Estevan Oriol

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Seine erste Kamera bekam er von seinem Vater Eriberto, der selbst als ­hochtalentierter Fotograf das Leben der Latinos in L.A. abbildete und seinen Sohn dazu ermunterte, das ihn umgebende subkulturelle Lebensgefühl in Bildern festzuhalten. Ein weiser Rat, denn mittlerweile sind die Lichtbilder Estevan Oriols aus der weltweiten Rezeption der Westcoast-Kultur nicht mehr wegzudenken. Zusammen mit Mr. Cartoon ist er Mitbegründer von Joker Brand Clothing, Mitglied der Soul Assassins, hat ­jedem Künstler von The Alchemist bis Rob Zombie das Objektiv vor die Nase gehalten, war Regisseur, Bodyguard, Tourbegleiter und hat nicht zuletzt durch die Dokumentation der Gang-, Tattoo- und Lowrider-Kultur von Los Angeles eine so unverfälschte wie bedeutsame Sammlung an Abzügen und Negativen aufgebaut. Auf der diesjährigen Bread & Butter-Messe stellte er am Joker-Stand seinen aktuellen Fotoband »L.A. Woman« vor.
 
Dein Buch »L.A. Woman« kommt jetzt in die ­Läden. Was ist das Konzept?
Die meisten Menschen kennen mich wegen meiner Fotos über das Street-Life, HipHop oder Celebritys. Ich wollte mal etwas anderes machen und zeigen, dass ich mich nicht auf eine Richtung beschränke – mir geht es ums Fotografieren an sich. Deswegen habe ich ein Buch über Frauen gemacht. Ich war in den letzten 15 Jahren mit vielen Bands unterwegs, und überall wo ich war, wimmelte es von Frauen. Ich habe viele tausend Frauen fotografiert – genug, um zehn Bücher zu machen. Vielleicht mache ich eine Serie daraus.
 
Wie kam es eigentlich dazu, dass du Tour­manager von Bands wie Cypress Hill wurdest?
Ich habe damals in den Underground-Clubs von Los Angeles als Türsteher und DJ gearbeitet, vor allem in den Afterhours, nachdem die offiziellen Clubs schließen mussten. Dort traf ich Künstler wie Boo-Yaa T.R.I.B.E., Fishbone, Cypress Hill, House Of Pain, Ice-T oder Red Hot Chili Peppers. Die Jungs von Cypress Hill kamen besonders häufig vorbei, denn sie mochten, wie ich arbeite und mit den Leuten umgehe. Also fragten sie mich, ob ich mich um eine ihrer Gruppen kümmern könnte, die hieße House Of Pain. Ich sollte sie zu den Shows begleiten und dafür sorgen, dass sie zu den Promoterminen und Interviews erscheinen. Mit House Of Pain war ich drei Jahre auf Tour, mit Cypress Hill zehn Jahre. Ich habe auf Tour auch Bilder und ­Videos gemacht. Das war zu dieser Zeit noch ­etwas Besonderes, die Fans wussten noch nicht, wie so ein Backstage-Raum aussieht, was auf den Aftershow-Partys oder im Studio passiert. Heute findest du solche Bilder und Videos auf jeder MySpace-Seite. Die Kids haben alles ganz nah vor ihren Augen.
 
Als Fotograf musst du auch dirigieren und Ansagen machen können. Hat dir deine Zeit als Türsteher und Tourmanager dabei geholfen?
Ein wenig schon, aber es kommt hauptsächlich darauf an, dass du den nötigen Respekt mitbringst. Wenn die Künstler sich wohlfühlen und locker machen können, ist alles ganz leicht. Cypress Hill mochten mich, weil ich die Menschen nicht wie Scheiße behandelt habe. Aber sobald jemand eine bestimmte Grenze überschritten hat oder mir blöd kam, hab ich auch ausgeteilt, so dass sich die Situation entspannen konnte. Andere Securitys machen permanent auf hart, und dadurch kommt es zu heiklen Situationen, weil viele nur darauf warten, sich zu prügeln. Ich hingegen war immer ganz ruhig, aber auch zur Stelle, wenn es hart auf hart kam. Auch beim Fotografieren bin ich cool mit jedem, solange er cool bleibt. Es gab eine Gruppe, den ­Namen werde ich jetzt nicht nennen, die sind mir mit ihrem dämlichen Gehabe so auf den Sack ­gegangen, dass ich einfach gegangen bin. Die haben mich über eine Stunde warten lassen und zickten dann auch noch rum. Da fielen auch böse Worte. Der Manager rannte dann hinter mir her und flehte mich an, weiterzumachen. Aber ich bin abgehauen, weil ich so genervt war. Ich hab mir das All-Star-Game angeschaut, das Telefon klingelte die ganze Zeit, und nach dem Spiel bin ich dann zurückgefahren. Das Studio war allerdings auf der anderen Seite der Stadt, also mussten sie am Ende ewig auf mich warten. (lacht)
 
Mit dem Soul Assassins-Camp hast du ein sehr starkes Team im Rücken. Wie würdest du den Aufbau des Kollektivs beschreiben?
Es ist schon sehr groß geworden, wir haben in jeder künstlerischen Richtung etwas am Start: Mode, Film, Fotografie, Grafik. Manche vergleichen es mit der Andy Warhol-Factory, weil wir alle in einem großen Studiokomplex untergebracht sind. Das hat sich im Laufe der Zeit ganz natürlich so entwickelt. Es war kein starres Konzept, wir haben einfach losgelegt. Der Name kommt ja von DJ Muggs – er hat alte Soul-Platten genommen und sie so gechoppt, dass wütende, böse Musik herausgekommen ist. Daraus wurde ein Producer- und DJ-Camp mit DJ Ralph M und DJ Lethal, mit »Chapter 2« wurde es noch größer, es kamen immers mehr Leute dazu. Alchemist macht viel mit uns, oder auch Bun B aus dem Süden. Mr. Cartoon macht die Grafik, er kann einfach alles, was Malerei betrifft: Comics, Zeichnungen, Airbrush, Graffiti, Ölmalerei, Holzschnitte, Tattoos. Jetzt ­haben wir auch noch eine Radiostation, ein Film- und ­Fotostudio, mehrere Tattoo-Studios, Klamotten, Kooperationen mit G-Shock, Schuhe für Nike und Vans, verdammte Handys. (lacht)
 
Das war nie so groß geplant?
Nein, es kam einfach eins zum anderen. So etwas braucht Zeit. Die Kontakte, das Team, alles. Wir haben jetzt zum Beispiel viel für »GTA – San Andreas« gemacht. Ich hab Fotos von ganz L.A. geschossen, die Jungs haben sie digitalisiert, am Rechner nachgebaut und in das Spiel integriert. Cartoon hat alle Graffitis für die Wände designt. Mit unserer Marketing- und Promo-Agentur arbeiten wir auch viel im Filmbusiness, zum Beispiel haben wir die Werbemittel für den Al Pacino- und Robert de Niro-Film »Righteous Kill« produziert. Wir geben auch Workshops für Kids in unseren Studios, um ihren Perspektiven aufzuzeigen. Wir waren früher auch wild, aber selbst der verrückteste Junge hatte noch Träume. Wir zeigen den Kids, was man tun muss, um eine Firma am Laufen zu halten, dass es auch auf Dinge wie Buchhaltung, Verwaltung oder Rechtswesen ankommt.
 
Mit welchem Equipment arbeitest du derzeit?
Ich fotografiere immer noch mit der Canon AE-1, da bleibe ich erst mal analog. Allerdings nehme ich die 5D Mark II, um zu filmen. Wenn man bei der Kamera ein 50mm-Objektiv benutzt, kann man Ergebnisse erzielen, die schon sehr nah an richtigen 35mm-Filmaufnahmen sind. Es ist schon großartig, wie sich die Kameras entwickeln.
 
Als Q-Tips Plattensammlung verbrannt ist, hat ?uestlove einen feuerfesten Raum für sein ­Vinyl bauen lassen. Wie sicherst du deine Bilder?
Mein Archiv ist abgesichert, darüber mache ich mir nicht so viele Gedanken. Unser Gebäude ist aus massivem Beton, außerdem haben wir feuerfeste Schränke. Das Schwierigste ist das Ordnen und Verwalten der ganzen Fotos. Wenn ich zum Beispiel gerade auf Reisen bin und ein Magazin wie die JUICE ein bestimmtes Foto haben will, rufe ich im Büro an und jemand geht durchs Archiv. Nachdem er das Foto verschickt hat, geht er zurück ins Archiv, telefoniert dabei mit seiner Freundin und legt das Foto ins falsche Fach. Dann kann ich das Scheißbild ewig nicht auftreiben. Es kann Stunden oder Tage dauern, bis es wieder auftaucht. Die ­Organisation ist sehr wichtig. Sobald jemand die Ordnung ­durcheinander bringt, fängt die Scheiße an.
 
Du hast mal gesagt: »Gute Bilder sind nicht ­billig, und billige Bilder nie gut.«
Ich habe das gesagt, weil es mittlerweile so viele Leute gibt, die sich eine digitale Kamera kaufen, als Fotograf hausieren gehen und die Preise kaputtmachen. Sie wissen nicht, wie man belichtet oder den richtigen Moment abwartet. Das alles kaschieren sie mit Photoshop. Ich benutze dieses Programm nicht. Ich bearbeite Fotos in der Dunkelkammer mit Belichtungstechniken, aber ich behebe keine Fehler. Fehler gehören zur Kunst. Trotzdem muss man das Handwerk beherrschen. Alles glatt machen und hübsch aufplustern reicht nicht. Deswegen verlange ich auch den Preis, den ich meiner Meinung nach wert bin. Wenn ich für einen Shoot 5.000 Dollar ­verlange, wird es 20 Typen geben, die es für 500 Dollar anbieten – davon hat doch keiner was. Die ficken das Game und wissen es nicht mal. Oft sehe ich auch Bilder, die ich angeblich gemacht haben soll, aber das sind alles nur Biter. Es ärgert mich, dass viele gar nicht erkennen, ob ich nun wirklich der ­Fotograf war oder nicht. Das regt mich auf.
 
Die Atmosphäre deiner Bilder ist meist ernst und düster. Gibt es Bilder, die eigentlich einen lustigen Hintergrund haben?
Oh ja! Gerade von Rappern. Sie tun alle so gangster und hardcore, aber wenn sie hier auftauchen, lassen sie ihr Haar machen, tragen die neuesten Klamotten und so. Bei den Jungs von der Straße ist es anders – die kommen in ihren ganz normalen Klamotten zum Shoot, die schauen halt so aus. Kein Stylist, kein Make-up, kein Schmuck. Die Rapper kucken dann immer ganz böse in die Kamera, und ich muss fast lachen, weil sie meist ganz nette Typen sind. In ihren Augen sieht man, dass sie keine krassen Jungs sind. Cypress Hill haben nie auf hart gemacht, sie haben jeden cool behandelt, deswegen gab es auch nie richtigen Stress. Heute tut jeder so, als wäre er ein Mafiapate. Deswegen läuft auch vieles schief.
 
Ist in deinen Fotos auch zu sehen, wie sich L.A. verändert hat?
Ja. Was L.A. am meisten verändert hat, waren die Riots, als viele Häuser verbrannt und Geschäfte geplündert wurden. Danach blieben viele dieser Geschäfte für immer geschlossen, das hat das ganze Stadtbild verändert. Dann noch das Erdbeben und jetzt die Wirtschaftskrise. Nach Katastrophen dieser Art verlassen viele Menschen die Stadt. Außerdem werden historische Gebäude in L.A. einfach nicht geschützt. Die Immobilienmakler interessiert nur, wie man noch mehr Geld machen kann. Die Stadt ist ja ohnehin nicht so alt wie New York, Boston oder Philly, aber die wenigen schönen Häuser werden einfach abgerissen, an Franchise-Unternehmen wie Starbucks und McDonalds verkauft oder für Einkaufszentren und Parkplätze plattgewalzt. Das schafft kurzfristig Arbeits­plätze, aber was Locations angeht, ist es der Horror.
 
Gibt es immer noch so starke Spannungen zwischen der hispanischen und der schwarzen Community in Los Angeles?
Leider ja. Das hat hauptsächlich mit den Gangs zu tun. Jemand tötet jemanden aus einer anderen Gang und zieht dadurch den Hass von hunderten Menschen auf sich. Mord aus Rache ist an der Tagesordnung. Egal, aus welcher Sicht man es betrachtet, es ist einfach nicht cool. Was die Medien aber oft verschweigen. Der Großteil der Jugendlichen, sowohl bei den Hispa­nics als auch bei den Schwarzen, lebt in einem ganz anderen Umfeld und hat damit nichts zu tun. Die Gewalt findet wirklich ausschließlich im Gang-Milieu statt. Wenn man sich da raushält, dann kommt man klar.
 
Wenn du deine Bilder anschaust, musst du dich manchmal fragen, wie viele der Personen im Laufe der Zeit gestorben oder im Gefängnis gelandet sind?
Sehr oft. Ich kenne die Familien dieser Menschen, einer ist gerade für sieben Jahre im Knast, drei hat er be­reits abgesessen. Und das nur wegen Graffiti – er hat niemandem wehgetan! Hier kommen Kinderschänder manchmal nur für zwei Jahre ins Gefängnis, und er muss für sieben Jahre rein, weil er ein paar Wände angemalt hat. Das verstehe ich nicht. Viele sind auch durch traurige Umstände auf die schiefe Bahn geraten, das sind ganz tragische Schicksale. Klar, wenn du dich einer Gang anschließt, musst du wissen, worauf du dich einlässt. Manche geraten aber auch durch Zufall in solche Umstände. Ich kenne einen Jungen, er ist der Sohn eines Freundes, der war in einer Gang und nach einer Party im Auto auf der Heimfahrt. Er hat geschlafen, er war betrunken oder high. Der Älteste im Auto erkannte dann jemanden auf der Straße, mit dem er vor Jahren mal Stress hatte, und erschoss ihn aus dem fahrenden Auto heraus. In dem Wagen saßen noch zwei weitere Kids, die keine 16 Jahre alt waren. Alle drei haben 85 Jahre Gefängnis bekommen. Das ist verrückt. Die durften noch nicht mal Auto fahren, jetzt sind sie für den Rest ihres Lebens eingesperrt.
 
Was ist aus deinem geplanten »Ink«-Projekt geworden?
Wir hatten geplant, ein Buch und eine Dokumentation unter diesem Namen herauszubringen. Wir hatten einen Deal mit einer großen Produktionsfirma und einem Verleih, die wollten auch einen Spielfilm drehen. Das Skript hat sich nun aber so sehr geändert, dass es nicht mehr zum Thema passt, das liegt erst mal auf Eis. Es gab einen bösen Rechtsstreit. Damals haben wir zu früh mit der Promotion angefangen, um einen Buzz zu kreieren, aber daraus haben wir gelernt. Wir ändern den Namen des Projekts jetzt, halten den Namen allerdings geheim. Es gibt jetzt doch diese ganzen Reality-Shows wie »L.A. Ink« und »Miami Ink« – damit wollen wir nichts zu tun haben. Wir wurden als erstes von einem Sender gefragt, ob wir so etwas machen wollen. Wir wussten aber, dass es mit so einem großen Partner nicht umzusetzen ist. Am Ende sieht man in diesen Reality-Shows wie ein Idiot aus. Jeder kennt dich, aber am Ende bist du nur ein berühmter Idiot. Und wer will das schon sein?
 

 
Text: Ndilyo Nimindé
 
Fotos: Estevan Oriol
 

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