»Ich hab im Park geschlafen.« // Jay Electronica im Interview

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Im wahren Leben mit der erbarmungslosen Härte der Realität konfrontiert, war es die virtuelle Welt, die Jay Electronica einen beispiellosen Aufstieg ermöglichte. Sein ­»Exhibit C«hätte nämlich zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können: 2009 war von den meisten schon als okayes, nicht weiter auffälliges Rap-Jahr abgehakt worden, da kam Jay mit diesem von Just Blaze produzierten Brett um die Ecke. Der Track mutierte innerhalb kürzester Zeit zu einem heimlichen Hit für alle, die diese Musik immer noch lieben, nur leider oft vom Gefühl der Fremdscham eingeholt werden, wenn ein Schreihals im Radio die nächsten Übernahmefantasien eines x-beliebigen Hochstaplers ankündigt oder ein weiterer Einfaltspinsel auf die scheußliche Idee kommt, noch einen Eurodance-Hit mit Kindergarten-Reimen zu veredeln. »Exhibit C« war Fluchtpunkt und Hoffnungsschimmer nicht nur für BoomBap-Traditionalisten, sondern auch für die ermüdete Generation Trap und alle, die HipHop als intelligente, poetische Kunstform längst abgeschrieben hatten. Und Jay Electronica war plötzlich so etwas wie ihr Retter.

Aufgewachsen in den trostlosen ­Mag­nolia Projects von New Orleans fand Je’Ri Allah bereits in jungen ­Jahren Zuflucht in der HipHop-Kultur. Laut ­eigener Aussage hat er in seiner Jugend außer Musik und Kirche keine Bildung genossen. Die Mutter stammte aus ­armen Verhältnissen, ermöglichte ihm den Besuch einer privaten Schule, die allerdings nicht einmal den Standard der öffentlichen Lehranstalten im Rest des Landes erfüllte. Nach einem tragischen Todesfall im Bekanntenkreis verließ er als junger Erwachsener die Stadt. ­Heimat- und mittellos fiel er in das ­Raster des desorientierten Jugendlichen, der in den vermeintlich sicheren Hafen der umstrittenen Nation Of Islam findet. Die separatistischen, afrozentrischen Inhalte der Five-Percent-Nation finden sich auch heute noch in Jay ­Electronicas Texten wieder, allerdings vertritt er in vielen Fragen weitaus ­offenere ­Standpunkte als die reine Lehre, die Louis Farrakhan propagiert.

Seine Karriere begann vergleichsweise spät. Über Jahre hat er immer wieder Tracks aufgenommen und im Internet hochgeladen. Der Clou: Kurz bevor der Hype um seine Person richtig aufzukochen drohte, nahm er seine MySpace-Seite vom Netz, verweigerte Interviews, streute abstruse Gerüchte über seinen Charakter. Die Reaktionen waren an kindlicher Aufgeregtheit kaum zu überbieten: Alles schrie nach einer Geschichte und einem Held. Mos Def, ?uestlove, P. Diddy und Nas waren von seinem Auftreten gleichermaßen fasziniert. Angesichts seiner mysteriösen Aura und den spirituellen Texten erschien nichts logischer, als gleich noch schnell eine Kleinfamilie mit Erykah Badu zu gründen. Und nach dem großartigen Output der charismatischen und einflussreichen Sängerin zu urteilen, scheint die Beziehung eine positive Symbiose zu ergeben. Möglicherweise braucht man bei ihm keine Angst zu haben, dass er eines Tages Häkel­mützen sammelt und tanzend durch Wälder rennt wie seine Vorgänger. Denn dieser Kerl war schon vor seiner Liaison mit der Badu schwer durchgeknallt und hatte genug Energie, um von einer extremen Lebenssituation zur nächsten zu gelangen. Dabei hat er allerdings nie sein eigentliches Ziel aus den Augen verloren: Rap zu studieren und selbst einer der Großen zu werden. Doch scheint er selbst noch nicht ganz zu ­realisieren, was um ihn herum passiert.

Wenn man etwas über dich liest, dann erfährt man schnell, dass du sehr viel gereist bist.
Das liegt in meiner Natur. Ich wusste schon immer, dass ich mein Zuhause verlassen werde. Der ausschlaggebende Punkt war neben der Musik, dass einer meiner besten Freunde umgebracht wurde und ich es zu Hause einfach nicht mehr aushielt. Ich wollte unbedingt Musik machen und fühlte mich von New York angezogen. Dort musste ich hin. Die anderen ­Stationen lagen einfach auf meinem Weg. Mit dem Bus reichte es nur bis nach ­Atlanta. Also blieb ich dort erst mal ein Jahr. Ich habe mich selbst gesucht und auf dem Weg versucht, mich professionell um die Musik zu kümmern.

Wie in einem Roadmovie oder einem Kerouac-Roman.
Ja, ein wenig. Ich hab vor einem Jahr den “Alchimist” von Paulo Coelho gelesen, meine Schwester hat mir das Buch geschenkt. Als ich es las, kam mir die Geschichte sehr bekannt vor. Nicht die Begebenheiten oder die Umstände, aber die Gründe, aus denen er sein Zuhause verlassen hat. Ich war nicht ganz so jung wie er, sondern immerhin 19 Jahre alt. Darüber habe ich mir nie ­sonderlich Gedanken gemacht, erst jetzt, wo mich Leute danach fragen.

Wieso unbedingt New York?
Ich hatte damals nichts anderes im Kopf als zu rappen. Alle Labels waren in New York. Ich dachte, dass dort der richtige Platz für einen Rapper wäre. In meiner Vorstellung war New York eine Stadt, in der jeder rappend durch die Gegend läuft.

Bist du einfach ohne Plan drauflos gefahren?
Ja. In Atlanta war ich die ersten drei Monate obdachlos. Ich hing in Barbershops rum und war ständig am Reimen und Texten. Ich hatte den ganzen Rucksack voll mit Notizblöcken. Alle kannten mich als den verrückten, ­reimenden Typen aus New Orleans. Jedes Mal kam eins zum anderen und ich lernte neue Leute kennen. Zur Spring-Break-Zeit traf ich ein paar Five Percenter und freundete mich mit ­ihnen an. Ich hatte einfach Glück.

Was bedeutet »obdachlos« in ­deinem Fall konkret?
Ich hab im Park geschlafen. Eines ­Tages ging ich zum Jefferson-Obdachlosenheim und blieb dort. Zu der Zeit hatte ich einen Job in der Küche vom Morris Brown College. In der Unterkunft gab es eine Sperrstunde. Wenn du später kamst, wurdest du nicht mehr hineingelassen. Die Arbeitszeiten passten nicht zu denen der Sperrstunde, also habe ich nachts auf der Straße geschlafen. Durch den Job in der Cafeteria habe ich einige Studenten kennen gelernt, die mich ab und an duschen ließen oder bei denen ich kurz chillen konnte. Eine harte Zeit. In einer weiteren Unterkunft lernte ich jemanden aus der Bronx kennen, der auch Musik machte. Mit dem hing ich dann auf der Straße rum und irgendwann kamen wir zu dem Entschluss, dass wir an Geld kommen müssen. Wir hatten nichts mehr zu verlieren. Wir haben echt schlimme Dinge getan, aber in dem Moment gab es für uns keine Alternative. Wenn du nichts zu essen hast, blendest du alles andere aus.

Gab es schon Möglichkeiten, mit Musik Geld zu verdienen?
Nein, nie. Erst jetzt fängt es langsam an, dass ich mit dem Rappen meinen ­Lebensunterhalt verdiene.

Nach Atlanta ging es dann nach Chicago?
Dort lebte ich für ein weiteres Jahr. In Chicago bin ich auch der Nation Of ­Islam beigetreten. In Atlanta hab ich die Five Percenter kennen gelernt und mich für das Thema interessiert. Chicago ist das Hauptzentrum der Nation Of Islam. Ich dachte, dass ich dort am meisten über die Lehren erfahren könnte. Deswegen zog es mich dort hin und ich führte auch ein recht normales Leben.

Dann bezieht sich die Line in ­»Exhibit C« auf Atlanta?
Genau. (rappt) »Then the Five Percenters rolled up on a nigga and informed him.« In Atlanta hatte ich absolut gar nichts. Mein Kumpel und ich lebten auf der Straße und wollten das unbedingt ändern. Das war 1996, wir hatten die olympischen Spiele in der Stadt. Also sind wir zu den Austragungsorten gegangen und haben die Touristen abgezogen. Ich weiß, dass es schlimm ist. In New Orleans war ich kein Gangster oder so etwas. Ich war nie in großartige Verbrechen involviert, sondern hab immer normal gearbeitet. Von Zeit zu Zeit hat man ein wenig Weed vertickt, um sich Schuhe zu kaufen, aber so etwas war sehr selten. In Atlanta hab ich zum ersten Mal richtig gegen das Gesetz verstoßen. Es ging uns extrem schlecht, und wir haben versucht, normale Jobs anzunehmen, was jedoch scheiterte. Wir waren auch noch jung und sind in die Parkhäuser gegangen, haben den Leuten das Geld geraubt, Kameras gestohlen und so. Dann haben wir uns auch noch extrem dumm angestellt. Wir sind zum Hotel, haben die Leute beklaut, ab zum Hehler, haben die Ware verkauft und sind dann sofort zum gleichen Spot zurück, um noch ein paar Leute mehr abzuziehen. (lacht) Wir wollten keine Gangster sein, sondern ein Apartment haben und brauchten genug Kohle für die Kaution und ein paar Monatsmieten im Voraus. Schließlich hatten wir unsere erste Wohnung in der Gabby Road. Wir ­gingen zum Spring Break und haben vorher mit dem restlichen Geld zwei Pfund Gras gekauft. Da hatten wir die Bude gerade mal seit zwei Tagen. Das Weed haben wir komplett in Nickel Bags aufgeteilt und wollten das Gras verkaufen, um erstmal Geld für die nächste Zeit zu haben. Man braucht Rücklagen. Auf der Straße hast du keine Zeit, Zukunftspläne zu schmieden, weil du permanent daran denkst, wie du Essen, Trinken oder einen Schlafplatz auftreiben kannst. Auf dem Weg zum Spring Break sah ich mehrere Leute in einem Kreis stehen. Ich konnte nicht erkennen, was sie taten. Möglicherweise stritten sie sich oder jemand kämpfte. Ich war ja weiterhin sehr ins Texten vertieft, dachte natürlich, dass sie vielleicht rappen würden und ging hin um nachzuschauen. Sie unterhielten sich über die Situation unserer Leute und ich hörte zu. Es war nicht so, dass ich dort zum ersten Mal mit der Nation Of Islam in Kontakt kam. Aber der Abend erwischte mich und ich wollte mehr über die Sache lernen.

 

Dann bist du nach Chicago und hast in der Zentrale gearbeitet?
Ja. Ich verbrachte dort die meiste Zeit, hatte aber auch ein ganz normales Leben neben der Nation. Ich hatte zwar eine Anlaufstation, musste allerdings wieder neue Leute kennen lernen. ­Peter, ein Freund aus New Orleans, nahm mich bei sich auf. Zusammen haben wir gejobbt und waren abends bei Open Mic-Sessions. Musik war weiterhin die treibende Kraft.

Du beziehst dich sehr oft auf die HipHop-Geschichte und zitierst ­alles und jeden. Was hast du ­damals alles gehört?
Alles, was gut war. Durch die Five Percenter-Sache natürlich viel Brand Nubian, Rakim, Shabazz The Disciple. Aber ich bin auch extremer Rap-Fan und habe deswegen natürlich Biggie und vor allem Nas gehört. Man kann sich heute nicht wirklich vorstellen, was er in den Leuten entfacht hat, als sein erstes Album »Illmatic« rauskam. Das war und ist bis jetzt das Krasseste. Es war eine gute Zeit für HipHop. Vor den Plattenläden gab es ewig lange Warteschlangen, das Radio spielte gute Sachen.

Das spirituelle und religiöse Element taucht in deinen Texten immer wieder auf. Nun ist es ja so, dass die Nation Of Islam recht strenge Regeln und Auffassungen hat. Wie stehst du dem heute gegenüber?
Ich hab meine Lehren aus der Zeit gezogen, aber führe nun mein eigenes Leben und versuche die Dinge so zu tun, wie ich sie für richtig halte. Die Nation Of Islam und die Five Percenters waren und sind sehr wichtig für mich, aber ich bin mein eigener Herr.

Ich frage nur, weil du gestern auf der Bühne Sexwitze gerissen, Weed geraucht und Whiskey aus der Flasche getrunken hast.
Ja, ich mache gerne Party. Früher habe ich auch sehr strikt nach den Regeln gelebt. Das war genau mein Ding. Aber heute halte ich nicht mehr viel von Kategorien und Bezeichnungen. Ich bin gläubiger Moslem, ja, aber ich muss deswegen nicht fünfmal am Tag beten, mir einen Bart wachsen lassen und ein verklemmtes Verhältnis gegen­über Frauen haben. Ich versuche ein guter Mensch zu sein und Positives zu tun. Ich habe viel über die Weltreligionen gelesen, und wenn mich jemand fragt, ob ich Christ, Moslem oder Jude bin, dann antworte ich einfach: »Ja, bin ich!« Das Gleiche gilt für Hautfarben. Das schwarze Bewusstsein und der Kampf gegen die weiße Vorherrschaft sind weiterhin sehr wichtig. Aber ich habe mich von dem Gedanken verabschiedet, dass es nur ein »Wir« und ein »Ihr« gibt, verstehst du? Ich fühle mich weiterhin unter schwarzen Menschen am… (überlegt) Das ist jetzt schwer, ich würde nicht am wohlsten oder freisten sagen, weil das irgendwie rassistisch klingt, aber ich mache mir dann einfach am wenigsten Sorgen darüber, wie ich gerade wirke. Ich fühle mich nicht be­obachtet, weißt du? Deswegen fühle ich mich auch in London, Paris, Amsterdam und Berlin so wohl, weil es hier eine schwarze Community gibt und die Menschen allgemein in vielen Dingen gelassener sind als in den Staaten. Ich möchte in Zukunft auch mal ein paar Monate am Stück in Europa verbringen.

Kam diese Erkenntnis auch durch das Reisen?
Ja. Es gibt an jedem Ort ähnliche Probleme und die gleichen Muster. Aber die Menschen sind unterschiedlich, dieses strikte Regelwerk kann man nicht auf alles und jeden ableiten. In Europa interessiert mich vor allem Spanien und England, Berlin gefällt mir auch. Auf meiner Liste stehen noch viele Orte. Zuerst kommt ein ausgiebiger Südamerika­aufenthalt und eine Afrikareise mit Mos Def. Dann wollte ich wieder nach Asien.

War Chicago dann auch die ­Verbindung nach Detroit?
Musikalisch nicht. In Atlanta bin ich ein wenig in die Musikszene eingetaucht und kannte ein paar Produzenten wie Dallas Austin und Leute aus der Studio-Posse von TLC. Du musst bedenken, dass die meisten Menschen in meinem Umfeld in Chicago aus der Nation Of Islam waren. Ich war im Headquarter, hatte einiges an Verantwortung und musste mich auch so verhalten. Wir waren auf vielen Sessions unterwegs und wenn ich jemanden aus dem Musikbereich kennen lernte, dann meist über jemanden aus der Nation Of Islam.

Wie ging es weiter?
Ich hab Johnnie Audible schon in Atlanta getroffen, er kommt aus Detroit. Er hatte mir damals erzählt, dass er eines Tages ein Studio aufbauen würde. In Chicago hatte ich allerdings so viele andere Dinge im Kopf, dass ich Detroit fast vergessen habe. Mike »Chav« Chavarria stellte mir Dilla vor. Wir haben auch ein Demo aufgenommen, was eigentlich wie ein Album war, über 80 Prozent der Musik war von Dilla produziert. Wir haben in New York versucht, ein Label für die Platte zu finden, leider hat das nicht geklappt. Ich kannte Dilla eigentlich schon über Johnnie, Mike hat das mit der Beat-CD geklärt. Ich war auch öfter bei ihm zu Hause, habe mir Musik angehört und gechillt. Alles war vernetzt, Johnnie und seine Jungs haben Dillas Studio gebaut. Wenn du in Detroit bist und irgend etwas mit Musik zu tun hast, dann hat Johnnie seine Finger im Spiel. Er ist so etwas wie die musikalische Schlüsselfigur Detroits. Ich hatte also wieder mal Glück, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Du sagtest, dass Dillas letzte Schaffensphase nicht bedeutungsvoller sein könnte.
Wir chillen gerade in diesem Hotelzimmer. Stell dir vor, ich mache den Fernseher an und in den Nachrichten wird durchgesagt, dass ein Meteor auf der Erde einschlägt. Wir schauen aus dem Fenster und sehen schon, wie dieser Haufen auf uns zufliegt. Es ist sicher, dass 99 Prozent der Menschen sofort sterben. Was ist das Letzte, was du tust? Das Notebook anmachen, Scheiß-Logic aufrufen und Beats machen? Das verrät einiges über ihn als Mensch. Ich würde keinen Reim mehr schreiben. Da braucht es schon einiges, um zu sagen: Bring mir meine MPC und meine Platten ins Krankenhaus. Das ist eine richtig harte Ansage in dieser Situation. Und nicht nur das, sondern dann kommt auch noch so etwas wie »Donuts« raus. Was für eine Wahnsinnsgeschichte. Sein Testament. Er stirbt und dabei macht er Musik. »Das hinterlasse ich euch für immer«, so etwas muss er gedacht haben. Ich habe alles, was er vorher produziert hatte, noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive gehört. Wenn du einem Atheisten um drei Uhr nachts am Bahnhof eine Flasche über den Kopf haust, eine Knarre in den Mund steckst, den Hahn spannst und sein Geld forderst, dann wird er sicher schreien: »Oh mein Gott, bitte nicht!« Wenn man dem Tod ins Auge blickt und extremen Situationen ausgesetzt wird, dann sieht man, was in einem steckt und wohin man flieht. Dilla floh in die Musik.

Du hast dich früher für deinen New Orleans-Akzent geschämt und versucht, ihn zu kaschieren.
Meinen Akzent werde ich nie loswerden. Wenn ich in New Orleans bin, kommt er ganz schnell zum Vorschein. Was den Flow, die Patterns und den Reimstil angeht, habe ich das schon immer so gemacht wie heute. Als Kind wollte ich in allem, was mich interessiert, immer der Beste sein. Ich habe mir sehr viele Gedanken über Reimstruktur und die Wortwahl gemacht. Als ich New Orleans verließ, wurde mir bewusst, dass viele sich an meinem Akzent störten. Zu der Zeit wurden wir sehr belächelt und niemand nahm uns ernst, schon gar nicht in der Musikszene. New York und L.A. haben regiert, New Orleans hatte selbst für den Süden eine Außenseiterrolle. No Limit und Cash Money waren lokale Phänomene. Es gab zwar auch bei uns richtige Rapper wie Tim Smooth, die keine Bounce Music gemacht haben, aber das waren ganz wenige. Auf den Open Mic-Sessions haben sie mich immer als den Trottel aus New Orleans abgestempelt. Also fing ich an, die Worte ganz genau auszusprechen und deutlich zu reden. Ich habe daran gearbeitet, die Betonungen richtig zu setzen und jede Silbe mitzunehmen. Mit der Zeit konnte niemand mehr feststellen, woher ich komme. Ein Staatenloser. Das gefiel mir. Niemand wusste, woher ich komme. Und wenn ich den Leuten nach meinem Text erzählt habe, wo ich aufgewachsen bin, hat es sie gleich noch mal umgehauen.

Die Zusammenarbeit mit Nas für »Queens Get The Money« kam dann über Erykah zustande?
Als ich Nas kennen lernte, nahm sie gerade ihr Album auf. Er arbeitete im Nachbarstudio an »Untitled«, »Act 1« hatte ich ein paar Wochen vorher ins Netz gestellt und wollte ihm ein paar Songs von mir zeigen. Auf der CD waren »My World«, »A Prayer For Michael Vick & T.I.« und »Act 1«. Ich gab ihm die CD. Am gleichen Abend rief er Erykah an, sie gab mir den Hörer und er lud mich ins Studio ein. Am nächsten Tag trafen wir uns und haben bis acht Uhr morgens geredet. Erykah, DJ Toomp und Kelis waren dabei. Am darauf folgenden Tag waren es nur noch Nas und ich. Wir haben auch nur über Gott und die Welt gesprochen. Dann war Thanksgiving, und ich flog nach New Orleans. Abends rief Nas mich an und meinte, dass ich meinen faulen Arsch nach New York bewegen soll, um ins Studio zu kommen. (lacht) Also bin ich wieder ins Flugzeug gestiegen. Und von da an gab es nur noch Musik. Wir haben an sehr vielen Tracks zusammen gearbeitet, nicht nur an »Queens Get The Money«.

Arbeitet ihr an konkreten Projekten?
Wir sind im Laufe der Zeit sehr gute Freunde geworden und verstehen uns musikalisch fast blind. Nas und ich telefonieren ständig und zeigen uns die neusten Lines, sprechen über Reim­patterns. Wie kleine Jungs, die sich gegenseitig anspornen. Er ist ein unfassbares Arbeitstier. Wie ein Eichhörnchen sammelt er Texte, Lines und Ideen. Es gibt Phasen, da hört man kaum was von ihm, aber wenn es so ist, kannst du dir sicher sein, dass er an etwas arbeitet. Es wird ein Album von uns beiden geben, so viel kann ich dir sagen. Ein richtiges Album von Nas und Jay Electronica. Aber wann, das kann ich nicht vorhersagen.

Du hast dich bis jetzt immer sehr rar gemacht und die Öffentlichkeit gescheut. Mit »Exhibit C« bekamst du noch mal richtig Aufmerksamkeit. Wie gehst du damit um?
Das kam einfach aus heiterem Himmel. So etwas kann man nicht planen. Der Track war nur einer von vielen, und ich habe ihn seit der Aufnahme nicht mehr gehört. Monate später hat ihn Tony Touch in seiner Radioshow gespielt und die Leute sind durchgedreht. Er wurde sofort gerippt und uns wurde die Bude eingerannt. Es war sehr krass, die Entwicklung zu beobachten. Der Song ist uns nie wirklich aufgefallen. Ich kann es nicht oft genug sagen: Jemand meint es gut mit mir. Auch wenn es mir oft sehr schlecht ging, so passieren mir ständig wunderbare Dinge.

Wie steht es um das Album mit Mos Def und Curren$y als Center Edge Territory?
Das sind meine Brüder. Aber eigentlich musst du die Frage eher Mos stellen, da das Ganze seine Idee war. Wir drei sind so etwas wie die Schirmherren des Projekts, doch andere Künstler werden auch einbezogen. Dieses Jahr wird es jedenfalls noch ein richtiges Soloalbum von mir geben. Vorher will ich allerdings noch »Act 2: Patents Of Nobility« herausbringen, um dem Konzept treu zu bleiben. Vielleicht machen wir es auch wie Radiohead und die Fans können entscheiden, was sie für mein Album bezahlen wollen.

Text: Ndilyo Nimindé

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