Team Reality Check vs. The Beats: »Einer der schlimmsten Songs, die ich in meinem Leben gemacht habe.« // Feature

In zwei Jahrzehnten haben Afrob, Eko Fresh und Samy Deluxe so ziemlich jede Rap-Generation überlebt. Im Rahmen des Red Bull Soundclash bündeln die Veteranen nun ihre Erfahrung im Team Reality Check und vertreten die alte Schule gegen das Freshmen-Trio Team New Level. Wir trafen die drei Lebenden Legenden im Vorfeld des Clash und spielten ihnen wichtige musikalische Stationen ihrer Karrieren vor.

Freundeskreis (feat. Afrob)
Overseas/Übersee (1997)

Afrob: Das ist einer der schlimmsten Songs, die ich in meinem Leben gemacht habe. (grinst)

Wisst ihr noch, wann ihr Afrob das erste Mal wahrgenommen habt?
Samy Deluxe: Bei einem Freestylebattle 95/96 und dann bei seiner ersten Single so richtig.
Eko Fresh: Ich hab Robbe irgendwann mal vorgerappt, in Köln vorm Neuschwanstein. Da war ich noch ein kleiner Bub und er schon richtig der Man. Robbes Flow war einzigartig. Bahnbrechend, die deutsche Sprache auf eine Art zu bringen, wie man sie nur aus Amerika kannte. Ein ähnliches Gefühl, als Samy rauskam. Er brachte eine noch andere Technik und Wortspiele mit. Ich weiß noch, dass ich bei Robbe krass auf den ersten Solotrack gewartet habe. Man kannte ihn nur von Features, und er hatte als Gast immer den coolsten Part. Wenn er mit den Kolchose-Jungs gerappt hat, habe ich immer für ihn – wie heißt das? – gerootet. Ich habe als Kanak in ihm immer den Kanak gesehen und fühlte mich repräsentiert.

Kool Savas (feat. Eko Fresh)
Bitte Spitte (2003)

Eko Fresh: (rappt die ersten Zeilen mit) Wir haben das damals nach Deutschland gebracht. Wir haben halt hart diese New-York-Sachen gefeiert. Dass wir das in der Konsequenz durchgezogen haben, war auf jeden Fall einzigartig. Manche Lines sind besser, manche schlechter, aber es ist echt schwer, solche Reime zu finden. Die musst du nebenbei sammeln.
Samy Deluxe: Eko hat ein neues Level reingebracht, was die Reimpräzision angeht. Er hat die Formel geknackt und einfach gerappt: »Deine Alte ist wie ‚8 Mile‘ – jeder war mal drinnen«. Ich fand das so derbe grafisch. Eko war einer der Ersten, der bei jeder zweiten Zeile einen Punch setzte und bei jeder Line einen guten Reim hatte. Da wurden Maßstäbe für die nächste Generation gesetzt.
Eko Fresh: Eigentlich ist mein Style eine Symbiose aus Savas und Samy. Von Samy habe ich die Technik und die Doppelreime, von Savas die Punchlines und den Humor. Ich hab natürlich auch ganz viel Ami-Kram übernommen. Am Anfang habe ich bei Big Pun die Silben gezählt und das Reimschema eins zu eins übernommen. (grinst)

Samy Deluxe (feat. J.R. Writer)
Gott sei Dank (Remix) (2006)

Samy Deluxe: Boah, das ist so ein schöner Beat. Der ist von Rsonist von den Heatmakerz. Das war aus der Dipset-Zeit. Irgendwann muss ich noch ein Mixtape machen, wo ich richtig krass über diese Beats spitte. Aus dieser Zeit sind mir lyrisch die wenigsten Sachen hängengeblieben. Das war ziemlich viel substanzloses Wellemachen und weniger Selbstironie, für die ich vorher bekannt war. Ich fand mich einfach derbe cool und wollte, dass das so rüberkam – und deshalb ist es nicht speziell geworden. Ich wollte etwas sein, was ich nicht war.

Ihr habt alle drei Features mit US-Rappern. Waren das denn alles Traumerfüllungen oder auch Marketing-Moves?
Eko Fresh: Bisschen Marketing ist natürlich dabei, wenn man einen älteren Song neuauflegt, um bestimmte Leute mitzunehmen, aber das hält sich im Rahmen. Es ist marketingtechnisch ja eher schlecht, weil ich solo sicher weiterkommen würde als mit so Neunziger-Rappern, die nur einen kleinen Markt bedienen. Deshalb habe ich das dieses Mal auf den Bonus-CDs, für Leute wie mich. Ich hab dieses Jahr auch nicht für alles bezahlt. Ich bin am Hustlen. Ich laber mit den Leuten und biete ihnen andere Sachen an und so weiter.
Samy Deluxe: Wir haben relativ schnell gecheckt, dass weder Amibeats noch -features die Verkäufe ankurbeln. Das sind echt eher Sachen aus Leidenschaft. Das macht man, wenn man da kreativ rangehen kann. Die Zeit, als ich einfach mehr mit der US-Nummer am Hut hatte. Heutzutage würde ich gerade nicht drauf klarkommen. Das finde ich erst wieder spannend, seit ich Ekos Credits gelesen habe. Er packt Cora E. und Rah Digga auf einen Track und hat andere witzige Kombos. Das ist einfach ein geiler Twist, und Leute auf Teufel komm raus zu featuren, ist nicht unser Ding.

Samy Deluxe
Musik um durch den Tag zu kommen (2009)

Samy Deluxe: Das ist von »Dis wo ich herkomm«. Das war auch die Tour, bei der ich das erste Mal mit Liveband unterwegs war. Auf jeden Fall war das eine krasse Zeit nach der, die ich vorhin beschrieben habe. Da habe ich wieder zu mir selbst gefunden. Musikalisch ist das jetzt nicht so derbe ausproduziert, aber das Album hat richtig gute Songs.

Auf dem Album benutzt du Autotune – vielleicht das erste Mal sogar richtig bewusst auf einem Deutschrap-Album?
Samy Deluxe: I invented this shit! (lacht)
Eko Fresh: Ey, jeder Kanake singt jetzt, Alter.
Samy Deluxe: Manche Leute gucken einfach durch eine Brille, mit der sie nicht genug Parameter haben, um Musik zu bewerten: »Ich steh nur auf Boombap. Ich steh nur auf Trap. Ich mag kein Autotune.« Ich glaube, wir drei hören Musik nicht so! Entweder catcht es einen oder nicht. Viele sagen, dass Autotune der Musik die Seele nimmt. Aber ich finde, es hat vielen erst Seele verliehen. Denn Leute, die sonst nicht singen würden, weil sie keine sauberen Gesangsstimmen, aber ein geiles Gespür für Melodien haben, finden so ihren Flow.

Eko Fresh (feat. Money Boy)
Swagger Like Moi (2010)

Eko Fresh: Das ist ein Monroe-Beat. 2009 habe ich ein wirklich modernes Mixtape gemacht. Ich weiß nicht, ob man es Trap nennen kann. Ich war in der Branx und hab das mit einem T-Shirt zusammen verkauft. Da habe ich diese ganzen Beats gepickt. Das war ursprünglich ein Ding von T.I., und dann haben wir das reversed oder so. Und was Money Boy angeht, muss man mal eine Lanze brechen: Ali As und ich haben den Typen so krass verteidigt, als er neu rauskam. Kann man auf Twitter alles nachlesen. Da haben ihn Leute gehatet, die heute selbst diese Trap-Schiene fahren. Weil ich das von Anfang an verteidigt habe, war ich ein bisschen enttäuscht, dass er es dann so verramscht hat. Aber die Leute haben sich daran gewöhnt, und das ist seine Art, an den Konsumenten zu kommen. Ich finde, dass er besser rappt, als Leute es zugeben.

Farid Bang (feat. Eko Fresh & Afrob)
Hol die Hände aus der Tasche (2011)

Afrob: Ah, der Song mit Farid.
Viele haben dich damals das erste Mal in einem Straßenkontext wahrgenommen.
Afrob: Es gab mit Bass Sultan Hengzt schon einen Song, der ähnlich Furore gemacht hat. In meinem Intro sage ich ja auch, dass nichts mehr mit Löckchen ist, sondern dass ich Locke der Boss bin.
Eko Fresh: Das lief über Farid. Der war auch sehr stolz drauf, weil er zu dem Zeitpunkt seiner Karriere noch der Freche für die Leute war, und dann hat einer der Etablierten wie Afrob mit ihm gearbeitet und ihm künstlerisch Props gegeben.
Afrob: Die JUICE hat mir mal zehn Alben geschickt, die ich bewerten sollte, darunter war auch »Jung, brutal, gutaussehend« – und das fand ich schrecklich! Dann war da noch irgendeine »Reimemonster«-Line, und ich dachte, Farid disst mich. Das habe ich meinem Cousin [der Düsseldorfer Rapper Haben; Anm. d. Verf.] erzählt, und der meinte, dass ich das falsch verstanden habe und dass Farid voll der Fan ist. Dann habe ich Farid getroffen. Ich kenne solche Jungs wie ihn, die sind anständig. Der guckt sich das Rapgame an, und für ihn ist das Entertainment. Charakterlich ist er für mich Eins a und ein gerader Typ. Der sagt dir, wenn er dich mag oder wenn er dich nicht mag, und hat Herz. Der ist keiner, der nach unten tritt und sich lustig macht über die vier Säulen oder was weiß ich noch alles.
Samy Deluxe: Außerdem hat er die fünfte Säule ja mit etabliert: Das Bodybuilding.

Zugezogen Maskulin & LGoony 
Füchse 2015 (2015)

Eko, für dich vielleicht noch mal zusätzliche Provokation: LGoony, einer eurer Kontrahenten auf dem Soundclash, sagt auf dem Song: »Ich kenne nur circa fünf Lieder von Tupac«.
Afrob: Ist doch geil, ist doch ehrlich.
Eko Fresh: Ich glaube, dass es gerade cool ist, nichts zu kennen. Das war doch schon immer so. Früher hat man gesagt, dass man im Deutschrap nichts kennt, jetzt eben so.
Afrob: Ich kannte doch auch Tracks von Leuten nicht, die vor mir da waren. Für mich hat Rap so richtig mit Public Enemy und Busta Rhymes angefangen. Und das macht mich nicht weniger zu einem, der diese Musik liebt, als jemand, der länger dabei ist und mehr kennt. Das ist der große Fehler, den Leute machen. Rap ist eine zugängliche Musikrichtung und erlaubt jedem, mitzumachen. Ob du jetzt alle Evergreens aufzählen oder jeden Mobb-Deep-Text mitrappen kannst, interessiert keine Sau. Und das ist gut so!

Afrob & Ferris MC 
Reimemonster (Acoustic Version) (2017)

Eko Fresh: Dieses Live-Album-Konzept ist geil. Robbe ist ja eh ein Live-Tier. Ich mag solche Sachen. Das hat für mich kulturellen und emotionalen Wert, weil ich damit groß geworden bin.

Sind eure größten Hits Fluch und Segen zugleich?
Eko Fresh: Nein, Mann, es sind Waffen. Mich kannst du überall auftreten lassen: vorm Möbelhaus, im Ghetto oder bei Mainstream-Events wie The Dome. Ich hab für alles den richtigen Song. Ich hab verschiedene Songs, die verschiedenen Leuten etwas bedeuten.
Afrob: Wie Eko schon zu verstehen gibt, ist es bei uns ja auch nicht nur ein Song. Von »1, 2, 3 Rhymes Galore« habe ich mehr verkauft als von jedem anderen Song – und ich habe den noch nie live gespielt. Klar gab es eine Phase, in der ich es echt gehasst habe, aber mittlerweile akzeptiere ich das als Kulturgut, das mir gar nicht mehr wirklich gehört. Das ist ein Geschenk, auf das jeder Zugriff und Anrecht hat, dass ich das spiele, wenn ich irgendwo bin. Manchmal muss man die Rolle spielen, in der einen die Leute sehen.
Eko Fresh: Manchmal liegen die alten kommerziellen Sachen auch so weit zurück, dass es schon wieder cool ist, die zu hören und zu spielen. Ich hab auf dem splash! alles gespielt, auch die alten Kommerzlieder. Die Leute haben sich gefreut, weil es so alt ist, dass es schon Kult ist. Es ist eine typische Rapper-Krankheit, dass man dagegen ist, wie die Leute einen sehen. Aber manchmal sollte man das umarmen.

Wie fühlt es sich an, beim Soundclash das Team der Oldschool zu sein?
Afrob: Alter, ist mir scheißegal. Rap ist ein gnadenloses Genre, in dem du dich über das definierst, was du im Augenblick bist. Von dem, was du gemacht hast, kannst du kurz zehren. Du bist immer nur so gut wie dein letztes Album.

Foto: Christoph Voy

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