Type Beats: Wie ein Nischenmodell das HipHop-Biz verändert // Feature

Es ist womöglich einer der größten Albträume der Musikindustrie: Vergleicht man die Klickzahlen auf Plattformen wie Youtube oder Soundcloud, erreichen Releases von HipHop-Künstlern wie Taz Taylor oder Sudzy nicht selten mehrfache Millionenbeträge – obwohl sich kaum jemand für ihre Namen und Gesichter interessiert. Statt Videos sind oft nur Standbilder zu sehen, eigentlich laden sie nur Beats hoch. Doch Sudzy und Taz Taylor zählen zu einer neuen Produzentengeneration, die sich im Internet einem ganz speziellen Geschäftsmodell verschrieben hat: dem Type Beat.

Die Lehrbuchdefinition des Type Beats könnte lauten: Ein Type Beat ist ein HipHop-Instrumental, oft angefertigt von einem eher unbekannten Bedroom-Producer, das sich absichtlich an musikalischen Merkmalen erfolgreicher Rap-Produktionen orientiert und durch suchmaschinenoptimierte Benennung Aufmerksamkeit erzeugen will. Die Formel ist denkbar simpel: Nachwuchsrapper können sich anhand von Suchanfragen wie etwa »Drake Type Beat« einer immer größer werdenden Auswahl an professionell produzierten Instrumentals bedienen, die dem melancholischen Signature-Sound des OVO-Camps entlehnt sind. Wenn man so will, handelt es sich beim Type Beat um Mimikry – ein Begriff aus der Biologie, bei der Lebewesen farbliche Muster bestimmter Tier- oder Pflanzenarten imitieren, die sich als evolutiver Vorteil erwiesen haben. Es geht im Kern um sogenannte »Placements«: der Moment, wenn ein Instrumental auf dem Release eines Rappers platziert wird. Ein berühmtes Beispiel ist »Panda« von Desiigner, dessen späteres Welthit-Instrumental von einem damals unbekannten Briten namens Menace stammt und auf der Verkaufsplattform soundclick (das Ebay der Internetproduzenten) für 200 Dollar erworben wurde.

Die Motivation hinter diesen Produktionen ist unterschiedlich: So gibt der Berliner Beatmaker AsadJohn an, während seiner musikalischen Anfänge Instrumentals gerne als »Cro Type Beat« oder »Fler Type Beat« ins Internet gestellt zu haben, dem schlichten Umstand geschuldet, dass die Wahrscheinlichkeit, bekannter zu werden, mit einem prominenten Namen im Titel automatisch steigt – die Imitation als Sprungbrett. Taz Taylor, einer der erfolgreichsten Type-Beat-Producer der Welt, sieht hinter dem Phänomen ein deutlich basaleres Motiv: »Die Leute brauchen Beats.« Das Wesen des Type-Beat-Producers sei in erster Linie eine Reaktion auf die steigende Anzahl von Hobbyrappern, die durch den vereinfachten technischen Zugang in ihren Kinderzimmern professionell klingende Musik produzieren möchten. Der deutsche Type-Beatmaker Sudzy [mittlerweile umbenannt in Pulse; Anmerk. d. Verf.], jüngst durch das JUICE-Exclusive »Ohne Shirt« der 102 Boyz zu kleinerer Berühmtheit gelangt, ergänzt, dass auch Inspiration eine Rolle spielt: »Es gibt Leute, die zum Beispiel $uicideboy$ feiern und auch bekannt werden möchten. Die suchen dann einen Beat, der wie $uicideboy$ klingt.«

Augenscheinlich sind Type Beats ein Nischenmodell. Doch zieht man die Abonnentenzahlen dieser Mimikry-Musiker heran (gerne bis zu 100.000 Follower), bedarf es keines BWL-Studiums, um zu erkennen, dass sich hier ein Markt etabliert hat. Mit seinem Produzentenkollektiv Internet Money ist Taz Taylor in seiner sechsjährigen Laufbahn inzwischen auf Releases von Rapgrößen wie Gucci Mane, Lil Wayne oder Kodak Black gelandet und hat laut eigenen Angaben im letzten Jahr eine halbe Million Dollar verdient – nur durch Type Beats. Die anfänglichen Wohnstubenspielereien vor dem heimischen Fruity Loops sind ein Business geworden. Auch Sudzy hat das finanzielle Potenzial nach ersten Gehversuchen Anfang 2016 schnell erkannt, nach wenigen Monaten des Ausprobierens richtete sich der 16-Jährige ein Paypal-Konto ein: »Anfangs kamen monatlich etwa 100 Euro zusammen, das wurde mit der Zeit immer mehr. Inzwischen konnte ich mir einen neuen Computer kaufen und spare jetzt auf einen Führerschein.«

»Die Leute brauchen Beats.«

Eine alte Industrieregel: Mit dem Geld kommen die Neider. Ende 2016 tweetet Producer-Legende 9th Wonder abschätzig: »Tipp an Producer: Seid keine ‚Type Style‘-Produzenten«. Der Type-Beat-Producer sei ein Biter ohne kreativen Mehrwert, der sich nur gewinnbringend an der HipHop-Kultur bereichere. Ein haltloser Vorwurf, wie Taz findet: »Es wurde doch schon gebitet, bevor es Type Beats gab – in jedem Genre. Sogar die Beatles wollten eigentlich wie Rhythm-&-Blues-Gruppen klingen«, witzelt er. Dass Leute wie er als »Internet-Producer« verachtet werden, läge daran, dass sie sich nicht auf Musikindustriemechanismen wie Labels verließen: »Egal, auf welcher Seite du stehst: Producer bekommen keinen Respekt. Internet-Producer haben nur beschlossen, selbst zu entscheiden, was mit den Beats passiert.«

Ein Modell, das auch Chance The Rapper mit dem Eigenvertrieb-Download »Coloring Book« zu Grammy-Auszeichnungen führte. Überhaupt habe man nur einen Vorgang öffentlich gemacht, der ohnehin hinter verschlossenen Studiotüren ablaufe, sagt Taylor: »Künstler wie A$AP Rocky kommen zu ihren ‚Industrie-Producern‘ und sagen, dass sie eine bestimmte Art Beat wollen: ‚I want that Drake type shit!‘ Eigentlich ist es heuchlerisch von denen, uns zu kritisieren.« Auch Sudzy weist den Plagiatsvorwurf von sich: »Ich mache das, worauf ich Bock habe. Meist habe ich ein Lied gehört, das mich inspiriert, oder ich finde ein Sample, das mich an einen Rapper erinnert, und baue einen Beat, der zu ihm passen könnte.« Natürlich würden größere Namen besser geklickt, finanzielle Gründe seien aber ein stotternder Motor für Kreativität: »Ich mache Musik und schaue hinterher, wer auf den Beat passt. Ich nehme mir nicht bewusst vor, alles von Young Thug zu kopieren«, fügt Taylor hinzu.

Eine Wechselwirkung, denn längst haben auch etablierte Rapstars vom Phänomen des Type Beats Wind bekommen. So erklärte A$AP Rocky in einem Hot97-Interview, dass er den Beat zu »Fine Whine« durch das Googeln von »A$AP Rocky Type Beat« gefunden habe. Auch Joey Badass und Lil Uzi Vert berichten Ähnliches. Allerdings birgt der Type Beat auch Nachteile für den Erschaffer, wie das eingangs erwähnte »Panda«-Instrumental verdeutlicht, da Menace zwar Credits bei Desiigner und Kanye West eintüten konnte, seine finanzielle Beteiligung durch sämtliche Lizenzabgaben beim Verkauf aber abgeschlossen war. Taylor sieht das pragmatisch: »Die Leute fragen mich, wie viel Sicherheit dieser Job bietet. Aber es wird immer Leute geben, die Sänger oder Rapper werden wollen und Beats brauchen – es sei denn, HipHop verschwindet auf einmal.« Sudzy richtet sich sogar bewusst an Hobbyrapper und bekräftigt, nie mehr als 50 Euro für einen Beat zu verlangen. Dass damit auch schlechte Musik entsteht, interessiert ihn nicht. »Das ist egal. Am Ende kriegst du ja eh das Geld.« Taz setzt fort: »Da muss man eine wirtschaftliche Distanz halten: Ich bin meinen Beats nicht narzisstisch zugetan. Sobald sie fertig sind, höre ich sie mir nicht mehr an. Das ist wie Geschäftsöffnungszeiten: Wenn der Laden zu hat, ist Schluss.« ◘

Illustration: Moritz Kickler

Dieses Interview erschien erstmals in unserer aktuellen Ausgabe. JUICE #182 jetzt versandkostenfrei bestellen: