Umse: »Ich mache mir Gedanken über jede einzelne Line.«

Umse_Sandrine_Appel

Im Juli rieselten mit »Yeah« die ersten Flocken auf Rap-Deutschland nieder, dieser Tage folgt das Gestöber in Form von »Hawaiianischer Schnee«. Umse und Deckah bringen in gewohnter Sampling-Manier das fünfte Album an den Start. Unverkennbar typisch gestaltet sich das Soundkonstrukt, textlich wird in verschiedenen Tracks auf den Status quo verwiesen, der nun unvermeidlich in einem Wendepunkt gipfelt – oder vielmehr gipfeln muss. Ein Gespräch mit Umse in Berlin.

Die Produktion von »Hawaiianischer Schnee« erfolgte teilweise in den Niederlanden – in welcher Phase des Entstehungsprozesses und wie lange wart ihr da?
Deckah und ich sind zwei mal zwei Wochen nach Holland gefahren und haben uns dort in einem Bungalow eingeschlossen, um effektiv jeden Tag an der Platte zu arbeiten. Am Anfang haben wir uns die ausgesuchten Sample-Songs hin- und hergeschoben. Daraus hat Deckah die ersten Beatskizzen gebaut. Während ich schrieb, baute er den nächsten Beat, und so nimmt die Sache ihren Lauf. Das Grundgerüst stand nach rund zehn Tagen, zu Hause haben wir dann die vielen Details ausgearbeitet.

Juckt es dir beim Sampeln noch in den Fingern?
Ich suche selbst immer noch gern die Songs raus, die wir letzten Endes sampeln, damit die Richtung grob vorgegeben ist und ich weiß, was ich hinterher erwarten kann. Wir arbeiten jetzt aber schon so viele Jahre zusammen, dass sich die Aufgaben genau aufteilen. Deckah ist allein für die Beats verantwortlich und ich eben für die Texte. So ist es effektiver.

Du hast seit dem Jakarta-Deal 2013 jährlich releast. Möchtest du diesen Rhythmus beibehalten oder kommt eine kreative Pause infrage?
Jetzt wäre auf jeden Fall eine Schaffenspause nötig, um sich anders zu orientieren. Es ist nicht mein Anspruch, jedes Jahr ein Album rauszubringen – und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, etwas Neues auszuprobieren, die Musik komplexer herauszuarbeiten. Wir hatten voll Bock, die letzten drei Alben genau so zu machen, und wir wissen auch, dass das nächste Album wieder so werden könnte. Aber das ist nicht mehr unser Anspruch. Den Mut, etwas Neues auszuprobieren, muss man sich erst erarbeiten, deshalb war dieses Album extrem wichtig im Entwicklungsprozess. Erst jetzt fühlen wir uns bereit, den nächsten Schritt zu gehen.

Auf dem letzten Track sprichst du von einer »Geschmacksgarantie seit dem ‚Wachstum‘-Release«. War der Jakarta-Deal vor drei Jahren entscheidend?
Auf jeden Fall! Vor allem auch in der Hinsicht, dass wir uns seitdem ernstgenommener fühlen und wissen, warum wir das Ganze machen. Wir haben die ganze Zeit im Hinterkopf, dass unsere Musik definitiv releast wird, und dementsprechend motiviert und diszipliniert arbeiten wir. Durch die Strukturen des Labels haben wir unsere Arbeit besser strukturiert. Wir haben gelernt, dass es entscheidend ist, wie man einen Song kurz nach der Fertigstellung findet – und nicht Monate später. Manche Tracks gefallen dir nach drei Monaten nicht mehr so wie in nach den ersten Tagen der Entstehung. Das ist normal.

Hat es deshalb »Yeah« nicht aufs Album geschafft?
Das hatte rein inhaltliche Gründe. Ich erzähle darin von mir selbst und dem Status quo. Der Song dient mehr als Einleitung und hätte auf der Platte inhaltlich keine Rolle gespielt, weil die gleiche Thematik schon in anderen Songs aufgegriffen wird.

Den Weg geht Deckah von Anfang an mit dir. Kam dir nie der Gedanke, mal mit einem neuen Produzenten zu arbeiten?
Wenn ich mit einem anderen Produzenten arbeite, dann auch in einem anderen Projekt. Hätte Deckah damals nicht unter diesem ­Namen auch gerappt, würde das ganze Projekt wahrscheinlich Umse-Deckah heißen. Um klar abzugrenzen, dass ich der Rapper bin und er die Beats produziert, bleibt es halt bei meinem Namen. Ich habe schon Lust, mit anderen Produzenten zu arbeiten, dann aber in einem anderen Rahmen. Wenn man sich seit Jahren so gut versteht und sich einen bestimmten Geschmack gemeinsam erarbeitet hat, sollte man das wertschätzen und beibehalten.

Du sprichst von Neuorientierung. Gibt es schon konkrete Pläne für Projekte mit anderen Produzenten?
Nein, konkret ist noch nichts. Aber es gibt ein paar Produzenten, zu denen ich Kontakt habe und die menschlich gut zu mir passen würden: Suff Daddy und Iamnobodi zum Beispiel.

Deine Feature-Partner sind mit Dike, Rheza, Aphroe und den Jokaz dieses Mal regional begrenzt. War das eine bewusste Entscheidung?
Ich hatte ein paar Namen im Kopf, auch Megaloh war wieder im Gespräch. Der hat es zeitlich aber nicht geschafft. Dann wäre es keine reine Ruhrpott-Auswahl geworden. Aber er war der einzige, den ich außerhalb der Region hätte featuren wollen. Es geht nicht immer nur um Namen und Reichweite, sondern auch um persönlichen Geschmack. Ich feiere, was die Jungs machen, und das ist das erste Album, in dem ich meinen lokalen Bezug auch ein Stück weit erklären konnte: »Hier komme ich her, und das ist mein Wunschsound von Deutschrap« – deshalb hat diese Konstellation für mich absolut Sinn ergeben.

Hat dich die Ruhrpott AG damals musikalisch geprägt?
Total. Wenn ich von Deutschrap geprägt bin, dann auf jeden Fall von der Ruhrpott AG. Wenn man sich irgendwann zum Ziel setzt, mit seinem eigenen Rap nach vorn zu kommen, muss man sich an den Stärksten orientieren. Jeder, der aus der Zeit kommt, weiß, warum ich sage, dass Aphroe einer der Stärksten ist. Ich habe zuerst Sachen gehört wie Fanta 4 und Absolute Beginner, und dann kommt auf einmal einer um die Ecke und fragt: »Sag mal, kennst du schon die Ruhrpott AG?« – da wurde ein ganz neues Bild von dem geformt, was ich bisher kannte. Ich weiß auch, dass Aphroe heute würdigt, was ich mache und dass ich seit Jahren konstant dabei bleibe. Es ist schön, dass die Kontinuität im eigenen Schaffen in dieser Form respektiert wird.

Im Freshmilk-Interview auf dem splash! vergleichst du die Weed-Sorte »Hawaiianischer Schnee« mit Musik: Man bekommt für das gleiche Geld bei dir weniger Tracks, die es dann aber richtig in sich haben. Welche Faktoren greifen deiner Meinung nach bei dieser Qualitätssicherung?
Das ist totale Geschmackssache. Ich muss beim Hören eines Albums bei mindestens drei bis vier Tracks Gänsehaut bekommen. In erster Linie ist das auf die Musik zurückzuführen. Das kann von einem Sample-Beat bis hin zu einer eingespielten Produktion variieren, es geht dabei ganz viel um Tonabfolgen und Harmonien. Deshalb sind unsere Beats auch alle so gestaltet, dass bei mir persönlich der Gänsehauteffekt eintritt. Das kann man natürlich auch auf die Texte anwenden. Es gibt oft Musik, die ich qualitativ richtig geil finde, eben weil gerade der Text extrem gut geschrieben ist. Wenn mich die Beats und Texte auf meinem eigenen Album berühren, kann ich für mich sagen, ich habe ein qualitativ gutes Album gemacht. Qualität ist aber immer etwas Subjektives.

Fühlst du dich nach wie vor bei Jakarta wohl?
Man kann die Sachen sicher immer noch etwas größer angehen, aber man sollte dankbar sein und nicht gierig werden, sondern sich über das freuen, was man hat. Wenn sich durch Zufall mal eine neue Tür öffnet, werde ich sicher mal um die Ecke gucken, was hinter der Tür passiert. Aber ob ich dann in dem Raum bleibe, werde ich sehen. Ich versuche nicht, auf Teufel komm raus erfolgreich zu sein. Vielmehr möchte ich mit meiner Mucke weiterkommen, und das funktioniert nur durch die einzelnen Songs. Ich mache mir Gedanken über jede einzelne Line.

Namedropping ist ja auch nicht dein Ding.
Gar nicht. Ich möchte mich auf niemanden beziehen, nur weil er mir ermöglicht, eine größere Fanbase zu erreichen. Durch Features mit Leuten wie Cro oder Kollegah würden ganz andere Menschen auf meine Musik aufmerksam werden. Die Frage ist aber, ob ich dann die gewünschten Effekte erziele oder mich hinterher ärgere, dass ich das nur aus Gier gemacht habe. Solche Gedanken lasse ich gar nicht erst zu. ◘

Text: Manuela Retschke
Foto: Sandrine Appel

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*Hinweis: Einsendeschluss ist der 13.11.2015. Der Gewinner wird per E-Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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