Interview: Nneka

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Die »Sunday Times« hielt ihr Debütalbum »Victim Of Truth« für geradezu »kriminell über­sehen«. Für ihren bislang größten Hit »Heartbeat« hat Nas eine Remix-Strophe aufgenommen. Zu ihren erklärten Fans gehören auch Jay Electronica, Damian Marley und ?uestlove von The Roots. Nneka, Tochter eines Nigerianers und einer Deutschen, ist eine der relevantesten Songwriterinnen der Jetztzeit. Nachdem sie in Nigeria aufgewachsen und mit 18 nach Deutschland übergesiedelt war, lebt sie mittlerweile wieder in Lagos. JUICE-Autor Johannes Desta traf sie anlässlich ihres neuen Albums »Soul Is Heavy« in ihrer zweiten Heimat Hamburg, um mit ihr über eine Jugend in einem aus Gier mit unendlichem Leid überzogenen Land, den Neuanfang in einem katholischen Kinderheim und ihren unerwarteten musikalischen Siegeszug zu sprechen.

 

»Remember Ken Saro-Wiwa« leuchtet es dem Betrachter in großen Lettern auf schwarzem Grund entgegen, der sich das Video zu Nnekas erster Single »Soul Is Heavy« ansieht. »We are going to demand our rights peacefully, non-violently and we shall win«, rief der nigerianische Bürgerrechtler aus dem Volk der Ogoni den Demonstranten zu, die Anfang der neunziger Jahre gegen die Ausbeutung der ölreichen Region Ogoniland im Nigerdelta auf die Straße gegangen waren. Gegen die Korruption. Gegen willkürliche Enteignungen. Gegen den Umstand, dass nur einige wenige vom geförderten Öl profitierten. Und gegen den Umstand, dass die breite Masse nicht nur mit der Armut, sondern auch mit einer vom Öl verschmutzten Umwelt zu kämpfen hatte. Seit 1990 war ein gewisser Sani Abacha Verteidigungsminister des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas. Drei Jahre später ergriff er selbst die Macht und errichtete eine Militärdiktatur. Unter Abachas Ägide wurde Saro-Wiwa mit anderen Aktivisten zunächst verhaftet und 1995 in einem Schauprozess hingerichtet. Nneka Egbuna war zu jener Zeit etwa 14 Jahre alt. Eine Zeit, über die sie nicht gerne spricht. Sie stammt nicht direkt aus Ogoniland, sondern aus der rund 200 Kilometer nordwestlich liegenden Stadt Warri, einer der wichtigsten Ölstädte Nigerias.

 

 

Warri ist vom Öl geprägt. Inwiefern hat sich das auf seine Bewohner ausgewirkt?
Das hat zunächst einmal viele Jobs gebracht. Aber von Beginn an gab es zwei Probleme: Die Ölförderfirmen vergaben die Stellen vornehmlich an ihre eigenen Leute. Zudem verdienten Nigerianer, wenn sie einen Job gefunden hatten, trotz gleicher Qualifikation stets weniger. Ein weiteres Problem sind die Stammesstrukturen in der nigerianischen Gesellschaft. Es gibt mehrere Stämme in Warri, die alle um die Vorherrschaft kämpfen. Alle stehen in einem ständigen Konflikt und streiten darüber, wem welche Gebiete gehören und damit auch das Öl. Warri ist daher von einer sehr angespannten, feindseligen Stimmung geprägt. Das Öl war immer Fluch und Segen zugleich.

 

Hat dich diese feindselige Stimmung gehemmt?
Am Ende des Tages hat es mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Menschen, die in Warri aufwachsen, haben eine überdurchschnittliche künstlerische Affinität. Sie sind im Vergleich zu Menschen aus Nord- oder Westnigeria sehr stürmisch, manchmal sogar aggressiv. Und unser Schutzinstinkt ist wegen des feindlichen Grundklimas sehr stark ausgeprägt. Diese Rastlosigkeit führt dazu, dass wir uns immer in Bewegung halten müssen. Das ist wohl die Triebfeder für unsere künstlerische Ader. In Warri gibt es sehr viele Künstler, Musiker oder auch Komiker. Sie sind alle auf der Suche nach Ruhm und Geld nach Lagos gegangen. Wenn du in Lagos also Künstler fragst, wo sie herkommen, werden dir viele mit »Warri« antworten. Diese Feindseligkeit, dieser Wahnsinn. Sie treiben mich dazu an, kreativ zu sein.

 

Wie hast du die politischen Probleme Nigerias in deiner Kindheit erlebt, von denen viele deiner Texte handeln?
Sehr bewusst, obwohl ich verhältnismäßig behütet aufgewachsen bin. Meine Familie war nicht reich, aber auch nicht wirklich arm. Mein Vater musste hart arbeiten, um das Schulgeld zu bezahlen. Aber ich konnte zur Schule gehen. Während Abachas Militärdiktatur [1993-1998, Anm. d. Verf.] wurde auf unsere Region sehr viel Druck ausgeübt, weil wir im Süden diejenigen mit den Ölfeldern waren. Hinzu kam die Trennung Nigerias in einen überwiegend christlichen Süden und einen überwiegend muslimischen Norden. Der Norden versuchte immer wieder, seinen Einflussbereich nach Süden auszudehnen. Es gab Zeiten, in denen wir unseren Schulweg mit erhobenen Händen zurückgelegt haben, weil Militärtrupps durch die Stadt patrouillierten und alles und jeden kontrollierten.

 

 

Das muss verstörend gewesen sein.
Nun ja, den wirklichen Wahnsinn, der in jenen Zeiten wütete, habe ich gar nicht mitbekommen. Es gibt Fotos, die das dokumentieren. Als ich die gesehen hatte, wusste ich, dass alles, was ich je gesehen hatte, im Gegensatz dazu fast lächerlich war. Ich war auch nie Zeugin einer Pipeline-Explosion. Ein großes Problem, das mit der Ölförderung einhergeht, ist die damit verbundene Umweltverschmutzung. Viele Menschen sind krank und die meisten Kinder leiden an Asthma, ich auch.

 

Die Schule hast du trotz der Widrigkeiten aber sehr ernst genommen. Du hast das nigerianische Abitur gemacht. Warum hast du Nigeria verlassen?
Das war keine Entscheidung, die ich bewusst getroffen habe. Es war auch nicht die Entscheidung meiner Eltern. Ich musste Abstand gewinnen von Afrika. Warum? Das ist eine lange Geschichte, über die ich nicht sprechen möchte. Deutschland war meine einzige Option, da ich meine Mutter hier wusste.

 

Sie ist aus Deutschland?
Genau, mein Vater ist Nigerianer, meine biologische Mutter aus Deutschland. Aber die Frau, die mich aufgezogen hat, ist auch Nigerianerin. Ich bin also Großteile meiner Kindheit und Jugend aufgewachsen, ohne einen Bezug zu Deutschland oder der westlichen Welt gehabt zu haben. Mit 16 war ich das erste Mal in Deutschland und sah damals auch meine Mutter zum ersten Mal, musste dann aber zurück nach Nigeria.

 

 

Du hast also Urlaub hier gemacht?
Urlaub? (schaut ungläubig) Nein, mein Leben ist nicht so. Ich wollte weg von Afrika. Nachdem ich das erste Mal noch zurückgeschickt wurde, erhielt ich beim zweiten Mal Asyl. Ich habe meine weiße Seite also nicht wirklich entdeckt, bevor ich mit fast 20 Jahren dauerhaft nach Deutschland kam. Nach einiger Zeit in einem Flüchtlingsheim kam ich in ein katholisches Kinderheim, in dem ich begann, die Sprache zu lernen und zur Schule zu gehen, denn meine nigerianischen Ausbildungsnachweise wurden hier nicht akzeptiert. Da ich studieren wollte, musste ich Deutsch lernen, um das Abitur nachzuholen.

 

Ich dachte, du hättest schon vorher zumindest etwas Deutsch gesprochen?
Kein Stück! Ich musste bei null beginnen. Auf der Gesamtschule, auf die ich dann ging, gab es das Fach Deutsch als Fremdsprache. Ich war dort zwei Jahre, bis ich 2002 Abitur machte – mit einem Schnitt von 2,3! Anschließend habe ich dann Anthropologie und Archäologie an der Universität Hamburg studiert und das einige Jahre später auch mit dem Magister abgeschlossen.

 

Deutsch ist nicht die einfachste Sprache.
Es war wirklich schwer. Aber ich hatte diesen unbedingten Überlebenswillen. Um mein Studium zu finanzieren, musste ich nebenbei arbeiten. Ich hatte zwei Nebenjobs: Zum einen habe ich im Grindel-UFA-Palast bis zu dessen Schließung 2008 die Toiletten geputzt. Zum anderen hatte ich die Musik. Damit habe ich so viel Geld verdient, dass ich damit mein Studium finanzieren konnte. Obwohl das mit fortschreitender Zeit immer besser funktionierte, habe ich mich immer gezwungen, weiter zu arbeiten, weil ich nie allein von der Musik abhängig sein wollte. Ich habe zwar genug, aber nie wirklich viel Geld mit der Musik verdient. Das waren anstrengende Zeiten.

 

Wie war dein erster Eindruck von Deutschland?
Ich fühlte mich einsam. Es gab niemanden: keine Familie, keine Freunde. Ich wusste, dass ich nun stark sein musste. Also warf ich meine kugelsichere Weste über und zog in den Kampf. Ich verinnerlichte eine Art »Die oder ich«-Mentalität. Ich war eigentlich ein sehr ruhiges Mädchen, aber in Deutschland wurde ich laut und aufbrausend, um mich durchzusetzen. Ich wollte Afrika zu jener Zeit komplett aus meinem Bewusstsein verdrängen, den Wahnsinn dort vergessen. Langsam gewöhnte ich mich an das mir zuvor fremde System und lernte Menschen kennen. Aber ich merkte auch: Ich bin nicht weiß. Ich hatte zuvor immer gedacht, ich hätte etwas weiße Farbe in mir, aber als Menschen hier mich als »Neger« bezeichneten, erkannte ich, dass das nicht stimmt. Diese Erkenntnis führte über die Jahre in Deutschland auch zu dem Entschluss, irgendwann wieder zu meinen Wurzeln, nach Afrika zurückzukehren. Ganz ich zu sein, das Haar wachsen zu lassen und stolz auf die Sprache zu sein, die ich spreche.

 

Hat dir diese aggressive Mentalität ­geholfen, dich hier durchzusetzen?
Ich denke schon. Ich hatte schnell viele Freunde, vorwiegend aus dem Ausland. Es gab diesen Typen aus Angola, der besser Deutsch sprach als ich. Darauf war ich neidisch und das hat mich immer wieder motiviert, mein Deutsch weiter zu verbessern. Ich bin nämlich eine sehr ehrgeizige Person. Es machte mich wahnsinnig, wenn meine Mitschüler bessere Lernfortschritte machten als ich.

 

 

Wir sprechen jetzt auf Englisch, obwohl es so schlecht nicht um dein Deutsch bestellt sein kann.
Mein Deutsch ist schon ganz gut. Aber es ist schlechter geworden, da ich seit einigen Jahren wieder in Lagos wohne und auch viel reise. Aber mit meinem Manager spreche ich manchmal Deutsch.

 

Wie hast du dein Talent für die Musik entdeckt?
Ich war nie eine Musikerin gewesen. Ich spielte kein Instrument und sang auch nicht ernsthaft. Natürlich habe in Nigeria gesungen, aber nur, wenn ich etwa den Hof fegen musste. Es war bei uns auch völlig unüblich, ein Instrument zu spielen. Ich hätte allenfalls einen Klaps bekommen und wäre in die Küche zurückgeschickt worden. Ich habe erst in Deutschland gelernt, Gitarre zu spielen. Ich brachte es mir selbst bei, bin aber immer noch weit davon entfernt, perfekt zu spielen. Aber ich hatte immer diese besondere Verbindung zur Musik. Schon in Warri habe ich Texte verfasst, in Tagebuchform. Als ich nach Deutschland kam, begann ich mit dem Singen. In meiner ersten Unterkunft gab es einige Jungs, die rappten. Das motivierte mich. Ich habe schon immer gerne mit Jungs abgehangen. Ich war immer das Jungsmädchen, zu dem die Jungs kamen, wenn sie Probleme hatten.

 

Eher der Kumpeltyp also?
Genau. Ich war nie die Schöne, sondern immer der Homie. Die Jungs motivierten mich, weil ich mich durch das Singen weiblicher fühlte. Wenn ich schon im alltäglichen Leben nicht sonderlich weiblich erschien, so fühlte ich mich durch das Singen viel attraktiver. Das habe ich damals natürlich niemandem erzählt. Wenn die Jungs also die Strophe rappten, sang ich den Refrain. Ich wollte aber immer auch auf der Rap-Ebene Anerkennung bei den Jungs finden, deshalb rappte ich. Und die Jungs behaupteten stets, sie rappten besser: »Nneka, du kannst nicht rappen, dein Flow is nicht gut, er ist zu abgehackt.« Ich bin aber der Überzeugung, dass mein Flow eigentlich besser als ihrer war! Farhot [Nnekas Produzent, Anm. d. Verf.] mochte es nie, wenn ich rappte. Ich war mir aber sicher, besser als die meisten von ihnen zu sein. Ich wollte den Jungs zeigen, dass ich rappen kann. Dieser Wettkampfgedanke hat mich immer wieder von Neuem angespornt. Man kann also sagen, dass ich aus dem HipHop komme.

 

Warst du schon in Nigeria mit HipHop in Berührung gekommen?
Ein wenig. Ein Freund hatte mir Musik von Gruppen wie The Fugees oder Nas gezeigt. Wir kannten alle Nas’ »If I Ruled The World«. Ich stand dieser Art von Musik aber sehr distanziert gegenüber. Für mich war das weltliche und damit böse Musik. Wenn ich damals Musik hörte, war es christliche Musik. Ich war früher extrem christlich. Erst als ich begann zu reisen und anderes zu sehen, merkte ich, dass diese extreme Sicht der Dinge nicht das Wahre ist. Ich habe nicht alles aufgegeben, gehe heute aber viel lockerer damit um. Wenn du meine Musik hörst, wirst du merken, dass sie auch religiöse Elemente aufweist. Ich versuche immer, mit meiner Musik eine Botschaft zu transportieren.

 

Du kamst um 2000, in den Hochzeiten des deutschen HipHop, nach Deutschland. Hat dir das geholfen?
Nein. Ich wusste zwar, dass es all diese Gruppen gab. Freundeskreis. Dynamite Deluxe. Aber ich stand ihnen nie nahe, sondern bewunderte sie aus sicherer Entfernung. Ich sah mich auch nicht als Musikerin. Ich machte das nur aus Spaß. Dann traf ich Martin [Martin Schuhmacher, Anm. d. Verf.], der bei Yo Mama als A&R arbeitete. Und der nahm mich plötzlich unter Vertrag. Ich habe das immer noch nicht ernst genommen, unterschrieb den Vertrag aber gerne, da ich durch ihn etwas Geld erhielt, das mir half, mein Studium zu finanzieren. Zudem war gewährleistet, dass mir niemand musikalisch hineinredete. Mein erstes Album hatte ich auf einer illegalen Version von Cubase produziert. Technisch war das alles sehr, sehr einfach gehalten.

 

Das hört sich alles so an, als ob dir deine musikalische Karriere ­gewissermaßen zugeflogen ist.
Stimmt schon. Ich habe nie bewusst eine Laufbahn als Musikerin einschlagen wollen. Das hat sich alles von selbst ergeben. Das war natürlich sehr komfortabel. Ich verstehe immer noch nicht ganz, warum das alles so passiert ist.

 

 

Du hast eben Farhot angesprochen. Er scheint ein wichtiger Bestandteil deines musikalischen Lebens zu sein.
Das stimmt. Ich habe ihn 2004 in Neugraben kennen gelernt, kurz bevor ich unter Vertrag genommen wurde. Kennst du Neugraben? Ganz am Ende der S31? Zu Beginn kamen wir überhaupt nicht miteinander klar. Er war schrecklich! Richtig fies. Fürchterlich. Ich machte natürlich auf hart und unnahbar, als ich ihn kennen lernte, aber eigentlich war ich nicht unhöflich. Als ich ihm das erste Mal meine Musik vorspielte, fragte er nur mit abschätzigem Blick: »Und das bist du oder was?« Wir saßen stundenlang in seinem Keller, den er sich mehr schlecht als recht zu einer Art Studio ausgebaut hatte. Es war heiß und feucht, aber denkst du, er hat mir etwas zu trinken angeboten? Die Atmosphäre war fast schon feindlich, als die Jungs mich aufforderten zu singen. Erst nach und nach entspannte sich die Stimmung.

 

Du sollst über Farhot gesagt haben, er sei die Person, die deine Botschaft und deine Gefühle am besten versteht und umzusetzen vermag. Er auf der anderen Seite sagte mir gegenüber einmal, dass du ihm geholfen hast, die Entwicklung vom Beatmaker zum Produzenten durchzumachen.
Wow! Das ist ein großes Kompliment. Wir haben eine besonders starke musikalische Verbindung, auch weil wir zusammen quasi bei null begonnen haben. Er war DJ, ich eine Musikliebhaberin, die ein bisschen sang. Wir haben uns schnell sehr gut verstanden. Der gemeinsame Werdegang, von einem kleinen, stickigen Kellerstudio ausgehend, ist wohl der Grund dafür, dass unsere Beziehung so besonders ist. Wir haben in den letzten Jahren auch mit anderen Menschen zusammengearbeitet, aber es war nie das Wahre.

 

Ich hatte dich immer als Hamburger Künstlerin wahrgenommen, die vor allem in Europa erfolgreich war. Plötzlich las ich gegen Ende 2009 auf nahright.com über dich. Was war passiert?
Ich hatte einen Vertrag mit Sony in den USA unterschrieben. Und die buchten mich für eine Minitour durch die Staaten. Ich kehrte für eine weitere kleine Clubtour zurück, um im Anschluss ab Mai 2010 mit Nas und Damian Marley durch die USA zu touren. Zwischenzeitlich spielte ich auch auf dem The Roots Picnic 2010. Das alles war sehr inspirierend, nicht zuletzt, weil ich eine Menge Menschen kennen lernte.

 

Etwas früher im Februar 2010 warst du aus heiterem Himmel in David Lettermans Talkshow zu sehen.
Ich wusste wirklich nicht, wer er war. Aber der Auftritt hat mir geholfen, weil CNN in der gesamten Welt ausgestrahlt wird. In Afrika wurde es richtig groß und Menschen ­begannen, mich zu erkennen.

 

Wie haben die Menschen in den USA auf dich reagiert? Kannte man dich schon?
Nein, ich musste buchstäblich bei null anfangen und ehrlich gesagt bin ich heute davon noch immer nicht sonderlich weit entfernt. Es ist anstrengend: kleine Auftritte, kleine Bühnen und unglaublich schlechtes Essen. Fürchterlich! Als ich im Vorprogramm von Nas und Damian Marley spielte, waren vor allem die lokalen Veranstalter wahnsinnig ignorant. Aber das machte mir dann doch nicht so viel aus, weil Nas mich persönlich ausgewählt hatte, für ihn zu eröffnen. Er muss über das Internet auf mich aufmerksam geworden sein. Gemeinsam hatten wir dann den »Heartbeat«-Remix aufgenommen, der mir unglaublich wichtig war. Ich wollte nur, dass er einmal »Nigeria« sagt. Und er hat’s getan. In Nigeria lieben wir Nas. Das Stück ist bei uns durch die Decke gegangen und wurde im Radio gespielt. Es war unglaublich, ihn persönlich kennen zu lernen. Aber dann merkte ich: Nas ist auch nur ein Mensch. Genauso erging es mir später, als ich Erykah Badu, Ziggy Marley, Jay Electronica oder Lauryn Hill traf.

 

Wie hast du Jay Electronica erlebt?
Jay ist großartig, ich mag ihn sehr. Wir haben einige Konzerte zusammen gespielt. In seiner Gegenwart fühlst du diese mysteriöse Energie. Ich kam mir immer wahnsinnig einfältig vor, wenn wir gemeinsam Zeit verbrachten. Er ist so unglaublich belesen! Wir stehen immer noch in Kontakt. Erst später habe ich das mit ihm und Erykah [Badu, Anm. d. Verf.] herausbekommen. Als ich Erykah zum ersten Mal traf, kam sie auf mich zu und meinte, sie kenne mich. Ich hätte doch mit ihrem Ehemann ein Stück aufgenommen. »Ehemann? Oh, okay, kein Problem«, sagte ich nur.

 

Hast du nie darüber nachgedacht, diese Künstler um ein Feature für »Soul Is Heavy« zu bitten?
Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber es hat zeitlich nicht hingehauen. Vor allem Nas hätte ich gerne auf dem Album gehabt. Ich hatte »Sleep« für ihn reserviert, aber dann habe ich den Track mit Ms. Dynamite aufgenommen. Ich habe auch ein Stück mit Ziggy Marley aufgenommen, aber nicht für das Album.

 

Zeichnet Farhot wieder für die ­Produktion verantwortlich?
Nein, dieses Mal nicht wirklich. Er hat vier oder fünf Stücke gemacht, den Rest habe ich komponiert und mit Hilfe von The Slag produziert, einem Österreicher. Ich brauchte jemanden, der viele Instrumente spielt. Farhot ist super, aber er spielt neben dem Klavier nicht so viele Instrumente. Mit ihm habe ich aber drei Wochen in meinem Heimstudio in Lagos aufgenommen, obwohl er schon eine Diva ist. Er wollte nur im Hotel schlafen und hat sich darüber beschwert, dass es kein fließend Wasser in der Wohnung gab. Aber es hat sich definitiv gelohnt. Wir haben sehr gut zusammengearbeitet und vieles mit lokalen Musikern eingespielt.

 

Du hast gerade die kleinen Beschwerlichkeiten des Alltags angesprochen. Wirst du für immer in Lagos bleiben?
Keine Ahnung. Zur Zeit ist Nigeria der Ort, an dem ich lebe, und das ist in Ordnung. Es ist natürlich ermüdend, wenn mal wieder der Strom ausfällt, du den Generator anschmeißen möchtest und das Benzin für diesen vergessen hast. Wir leben mit diesen Herausforderungen, aber ich fühle mich dort wohl. Vielleicht werde ich irgendwann woanders hingehen, um meine Kinder großzuziehen. Wer weiß das schon?

 

Text: Johannes Desta