Cypress Hill

 

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Es geht raus aus Los Angeles, auf den Freeway nach Nordwesten, ins Zentrum der amerikanischen Porno-Industrie. Genauer gesagt nach Chatsworth im San Fernando ­Valley. Auf einem unscheinbaren Gewerbehof wirft ein UPS-Fahrer Basketballkörbe, während ein paar Valley-Jungs vor B-Reals Studio ihre Zigaretten rauchen und Witze reißen. Drinnen hängt der ­Geruch von O.G. Kush in der Luft, eine Glasbong steht auf dem Fußboden, ein altersloser Studio­mitarbeiter skippt sich auf dem MacBook durch seine OldSchool- und Partybreaks-Sammlung. Die Couches werden von ebensolchen Jungs bevölkert, wie sie draußen vor der Tür stehen: ­stämmige Latinos mit gegelten Haaren, ausrasierten Nacken, Sonnenbrillen, Tätowierungen, ­Baggy-Shorts und Surferschuhen. Man ist stolz darauf, im Valley geboren und aufgewachsen zu sein. Man trägt Joker-Shirts und Jacken mit Soul Assassins- oder Psycho Realm-Emblemen. Man fühlt sich einer Sub-Subkultur zugehörig, für die Cypress Hill wie keine zweite Band steht.

 

Xzibit zockt Xbox. Er werkelt hier im Studio gerade an seinem Comeback-Album. Blunts machen die Runde, Telefone klingeln, ab und zu sagt jemand etwas offenbar sehr Lustiges auf Spanisch. Stück für Stück treffen Cypress Hill ein: erst der joviale Percussionist Eric Bobo, der ein paar Schwänke aus seiner College-Zeit zum Besten gibt. Dann der bedrohliche Sen Dog, der erst nach ein paar Zügen vom Blunt zu genießbarer Laune findet. Und zuletzt, mit deutlicher Verspätung, der freundliche und redselige Frontmann B-Real. DJ Muggs hat wie immer keine Zeit, aber auch nur zwei Stücke auf dem neuen Cypress Hill-Album “Rise Up” co-produziert, zusammen mit jedermanns neuem Lieblingsproducer DJ Khalil. Muggs werde trotzdem immer ein Teil von Cypress Hill sein, beteuert B-Real in glaubwürdig respektvollem Tonfall. “Aber jetzt hat er uns die Möglichkeit eingeräumt, die Gruppe in die von uns gewünschte Richtung zu dirigieren. Er hat extrem viel zu tun, und wir wollten diese Platte fertigstellen. Wir konnten ihn einfach nicht bitten, deswegen seine übrigen Verpflichtungen zu vernachlässigen. Außerdem hatten Sen und ich die Vorstellung, eine aggressive Uptempo-Platte aufzunehmen, für die wir mal ein paar andere Produzenten ausprobieren wollten. Daher haben wir mit Tom Morello oder Pete Rock gearbeitet, die genau wissen, was Cypress Hill bedeutet, aber unserem typischen Sound eine neue Dynamik verliehen haben.”

 

Euer Debütalbum ist 1991 ­erschienen. Als ihr daran ­gearbeitet habt, hättet ihr da ­gedacht, dass ihr 20 Jahre später immer noch am Start sein werdet?
Sen Dog: Nein, das hätte ich nie gedacht. Ich hatte das Gefühl, dass unser Sound so hardcore ist, dass man uns höchstens für zwei oder drei Alben unser Ding machen lassen würde. Ich hätte nie gedacht, dass wir auch Fans jenseits der harten HipHop-Basis ansprechen würden. Ich hätte nie gedacht, dass die Mädchen unsere Musik mögen würden. (lacht) Ich dachte damals so, weil eben nur weichgespültes Zeug im Radio lief. Unser Style erinnerte dagegen eher an Gruppen wie Ultramagnetic MCs, die extrem gut waren, aber niemals diesen Primetime-Shine bekommen haben. Aber ich habe falsch gedacht. Die Mädchen liebten uns, und hier sind wir, 20 Jahre später.
B-Real: Mir geht es ähnlich. Ich habe nichts erwartet, weil ich das Ganze eher aus Spaß gemacht habe. Ich war schon glücklich damit, dass wir überhaupt ein Album veröffentlichen konnten. Natürlich hoffte ich, dass die Leute es lieben würden. Aber ob wir damit Erfolg haben und 20 Jahre später noch Musik machen würden, solche Gedanken kamen mir nicht in den Sinn. Daher bin ich sehr glücklich, dass wir immer noch die ­Musik machen können, die wir lieben.

 

Ihr habt, was euren Sound ­angeht, eigentlich nie Kompromisse ­gemacht, um mehr Airplay im Radio oder im TV zu bekommen. Ist das rückblickend gerade ein Grund für eure Langlebigkeit?
B-Real: Kann sein. Was du auf unseren Platten gehört hast, waren jedenfalls immer nur wir selbst. Und ich glaube, dass das den Menschen gefehlt hat, gerade zu Beginn unserer Karriere. Wenn sie die Platten anderer Rapper hörten, dann bekamen sie diesen Aspekt nicht. Später, nach uns, wurde diese Herangehensweise von vielen Künstlern übernommen. Unser Sound war nicht verwässert, die Beats von Muggs passten perfekt zu dem, was wir erzählen wollten. Wir haben Musik aus dem Herzen gemacht. Wenn wir in einem Song ein bestimmtes Gefühl ausgedrückt haben, dann war dieses Gefühl auch echt. Das haben die Menschen gespürt, und das mochten sie an uns. Wir haben uns keine Geschichten ausgedacht, um andere Menschen damit zu unterhalten, sondern wir haben von unserer Wirklichkeit berichtet. Wir waren ehrlich in Bezug auf unsere Meinungen und unsere Musik. Das hat uns viel Respekt eingebracht.

 

 

Wie sind die Songs für das neue Album entstanden?
B-Real: Ich würde sagen, für ­diese Platte haben wir fast alle Beats ­zusammen gepickt, oder?
Sen Dog: Ja, absolut. Alles ist im Einvernehmen entstanden. Wir haben ­zusammen verschiedene Beat-Tapes von Produzenten durchgehört und nur diejenigen ausgewählt, auf die wir uns als Band einigen konnten. Ich denke, das ist der einzig richtige Weg, so ­etwas durchzuziehen.
B-Real: Wir hatten ja einen bestimmten Sound im Kopf. Diesmal wollten wir ein wenig mehr Kontinuität im Album haben, gerade weil verschiedene Produzenten daran beteiligt waren. Früher, als Muggs noch für 98 Prozent der Musik verantwortlich war, hatten wir damit kein Problem. Das Ergebnis klang dann ohnehin immer wie aus einem Guss. Diesmal mussten wir im Kopf behalten, dass das Album einen roten Faden bekommt, obwohl wir mit so vielen Menschen daran arbeiteten.

 

Du hast den Sound vorhin als ­aggressiv und schnell beschrieben. Ist der Grund dafür, dass die Musik besonders zur Live-­Umsetzung geeignet sein sollte?
Eric Bobo: Absolut, das ist extrem wichtig. Wir nehmen den Aspekt der Live-Show sehr ernst, das ist schließlich der Teil unserer Arbeit, der uns über Wasser hält, wenn wir mal ein paar Jahre kein neues Album machen. Daher wollten wir ein paar aggressive neue Songs einspielen, mit denen wir der Crowd live ordentlich einheizen können. Das machte einfach Sinn.

 

Du bist als Percussionist vor allem live mit Cypress Hill unterwegs. Wie groß ist dein Einfluss auf die Musik im Studio?
Eric Bobo: Grundsätzlich bin ich einfach eine weitere musikalische Stimme. Ich höre Musik aufgrund meines Backgrounds als Jazz-Musiker noch mal anders und kann gewissen Input zu Sounds und Rhythmen liefern. Außerdem bin ich natürlich wesentlich an der Umsetzung und den Arrangements der Live-Shows beteiligt.
Mich erinnert ein Teil des Albums an den “Judgment Night”-Soundtrack von 1994, auf dem nach “Walk This Way” von Run-DMC und Aerosmith erstmals Rock und Rap in einer Weise gekreuzt wurden, die man sich anhören konnte.
B-Real: Kann ich gut nachvollziehen. Sen Dog, Bobo und ich sind ja mit ganz verschiedener Musik aufgewachsen, nicht nur mit HipHop, sondern eben auch mit ganz viel Rock’n’Roll. Daher haben wir wohl auch ein Verständnis für diese Musik entwickelt, das andere Gruppen vielleicht nicht vorweisen können. Im HipHop waren damals wie heute sehr viele Puristen unterwegs. Es gab Fans, die nur HipHop und keine anderen Musikstile hören wollten. Wir hingegen waren da immer offen. Deshalb war das Konzept zu “Judgment Night” für uns auch etwas, was wir auf Anhieb verstanden haben. Andere haben uns dafür kritisiert, aber ich musste damals schon denken: Jungs, ihr seid ein ­bisschen spät dran. (lacht) Danach kamen dann zahlreiche großartige Gruppen raus, die ihren Sound an ­dieser Platte orientiert haben.
Sen Dog bekommt einen ­Hustenanfall.
B-Real: Soll ich einen Arzt rufen? (Gelächter) Wie gesagt: Wir haben damals eine Chance ergriffen. Und das haben wir auf dem neuen Album auch wieder getan. Ich meine, wer würde nicht mit Tom Morello arbeiten, wenn er die Möglichkeit dazu hätte? Ich würde es jedenfalls immer wieder machen.
Eric Bobo: Wir hören ja auch hauptsächlich Rockmusik, wenn wir zusammen auf Tour sind. Was die Rocksongs auf “Rise Up” angeht, so haben wir nur mit Musikern zusammengearbeitet, die einen gewissen Impact hatten und musikalisch auf einem gewissen Level agieren. Kurzum: Wir arbeiten nur mit Künstlern, die ihr Fach verstehen.
Sen Dog: Das Großartige war zudem, dass wir ausschließlich mit Rock-Gitarristen zusammengearbeitet haben, die große HipHop-Fans sind und auch die HipHop-Arbeitsweise kennen. Sie wussten vor allem, wann sie sich mit ihrem Gitarrenspiel ein wenig zurückhalten und den Lyrics stattdessen mehr Raum geben mussten. Alle drei Musiker – Tom Morello von Audioslave, Darren Malakian von System Of A Down und Mike Shinoda von Linkin Park – sind echte HipHop-Fans. Sie wissen über HipHop Bescheid, und wir wissen über Rock’n’Roll Bescheid. Wir würden ­übrigens auch wahnsinnig gerne einen Gitarristen mit auf unsere Tour nehmen.

B-Real: Shavo [Odadjian, Anm. d. Verf.] von System Of A Down hat gesagt, er würde mit uns auf Tour gehen und Bass spielen. Ich habe diese Aussage sogar auf Band. (lacht)

 

Würde es euch wütend ­machen, wenn man euch als “AC/DC des HipHop” bezeichnet?

Sen Dog: Euch fällt immer was Neues ein. Erst waren wir The Grateful Dead, dann The Who und jetzt AC/DC. (lacht)
B-Real: Ja, nur die Vergleichsgröße ändert sich. Aber am Ende ist das ein Kompliment. AC/DC sind schließlich verdammte Legenden. Ich würde trotzdem immer sagen: Wir klingen wie wir.
Sen Dog: Klar, ich verstehe doch auch, warum Leute so etwas sagen und solche Vergleiche ziehen. Natürlich gibt es gewisse Parallelen. Aber am Ende des Tages sind wir einfach nur große Fans von Rock’n’Roll, und das hört man eben auch in unserer Musik.
B-Real: Wenn man uns schon unbedingt mit einer Rockgruppe vergleichen muss, dann würde ich Black Sabbath wählen. Die waren für uns wirklich alle ein großer Einfluss. Deswegen war unser Sound auch gerade am Anfang immer ein bisschen düster.

 

Zwei Beats auf dem neuen ­Album sind überhaupt nicht düster, ­sondern im Gegenteil eher club-inspiriert und deshalb untypisch für Cypress Hill. Es handelt sich um die beiden Stücke, die von Jim Jonsin produziert wurden.
Sen Dog: Nachdem wir das Album abgegeben hatten, kam unser Label mit der Idee auf uns zu, dass wir noch einen Song mit Jim Jonsin machen könnten. Er hat ja gerade in den letzten Jahren einige große Hits gelandet, daher hatten wir prinzipiell nichts gegen die Idee. Wir haben uns dann für vier Tage getroffen und festgestellt, dass die Arbeit mit ihm sehr einfach ist. Er hat ein gutes Gespür für Melodien und Rhythmen. Ich bin heute sehr froh, dass unser Label diese Session vorgeschlagen hat.
B-Real: “Armada Latina” wird voraussichtlich auch die zweite Single. Das ist der Song mit Pitbull und Marc Anthony.

Ein ungewöhnlicher Gast auf einem Rap-Album…
Sen Dog: Er ist einer der großen ­Sänger unserer Generation, der HipHop-Generation. Man muss wissen, er ist ein waschechter New Yorker, ein Typ aus der Bronx, der mit Breakdance aufgewachsen ist. Wir kommen super mit ihm klar. Bis auf den Umstand, dass er ein Fan der Miami Dolphins ist, mag ich alles an dem Typen. (lacht)
B-Real: Eigentlich wollten wir ja nur einen Song mit Jim machen. Aber als der Song fertig war, hatte Jim die Idee für einen weiteren Track. Die Idee war ein wenig ungewöhnlich, aber wir waren offen und bereit dafür. Dann war Pitbull in der Stadt, den wir auch schon eine Weile kennen und mögen. Er mochte die Idee – und er ist Latino wie wir. Also rappte er einen Part ein, der wirklich großartig geworden ist. Schließlich meinte Jim: “Wisst ihr, wer noch gut auf dem Song klingen würde? Marc Anthony!” Grundsätzlich sind Künstler dieses Kalibers ja eher ängstlich, mit uns zu arbeiten, weil das ihr Image beschädigen könnte. Uns hingegen ist es egal, was Leute denken. Wenn jemand den Umstand nicht mag, dass wir einen Song mit Marc Anthony gemacht haben, dann kümmert uns das nicht weiter. Wir machen einfach immer, was wir wollen. Kommt damit klar! Marc Anthony ist ein großes Risiko durch die Zusammenarbeit eingegangen, und dafür habe ich jede Menge Respekt. Seine Hook ist großartig, der Song ist cool, was ist das Problem? Außerdem hatten wir auf jedem Album einen Latin-Joint: “Latin Lingo”, “Tres Equis”, “Tequila Sunrise”, “Latin Thugs” – in dieser Tradition sehe ich auch “Armada Latina”.

 

Hatte Snoop als neuer kreativer Direktor eures Labels Priority ­eigentlich auch einen Einfluss auf die Ausrichtung der Platte?
B-Real: Nein, er hat uns einfach machen lassen. Er wollte uns keine ­Vorschriften machen, weil er genau weiß, worum es bei Cypress Hill geht. Er versteht, dass wir mit unserem Sound erfolgreich sein können, wenn wir nur die notwendige ­Unterstützung vom ­Label bekommen. Deswegen ­geben sie uns jetzt genau diesen ­Support, aber auf kreativer Ebene hat uns niemand reingeredet.

 

Einer der lyrisch stärksten Songs des Albums ist “Carry Me Away” mit Mike Shinoda. Könnt ihr ein wenig das Konzept dahinter
erläutern?

B-Real: Am Anfang ging es in dem Song um ein komplett anderes Thema. Aber Mike Shinoda nimmt seine Arbeit als Produzent extrem ernst. Wenn er einen Song produziert und deine ­Lyrics nicht wirklich auf dem Song sieht, dann sagt er es dir direkt ins Gesicht. Er wird dich darum bitten, deinen Text zu ändern oder sogar neu zu schreiben. Dafür muss man schon ein gewisses Selbstbewusstsein haben. Er sagte also zu uns: “Jungs, das ist cool, aber das ist nicht das, was ich auf dem Song hören will. Versucht doch bitte etwas in diese oder jene Richtung.” Deshalb haben wir uns dann textlich mehr mit ­einer bestimmten Phase unseres Lebens auseinandergesetzt. Nur die Hook fiel uns schwer, also ließen wir den Song für einen Moment ruhen. Als wir das nächste Mal mit Mike ins Studio gingen, hatte er den Song schon fertig, inklusive einer von ihm selbst gesungenen Hook. Wir finden, er hat da einen großartigen Job gemacht.

 

“Day Destroys The Night” mit Everlast ist noch ein Höhepunkt.
B-Real: Ehrlich gesagt, kann ich über das Konzept hinter diesem Song nicht viel verraten, weil ich möchte, dass jeder Hörer selbst einen Sinn darin sucht und vielleicht eine eigene Interpretation findet. Ich war eines Tages in Muggs’ Studio, und als ich einen bestimmten Beat hörte, sprang mir eine uralte Idee in den Kopf, zu der ich nie die passende Musik gefunden hatte. Ich fing direkt an, auf den Beat zu schreiben. Was das Feature mit Everlast angeht, so wollte ich schon immer einen Part von ihm auf einem Cypress Hill-Album haben. Aber irgendwie hat es nie gepasst: Entweder war er unterwegs, oder er war gerade mit den Aufnahmen zu einem eigenen Album beschäftigt. Diesmal passten unsere Zeitpläne endlich mal zusammen. Er fand die Zeit, uns hier im Studio zu besuchen. Ich hatte für diesen speziellen Song noch keine Hook, und er hatte direkt eine Idee. Von daher hat alles ganz natürlich zusammengepasst.

 

 

Mit Evidence und Alchemist habt ihr einen Song über eure gemeinsame Leidenschaft, den ausgiebigen ­Konsum von Marihuana, aufgenommen (“Pass The Dutch”). Sie repräsentieren die Westcoast-Generation, die nach euch gekommen ist.
B-Real: Die Typen kenne ich schon ewig. Alchemist kenne ich, seitdem er 13 Jahre alt ist. Ich habe ihn zusammen mit DJ Muggs großgezogen. Durch Muggs hat er begriffen, worum es beim Produzieren geht und so konnte er seinen eigenen Weg gehen. Er war damals so ein kleines HipHop-Wunderkind, ein echter Student des Games. Und Evidence war schon immer einer seiner besten Freunde, also habe ich die beiden zusammen aufwachsen sehen. Außerdem gehören sie beide zu Soul Assassins, und mir war es sehr wichtig, einen gewissen Einfluss des Kollektivs auf diesem Album zu haben, auch wenn – oder gerade weil – der Grandmaster der Soul Assassins nicht so stark vertreten ist. Es geht darum, den Familienstammbaum zu repräsentieren. Die Leute wissen, dass Everlast, Alchemist oder Evidence mit uns eng verbunden sind, aber sie haben sie noch nicht auf einem Cypress Hill-Album gehört. Sie gehören zur Familie und sind Weed-Monster, genau wie wir. Also hat es Sinn gemacht.

 

Ihr habt in den letzten zwei Jahren jeder ein Soloprojekt ­veröffentlicht. Was war der ausschlaggebende Grund, wieder zusammen ins Studio zu gehen?
Sen Dog: Wir hatten immer den Plan, ein weiteres Cypress Hill-Album zu machen, auch schon vor den Solo­projekten. Die Soloalben sind nicht entstanden, weil wir uns gestritten oder keinen Bock mehr aufeinander hatten. Es gab einfach die Idee, eine gewisse Phase einzulegen, in der wir alle ­unsere individuellen Ambitionen ausleben ­können, um danach umso stärker ­wieder als Band zurückzukehren. Wenn ich ehrlich bin, hat diese Phase etwas länger gedauert, als ich anfangs gedacht hatte, aber was zählt, ist, dass wir wieder zusammen sind. Die Zeit hat der Gruppe sehr gut getan.
Eric Bobo: Andere Gruppen machen Pausen zwischen ihren Alben, in denen sie sich wirklich über eine längere Zeit gar nicht sehen und keinen Kontakt untereinander pflegen. Wenn sie dann wieder ins Studio gehen, fällt es ihnen schwer, die alte Chemie wieder aufleben zu lassen. So etwas passiert uns nie. Wir sind ständig auf Tour, sehen uns immer mal wieder und tauschen die aktuellen Neuigkeiten aus. Und die Intention war – wie Sen Dog schon sagte – immer diejenige, wieder ein Cypress Hill-Album zu machen. Wir brauchten da keine spezielle Motivation.

Wie wichtig ist für euch der Latino-Hintergrund? Immerhin gab es vor euch nur ganz wenige ­Pioniere wie Mellow Man Ace oder Kid Frost, die diese Community im HipHop repräsentiert haben.

Sen Dog: Definitiv. Und wir sind stolz darauf. Ich meine, du brauchst uns nur ansehen und weißt sofort, dass wir hispanischer Herkunft sind. (lacht) Ich denke, dass wir sogar mehr Respekt bekommen haben, weil wir auf diesem ethnischen Background nie herumgeritten sind. Gerade am Anfang machte der Latin-Aspekt wenig bis nichts von unserer Musik aus, allenfalls die wenigen Tracks wie “Latin Lingo” gingen ein bisschen in diese Richtung. Wie du allerdings richtig sagst, muss man den Pionieren vor uns Respekt zollen, auch Charlie Chase und Peso aus den Siebzigern. Ich habe diese MCs gehört und daraus meinen eigenen Style entwickelt. Glaub nicht, dass es unsere Idee war, auf Spanisch zu rappen. Ich habe gehört, wie The Mean Machine [puertorikanische Rap-Gruppe, die 1981 den Hit “Disco Dream” auf Sugar Hill hatte, Anm. d. Verf.] das lange Zeit vor uns gemacht haben. Wir haben dann bloß unseren eigenen Style daraus entwickelt. Es war aber ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis jemand diesen Impact erreichen würde, schließlich haben Latinos in der Geschichte des HipHop immer eine wichtige Rolle gespielt.

 

Ihr habt auch sehr stark die Westcoast repräsentiert. In den letzten Jahren gab es mit Indie-MCs wie Blu und Fashawn auf der einen und Gangstarappern wie ­Nipsey Hussle und Jay Rock auf der ­anderen Seite amtliche neue ­Talente aus Kalifornien. Nehmt ihr das auch so wahr?
B-Real: Na ja, Stück für Stück erkämpfen sie sich ihren Platz im Rampenlicht. Aber sie bekommen noch viel zu wenig Unterstützung von den Radiostationen in Los Angeles. Im Moment funktioniert das alles nur auf einer Internet- und Mundpropaganda-Ebene. Um wirklich durchzustarten, brauchen sie immer noch die Liebe vom Radio. Ohne ist es wirklich schwer, ein Star zu werden. Und ich denke, einige von ihnen haben wirklich das Zeug dazu. Aber das Problem mit den Radiosendern in L.A. ist, dass sie keine neuen Künstler mehr spielen. Sie unterstützen ja noch nicht mal mehr die Veteranen, sondern spielen nur das angesagte Zeug aus anderen Regionen. Ich halte das für falsch. Wenn L.A. nicht mal seine eigenen Talente supportet, dann wird sich der Rest der Welt doch auch nicht dafür interessieren.

 

Ich finde es spannend, dass es an der Westcoast schon immer diese parallelen Entwicklungen gab: N.W.A., Dr. Dre und Snoop, aber eben auch Souls Of Mischief, Freestyle Fellowship und Project Blowed. Diese Aufteilung scheint sich bis heute fortzusetzen, ihr konntet euch aber stets irgendwo dazwischen positionieren.
B-Real: Wir haben es eben geschafft, immer wir selbst zu bleiben, anstatt irgendwelchen Trends zu folgen oder bestimmte Klischees zu bedienen. Ich will damit keinesfalls sagen, dass wir besser als die anderen von dir genannten Künstler sind. Es war nur immer schon so, dass wir einfach nicht in eine bestimmte Kategorie von Musik fallen wollten. Deswegen nennt man unseren Namen heute auch nicht, wenn man über die großen Helden des Westcoast-Gangstarap redet. Da fallen immer die gleichen Namen: Eazy-E, Ice Cube, N.W.A., aber wir passen da einfach nicht rein. Das ist schon in Ordnung, denn wir kennen unseren Stellenwert, und wir wissen, was wir erreicht haben. Am Ende hat es uns sogar gut getan, denn wir sind kein regionales Phänomen geblieben. Unsere Musik wird weltweit gehört, weil sie nicht so leicht ­kategorisierbar ist: Eastcoast, Westcoast, Down South, Europa, Japan… Überall kann man sich mit Cypress Hill identifizieren. Von daher können wir uns damit abfinden, dass wir nicht in dieser Riege genannt werden.

 

Welches ist euer Lieblingsalbum von Cypress Hill?
Sen Dog: Ich habe zwei, nämlich das erste Album “Cypress Hill” und das neue Album “Rise Up”.
B-Real: Gute Antwort. Mir bedeuten letztlich alle Alben etwas. Einfacher wäre die Frage zu beantworten, welches unserer Alben ich am wenigsten mag: Das wäre ganz klar “Till Death Do Us Part”.
Sen Dog: Stimmt, das ist leicht. (lacht)
B-Real: Am Ende mag ich “Cypress Hill” und “IV” am liebsten. Und natürlich das neue Album. Fuck, das sind drei Alben. Dann sage ich eben dasselbe wie Sen Dog.
Eric Bobo: Als Fan mochte ich das Debüt am liebsten. Das war für mich ein brandneuer, frischer Sound, und ich hätte niemals gedacht, dass ich schon ein oder zwei Jahre später mit dieser Band zusammen performen und schließlich zu einem Teil davon werden würde. “IV” ist für mich das beste Album, an dem ich selbst beteiligt war. Das war eine verrückte Zeit.

 

Was mochtet ihr an “Till Death Do Us Part” nicht so sehr?
B-Real: Wir wollten einfach zu viel, haben zu viele Styles ausprobiert und waren nicht besonders fokussiert bei der Sache. Die Songs sind zwar gut, aber das Album hatte zu viele verschiedene Sounds. Wir hatten keine genaue Vorstellung, wie es klingen sollte. Das war die Zeit, als unser Deal mit Sony zu Ende ging, und wir wollten es wohl einfach nur hinter uns bringen. Wir wollten aus dem Deal rauskommen und mussten dazu dieses Album abliefern. Es war ein zusammengewürfeltes Stückwerk. Wir hätten einfach mehr Zeit darauf verwenden sollen. Aber es ist, wie es ist.

 

Wenn ihr einen Tag hättet, um eure Heimatstadt einem Fremden zu zeigen, wo würdet ihr ihn hinführen?
Sen Dog: Wenn es der richtige Tag mit dem richtigen Wetter wäre, dann würde ich mit ihm morgens zum Surfen und nachmittags zum Snowboarden gehen. Am Abend würden wir ein Spiel der Lakers anschauen und anschließend im “Rainbow Bar & Grill” auf dem Sunset Strip abstürzen. (lacht)
B-Real: Die meisten Menschen, die nach L.A. kommen, wollen Venice ­Beach, Disneyland, Hollywood und das Nightlife auschecken. Das ist es, was die meisten Besucher machen, wenn sie nicht für länger bleiben oder hier ­sogar arbeiten.
Sen Dog: Weißt du was? Ich würde den Typen mit in dein Haus bringen und dann würden wir ihn so high machen, dass er den ganzen Tag bei uns rumhängen würde. Scheiß auf ­Hollywood. (Gelächter)

 

Text: Stephan Szillus

 

Fotos: James Minchen

 

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