Interview: Chance The Rapper (Feature #154)

chance hi res

 

Am 20. August trat Eminem vor knapp 70.000 Menschen im Glasgower Bellahouston Park auf. Unterstützt wurde er von einer illustren Schar Support-Acts: Tyler, The Creator, Yelawolf und sogar Kendrick Lamar spielten, bevor Marshall Mathers die Bühne betrat. Und eben auch ein 20 Jahre alter Typ aus Chicago. Sein Name: Chancelor Bennet aka Chance The Rapper. Zu verdanken hatte er diese Ehre vor allem seinem zweiten Mixtape »Acid Rap«, ohne Zweifel eine der besten Veröffentlichungen dieses Rap-Jahres. Gefühlt aus dem Nichts rief Chance binnen Wochen Rap-Hörer und Industrie auf den Plan. Aktuell gibt es in den USA kaum einen gefragteren Free Agent. Doch Chance The Rapper bleibt cool und geht im Herbst erst mal mit Macklemore & Ryan Lewis auf Arena-Tour.

 

Aus dem Nichts kam dieser Hype jedoch nur in der öffentlichen Wahrnehmung. Bereits mit seinem ersten Mixtape hatte Chance The Rapper vor allem lokal eine beachtliche Hörerschaft erreicht. »#10Day« erschien 2012, die Initialzündung für Chances Karriere kam jedoch, als er sich 2011 eines Tages gemütlich eine Sportzigarette anzündete. Nicht, weil er im Anschluss in einem kreativen Wahn ein Dutzend Welt-Hits schrieb, sondern, weil er dabei erwischt wurde. In der Folge suspendierte man ihn zehn Tage lang vom Schulbetrieb. Um etwas gegen die drohende Langeweile zu tun, beschloss er, während dieser Auszeit jeden Tag einen neuen Song zu veröffentlichen. Doch zehn Tage reichten dem perfektionistischen Künstler nicht und so dauerte es dann doch zehn Monate, bis das Debüt von Chance The Rapper, eine Aufarbeitung von dessen Jugend und Schulzeit, beendet war. Schon auf dieser frühen Veröffentlichung ließ er einen enorm vielseitigen und sehr klassischen Musikgeschmack erkennen. »#10Day« klang anders als alles, was 2012 sonst aus Chicago kam. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Windy City in der Rap-Wahrnehmung von düsterem Drill-Sound dominiert wurde, suchte Chance The Rapper seine musikalischen Bezugspunkte in der Vergangenheit. Völlig logisch, bedenkt man, dass er sich damals auf die Uni vorbereite, anstatt wie die anderen Rap-Kids in seinem Alter auf der Straße zu hängen. Folgerichtig waren die entscheidenden Fixsterne in seinem Universum damals Common und Kanye West, nicht Future und 2 Chainz. Ganz besonders die Beats, die Chance für »#10Day« pickte, erinnern stark an diese Soulmusik, mit der Yeezus zu Beginn seiner Karriere den Boombap erneuerte.

 

 

College Dropout

 

Tatsächlich war »College Dropout«, erschienen 2004, auch das allererste Rap-Album, das der damals elf Jahre alte Bub zu hören bekam. »Ich kannte vorher nur Jazz, Soul und Classic Rock. Meine Eltern wollten nicht, dass ich Rap höre. Michael Jackson, Queen und die Beatles kannte ich dafür in- und auswendig, aber Rap hatte ich höchstens mal bei Freunden gehört«, erklärt Chance im Interview. Als er jedoch im Radio zwei Songs von Kanye hörte, war er direkt angefixt. Doch seine Mutter wollte ihm das Album nicht kaufen, also bat er die Mama einer Freundin um Hilfe. Von dem Tag an, an dem er »College Dropout« das erste Mal hörte, wollte Chance Rapper werden. »Kanye war so anders als die anderen. Ich konnte seine Emotionen nachvollziehen. Ich hatte selbst keinen Bock auf Schule und mochte natürlich die Bezüge zu dem Thema, die man auf der Platte finden konnte. ‘College Dropout’ wurde sehr schnell mein Lieblingsalbum. Meine ersten Texte nahm ich mit 14 auch über Instrumentale von Kanye auf.«

 

Wenig später tauchten Eminem und Lupe Fiasco auf dem Radar des Nachwuchs-MCs auf. Er studierte ihre Musik und schulte damit seine Art zu rappen, sein Gespür für Flows und die Art und Weise, wie er heute mit seiner Stimme spielt. Es vergingen vier Jahre, bevor Chance es schaffte, den entscheidenden Schritt nach vorn zu machen und »#10Day« aufzunehmen. Dann jedoch ging es schnell. Weil die HipHop-Welt, Chief Keef sei Dank, 2012 besonders gespannt auf Chicago blickte, entdeckte die Industrie in Chance The Rapper ein besonderes Juwel zwischen den jungen Wilden aus der Southside. Sie ermöglichten es dem 19-Jährigen in den Folgemonaten, unter anderem Songs mit Ab-Soul, Childish Gambino, Action Bronson und Twista aufzunehmen. In dieser Zeit entstand »Acid Rap«.

 

Acid Rap

 

Als Chance sein zweites Mixtape am 30. April zum Download zur Verfügung stellte, zeigten sich die meinungsführenden US-Blogs binnen Tagen begeistert. Positive Kritiken von »Stereogum« bis »Pitchfork« trugen die Kunde von dem Mixtape mit Albumqualitäten in die breite Masse. Chance The Rapper wurde zum Konsensthema, auf das sich von Trendnasen bis Traditionalisten alle einigen können. Der MC hatte sein bereits auf »#10Day« erkennbares Talent für brüchig gecroonte Hooks und melodiöse Flows stark ausgebaut und sich, größtenteils bei Underground-Produzenten, ein musikalisches Gerüst zusammengeshoppt, das die besten Eigenschaften von Kanye und Outkast miteinander verband. Acid Jazz, Soul, Gospel und Blues tauchten gleichberechtigt als Einfluss oder Sample-Quelle auf und machten aus »Acid Rap« die entspann­teste, melodischste Platte des Halbjahres. Dazu erzählte Chance von Nostalgie und bewusstseinserweiternden Substanzen, beobachtete beeindruckend genau und pointiert, was in der Welt um ihn herum vor sich geht. Dadurch eröffnete er ein großes Identifikationspotenzial für Jugendliche. Zugleich machten es die vielgestaltigen Referenzen an die Vergangenheit – von A Tribe Called Quest bis Slum Village – auch älteren Semestern leicht, dieses junge Talent zum nächsten großen Ding emporzujubeln.

 

 

Schnell rissen sich Medien und Business-Menschen um Chance. Jeder wollte mit ihm arbeiten, alle wollten ihr Stück vom Kuchen. Doch der Künstler und sein Management blieben cool. Nichts voreilig entscheiden, erst mal abwarten, wie es weitergeht – das ist bis heute die Devise geblieben. Hier geht jemand offensichtlich unaufgeregt mit seinem Erfolg um. Nichts hört man von ­Bieterkriegen, dabei stehen die Majors längst Schlange.

 

Musik hat sich zu einer allzeit verfügbaren Ware entwickelt. Was bedeutet das für dich als Künstler?
Zunächst mal sehe ich das als etwas Positives. Schließlich hatte ich, als ich als Musiker angefangen habe, nur sehr wenig Geld zur Verfügung. Durch das Internet konnte ich trotzdem sehr schnell zehntausende Menschen erreichen. Gleichzeitig beobachte natürlich auch ich, wie stark sich die Musik­industrie verändert. Sie schrumpft, da der Wert von Musik sinkt. Heute geht es einfach nicht mehr darum, Alben zu besitzen und auf ewig aufzuheben. Der einzelne Long­player oder die einzelne Single – diese Formate verlieren an Bedeutung. Stattdessen geht es immer mehr darum, möglichst viel Wissen über Musik anzuhäufen. Spotify, Pandora und iTunes haben uns den Zugang zu einem riesigen Musikarchiv ermöglicht. Das hat das Verhalten von uns als Konsumenten stark verändert. In der Folge müssen Künstler heute natürlich nach neuen Wegen suchen, um weiter von ihrer Arbeit leben zu können. Aber ich sehe das nicht pessimistisch, es ist einfach eine Veränderung. Und schließlich kann man immer noch mit Konzerten Geld verdienen. Das Veröffentlichen von Singles, das Unterschreiben von Plattenverträgen, solche Sachen hingegen verlieren immer mehr an Wert. Seit dem Ende der Sechziger, nach den Beatles und den Rolling Stones, entwickelte sich das Geschäft mit den Platten zu einem sehr profitablen Geschäft, aber ich glaube, diese Zeit wird bald unwiderruflich vorbeigehen.

 

Was wird das, neben den veränderten Geschäftsmodellen, wohl noch für ­Auswirkungen auf Musiker haben?
Ich glaube, dass die weltweite Gemeinschaft der Musiker dadurch die Chance bekommen wird, wieder stärker zusammenzuwachsen.

 

 

Du musst gerade entscheiden, wie du mit der Industrie umgehen möchtest. Hast du deinen Weg bereits gefunden?
Nein, ich befinde mich noch mitten im Entscheidungsprozess und versuche mir eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Ich hadere aktuell sehr mit meiner Situation, weil um mich herum so viel Aufregendes passiert. Ich weiß, dass die Musikindustrie es mir nicht mehr ermöglichen kann, zwei Millionen Platten zu verkaufen und wahnsinnig viel Geld zu verdienen. Aber das ist total okay, denn ich kann ja immer noch Millionen innerhalb eines Tages erreichen, nur eben auf anderen Wegen.

 

Wärst du offen für so was wie Jay Zs Samsung-Deal für »Magna Carta Holy Grail«?
Ich glaube ja, dass solche Sachen großartig sind. Dieser Deal zeigt, dass Jay Z verstanden hat, wohin die Reise geht. Ob ich selbst etwas Ähnliches mitmachen würde? Da bin ich mir nicht so sicher. Ich weiß nicht, ob ich meine Musik wirklich an einen Mobilfunkanbieter verkaufen würde. Ich habe ja noch nicht mal entschieden, ob ich meine Songs überhaupt zum Verkauf anbieten möchte. Die 99 Cent, die man bei iTunes für einen Song bezahlt, haben ohnehin nichts mit dem eigentlichen Wert von Musik zu tun. Den kann man schließlich nicht in Geld bemessen.

 

Kaufst du selbst denn noch komplette Alben?
Ja, auf jeden Fall. Ich kaufe noch sehr viel Musik, meistens auch als physisches Produkt. Es macht mir einfach keinen Spaß mehr, Musik downzuloaden. Tyler, The Creators Album, »Magna Carta Holy Grail« und »Random Access Memories« habe ich mir zum Beispiel vor kurzem auf Platte gekauft. Es ist schon merkwürdig, vielleicht widerspreche ich mir damit auch, aber auch ich habe natürlich noch bei weitem nicht wirklich verstanden, wie es mit der Musik weitergehen wird, auch wenn ich mich mit dem Thema sehr viel beschäftige.

 
Das Album von Daft Punk? Das überrascht mich.
Ja, das ist fantastisch. Ich stehe momentan einfach total auf den ganzen Disco- und Funk-Stuff. Bands wie Parliament haben es mir aktuell sehr angetan. Das ist so gefühlsbetonte Musik, das gefällt mir sehr gut. Ich möchte Funk und Disco unbedingt auch in meine zukünftigen Arbeiten einfließen lassen.

 

 

Deine Songs erscheinen mir ebenfalls gefühlsbetont und sehr persönlich. Gibt es etwas, dass du der Welt erzählen möchtest?
Zunächst mal möchte ich Musik machen, die man sich gerne anhört, die gut klingt und die man auch nach langer Zeit noch mal hervorholen kann. Aber wenn man einen Schritt weitergeht, würde ich es so sagen: Musik im Speziellen und Kunst im Allgemeinen drückt meiner Meinung nach deine Existenz aus. Deine Kunst sollte dein Leben sein. Ich spreche in meinen Songs von meinem Leben und meinen Gefühlen. Ich nehme mir Musik und benutze sie, um meine Geschichte zu erzählen, um das zu sagen, was ich sagen möchte. Im Idealfall entwickelt ein Song dann ein Eigenleben und gibt vielen Leuten die Chance, sich mit ihm zu identifizieren.

 

Entstehen deine Texte bewusst oder ­unterbewusst?
Eigentlich schreibe ich meine Songs sehr bewusst. Ich gehöre zu der Art von Künstler, die sehr viel Zeit brauchen, um einen einzelnen Text zu Ende zu bringen. Auf der Platte mögen es am Ende nur 30 Sekunden sein, trotzdem hat es mich drei bis vier Monate gekostet, um diese Zeilen zu schreiben. Ich nehme mir bei allem, was ich tue, sehr viel Zeit. Ich überlege mir sehr genau, was ich sagen will und kalkuliere durch, wie viel Platz ich habe. Ich weiß immer als erstes, was ich erzählen möchte. Erst dann beginne ich zu schreiben.

 

Was ist für dich ein perfekter Song?
Einer der Songs, die ich als perfekt ­bezeichnen würde, ist »To Zion«, ein Stück auf »The Miseducation Of Lauryn Hill«. Sie schrieb es im Dialog mit ihrem noch ungeborenen Sohn. Scheinbar gab es damals Menschen, die sie davor warnten, ein Kind zu bekommen, weil sie so ihre Karriere über Bord werfen würde. Im Text zieht Lauryn Hill dennoch das Fazit, dass ihr Sohn ihr wichtiger ist als musikalischer Erfolg. Sie gibt ihre Künstlerposition auf und entscheidet sich anstatt dessen für das Leben ihres Kindes. Solche Songs möchte ich schreiben. Lieder, die vom Menschsein erzählen. Ich glaube, dass ich dieses Talent besitze.