Kings Of HipHop: Cypress Hill

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Hispanics und ­Latinos ­machen einen Anteil von mehr als 15 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung aus. Das entspricht einer ­Gesamtzahl von knapp über 45 Millionen ­Menschen. Damit sind die lateinamerikanischen ­Einwanderer und deren Sprösslinge die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe in den USA. Um so interessanter, dass es bis 1991 ­eigentlich keine ­erfolgreiche HipHop-Gruppierung gab, die ­ihnen eine starke Stimme innerhalb der Subkultur ­verlieh. ­Sicher, bereits unter den ­Gründervätern tummelten sich junge ­Amerikaner mit Wurzeln in ­Mexiko, Kuba, ­Kolumbien, Puerto Rico, El Salvador oder der ­Dominikanischen ­Republik. Doch erst mit Cypress Hill trat die ­erste Rap-Crew auf den Plan, die Begriffe wie “Spanglish” und ­“Latino-Rap” im Mainstream zu ­verankern wusste.

Freilich war diese Sonderstellung aufgrund ihrer kulturellen und sprachlichen Identität nicht das Einzige, was Cypress Hill in den frühen Neunzigern zu einem der erfolgreichsten Rap-Acts aller Zeiten machte. Es war vielmehr eine Kumulation von günstigen Zeitgeistfaktoren, die man gemeinhin mit dem Begriff des Momentums umreißt: N.W.A., Schoolly D und Ice-T hatten längst den Weg für Gangsta-Rap geebnet, ­parallel wurde das Phänomen der Gangkultur an der Westküste in Filmen wie ­“Menace II Society” und “Boyz N The Hood” auch im Hollywood-Kino verarbeitet. Als die ehemaligen Gangbanger B-Real und Sen Dog ihre düsteren Tales von der Straßenecke erzählten, fanden sie daher auf Anhieb Gehör. Zusätzlich plädierten sie konsequent für die Legalisierung von Marihuana und schlugen damit eine Brücke zu europäischen Slackern, die sich weniger mit Gangzeichen und Bandana­farben, dafür aber um so mehr mit Gasmaskenbongs und Eimerrauchen auskannten. Cypress Hill waren eine überdimensionale Subkulturklammer, die für ein paar Jahre tatsächlich alles mögliche unter ihrem Banner zu vereinen imstande war: Groß- und Kleinkriminelle, Studenten, Skater, Metaller und HipHopper konnten sich stets zumindest auf einen ordentlichen “Hit From The Bong” einigen.

Bis heute steht das Soul Assassins-Camp, das sich einst um Cypress Hill-Gründungsmitglied DJ Muggs und den ehemaligen Türsteher und späteren Profi-Fotografen Estevan Oriol bildete, für jenen Westcoast-Kosmos aus Gang-Kultur, Lowridern, Comics, Tätowierungen, Heavy Metal, Hardcore-Rap und Joker-Hoodies. Dabei waren Cypress Hill vielleicht auch deshalb so besonders beliebt, weil sie sich soundästhetisch nie an den gängigen Westcoast-Klischees orientiert haben. 1991, als sie mit ihrem funky verstolperten Debütalbum ums Eck bogen, werkelte Dr. Dre bereits ein paar Blocks weiter an seiner smoothen P-Funk-Adaption, die später als G-Funk bezeichnet werden sollte. Muggs und seine Freunde ­orientierten sich hingegen an den alten SP-Meistern der Ostküste: Bomb Squad und die ­Ultramagnetic MC’s werden von Muggs stets als große Einflüsse in Bezug auf die Produktion der ersten Alben genannt, und das hört man sowohl an “Cypress Hill” als auch an “Black Sunday” und “Temples Of Boom”: In allen drei Platten steckt definitiv mehr Ced-Gee als Egyptian Lover, mehr “Black Steel In The Hour Of Chaos” als “6 N The Morning”.

Ein Grund für diese Tendenz hin zum rohen, staubigen Sampling-Sound aus New York liegt auf der Hand: DJ Muggs stammt überhaupt nicht aus L.A. und wurde dementsprechend auch nicht mit Electrofunk sozialisiert. Der Soundarchitekt von Cypress Hill wuchs im New Yorker Stadtteil Queens auf, den Marley Marl, MC Shan und die Juice Crew regierten. 1984 kam er zum ersten Mal nach Los Angeles und sollte dort bei seiner Mutter leben. Dem HipHop-Journalisten Brian Coleman berichtete Muggs: “Als ich herkam, waren alle am Gangbangen und rauchten PCP. Sie hatten Glatzen, trugen weiße T-Shirts und Khakihosen. Wenn sie überhaupt HipHop hörten, dann Sachen wie ‘Planet Rock’. Sie nannten das Funk. Ich fuhr dann immer mal wieder nach Hause und brachte Musik aus New York mit. Der einzige Typ, der die gleichen Platten wie ich hatte, war Mixmaster Tony G von KDAY.”Human Hamster Ball

Muggs betätigte sich in Los Angeles vor allem als DJ und Turntablist, 1989 gewann er sogar die DMC-Westcoast-Meisterschaft. Doch irgendwann fühlte er sich in seinen Möglichkeiten begrenzt, vor allem in finanzieller Hinsicht: Nachdem er für seinen Sieg bei der DMC “nur” eine Jacke und einen goldenen Turntable bekommen hatte, gleichzeitig aber für einen ersten Produktionsjob von fünf Stunden ganze 1.500 Dollar abgreifen konnte, war für ihn die künftige Ausrichtung seiner musikalischen Bemühungen klar. In den Jahren 1987 und 1988 hatte er sich bereits einen amtlichen Ruf als DJ an der Westküste erarbeitet und hing mit einer Clique von sieben MCs herum, die sich zusammen DVX nannte. Neben Muggs stand DJ Julio G an den Turntables, und unter den Rappern fanden sich u.a. Sen Dog und Mellow Man Ace sowie B-Real. Sie alle waren Kinder von Einwanderern aus Latein­amerika, während Muggs irische und ­norwegische Vorfahren hat.