Freddie Gibbs & Madlib – Bandana // Album der Ausgabe

»Bandana« ist das was passiert, wenn man Kunst ihre Zeit lässt: zwei Genies begegnen sich auf Augenhöhe und außerhalb ihrer Komfortzone.

(Keep Cool / RCA Records & Madlib Invazion / ESGN)

Wertung: Fünfeinhalb Kronen

Der Freddie ist ein Frechdachs: Von Gary, Indiana aus, mauserte sich der Baby Face Killa aus der Entourage um Jeezy zum Hipster-Lieblingsrapper und unterschätztesten MC seines 2010er-XXL-Jahrgangs. Sein Umzug nach Kalifornien und die Zusammenkunft mit Beat Konducta Madlib, war mit das Beste, was seiner Karriere und der Rapwelt passieren konnte.

Seit dem Schritt vom Trap-House-Prince zum Soul Guerillero kann er sich quasi alles erlauben: So dirigiert Kane im Vorab-Video zu »Crime Pays« von einer Zebrafarm aus das Kokaingeschäft, beweist sein Talent als Comedian und badet nackig vorm Bergpanorama. Seine Koop mit Madlib ist immer etwas Besonderes. »Pinata«, ihr erster gemeinsamer Gangster-Blaxploitation-Film, läutete 2014 das neue, komplexere Image von Fredrick Jamel Tipton ein und gilt als letztes großes Album der Ära Stones Throw. Das Liebhaber-Label prägte eine ganze Generation an Neuzeit-Backpackern, konnte aber seitdem nur noch selten Akzente als alternative Indie-Schmiede setzen. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Abkehr des verrückten Beat-Wizard, der das Aushängeschild der Institution war und noch immer wie ein Heiliger über dem weltweiten Untergrund thront. Das Aufeinandertreffen mit Gibbs brachte dem 45-Jährigen aus Oxnard endlich sein Hak auf der Straße ein, danach zog er sich wieder zurück und veröffentlichte obskuren Jazz.

Für »Bandana«, das über einen Major erscheint, hat Madlib seinen MPC-Mojo wiederentdeckt und ein paar der herausragenden Skizzen, die noch immer täglich im Bomb Shelta entstehen, ausgearbeitet und zu einem Langspieler destilliert. In MadGibbs kollidieren zwei Sphären: Otis Jackson Jr.s unendliches Nerd-Universum und Gibbs ignorantes Gangstergehabe. Und das ist verdammt gut so. So wie Madlib einst DOOM, Guilty Simpson, der Strong Arm Steady und Percee P. späte Karrierehöhepunkte servierte, legt er nun einen weiteren auf. Der Nachfolger – zum, wohlgemerkt, ersten Top-40-Erfolg für beide Parteien – ist lange gereift. Gibbs hat sich nur die eingängigsten und rührendsten Sample-Flips gepickt, die man vom Loop Digga in den letzten Jahren zu hören bekam – und der mutiert auf »Half Manne Half Cocaine« tatsächlich noch zum Traplib. Unerwartete Beat- und Flow-Wechsel verweben die 15 Stationen zu einem Blockbuster, der wie der Mushroom-Trip eines gestandenen OGs klingt. Otis orchestriert die pumpende Erzählung mit Gospel-Chops und Sidechain-Kompressoren. Freddie lässt über gechoppten Siebziger-Soul den Emotionen freien Lauf und therapiert seinen Knastschaden in Slow-Jam-Balladen. Sein Mikrokosmos – das Ghetto of Mind – bricht immer wieder in politischen Kommentaren, wilden Doubletime-Passagen und Rasierklingen-Raps auf.

Das Zusammenbringen gegensätzlicher Charaktere gelang auf »Pinata« schon beeindruckend, im Trio mit Killer Mike und Pusha T (»Palmolive«) und später Yasiin Bey und Black Thought (»Education«) macht das Duo nun wirklich Wunschlistenträume wahr. »Bandana« ist das was passiert, wenn man Kunst ihre Zeit lässt: zwei Genies begegnen sich auf Augenhöhe und außerhalb ihrer Komfortzone.

Text: Carlos Steurer

Dieses Feature erschien in JUICE 193.

3 KOMMENTARE

  1. „… bricht immer wieder in politischen Kommentaren..“
    So kann man die Impfgegner-Line natürlich auch verklausulieren lol

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