kendrick Lamar nutzen die (noch) neuen Direktupload-Möglichkeiten auf Youtube und Datpiff.com, wohl wissend, ihr Output würde geshared werden. Sie waren im Grunde Entdeckungen der sogenannten Blogosphäre oder wurden zumindest dort sehr prominent gefeatured.

Doch was macht gerade »Kush & Orange Juice« so bedeutsam für Wiz Khalifas Karriere? Es ist die juvenile Unmittelbarkeit, die dieses Release auch zehn Jahre nach Erscheinen so einzigartig macht. Zwar hatte Khalifa schon auf »Burn After Rolling« diverse Quatsch-Nummern wie das Beyonce-Cover »If I Were A Lame« veranstaltet, doch seine versatile Delivery aus unbeschwertem Sing-Sang und den überdehnten Flow-Pattern erreichte hier erstmals ein professionelles Level. Auch wenn Wiz definitiv nichts zu sagen hatte und sein Universum aus der heiligen Dreifalitgkeit Gras, Guap und Girls bestand, war das Mixtape ein Bekenntnis zur eigenen, etwas drolligen Haltung gegenüber dem Leben. Wiz Khalfia transformierte sich hier von einem austauschbaren Myspace-Rapper mit überlangem Jersey zu jenem charismatische Kifferclown mit der Esels-Lache, dem von nun an Collegekids wie Berufsjugendliche an den Lippen hingen. Er scherte sich nicht um Punchlines oder ausgefuchste Konzepte, er klang einfach nach dem, was er war: ein unbeschwerter Weed-Wierdo.

Die Umarmung der Cheesyness

Doch auch musikalisch waren keine Fucks mehr given. Khalifa und seine Producer Cardo oder Sledgren wagten es, sich auf Songs wie »In The Cut« oder »We’re Done« bei Indie-Artists wie Imogen Heap oder Pop-Chartbreakern von Demi Lovato zu bedienen und hielten sich damit weder an kultur-erhaltende Sample-Crate-Erwartungen aus Soul und Jazz, noch scheuten sie die damit einhergehende Pop-Überbelichtung in der Produktion. Man umarmte die Cheesyness. »Kush & Orange Juice« ermöglichte Wiz auch dadurch den finalen Sprung von der Rap-Community in die Studentenwohnheime in die Charts. Wohlgemerkt ohne Major-Struktur oder a little help von etablierten Rap-Superstars. Das verkommt bei all dem Wahnsinn fast zur Randnotiz.

»Know we belong on the top, but we ain’t tripping/ Cause we’ll get there in a minute«, rappt Wiz Khalifa etwa auf »The Statement«. Sechs Monate später erschien die erste Single mit Atlantic-Records. Da wurde alles »Black and Yellow«. Er sollte Recht behalten.

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