The Krauts, Farhot, Beatgees & Fuego

The-Krauts

 

Es gibt die klassischen HipHop-Beatmaker. Die Typen, die ihre Instrumentals im Schlafzimmerstudio zusammenschustern, regelmäßig Beat-CDs an MCs und ihre Manager verschicken und so versuchen, sich auf die Alben von Savas, Sido oder Samy zu hustlen. Wir haben Respekt vor ihnen, weil sie zutiefst HipHop sind. Es gibt jedoch auch Produzenten, denen dieser Wirkungskreis zu eng wird und denen die Mechanismen der Rap-Welt beschränkt erscheinen. Die entweder mehr Geld verdienen möchten oder musikalisch neue Herausforderungen suchen. Wir möchten vier Beispiele vorstellen – zwei Teams und zwei Einzelkämpfer – die wir ausgesucht haben, weil sie uns vorleben, wie man den HipHop-Mindstate in die »große« Musikindustrie tragen kann, ohne dabei seine Seele am Eingangstor zu verramschen. Wie das funktionieren kann, erklären The Krauts, die Beatgees, Fuego und Farhot im JUICE-Interview.

 

Farhot

 

Erster Temin. Farhot kommt bei einem zufälligen Berlin-Besuch anlässlich von Erykah Badus Streicherkonzert im »Made«-Büro am Alexanderplatz mit einer kleinen Entourage von Freunden in unser Berliner Redaktionsbüro. »Ich gelte ja eher als der Alternative-HipHop-Hippie«, lacht er. »Dabei komme ich aus Hamburg-Neuwiedenthal, was ja schon so etwas wie ein sozialer Brennpunkt ist. Aber ich war nie ein richtiger Verbrecher. Aus meiner Gegend kommen allerdings Leute wie Bacapon oder Maskoe, mit dem ich auch sehr gut befreundet bin. Maskoe war auch der erste richtige Rap-Partner, mit dem ich gearbeitet habe.«

 


Nneka – Heartbeat von FourMusic

 

1982 in Afghanistan geboren, kam Farhot als Kind nach Deutschland. »Ich habe keine Instrumente gelernt und komme auch nicht aus einem musikalischen Haushalt. Mein Bruder hat irgendwann N.W.A., Wu-Tang Clan, Cypress Hill und Mobb Deep mitgebracht. Dann habe ich mit einem Kumpel angefangen zu DJen, doch ich wollte mehr machen. Ich hatte einen Computer mit ­Cubase am Start, habe mir freistehende Drum-Sounds von Rap-Platten geklaut und mit Samples verschnitten. So richtig stümperhaft, so wie ein Kind sich das eben vorstellt. Und genau so arbeite ich auch heute noch.« Farhot grinst schelmisch.

 

Bis heute wird seine Musik jedoch am meis­ten mit einer Künstlerin verknüpft: Nneka. Die afrikanische Sängerin lernte er Anfang der nuller Jahre in Hamburg kennen. »Maskoe hat eine Sängerin für eine Hook gesucht und einen Kumpel gefragt. Der meinte: ‘Ich kenne da eine, die ist ein bisschen verrückt, aber die singt gut.’ Wir haben sie im Keller meiner Eltern getroffen, wo ich mir ein Studio eingerichtet hatte. Sie hat uns ihre Musik vorgespielt und ich konnte gar nicht glauben, dass sie das ist – sie hatte über ‘Hell On Earth’ von Mobb Deep gefreestylet. Ich fand es auch immer krass, wenn Premo einen Janet Jackson-Remix gemacht hat. Dieser Kontrast zwischen der sweeten Stimme und den fetten, harten Drums. Ich habe ihr auch Beats von mir gezeigt, die übelsten Underground-Instrumentals – und sie fand das geil. Vorher hatte sie mit so Songwriter-Pennern gearbeitet, die eine typische Pop-Schlampe aus ihr machen wollten. Das wollte sie nicht mehr. Es hat einfach gepasst. Sie ist schon ein komischer Kauz, aber genau da haben wir uns gefunden. Wir sind Underdogs, Außenseiter. Darüber hatten wir eine Basis.«

 

In der deutschen HipHop-Szene hat sich Farhot trotz seines engen Kontakts zu Maskoe nie so richtig zu Hause gefühlt. Aber natürlich hat auch er seinen Lieblingsrappern wie Azad oder Curse seine Beats zukommen lassen: »Curse habe ich richtig penetriert«, sagt er. »Dem habe ich bestimmt 100 Beats geschickt, am Ende waren dann vier Nummern auf ‘Freiheit’. Ich würde gerne mal mit Samy Deluxe oder Max Herre arbeiten. Morlockk Dilemma und Haftbefehl finde ich auch krass. Und Megaloh ist einer meiner Liebsten. Mit ihm war ich sehr viel unterwegs, wir haben viele Songs zusammen gemacht. Wenn ich auf seinem Album keinen Beat haben sollte, dann verprügle ich ihn. Aber sonst habe ich einfach keinen zeitlichen oder finanziellen Druck, das ist ein großer Luxus. Deswegen steht Akquise gerade nicht im Vordergrund.«

 

 

Farhot sieht sich als einziger der Interviewten weniger als Producer und mehr als Beat-Bauer und Sound-Designer. Gerade hat er sich ein neues Studio eingerichtet, wo er seiner Leidenschaft für analoge Vintage-Keyboards frönen kann. »Ich sample nicht mehr so viel. Nur wenn es sein muss. Und wenn man so einen Arschloch-Major am Start hat, dann soll der halt blechen.« Was ihn überhaupt nicht interessiert, sind Aufträge für Film- oder Werbemusik. »Da schlägt mein Herz nicht für. Das Geld ist sicher geil, aber das ist nichts für mich. Wenn ich mich für etwas nicht begeistern kann, dann wird es Arbeit. Und ich habe keinen Bock auf Arbeit. Arbeit nervt.«

 

Zuletzt hat Farhot mehrere Wochen mit ­Nneka in Lagos, Nigeria, an ihrem neuen Album »Soul Is Heavy« gearbeitet. Für Rihanna hat er zusammen mit einem US-Songwriter ein paar Layouts entworfen, eins davon hatte L.A. Reid angeblich sogar in die engere Auswahl für ihr letztes Album gezogen. Daneben ging für ihn ein Traum in Erfüllung, als er Nnekas »Heartbeat«-Remix mit Nas arrangieren durfte. »Ich habe kurz mit ihm telefoniert und ihn später im Stadtpark getroffen. Das war großartig für mich als Hardcore-Nas-Fan. Ich habe Parts von Nas bearbeitet und habe noch unbearbeitete Spuren zu Hause – das ist beinahe unwirklich für mich.«

 

 

Farhot legt großen Wert darauf, dass er bis heute »Underground-Musik« macht. Diesen Umstand betont er mehrmals im Interview. »Wenn du mal schaust, was in Deutschland erfolgreich ist, dann weiß ich nicht, ob ich da so gut reinpasse. Meine Musik ist sehr weit vom Mainstream entfernt. Die Musik, die ich mag, läuft nicht im Radio. Ich bin halt ein extremer Musikfan und habe alle Producer analysiert, die ich cool fand: Dre, RZA, Havoc, Alchemist oder DJ Muggs. So habe ich gelernt. Was mich von anderen unterscheidet, ist, dass ich es wage, besondere Kombinationen zu probieren. Das ist eigentlich alles, was ich mache: kombinieren.«

 

The Krauts

 

Zweiter Termin in Kreuzberg, im Bohème-Viertel zwischen Görlitzer Park und Paul-Lincke-Ufer. Im zweiten Hinterhof fährt ein Fahrstuhl in eine Studio-Etage im dritten Stock. Schwer zu glauben, dass in diesem sympathischen Chaos drei der erfolgreichsten Producer der letzten Jahre arbeiten, die mit Peter Fox’ »Stadtaffe« und Marterias »Zum Glück in die Zukunft« das Level von deutschsprachiger, urbaner Musik extrem angehoben haben. DJ Illvibe, Monk und Berger haben sich hier einen gemütlichen Vorproduktionsraum eingerichtet, in dem die meisten ihrer Skizzen entstehen, bevor sie später oft in größeren Studios ausproduziert werden. Ganz oben auf dem Ikea-Regal steht eine verstaubte Platinplatte.

 

 

Wenn man die Geschichte der Krauts verstehen will, muss man zunächst über Moabeat reden. Illvibe war der DJ und Monk, Bob Malo und Monks Bruder Yasha, den man heute vor allem von Marterias »Verstrahlt«-Single kennt, die drei Vokalisten. »Monk und ich kennen uns vom Sprühen, seit wir 14 sind«, erzählt Illvibe. »Später haben wir auch zusammen gewohnt.« Moabeat veröffentlichten 2004 das vor allem von Kritikern gelobte Deutschrap-Album »Dringlichkeit besteht immer«. Das große Fan-Feedback auf das kreative Debüt blieb leider aus. Die Aggro-Welle rollte über Deutschland. Als sich auch die Konzerte mit zehnköpfiger Live-Band als unwirtschaftlich herausstellten, machte man sich Gedanken über eine Zukunft in der Musikindustrie. »Es war einfach für keinen von uns möglich, davon zu leben«, so Illvibe. Bevor die Aufnahmen zum zweiten Album begannen, zog es Yasha und Bob Malo in die Welt hinaus. Die Moabeat-Mitglieder zerstreute es in alle Himmelsrichtungen. Monk und Illvibe blieben jedoch befreundet.

 

Bereits einige Jahre zuvor hatten sie den Gitarristen und Bassisten Berger kennen gelernt, mit dem Illvibe schon parallel zu Moabeat in der Band Lychee Lassi musizierte, wo auch der Schlagzeuger von Seeed mitspielte. »Berger ist öfter bei uns vorbeigekommen und hat Gitarren zu unseren Beats eingespielt. Wir haben einige Remixe für Moabeat oder Seeed zusammen gemacht – und immer, wenn wir zu dritt an etwas gearbeitet hatten, dann wurde es überraschend gut. Also haben wir uns einen gemeinsamen Namen überlegt und arbeiten seitdem als The Krauts im Team.«

 

Für Monk und Illvibe war HipHop der Ausgangspunkt ihrer musikalischen Sozialisation – sie waren zunächst kompromisslose Rap-Fans und Bay Area-Nerds. »Ich war der absolute Backpacker«, gibt Monk heute offen zu. »Del Tha Funkee Homosapien und Project Blowed waren meine Helden. Daneben habe ich aber auch schon früh deutschen HipHop gefeiert. Advanced Chemistry und vor allem der ‘Alte Schule’-Sampler waren für mich ungemein wichtig. Davon kann ich immer noch alle Texte auswendig.« Berger hingegen hat einen anderen musikalischen Background: »Ich bin ja ein bisschen älter als die beiden. Ich habe mit Gitarre angefangen, da gab es noch gar keinen HipHop. (lacht) Nein, so alt bin ich auch wieder nicht. Ich habe mit Hardrock und Heavy Metal angefangen, erst Anfang der Neunziger habe ich HipHop für mich entdeckt. Das Westcoast-Zeug auf Death Row fand ich geil, später dann Def Jux und anderes Underground-Zeug, Instrumentals und Turntablism.«

 

 

Klar, dass sich die verschiedenen Sozialisationen in der Arbeitsweise des Produzententeams widerspiegeln. Auch wenn alle drei darauf beharren, dass es keine feste Aufgabenteilung gibt, kann man doch feststellen, dass jeder seine Stärken in den Produktionsprozess einbringt. »Monk schreibt als einziger von uns Texte, Musik machen wir alle drei. Jeder von uns macht alleine seine Skizzen, die wir dann gemeinsam ausarbeiten, wenn sie den anderen auch gefallen«, erklärt Berger. Und Illvibe ergänzt: »Ich komme vom Vinyl und arbeite daher viel mit MPC und Samples – der klassische HipHop-Ansatz. Monk arbeitet eher mit Synthesizern und macht hauptsächlich Sound-Design. Berger spielt Live-Instrumente ein. Aber eigentlich machen wir alle alles.«

 

Ihren Ruf als eines der geschmackssichersten Producer-Teams in Deutschland haben sie durch die Mitarbeit an »Stadtaffe« bekommen – das Peter Fox-Album hielt sich ein Jahr lang in den deutschen Top 20, bekam bislang fünfmal Platin. »Die ganze Soundidee kam schon von Pierre [Peter Fox, Anm. d. Verf.] selbst«, stellt Illvibe fest. »Wir haben ihm lediglich geholfen, diese Idee auszuführen. Natürlich haben wir auch kreativen Input geliefert.« Monk ergänzt: »Pierres Vorstellung war es, tanzbare Filmmusik zu komponieren. Dazu sind wir mit ihm nach Frankreich gefahren und haben dort an Skizzen gearbeitet, die nachträglich dann von einem Arrangeur umgesetzt und von einem Orchester eingespielt wurden. Illvibe hat einige Beats gemacht auf der Scheibe, ich habe alle Texte mit ihm geschrieben. Ein ganzes Jahr habe ich mit ihm regelmäßig getextet. Wir sind auch öfter für eine Woche weggefahren, ins Allgäu oder an den Heiligen See bei Potsdam, wo ‘Haus am See’ entstanden ist.«

 

 

Nach dem Peter Fox-Album kamen zwei weitere Albumprojekte, eins für Miss Platnum und das spielverändernde Marteria-Album »Zum Glück in die Zukunft«. »Bei ihm war mir am wichtigsten, dass er sich noch stärker auf den einzelnen Song fokussiert«, erzählt Monk. »Er war ja bereits ein großartiger Texter. Immerhin ist er derjenige, der mit diesen großartigen sprachlichen Bildern um die Ecke kommt. Meine Aufgabe war es vor allem, Struktur reinzubringen, damit man am Ende die Idee des Songs versteht, und starke Hooks mit ihm zu entwickeln. Wir wollten ihn dazu bringen, nicht nur Tracks, sondern echte Songs zu machen. Uns ist es immer wichtig, dass die Texte und Produktionen authentisch sind und zu dem Künstler passen, mit dem wir arbeiten.«

 

Wenn man das Trio nach seinem Geheimnis befragt, antwortet Illvibe: »Das Spezielle ist wohl, dass wir sehr eng mit den Künstlern zusammenarbeiten, die wir produzieren. Wir machen nicht zehn Beats pro Woche und schicken diese dann an einen Verteiler, sondern wir überlegen uns etwas mit den Künstlern zusammen.« Auf den Einwand, dass so eine Arbeitsweise nur funktioniert, wenn man bereits einen gewissen Stand hat, entgegnet Monk: »Oder man sucht sich Leute, die noch nicht so bekannt sind. Marteria hatte ja im Underground schon einen Namen, aber er war noch nicht auf dem Level von Savas oder Sido. Er hatte einfach Bock, was Neues zu machen, und wir haben gut miteinander gevibet – was sehr wichtig ist, weil man im Rahmen so einer Produktion extrem viel Zeit miteinander verbringt.«

 

 

The Krauts kamen ganz offenbar nie zwischen die Mühlen des typischen Beatmaker-Hustles um Albumplatzierungen und Kontaktpflege. Vielmehr beschreiben sie ihren Werdegang als spielerisches Musizieren mit Freunden und Bekannten, aus dem durch Erfolg plötzlich Ernst wurde. »Wir vermarkten uns nicht selbst, wir sind keine guten Networker«, so Monk. »Wenn wir mit jemandem arbeiten, dann dadurch, dass wir ihn kennen lernen, cool finden und uns vorstellen können, mit ihm lange im Studio rumzuhängen. Der Erfolg, den wir mit Peter Fox hatten, garantiert uns, dass wir unsere spezielle Arbeitsweise auch mit größeren Namen weiterführen können.«

 

Natürlich kamen nach Peter Fox und Marteria viele Anfragen. »Allerdings ist das noch nicht lange so«, schränkt Berger ein. »Eigentlich ging es erst so richtig los, nachdem Marteria in jedem Interview unseren Namen erwähnt hat. Dadurch haben die Leute uns auf den Schirm bekommen.« »Wir haben aber gar nicht die Kapazität oder die Zeit, auf jede Anfrage irgendwelche Beats herumzuschicken«, meint Illvibe. »Wir haben kaum Beats herumliegen. Wir stecken in der Regel immer gerade mit einem bestimmten Künstler in einer Albumproduktion. Da bleibt zwar schon mal was liegen, aber das ist dann nichts, was man einfach so wegschickt. Die Künstler müssen schon hierher kommen und mit uns arbeiten.«

 

The Krauts arbeiten nicht wie andere Produzenten, indem sie möglichst viele Beats in der Industrie streuen. Sie werkeln stets an größeren (Album-)Projekten, und dann auch immer für einen gewissen Zeitraum. Das Trio hat sich ein eigenes musikalisches Umfeld geschaffen, in dem hauptsächlich Künstler aktiv sind, mit denen sie menschlich und ästhetisch auf einer Wellenlänge liegen. Derzeit arbeiten sie mit Hochdruck am Album von Yasha, an dem auch das andere ehemalige Moabeat-Mitglied Bob Malo mittextet. ­Parallel dazu sind auch bereits neue Alben von Marteria und Miss Platnum in der langfris­tigen Zeitplanung des Trios vermerkt.

 

Der Erfolg der Krauts liegt vielleicht in ihrer Arbeitsmoral begründet, vielleicht auch in ­ihrer ästhetischen Geschmackssicherheit, die wiederum ihrer Nerd-Sozialisation geschuldet ist. Wahrscheinlich zählt beides. Musikalisch speist sich ihr Kosmos aus ­wobblenden Dubstep-Bässen und staubigem Vinylknacksen genauso wie aus opulenten Streicher-Arrangements und vertrippten Synthie-Flächen. »Es wird hemmungslos in der Musikgeschichte geplündert«, schreiben sie selbst auf ihrer Website. »Keine Kapitulation vor dem weit verbreiteten Zynismus in der Plattenindustrie. Gute Musik wird gewollt und gekauft. Man muss sich nur den Arsch aufreißen.«

 

Beatgees

 

Dritter Termin, diesmal in Prenzlauer Berg, nahe des Senefelderplatzes. Ein Hinterhof mit den typischen sanierten Backstein­gebäuden, in dem sich haufenweise Agenturen aus dem weiten Feld zwischen Medienwelt und Entertainment breitgemacht haben. Im obersten Stock haben sich vier Zugezogene ihr Studio eingerichtet. In der aktuellen Konstellation bestehen sie erst seit 2008, trotzdem sind die Beatgees nicht mehr aus der hiesigen Poplandschaft wegzudenken. Nicht nur Sido oder F.R. verlassen sich auf die Kreationen aus der Hit-Schmiede, sondern auch Pop-Chartstürmer wie Tim Bendzko oder Culcha Candela.

 

Drei von ihnen – Sipho, David und Philipp – sind ursprünglich der fruchtbaren Freiburger HipHop-Szene entsprungen; der Vierte im Bunde, Hannes, stammt aus Celle. David und Sipho waren schon als Jugendliche Teil derselben Rap-Crew, Philipp und Hannes lernten sich später an der Tontechnikerschule kennen. Stück für Stück fand sich das umtriebige Quartett in Berlin zusammen. Jedes Mitglied bringt seine individuellen Stärken in die Zusammenarbeit ein: David ist ein echter Vollblutmusiker, auch Sipho benutzt im Songwriting-Prozess gerne analoge Live-Instrumente, Philipp und Hannes hingegen sind Studio- und Technik-Nerds, die hauptsächlich am Rechner arbeiten.

 

Vier Produzenten haben vier musikalische Sozialisationen – wobei sich durch alle vier Biografien eine frühe Leidenschaft zum Pop zieht. Der an Geige und Klavier klassisch ausgebildete David hat neben HipHop heimlich Eurodance gehört, Siphos Beats waren in seiner Rap-Clique immer »die weichsten von allen«, auch Hannes fand kommerzielle Synthie-Beats schon damals interessanter als den vorherrschenden Sample-Sound. »Wir haben unsere HipHop-Fesseln längst abgeworfen«, erklärt Philipp. »Denn sie bremsen die Kreativität aus.« Außer Heavy Metal und Schlager schließen sie heute kein Genre mehr kategorisch aus. Daher geben die vier Beatgees auch nichts auf überkommende Genrebegriffe, auf die rückständige Realness-Dogmatik der Rap-Welt, der sie längst entwachsen sind, auf typisch deutsche Reinheitsgebote und andere ideologische Einschränkungen.

 

Ihre Kräfte bündelten die vier Producer endgültig 2008, als sie spürten, dass sie zusammen mehr erreichen würden als alleine. »Wir haben uns einfach gedacht, dass man zusammen stärker ist als alleine«, erklärt David. »Am Anfang sind wir in Berlin immer auf Industriepartys gegangen und haben unsere Beat-CDs mitgenommen. Dann standen wir da und haben ausgeknobelt, wer von uns zu Harris gehen musste, um ihm eine CD zu geben.« Parallel dazu haben die Beatgees ihre CDs an deutsche Rapper verschickt und auch mal eine ehemalige No Angels-Sängerin auf MySpace angeschrieben. »Wir haben sogar ein komplettes Album mit Vanessa Petruo gemacht, das nie erschienen ist, aber eine sehr wichtige Erfahrung für uns war.« Sipho ergänzt: »Vorher hat man eben Beats gebaut und dann hat jemand drei 16er und eine Hook draufgeknallt. Bei diesem Projekt ging es verstärkt um stimmige Songs, also um Melodien, Arrangements und Texte.«

 

Schnell merkten die Beatgees, dass sie musikalisch offen sein müssen, wenn sie von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben wollen, ohne nebenher noch jobben gehen zu müssen. Inzwischen produzieren sie nur noch für wenige Rapper wie F.R., an denen ihnen musikalisch und menschlich etwas liegt. Den Löwenanteil ihrer Studiozeit fraßen in den letzten Jahren hingegen Produktionen für Pop-Acts wie Tim Bendzko, Mehrzad Marashi oder Culcha Candela und Projekte wie das überaus erfolgreiche »Spongebob«-Album. »Natürlich würde man auch gerne nur anspruchsvolle Musik machen, aber man muss ja auch leben. So etwas wie ‘Spongebob – Das Album’ muss man als Comedy sehen. Man muss auch mal einen Fick auf alles geben«, erklärt Philipp. Sipho sieht das ähnlich: »Wir sind damit aufgewachsen, saßen früher bekifft bei Freunden herum und haben Spongebob geschaut. Deswegen macht mir das auch megaviel Spaß. Außerdem ist die Musik sehr einfach und schnell gemacht. Und das Geld stimmt.«

 

Wie das Spiel mit den Pop-Produktionen funktioniert, erklärt Philipp: »Die großen Labels suchen für ihre Künstler ständig Lieder. Dazu bekommt man entweder vom Label, vom Management oder vom Verlag ein sogenanntes Briefing. Da steht in der Regel drin, dass sie etwas suchen, das klingt wie die aktuelle Nummer eins in Amerika.« Klingt nicht besonders kreativ. «Gewisse Producer haben vielleicht ein cooleres Standing als wir, müssen aber nebenbei noch schuften gehen«, gibt Philipp zu bedenken. »Wir nehmen da lieber die Erfahrung von den Projekten mit, die wir persönlich nicht so krass feiern, und können dann auch wieder ein cooles Projekt machen.« Ihr unbedingter Wille und ihre musikalische Leidenschaft haben das Quartett schon weit gebracht. Zu ihren ständigen Auftraggebern gehören alle großen Major-Labels von Universal bis Warner, ihre Beats wurden neben den genannten Acts von Sido, Massiv, Olli Banjo, Rapsoul, Sabrina Setlur und Fady Maalouf gepickt.

 

Wenn die Beatgees ästhetisch für etwas stehen, dann für den Moment, in dem aus einem edgy Underground-Sound ein Element des urbanen Mainstreams wird. Für sie besteht zwischen glaubwürdigen, ­progressiven HipHop-Brettern und kommerziellem, eingängigem Dance-Pop kein Widerspruch. Die vier Wahlberliner wühlen sich regelmäßig durch die einschlägigen Blogs und orientieren sich am elektronischen Club-Underground, um Inspirationen für den Pop-Sound von morgen zu finden. Vor allem bei der Arbeitsmoral wollen sich die Beatgees von der verkifft-planlosen Mentalität der HipHop-Szene abgrenzen: »Wir haben uns ganz am Anfang gesagt«, so David, »wenn wir nicht mehr arbeiten als alle anderen, dann wird es nichts.«

 

Fuego

 

Vierter Temin. Ich treffe Fuego in einem österreichischen Restaurant in Kreuzberg. Er lebt seit letztem Sommer in Los Angeles und ist nur für eine Woche in seiner alten Heimatstadt, um einen Auftrag für eine Werbefilmproduktion zu erledigen. »Das ist gutes Geld«, grinst er und bestellt Brandy-Shots. Es ist früher Nachmittag. »In Los Angeles wird das Trinken sehr wichtig genommen«, sagt er schmunzelnd. »Party, Trinken und Gras rauchen – das sind die essenziellen Werte in L.A.«

 

Fuego entstammt einer russisch-spanischen Musikerfamilie, beide Elternteile sind Songwriter und Pianisten. Er selbst ging schon mit fünf Jahren in die Musikschule und nahm Klavierstunden. Zu Hause lief Klassik und Jazz, aber auch Michael Jackson und Stevie Wonder. Aufgewachsen ist er in Moskau, Madrid, Düsseldorf und München, die meiste Zeit am Stück jedoch verbrachte er in Berlin. 1993 bekam er sein erstes Korg-Keyboard geschenkt, später richtete er ein gecracktes Cubase auf seinem PC ein. Inzwischen ist er auf ein MacBook mit Logic umgestiegen.

 

Der Kontakt zu HipHop kam bei ihm über seine Freunde, als er elf oder zwölf Jahre alt war. Fuego war allerdings kein Fan vom klassischen New York-Rap à la DJ Premier, sondern seine Leidenschaft galt dem Südstaaten-Rap, der in seinen Augen besser und musikalischer produziert war. Zwischen 1998 und 2001 bestellte er sich jedes Cash Money-Album, das von Mannie Fresh produziert worden war. Später wechselte sein Fokus nach Atlanta, wo Young Jeezy, Ludacris oder T.I. zu seinen neuen musikalischen Helden avancierten. Als Fuego selbst die ersten Beats produzierte, hörte man den Ergebnissen diese Einflüsse deutlich an.

 

Fuegos erste Produktionen für Rapper erschienen 2004 auf der »Aggro Ansage Nr. 4« und auf dem Fler-Album »Neue Deutsche Welle«. Der Kontakt zu Aggro Berlin kam durch Schowi von den Massiven Tönen. »Ich hatte ihm meine Beats vorgespielt, der meinte: ‘Hammer, aber zu hart für uns. Ruf doch mal Specter an.’ Dann war ich mal bei den Aggros im Studio und habe ihnen meine Beats gezeigt. Die waren total begeistert, also wurde ich für ein knappes Jahr ihr In-House-Produzent. Mit dem Rest der HipHop-Szene hatte ich nichts zu tun.«

 

Im Laufe des Jahres 2005 spürte Fuego, dass ihm diese Tätigkeit auf Dauer nicht ausreichen würde. Das Verhältnis zu den Künstlern auf Aggro war »okay«, wie Fuego heute mit einem vielsagenden Lächeln diplomatisch formuliert. Doch vor allem war der musikalische und wirtschaftliche Horizont in Deutschland zu klein. »Ich wusste schon früh, dass ich nach Amerika gehen muss. Ich habe die Obergrenze ja schnell zu spüren bekommen: Ich war schon 2004 auf einem Gold-Album vertreten. Also kannte ich das Maximum, was man hier verdienen kann. Und das war mir eindeutig zu wenig.«

 

Der endgültige Umzug nach Amerika sollte trotzdem noch fast fünf Jahre auf sich warten lassen. »Ich bin in dieser Zeit oft nach Amerika gereist, zu Beat-Battles in Miami, New York, L.A. oder Atlanta. Ich kannte ursprünglich niemanden, habe meine Kontakte aber immer weiter ausgebaut.« Um seinen Lebensstil zu finanzieren, produzierte Fuego Musik für Werbefirmen. Ein deutlich lukrativerer Markt als die HipHop-Szene.

 

Der Song, der sein Leben veränderte, war »Whatcha Say«, der auch den Durchbruch für einen gewissen Jason Derulo bedeutete. »Seinen Manager habe ich bei einem Beat-Battle 2006 in Miami kennen gelernt, das ich gewonnen habe und wo er in der Jury saß. Wir sind in Kontakt geblieben, ich habe ihn ein paarmal in L.A. besucht. 2008 habe ich ihm den Beat für ‘Whatcha Say’ gegeben.« Der Rest ist Geschichte: Der Song ging im Sommer 2009 auf Nummer eins in den Billboard-Charts, verkaufte sich fast vier Millionen mal und öffnete Fuego, der neben J.R. Rotem als »Additional Producer« des Songs geführt wurde, viele Türen. »Der Song hat meinen Umzug möglich gemacht.«

 

Seit über einem Jahr führt Fuego nun zwei verschiedene Lifestyles in der Stadt der Engel: »Einerseits gibt es fünf bis zehn große Studios, wo immer die gleichen Leute an den großen Major-Projekten arbeiten. Man kann das jahrelang machen, ohne dass etwas erscheint. Manche schreiben 500 Songs, bis sie einen Hit haben. Das raubt Kraft und Zeit, die Liebe zur Musik bleibt auf der Strecke. Deswegen gehe ich parallel auch mit jungen, aufstrebenden Künstlern in kleinere Studios in der Hood, ohne bezahlte Budgets. Trotzdem haben diese Künstler Fans im Internet und ihre Songs laufen im Radio.«

 

Und so pendelt Fuego zwischen ­seinem Partyleben in Hollywood und einem Underground-Studio an der berüchtigten Ecke Crenshaw/Slauson, wo seine letzten lokalen Radio-Hits wie »Allstar« des lokalen, aufstrebenden Künstlers Ty$ oder seine erste House-Single »Get No Better« entstanden sind. Den Schritt, nach Amerika zu gehen, empfiehlt er jungen Musikern weiterhin uneingeschränkt: »Zumindest wenn du ein Songwriter für echte Stars sein willst, dann musst du nach Amerika.«

 

Musikalisch hat sich Fuegos Fokus vom ­HipHop hin zu Dance und Electro à la Deadmau5, Boys Noize oder Diplo verschoben. »HipHop ist für mich langweilig geworden. House fand ich immer geil, kommt aber in meinen neuen Produktionen stärker zum Vorschein, weil es in den USA inzwischen einen Markt dafür gibt.« Fuegos Priorität ist derzeit seine Karriere als House-DJ. »Bei elektronischer Musik ist der Kontakt zwischen Producer und Fan sehr direkt. Du spielst den Fans deine Beats vor und siehst, wie glücklich sie deine Musik macht.«

 

Nur eine einzige Connection pflegt Fuego noch in die deutsche HipHop-Szene, zu den Atzen, auf deren letztem Album »Party Chaos« er auch einen Beat platziert hat. Sonst arbeitet er in L.A. fleißig mit Newcomern wie YG, Ty$ oder Iggy, der designierten Nachfolgerin von Kreayshawn, deren Single »Pussy« er produziert hat. »Ich habe auch ein Lied mit Rihanna gemacht, das bis jetzt noch nicht rausgekommen ist. Das ist natürlich ein Glücksspiel. Da ist es einfacher und schlauer zu versuchen, seine eigene Rihanna aufzubauen. Ich habe jetzt zwei junge Künstlerinnen gesignt, deren Alben ich komplett produziere: Francesca Ramirez und Lyssi.«

 

Auch langfristig plant Fuego, in Kalifornien zu bleiben: »Mir gefällt der Lifestyle, das Wetter ist das ganze Jahr über traumhaft und die Menschen sind entspannt und kreativ. Ich kann hier gut von meiner Musik leben. Manche übertreiben es allerdings. In L.A. gibt es viele Typen, die einen Lamborghini kaufen, nur um cool zu sein. Für mich dreht sich alles nach wie vor um die Liebe zur Musik.«

 

Text: Stephan Szillus

 

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