Cowbells für den »Babushka Boi«: Woher A$AP Rockys Faible für Memphis-Sound kommt // Feature

A$AP Rockys erste Single seit der Inhaftierung in Schweden trieft nur so voller Memphis-Referenzen und Südstaaten-Ästhetik.

Cowbells, gechoppte Vocal-Samples, knochentrockene Drums – A$AP Rockys »Babushka Boi«, die erste Single seit der Inhaftierung in Schweden, ist eine feine Hommage an Memphis-Sound, der zeitgenössischen Rap zurzeit prägt wie kein Zweiter.

Aber: Neu ist Rockys Faible dafür nicht, im Gegenteil. In JUICE #192 erschien unser großes Memphis-Special »Most Known Unknown – Wie Memphis HipHop bis heute beeinflusst«. Darin hieß es unter anderem: »Trotz der fehlenden musikalischen Flaggschiffe aus der Stadt selbst stirbt der ursprüngliche Memphis-Sound aber nie aus. Über die Jahre hat sich eine Kultanhängerschaft gebildet, die die Legacy von Lord Infamous, Al Kapone und Thommy Wright III. weiterträgt – im Internet.« Rund drei Monate nach der Veröffentlichung des Textes unterstreicht A$AP Rocky diese Zeilen mit dem »Babushka Boi« erneut.

Und das hat vor allem mit Spaceghostpurrp tun. Denn als der Rapper und Produzent aus Carol City in Florida sein Mixtape »Blvcklvnd Rvdix 66.6« über seine eigenen Kanäle veröffentlicht, wird er schnell zum Auskennerliebling und Blog-Hype. Die Einflüsse seines »Phonk«-Sounds sind damals nicht zu überhören: Three-6-Mafia-Samples und eine satanis­tische Symbolik in Lyrics und Erscheinungsbild zeugen von einer Memphis-Rap-Sozialisation. Immer wieder betont Purrp seine Liebe zum Südstaaten-Sound: »I wasn’t listening to local Miami rap, I was listening to Memphis rap«, sagt er in einem Interview mit Okayplayer. Seine Crew, der Raider Klan, wird 2011 zu einer landesweiten Untergrund-Internet-Bewegung mit Ablegern in jeder US-Metropole. Das Kollektiv öffnet mit Lo-Fi-Horrorcore-Tracks die Ästhetik des Memphis-Rap einer neuen Zielgruppe: Nerds, Loner, Skater und weiße Mittelschichtskids pumpen fortan die verschwurbelten Neuinterpretationen, die sich durch obskure Videospiel-Samples und flächige Synthies auszeichnen.

Noch heute gilt SGP szeneintern als einer der einflussreichsten Künstler dieser Zeit und einer der Begründer des Cloudraps. Auch weil er sich als Produzent für den damals heißesten Newcomer aus Harlem, New York City, verdient macht: Rakim Mayers, Künstlername A$AP Rocky. Dessen Debüt-Mixtape »Live.Love.A$AP«, das Ende 2011 erscheint, ist rückblickend ein Meilenstein für HipHop (lest hier das Interview zum Tape von 2012). Rocky lässt hier spielend leicht Hipster-, Nerd- und Gangster-Attitüde miteinander verschwimmen und klingt so gar nicht nach rumpelndem NYC-Bummtschack. Nicht nur JUICE konstatiert damals: »Aus seinem Faible für Houston- und Memphis-Rap macht A$AP Rocky keinen Hehl.« Mit Hilfe der Beats von SGP und Clams Casino, einem weiteren Urvater des Cloudraps, versteht es Rocky, die im digitalen Netz herumschwimmenden Trends zu bündeln und sie mit Flüssiggold zu übergießen. »Live.Love.A$AP« ist progressiv und verneigt sich trotzdem vor den Urvätern aus dem Süden.

Rund acht Jahre nach »LLA« verbindet Rocky mit »Babushka Boi« weiter Harlem mit der Bealstreet, Eastcoast-Flows mit Südstaaten-Ästhetik. Darf er gerne mit weitermachen.

Textauszüge: Juri Andresen & Fionn Birr

Ein Auszug dieses Textes erschien im großen Memphis-Feature in JUICE #192. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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