Kings of HipHop: Nas // Features

Nas

Es gibt nur eine Handvoll MCs, die die Kunstform des MCings nachhaltig verändert haben, sei es durch entscheidende Neuerungen in Technik, Flow oder Metaphorik. Nasir bin Olu Dara Jones ist einer von ihnen. Der heute 38-Jährige verband die intellektuelle Straßenpoesie seiner New Yorker Vorbilder mit einem unnachahmlichen, unvorhersehbaren Reimfluss und wurde nach dem Tod von Biggie und Tupac zum zweitrelevantesten Rapper der Welt. Sein Einfluss ist ungebrochen, sein Status (beinahe) unbezweifelt. Ein kritischer Lobgesang.

»Nas hat eine alte Seele.« Besser als Faith Newman, die A&R-Managerin, die Nas 1992 bei Columbia/Sony unter Vertrag nahm, kann man seinen Charakter kaum umschreiben. Was sie damit meint, zeigt der Hype-Williams-Film »Belly« von 1998. In einer Szene trifft Nas‘ Filmfigur Sincere, ein melancholisch veranlagter Kleingangster, in der Hood auf einen zwölfjährigen Jungen und setzt sich zu ihm auf die Parkbank vor den Hochhäusern. Als dieser ihm stolz seine Waffe zeigt und einen Blunt anzündet, hält Sincere eine motivierende Ansprache. »It’s a war out here, mad niggas is dying. (…) Just make sure you rise above all this madness. Mind elevation, man.«

Nas spielt sich in dieser Szene selbst. Aber er spricht in diesem Moment auch mit sich selbst. Wobei Nas zu keinem Zeitpunkt seines Lebens so naiv war wie Shorty in »Belly«. Die alte Seele war ihm angeboren. »Watching niggas get rich beside me, pushin‘ a 5 B while me/up in the passenger seat, but I see me as Haile Selassie in my kingdom/sippin‘ Asti Spumante, dripped in, reality kicks in.« Wie oft trifft man bitte einen 17-Jährigen aus dem Ghetto, der solche Bomben in seinen Texten fallen lässt? Nas‘ Reime eröffneten uns eine bis dahin ungekannte Bilderwelt zwischen abgeklärter Straßenweisheit und religiöser Metaphorik. Gleichzeitig erzählte er das kathartische Märchen von Aufstieg, Ruhm und Fall des Gangsters so bildhaft wie kein anderer MC vor ihm.

Zum Zeitpunkt, als Nas die zitierten Zeilen schrieb, rappte er bereits seit acht Jahren. Nas war ein Kind der Hood, Sohn eines mittelmäßig erfolgreichen Jazz-Musikers und einer Postbeamtin, die ihre beiden Kinder alleine groAYzog, seit sie ihren untreuen Ehemann 1985 verlassen hatte. Die Familie lebte in den Queensbridge Housing Projects, dem größten Sozialbau der Vereinigten Staaten. Nasir und sein Bruder Jabari, genannt Jungle, lebten für HipHop. Sie studierten die Reime von Run-D.M.C. und lungerten auf den Park-Jams herum, zu denen die B-Boys mit ihren High Top Fades und Cazal-Brillen erschienen, aber auch die Zuhälter in den teuren Pelzen und die Crackdealer von der Straßenecke. Nachts, wenn draußen Schüsse fielen und Revierkriege tobten, schrieb der junge Nasir in seinem Kinderzimmer Reime. Er nannte sich Kid Wave.

Wenn man Verwandte und Freunde fragt, so sagen sie stets dasselbe: Nas war ein fröhliches, stilles Kind mit enger Bindung zur Mutter und wurde nach der Trennung der Eltern zu einem ernsten, stillen Jugendlichen. Zwar hatte er viele Freunde in der Nachbarschaft, jedoch verbrachte er auch viel Zeit alleine auf seinem Zimmer. Ab seinem neunten Lebensjahr schrieb er Geschichten, später verschlang er von Nachschlagewerken bis hin zu Gesetzbüchern alles, was gedruckt zwischen zwei Buchdeckel passte. Wenn man an Nas denkt, dann ist das am häufigsten bemühte Bild das des Straßenreporters, der die kaputte Welt aus seinem »Project Window« beobachtet. Nas ist ein romantischer Melancholiker, ein begnadeter Dichter in der Tradition von F. Scott Fitzgerald oder Langston Hughes. Die mysteriöse Aura, die ihn schon damals umgab, beruht auf den Dingen, die er in Queensbridge erlebt, gesehen und gelesen hat.

 

 

»Nasty Nas is a rebel to America.«

Nas verließ die High School mit 14 Jahren ohne Abschluss. Von da an hing er im Park herum, rauchte Blunts, trank Starkbier aus Literflaschen und baute generell jede Menge Mist. Zu Hause im Schlafzimmer schrieb er weiterhin Texte, doch seine erste Rap-Crew, die Devastatin‘ Seven, zerbrach bald. Er wusste um sein Talent, aber die Straße schien ihn magisch anzuziehen. Immer häufiger zog er mit Jungs aus seiner Nachbarschaft los, um sich das notwendige Geld illegal zu verdienen. An der Ecke 40th Ave und Vernon Boulevard, nahe des Queensbridge Parks, verkaufte er Crack. Nas traute sich noch nicht, an seinen Traum von der Rap-Karriere zu glauben. Ein junger, Brille tragender Producer namens Large Professor war der Erste, der das übermaßige Talent des stets finster dreinblickenden Burschen erkannte.

Nas war 16 und Large Professor 17 Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal auf den Stufen der John Bowne High School in Flushing trafen. Noch in derselben Nacht fuhren sie mit einem Taxi zu einem Aufnahmestudio in Brooklyn und nahmen Nas‘ ersten Song »Lyrically Ill« auf. Diese Nacht legte das Fundament für eine Freundschaft, die bis heute andauert. Xtra P., wie sich der Produzent auch nannte, machte seinen neuen Kumpel mit lokalen Legenden wie Kool G. Rap und Marley Marl bekannt. Damals arbeitete er als Praktikant im Powerplay-Studio in Queens, wo die Ultramagnetic MC’s, Organized Konfusion oder Eric B. & Rakim regelmäßig aufnahmen. Zu jener Zeit war dort gerade deren drittes Album »Let The Rhythm Hit‘ Em« in der Mache. In den Studiopausen, wenn Rakim mal wieder nicht auftauchte, ließ Large Professor den jungen MC ans Mikrofon, um Demos aufzunehmen.
Large Professor war auch gerade dabei, das erste Album mit seiner eigenen Band Main Source aufzunehmen, die er mit den kanadischen DJs K-Cut und Sir Scratch gegründet hatte. Für ihr erstes Album »Breaking Atoms« nahmen sie einen Posse-Cut auf: Auf »Live At The Barbeque« rappten neben Large Professor noch Nas, Akinyele und ein gewisser Joe Fatal, der vorher als DJ für Tragedy gearbeitet hatte. Die eigentliche Sensation war aber dieser 18-jährige, unbekannte MC, der den Track so furios eröffnete: »When I was 12/I went to hell for snuffing Jesus.« Schneller konnte man dem Rest die Schau nicht stehlen. Die HipHop-Welt hörte für eine Sekunde auf sich zu drehen. Doch bevor Nas seinen Siegeszug fortsetzen konnte, musste er einige Lebensprüfungen bestehen.

Am 23. Mai 1992 wurde sein bester Freund, Nachbar und damaliger DJ Ill Will erschossen. Will, der ein Stockwerk über Nas wohnte, fiel einem dämlichen Streit zum Opfer, der wegen eines Mädchens auf der Straße entbrannte. Die Freunde des Mädchens schossen Will dreimal in den Rücken. Nas‘ Bruder Jungle war dabei und bekam eine Kugel ins Bein ab. Nas hörte die Schüsse durchs Fenster und stürmte auf die Straße. Die Brüder brachten Will noch mit einem Taxi ins Krankenhaus, doch eine Viertelstunde später erlag er seinen Wunden. Ein anderer Freund aus der Gegend, der sich L.E.S. nannte, übernahm die freigewordene Stelle als DJ. Doch in Nas‘ Herz klaffte eine Wunde. »The cypher is incomplete now«, sagte er damals in einem Interview für »Rap Pages«. Freunde und Verwandte berichten, dass Nas noch stiller und verschlossener wurde als zuvor.

Der junge MC wollte die Straße hinter sich lassen, doch die Karriere ging nicht so schnell voran wie erhofft. Sein Buzz hatte in der Szene beachtliche Ausmaße angenommen, doch die Plattenindustrie wollte nicht anbeißen. Zunächst wollte Kool G. Rap ihm einen Deal bei Cold Chillin‘ besorgen, doch der Vertrag, den Labelboss »Fly Ty« Williams ihm anbot, war so mies, dass er passen musste. Andere A&Rs wie Clark Kent und Russell Simmons wollten Nas gar nicht erst treffen. Auch Bobbito Garcia, damaliger A&R bei Def Jam, schickte Nas zunächst weg, auch wenn er ihm kurz darauf in seiner Radioshow eine zweite Chance gab. Anfang 1992 bat MC Serch von 3rd Bass das mysteriöse Talent um ein Feature für seinen Track »Back To The Grill«, eine Fortsetzung von »Live At The BBQ«. Als Serch wissen wollte, bei welchem Label Nas eigentlich unter Vertrag stehe, entgegnete der, niemand wolle ihn signen. Serch konnte seinen Ohren kaum glauben.

 

Time is illmatic

Seit »Live At The BBQ« hatte zumindest die HipHop-Szene dieses Wunderkind aus den Y-förmigen Sozialblocks unterhalb der Queensbridge auf dem Schirm. Serch war überzeugt, dass man ihn nur mit den richtigen Leuten in der Industrie zusammenbringen musste. Er übernahm Nas‘ Management und zeigte dessen Demotape seiner Freundin Faith Newman, einer A&R-Managerin bei Columbia Records, die mit Cypress Hill und The Fugees zwei weitere glühende Eisen im Feuer hatten. Es stellte sich heraus, dass Faith bereits seit Monaten vergeblich nach Nas suchte, weil sie seinen »BBQ«-Verse feierte. Sie ließ Serch nicht ohne Vertrag aus ihrem Büro, der erste Vorschuss betrug 17.000 Dollar. Die von Large Professor produzierte Single »Halftime« erschien im Sommer ’92 auf dem Soundtrack des Rassismus-Dramas »Zebrahead«. Der Film floppte, doch die ganze Stadt sprach nur noch von diesem mysteriösen, megatalentierten MC aus Queens.

Nas wollte eigentlich, dass Large Professor der Executive Producer seines Debütalbums wird, doch Xtra P. war zu beschäftigt damit, sich mit seinen beiden DJs wegen Geld zu streiten. Deren Mama hatte das Management von Main Source übernommen und angeblich fleißig in die eigene Familienkasse gewirtschaftet. Kurzum: Er hatte eigene Sorgen. Und so wurde MC Serch der Executive Producer von »Illmatic«. »Trotzdem war Paul immer dabei«, erinnerte sich Nas später einmal. »Er musste Serch oft anschreien und ihm sogar ein paarmal beinahe aufs Maul hauen.«

Large Professor steuerte drei Beats zu »Illmatic« selbst bei, den Rest besorgte er von den heißesten Produzenten der Stunde: DJ Premier, Pete Rock, Q-Tip. Etwa 65 bis 70 Beats wurden in die engere Auswahl genommen, aus denen schließlich die zehn Songs von »Illmatic« entstanden. Zwischen den Producern entstand dadurch ein freundschaftlicher Wettbewerb. Am Ende dieser Prozedur standen zehn Songs, die in einfach allem perfekt schienen, von den kunstvoll gechoppten Samples über die realistischen Alltagsschilderungen bis hin zum Spannungsbogen im Sequencing. Aus heutiger Sicht gilt »Illmatic« als Blaupause des modernen Rap-Albums.

Die Inspiration für die Songs auf »Illmatic« stammte aus Nas‘ Leben. Das Songkonzept für »One Love« (ein fiktiver Briefwechsel mit einem Freund im Gefängnis) basiert auf seinem Briefverkehr mit Ill Will, der tatsächlich einige Zeit im Knast verbracht hatte. Nicht nur beschrieb Nas den Alltag in der Hood lebendiger als andere, sondern er mied es auch stets, den Lifestyle aus Kriminalität und Gewalt zu glorifizieren. Gerade diese reifere Perspektive unterschied ihn von vielen der rappenden Kleinkriminellen aus seiner Gegend. Seine Texte waren nicht besonders brutal, sexistisch oder nihilistisch. Sie waren echt. Nas verpackte ganz alltägliche Erlebnisse aus seinem sozialen Milieu in eine lyrische, poetische Sprache, die an Eleganz sogar sein erklärtes Vorbild Rakim übertraf. »Illmatic» veränderte und prägte das Vokabular einer ganzen Subkultur.

Auf »Illmatic« gab es nur ein einziges Feature: AZ war ein Junge aus der Nachbarschaft, der zufällig bei DJ L.E.S. abhing, als Nas den Beat zu »Life’s A Bitch« bei ihm hörte. Ihre tiefe Verwurzelung in der HipHop-Kultur des Rotten Apple brachten Nas und AZ schon im Album-Intro zum Ausdruck, wo sie sich zu den Klängen von Grand Wizard Theodores »Subway Theme« aus dem Soundtrack zu »Wild Style« unterhielten. Später stellten sie für einen Sprite-Werbespot auch den legendären »Stoop Rap« von Double Trouble nach. »Illmatic« ist nicht zuletzt deshalb ein Meilenstein, weil Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kultur selten so nah beieinander lagen wie im Frühjahr 1994. Die New School war längst vorbei, Dre und Snoop regierten die Charts. Doch hier stand einer, der die Geburtsstätte der Kultur gebührend repräsentierte und seinen Platz an der Spitze einforderte.

»Illmatic« wurde von den Kritikern hemmungslos abgefeiert, so bekam es die damals extrem begehrten fünf Mics in der »Source«. (Die Review schrieb der Redakteur Matty C, der später unter dem Namen Matt Life als A&R bei Loud u.a. das erste Mobb Deep-Album betreute.) Das Album war jedoch kein sofortiger kommerzieller Erfolg: Es stieg auf Platz 12 der Billboards ein und verkaufte in der ersten Woche 59.000 Einheiten. Was man heute selbst für ein Childish Gambino-Debüt höchstens halbamtlich finden würde, war damals eine noch krassere Enttäuschung. Nicht wenige hatten einen Platinerfolg binnen weniger Wochen erwartet, doch keine einzige Single landete in den Charts. Das Album musste sacken, die Wirkung kam langsam. Erst 1996, bei Erscheinen des Nachfolgers, ging »Illmatic« doch noch Gold. 2002 bekam Nas sogar eine Platinplakette für sein Debüt – acht Jahre nach dessen Veröffentlichung.

 

Everybody wants to rule the world

Das Jahr 1995 markierte die wackligste Phase in Nas‘ Karriere. Er selbst beschrieb die Arbeiten an seinem zweiten Album »It Was Written« einmal als den »beängstigendsten Moment in meinem Leben«. Er wurde nervös, weil er zusehen musste, wie Biggie mit »Ready To Die« schnurstracks an ihm vorbeizog und bald in den Barbershops und Bodegas zum »King Of New York« gekrönt wurde. Nas schaffte es jedoch, seinen Buzz durch einige wohldosierte Gastauftritte bei Mobb Deep, Raekwon und AZ am Köcheln zu halten. Diese Auftritte legten bereits nahe, in welche Richtung er sich auf seinem nächsten Album entwickeln würde. Nas adaptierte und perfektionierte den von Kool G. Rap erfundenen und von Raekwon und Ghostface Killah weiterentwickelten Mafioso-Rap-Style, nannte sich fortan »Nas Escobar« und rappte vor allem über die Verlockungen und Gefahren des schnellen Geldes.

Die melancholische Grundstimmung von »Illmatic« wich einem positiven Selbstbewusstsein, die musikalische Untermalung der Trackmasters wurde seichter und melodiöser. Viele fähren die Justierung seines Sounds auch auf seinen neuen Manager Steve Stoute zurück, der zuvor als Präsident des Urban-Departments bei Sony Music gearbeitet hatte, also nicht nur über komplexe Metaphern, sondern auch mal über Radio-Spins und Marketing-Kampagnen nachdachte. Trotzdem oder gerade deshalb war die Kurtis Blow zitierende Single »If I Ruled The World« mit Lauryn Hill ein Volltreffer. Gerade der Schulterschluss mit der glaubwürdigen, aber kommerziell durchstartenden Fugees-Frontfrau war ein Geniestreich. Der Song wurde weltweit ein Hit, der einem heute noch in afrikanischen Dorfdiscos und asiatischen Hotelbars begegnet. »It Was Written« ging im Sommer 1996 Doppelplatin.

Die ewige Foren-These, nach der Nas nie wieder an sein legendäres Debüt anknüpfen könnte, ist genauso richtig wie langweilig. Doch letztlich lieferte er erst mit »It Was Written« die Zahlen, die seinem Status und Anspruch als Künstler entsprachen. Der Anfang der echten Krise folgte in Wahrheit kurz danach, als Nas mit seinem Manager Steve Stoute, Dr. Dre und den Trackmasters das Konzept für die Supergroup The Firm entwickelte. Die Basis für die Idee bildete der Song »Affirmative Action«, auf dem neben Nas noch AZ, Cormega und Foxy Brown rappten. Mit Cormega gab es bald Streit um die musikalische Vision und die Verträge, so dass sich Nas und Stoute dazu entschlossen, ihn durch den befreundeten Nachwuchsrapper Nature zu ersetzen.

Für alle Beteiligten bedeutete The Firm ein hohes Risiko: Für Dr. Dre war es das erste Projekt als Produzent auf seinem Aftermath-Label, für die beteiligten MCs ging es um nicht weniger als ihre Zukunft. Doch das 1997 erschienene »The Album« enttäuschte Kritik und Fans gleichermaßen. Die herrschende Meinung schrieb es sofort als halbgaren Versuch ab, den ganz schnellen Erfolg im Pop-Mainstream zu erreichen – und zwar mit der Brechstange. Der hehre Versuch, mit Nas und Dre die besten Ideengeber von Ost- und Westküste zusammenzubringen, führte letztlich nur dazu, dass sich ihre künstlerischen Identitäten gegeneinander aufhoben. Der einzig konsequente Schritt: Die Gruppe löste sich bald geräuschlos auf.

Die HipHop-Welt war zu diesem Zeitpunkt zunehmend aus den Angeln geraten. Das Spiel war ein Multimillionendollar-Geschäft geworden, die Rap-Musik im Radio wurde immer kommerzieller und glatter. Zudem richtete sich der Blick des Mainstreams erstmals auf den SA?den, wo Labels wie No Limit und Cash Money Welle machten. Das Internet wurde zum ernsten Problem für die Industrie, und Nas‘ drittes Album »I Am…«, zunächst als Doppelalbum geplant, leakte lange vor Veröffentlichung in die Filesharing-Netzwerke. Nas spielte noch im selben Jahr ein weiteres Album namens »Nastradamus« ein, doch beide Platten enttäuschten die Fans wegen eines generellen Mangels an inhaltlicher und musikalischer Substanz. Trotzige Videos wie das zu »Hate Me Now« mit dem personifizierten Bösen aller echten HipHop-Recken (alias Puff Daddy) führten zur allgemeinen Meinung, Nas habe seine Seele endgültig an die Maschinerie verkauft.

Die Wahrheit war: Nas hatte seinen Fokus verloren. Um die Jahrtausendwende gründete er zu allem Überfluss sein eigenes Label-Imprint Ill Will Records und brachte dort mittelmäßige Platten von seinem Bruder Jungle und dessen Crew The Bravehearts heraus. Es war eine düstere Phase in seinem Leben. Seiner Mutter war Brustkrebs diagnostiziert worden, er hörte zeitweilig auf zu schreiben, um sie bei ihren Therapien zu begleiten. Sie bestand jedoch darauf, dass ihr Sohn sein Bestes geben würde, um seine Karriere wiederzubeleben. Nas wusste, dass er sich dazu auf seine Stärken zurückbesinnen musste. Er rief seinen alten Kumpel Paul an, mit dem er damals ins Geschäft gestartet war. Doch Paul war nicht zu erreichen. Er rauchte zu viel Weed und trank zu viel. In dieser schwierigen Zeit empfand Nas einen öffentlichen Schlagabtausch mit einem anderen Rapper als das Letzte, was er brauchen konnte. Doch der Beef mit Jay-Z sollte seine Rettung werden.

Make your soul burn slow

In der Rap-Industrie hatte schon nach den Morden an Tupac und Biggie ein subtiles Rennen um die Nachfolge an der Spitze der Pyramide begonnen. Jay-Z stichelte immer wieder gegen Nas, der als ernsthaftester Konkurrent gehandelt wurde, auch wenn seine letzten Alben von Kritik und Fans verschmäht wurden. All der aufgestaute Frust über die Kritik an seiner Person und die vielen Schicksalsschläge entluden sich, als Jay-Z ihn neben Mobb Deep auf dem Summer Jam 2001 namentlich disste. Vor allem sprach Jay zum ersten Mal offen aus, was die HipHop-Community ohnehin längst dachte: Dass Nas nach »Illmatic« nie wieder ein vernünftiges Album aufgenommen hatte (»had a spark when you started but now you’re just garbage«) und dass er das Straßenleben nur aus zweiter Hand kannte (»you ain’t live it you witnessed it from your folks pad/you scribbled in your notepad and created your life«). »Takeover« war ein fieser Diss, widerlich von oben herab geschrieben und extrem geschickt terminiert.

Doch Nas gab sich nicht so leicht geschlagen. Er antworte zunächst mit einem Freestyle auf dem klassischen »Paid In Full«-Beat von Eric B. & Rakim. Das war jedoch nur die Ouvertüre. Das Grande Finale sollte folgen: »Ether«, der gleich nach »Hit ‚Em Up« härteste Diss-Track der US-HipHop-Geschichte. Dabei beginnt »Ether« langsam. Nas redet sich in Rage, wirft die Frage auf, die sich nach dem tragischen März 1997 alle stellten: Wer ist jetzt der Beste? Wer, wenn nicht ich? (»I got this locked since ’91, I am the truest, name a rapper that I ain’t influenced.«) Nur ein einziger Philister wage es an seiner makellosen Karriere zu zweifeln: »Gay-Z of Hawaiian Sophie fame« und seine Crew von »Cockafella Records«. In der zweiten Strophe dreht Nas die Daumenschrauben enger: »The Blueprint« Ernsthaft? Hatte KRS-One schon mal. Boom. Dann die persönliche Ebene: »First Biggie’s ya man, then you got the nerve to say that you better than Big/dick sucking lips, why won’t you let the late, great veteran live?« Wir schluckten. Doch das war immer noch gar nichts. Die dritte Strophe zerriss seinen angeberischen Gegner in der Luft. Nas packt aus, wie Jay ’88 durch seinen Hausflur gejagt wurde und er ihn bei sich in der Wohnung versteckt habe. Er stellt sich geschickt über seinen Gegner, indem er sagt, er fühle sich wie ein stolzer Vater, gegen den der Sohn nun rebelliert. Aber hey: Ein weißer Junge aus Detroit hat dich gerade erst auf deinem eigenen Scheiß ermordet. Also, was willst du bitte von mir? »Ask me if I’m tryna kick knowledge? Nah, I’m tryna kick the shit you need to learn though/that ether, that shit that make your soul burn slow.« Ich persönlich kenne niemanden, der Jay-Zs Antwort »Super Ugly« noch angehört hat, um herauszufinden, ob er »Ether« etwas entgegenzusetzen hatte. Natürlich war nach »Ether« weder Jay-Zs Karriere beendet noch saß Nas nun unangefochten auf dem Rap-Thron des »Big Apple«. Doch endlich schien der zuletzt müde und ausgelaugt wirkende MC zu alter Form zurückgefunden haben. Jay-Z hatte ihm buchstäblich Feuer unterm Arsch gemacht.

»I’m out for dead presidents to represent me.«

Den lyrischen Kampf um die Vorherrschaft im Staate New York hatte Nas gewonnen, einen anderen jedoch verlor er kurz danach: Im April 2002 starb seine geliebte Mutter im Krankenhaus an den Folgen ihrer Krebserkrankung. In den Armen ihres Sohnes. Es war völlig klar, dass sein nächstes Album »God’s Son« vollständig unter dem Eindruck dieses Schicksalsschlags geschrieben wurde.

»Stillmatic« war das Comeback-Album, die Wiedervereinigung mit dem alten Kumpel Large Professor. Auch »God’s Son« wurde deutlich besser angenommen als zuvor »I Am..« oder »Nastradamus«. Sein Ruf bei den Fans war spätestens mit den »Lost Tapes« restauriert. Die Lücke, die der Tod seiner Mutter in seinem Leben hinterließ, versuchte Nas durch zwei Menschen zu schließen: Einmal revitalisierte er die Beziehung zu seinem Vater Olu Dara und nahm mit ihm sogar die Single für sein 2004 erschienenes Doppelalbum »Street’s Disciple« auf. Und er verliebte er sich in Kelis Rogers, eine junge R&B-Sängerin, die von den Neptunes protegiert wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Nas bereits eine siebenjährige Tochter namens Destiny. Die Mutter des Kindes, Carmen Bryan, hatte er kurz vor Veröffentlichung seines Debütalbums kennen gelernt. Nas war damals 21 Jahre alt und wurde kurz darauf zum Superstar. Die Liebe hielt nicht lange. Carmen Bryan tat sich später als Luxusgroupie hervor, das Affären mit Allen Iverson und Jay-Z hatte. Jay hatte im Rahmen des Beefs mit Nas sogar behauptet, dass er Carmen einmal in dessen Bentley gevögelt und das benutzte Kondom auf dem Kindersitz zurückgelassen hätte. Auch die Beziehung zu Kelis sollte nicht für immer sein. Die beiden heirateten 2005, drei Jahre später wurde Kelis schwanger. Die Beziehung ging kurz darauf in die Brüche, laut Kelis vor allem wegen Nas‘ Untreue. Als ihr gemeinsamer Sohn Knight Jones geboren wurde, befande sich das Paar schon im finstersten Scheidungskrieg.

Zwischenzeitlich hatte Nas sich allerdings mit seinem großen Erzfeind versöhnt und einen überraschenden Business-Move vollzogen. Bei Jay-Zs Comeback-Konzert »I Declare War« sprang »Esco« zum Jiggaman auf die Bühne – zusammen performten sie ihre durch das Vocalsample auf ewig miteinander verknüpften Überhits »The World Is Yours« und »Dead Presidents«.

Einige Monate später unterschrieb Nas, der seinen Vertrag bei Sony durch ein »Greatest Hits«-Album erfüllt hatte, einen neuen Künstlervertrag bei Def Jam, wo Jay-Z zu dieser Zeit als Präsident agierte. Die ehemaligen Streithähne tourten zusammen und nahmen die gemeinsamen Songs »Black Republican« und »Success« auf.
Zwischen 2006 und 2008 veröffentlichte Nas zwei Alben, die jeweils eine gewisse Kontroverse um ihren Titel entfachten: Zunächst »Hip Hop is Dead« und dann »Untitled«, das zunächst »N*gger«« heißen sollte. In der medialen Diskussion stritt Nas sich mit dem konservativen Fox-News-Moderator Bill O’Reilly herum, aber auch mit Bürgerrechtlern wie Jesse Jackson und Al Sharpton. Die Diskussion um den N-Wort-Albumtitel wurde sogar bis in den amerikanischen Kongress getragen. Natürlich sicherte ihm diese Aufmerksamkeit ein gewisses Maß an Relevanz und kurbelte die Plattenverkäufe weiter an, Goldstatus und Grammy-Nominierung inklusive. Doch die mediale Rezeption, vor allem aus der Fachpresse, verlief durchaus kritisch. Der musikalische Eiertanz, den Nas seit gut zehn Jahren auf jedem seiner Alben vollführt, ist sowohl Fluch und Segen seiner Karriere.

Nas-Beasties

Der schlechteste Beatpicker aller Zeiten

»When it comes to beats, Nas is super picky«, sagte DJ Premier einmal. Es mag sein, dass Nas wählerisch ist, aber vor allem trifft er häufig die falsche Wahl. Jay-Z hat stets instinktiv die passenden Beats gepickt, Nas hingegen wirkt in seiner Entscheidung oft überambitioniert oder schlampig. Ein einziges Mal waren Rhymestyle und Produktion auf Albumlänge eine feste, untrennbare Einheit: Auf »Illmatic«. Jedes folgende Album hatte Elemente, die besser zu anderen MCs gepasst hätten. Oder die einfach wack waren. Bis heute zieht sich diese Dualität durch sein Schaffen: Nas ist der festen Überzeugung, zugängliche Radiosongs zu brauchen, um die Härte seiner Street-Tracks auszubalancieren. Vielleicht hat ihm diese Einstellung seine kommerzielle Relevanz bewahrt. Seine Alben hat er jedoch damit immer wieder entstellt.

Schon auf »It Was Written« konkurrierte der poppige Trackmasters-Sound mit den düsteren Boombap-Varianten von Havoc und DJ Premier. Ein Timbaland-Track mit Aaliyah-Feature wäre ’99 ein guter Look für beinahe jeden Rapper gewesen, bei Nas wurde ein »Worst of Both Worlds« daraus. Selbst auf allgemein gefeierten Werken wie »Stillmatic« und »Goda’s Son« gibt es unsägliche Ausreißer wie »Braveheart Party« (einen Song, der Mary J. Blige im Nachhinein so peinlich war, dass sie ihn von Nachpressungen entfernen ließ) oder »Hey Nas«, ein kitschiges Duett mit seiner künftigen Ehefrau Kelis. Es sind die Widersprüche in seiner Person, die das Genie immer wieder von seinen Fans distanzieren.

Seine Unentschlossenheit äußert sich in einem konstanten Pendeln zwischen revolutionären Parolen, subkultureller Erdung und dem angeberischen Zelebrieren des »guten Lebens«. Mit Damian Marley kritisiert er den Materialismus und Konsumgeist der vermeintlich Ersten Welt, doch er selbst lässt sich besonders gerne in absurd teurem Designerzwirn fotografieren. Um das klarzustellen: Diese Kritik dreht sich um Fragen der Inszenierung, nicht etwa der »Realness«, denn eine solche Sichtweise wäre kindisch. Doch Nas hat nie verstanden, dass die Darstellung aller seiner charakterlichen Facetten den eindimensionalen Fantypus A?berfordert. Er ist eben kein Kanye West, der bereits mit dem Louis-Vuitton-Rucksack in eine diversifizierte iPod-Kultur gestolpert ist. In unserem Unterbewusstsein sollte er bitte für immer der Daunenjacken rockende Rudebwoy aus den QB Projects bleiben.

Man kann diese vermeintliche Schwäche auch positiv deuten. Denn Nas hat früh verstanden, dass er beides braucht, um zur Legende zu werden: Den Respekt der Spezialisten und die Liebe der Massen. Deshalb ist er weder zu Kool G. Rap noch zu Will.I.Am geworden. Bis heute überrascht er uns mit seltsamen Songstrukturen, Marketing-Ideen und Interview-Aussagen. Er arbeitet mit Jay Electronica und mit Stargate, mit Dead Prez und mit Keri Hilson – und zwar auf demselben Album, das einen ausgepeitschten Rücken zeigt und ursprünglich mal »N*gger« heißen sollte. »Manchmal habe ich keine Ahnung, wie zum Teufel ich jedes Mal wieder Platin gehe«, gab Nas selbst einmal zu. »Mein Reimstil ist sehr undergroundig, sehr wortreich. Ich kann radiofreundliche Songs machen, aber meine Rhymes sind einfach nur ein Haufen Wörter. Manchmal denke ich: ‚Wie hat das alles angefangen? Warum haben sie uns überhaupt eine Chance gegeben?’«

Nas stammt aus einer Ära, in der man intelligent und »gewieft« klingen wollte, wie Ghostface sagen würde. Gerade aus seiner Verehrung für die Poesie von Rakim machte Nas nie einen Hehl. Auf »Street’s Disciple« gab es sogar eine unautorisierte Biografie des Meisters in Reimform (»U.B.R.«). (Von der sich Rakim Allah allerdings nicht besonders geschmeichelt zeigte – gerade weil er nicht um Autorisierung gebeten wurde und weil der Song private Informationen wie die Namen seiner Kinder enthielt.) Von Rakim bekam Nas einst den Anstoß, sich mit Themen wie den Ideologien der Five Percenter auseinanderzusetzen. Nas verband die erhabene Eleganz von Rakim mit den detailverliebten Erzählungen von Slick Rick, dem rasanten und doch präzisen Flow von Kool G Rap und der stimmlichen Präsenz von Big Daddy Kane. Seine Reime setzte er so unvorhersehbar und rhythmisch zwischen die Snares, wie es außer ihm nur Biggie konnte. Selbst erklärte Technik-Fetischisten wie Kool Savas geraten unverhofft ins Schwärmen, wenn sie Nas‘ Stil analyisieren.

Gleichzeitig versuchte Nas immer wieder, neue kreative Wege zu gehen, neue Hörerschaften zu erschließen. Die feuchten Träume aller Unkut-Stalinisten – ein zweites Nas-Album auf Beats der »Illmatic«-Produzentenriege oder wahlweise das komplett von DJ Premier produzierte Nas-Album – spielen für den Abenteurergeist längst keine Rolle mehr. Sein letzter Befreiungsschlag in dieser Hinsicht war das Reggae-Rap-Album mit Damian »Jr. Gong« Marley namens »Distant Relatives«, das sich zwar nicht über alle Maßen gut verkaufte, ihm jedoch eine äußerst erfolgreiche Welttournee und völlig neue Slots auf bis dato unerreichbaren Festivals ermöglichte. Ein Deal bei eOne und ein Booking-Abo auf den Europa-Retro-Rutschen zwischen Jeru The Damaja und Lords Of The Underground? Für Nas keine Option.

Das gute Leben

Das zehnte Studioalbum von Nas, das 2012 erscheinen soll, trägt den Arbeitstitel »Life Is Good«. In Interviews sprach Nas von einem »nineties feel« und von möglichen Kollaborationen mit quasi jedem halbrenommierten Produzenten des Planeten. Als Feature-Gäste sind bislang nur AZ und Tyler, The Creator bestätigt. Die erste Single »Nasty« basierte auf einem ultrarohen Breakbeat von Salaam Remi, einem Echo aus Nas‘ Kindheit – eine Formel, die seit »Made You Look« immer funktioniert hat. Gleichzeitig ist ein Album mit Common mit dem doofen Neunziger-Jahre-Titel »Nas.Com« angekündigt, sowie die »Lost Tapes 2«, die Nas seinem Label Def Jam bislang vorenthält, weil er den dortigen Zahlendrehern einen Mangel an Unterstützung für dieses Projekt unterstellt.

Nas – Nasty von universalmusicdeutschland

Ich habe Nas nur ein einziges Mal persönlich getroffen. Es war ein typischer Promo-Tag in einem Hamburger Nobelhotel. Nas war übellaunig, weil einer der wartenden Kollegen eine Rocawear-Jacke trug. Beim Interview wirkte er ruhig, beinahe abwesend, primär mit sich selbst beschäftigt. Er war nicht besonders freundlich, eher distanziert und kühl. Er lag auf dem Bett, paffte einen Blunt und antwortete einsilbig. Nach knapp 15 Minuten verließ ich die Hotelsuite ohne druckbaren O-Ton und war wütend auf meinen großen Held. In der heutigen Rückschau wirkt sein damaliger Auftritt schlüssig, ja beinahe sympathisch unkooperativ. Nas lebt immer noch in seiner ganz eigenen Welt.

Auf den Pressebildern zu »Illmatic« sieht man Nas in seinen heimatlichen Projects unter der riesigen Brücke nach Manhattan stehen. Gerade diese Bilder fangen eine bestimmte Mystik und Melancholie ein, die für mich untrennbar mit dieser Ära verbunden ist. Nas kleidet sich auf diesen Fotos wie ein typischer Street-Banger von damals, mit Camouflage-Armyparka, um den Kopf gebundenem Bandana und Timberland-Boots. Doch die Härte ist Fassade: In seinem Blick spiegelt sich eine unbestimmte Sehnsucht, wie man sie sonst nur auf seltenen Fotos von Jean-Michel Basquiat sieht. Genau wie Basquiat nutzt Nas sein enormes Talent, um unglaublich lebendige Bilder aus einer kalten, urbanen Wirklichkeit heraufzubeschwören. Vielleicht ist seine große Zeit vorbei. Doch Nas ist und bleibt der größte Dichter, den HipHop jemals hervorgebracht hat.

 

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