Mädness & Döll: »Da, wo ich herkomm, wurden die mentalen Krisen erfunden« // Titelstory

Mädness & Döll by Robert Winter
Foto: Robert Winter

Die Brüder Mädness und Döll sind Stehaufmännchen; Rap-Arbeiter, die Lehrgeld bezahlten und trotzdem noch »Sterben für HipHop«. Nach jahrelanger Szeneabstinenz tauchen die beiden 2014 mit gefeierten Solo-EPs und »Normaler Samt«-Beiträgen kurz wieder auf, doch es regnet Probleme zu Hause in Hessen. Aus der Krise wird eine Chance, die Bruderschaft zur Tugend. Marco und Fabian schließen sich zum Duo Mädness & Döll zusammen, flüchten ins Exil und schreiben »Ich und mein Bruder«. Das gemeinsame Album ist der große Wurf und Aufstand zweier eng verwandter, aber völlig unterschiedlicher Rapper – das erste deutsche Grown-Men-Rapalbum mit Instant-Classic-Verdacht. Die Chronik eines unverhofften JUICE-Covers, die von Darmstadt nach Madrid, bis Stuttgart und Wien, über Zella-Mehlis, nach Berlin führt.

Westberlin, ein eisiger Sonntag im Dezember. Marco und Fabian Döll sitzen in einem Schöneberger Café und wärmen sich an Cappuccino-Tassen. Die letzten Wochen verbrachten sie auf der Autobahn, in Hotels, Backstages und auf der Bühne. Die »Halleluja«-Tour von Audio88 & Yassin, die sie als Support-Duo begleiteten, steckt den Live-MCs noch in den Knochen. So normal soll die rollende Messe gar nicht gewesen sein. Fragt man Travelcrew oder Besucher, endete die Team-Normal-Klassenfahrt stets mit Crowdsurfing, Bierduschen und Freudentränen. Und da stand noch nicht mal fest, dass die Gebrüder Döll in wenigen Wochen den zweiten Teil der Hallentour von K.I.Z begleiten und vor je 8.000 (!) Menschen eröffnen.

Die Brüder Mädness und Döll sind frisch nach Berlin gezogen, leben im gleichen Haus, aber nicht mehr in einer WG, wie einst zu Darmstädter Zeiten. So groß die Bruderliebe auch ist, sie kennt mittlerweile räumliche Grenzen. Im Sommer flüchteten beide vor »mentalen Krisen« in ein thüringisches Kaff mit »Coach« Torky Tork und kamen mit einem Berg an Tracks und Krisenbewältigungsansätzen in Berlin-Schöneberg an. Yassin übernahm in seinem Neuköllner Studio als Executive Producer, ordnete den Brainstorm, produzierte mit Torky die meisten Beats aus und arrangierte die Neo-Boombap-Entwürfe von Gibmafuffi, Sterio, Dexter, Fid Mella und Clefco.

DAS GUDE ERKENNEN

Noch reicht ihr Hauptstadthorizont gerade bis zum Labelbüro, dem Studio und dem Steuerberater. Und nicht nur Berlin ist Neuland, auch die Majorwelt, in der sie jetzt mitspielen: Ihr Duo-Debüt erscheint im März auf FOUR Music, dem ehrwürdigen Berliner Label, das die (Rap-)Genregeschichte seit zwei Dekaden mitschreibt. Jetzt stehen Deadlines an, Meetings, die letzten Aufnahmen, Abgabe des Artworks, Abmischung, das Master. Eine Kampagne wird ausgerollt. Rap als Job – diese Perspektive hatte zumindest Mädness, der große Bruder, schon längst abgeschrieben: »Den Weg, den wir jetzt gegangen sind, konnte ich mir nicht vorstellen. Dass wir eine Platte zusammen rausbringen, war für mich nicht greifbar. Und dass das nun auf dieser Plattform stattfindet, erst recht nicht. Bei mir war beruflich und privat erst mal ein ganz anderer Weg geplant. Das ist aber nicht schlimm, dass es jetzt so gekommen ist. Nur ungeplant, unverhofft.«

»Den Weg, den wir jetzt gegangen sind, konnte ich mir nicht vorstellen. Dass wir eine Platte zusammen rausbringen, war für mich nicht greifbar.« – Mädness

Flashback. Oktober 2014. Ein Bolzplatz in Darmstadt. Mädness rappt, begleitet von einer schottischen Blaskapelle, umringt von den Lions Cheerleaders, über einen Marsch-Loop: »Kids halten mich für einen uralten Knacker, während Rapmedien mich wieder zum Newcomer machen/Ich bin cool mit der Sache, ich muss es nicht mehr aufs JUICE-Cover schaffen.« Cut! – denn hier könnte die Geschichte bereits ihr Ende nehmen. Ein hessischer Lokalheld/Battlerapper-turnt-Geschäftsmann, der seine bescheidenen Erfolge bereits hinter sich hat, schließt ab mit der Rapwelt. Die großartige »Maggo«-EP klingt tatsächlich nach Ehrenrunde aus halbironischem Anti-Szene-Statement/Hit mit Yassin, Tiefstapel-Tracks mit »VoZ«-Kopf Kamp und selbstreflexivem Geflexe. Ende gut, alles Gude? Oder will es hier ein notorisch Unterschätzter nochmal wissen?

Mädness ist ein Doubletime- und Doppelreim-Revoluzzer, dem vor knapp zehn Jahren der Ruf des »hessischen Ludacris« anhaftete. Er hatte eine überragende Technik, Wobbelbässe vor dem Dubstep-Hype, tausende Flows, aber nie das Album geliefert, auf das sich alle einigen konnten. Lange bevor Kanackis zur Jugendsprache im Rhein-Main-Gebiet wird, hält der Kehlkopf-Künstler hessische Mundart hoch, gibt den Back-Up für Olli Banjo und veröffentlicht zwischen 2006 und 2010 vier Alben und ein paar EPs. Er featurt den frühen Marteria, besteht gegen Kool Savas 2009 auf dessen kreativem Peak (»Solche Rapper«) und schraubt mit Kollege Schnürschuh an einem deutschen Grime-Entwurf – wohlgemerkt vor zehn (!) Jahren. »Um die Jahrtausendwende war ja Druck drauf, die Leute wollten alle Deutschrap hören. Ab 2005 setzte dann eine starke Flaute ein, nur ganz wenige Sachen an der Spitze funktionierten. Und in der Zeit hab ich dann sehr viel releaset«, sagt Mädness und grinst.

RHEIN-MAIN-HARTREIM-SAGA

Das Rhein-Main-Gebiet umfasst die Städte Wiesbaden, Offenbach, Mainz, Aschaffenburg, Worms, Darmstadt und Frankfurt, die Hauptstadt des Verbrechens. Knapp 1,5 Millionen wohnen in dem Ballungsgebiet, in dem sich, beeinflusst von den Militärbasen der US-Army, schon früh ein eigenständiger hessischer Rap-Entwurf etablierte. Nur dreißig Kilometer entfernt von Darmstadt liegt FFM-Mainhattan, der Big Brother in der Region. 1994 sorgten Konkret Finn hier für »Reim, Rausch, Randale« und initiierten mit »Ich diss dich« Battlerap auf Deutsch.

»Der Einfluss von Konkret Finn und Tone war hier sehr früh hörbar. Und es gab auch einige Darmstädter MCs, die in hessischer Mundart gerappt haben – und das war neu«, erinnert sich Fabian. »Manges und Baggefudda hatten zum Beispiel einen sehr eigenen Sound: von Frankfurt geprägt, aber trotzdem eigen.« Marco nickt: »Beeinflusst, trotzdem eigen. Aber nie connectet!« »Rhein-Main-Gebiet-Style!«, wirft Döll ihm zu. Beide lachen. Im Interview wird es einige Male vorkommen, dass sich die Dölls beim Reden ergänzen wie Backup-Rapper.

Foto: Robert Winter

Die Verbindung nach Aschaffenburg, wo Olli Banjo damals wohnt, stellt später auch der jüngere Bruder Fabian her, der als kleiner Knirps begeistert die Freestyle-Sessions von Olli und Maggo im Nebenzimmer verfolgt. »Das erste, an das ich mich erinnere, sind riesige Public-Enemy– und Ice-T-Poster in Mäds Zimmer.« Mit der Aschaffenburger Partout-Crew, die aus dem Freestyler Felix XL (from »Mixery Raw Deluxe«-Fame) und Psaiko.Dino, heute Cro-Sidekick und Szeneparty-DJ, besteht, unternimmt Fabian, der den Familien- als seinen Künstlernamen trägt, die ersten Rap-Schritte. Nachdem die Dölls aus der hessischen Einöde nach Darmstadt ziehen, entstehen neue musikalische Cliquen.

Fabian hängt mit Tesk und Sterio, der einen sehr eklektischen Boombap-Zugang hat. »Meine Jungs waren Kollege Schnürschuh, also Phonk D und Ise, später noch Clav Split und Jogginghosen Jones«, erzählt Mädness. »Die haben dann direkt nach der ‚Maggo‘-EP, als es endlich funktioniert hat, mit Rap aufgehört.« Marco nippt am Kaffee und grinst. Seit 2010 hat er kein Album mehr veröffentlicht, als das »Maggo«-Video im Herbst 2014 viral geht – und vor allem von genrefremden Blogs geteilt wird. Während Mädness noch an seinem Homecoming feilt, sitzt der jüngere Döll in Spanien und schreibt sich sein Leben von der Seele.

BRUDER, MUSS LOS

Madrid im Frühling 2014. Krisenzeiten in der spanischen Wirtschaft – und in Fabians Kopf. Der Mittzwanziger, Reimnerd und Rap-Romantiker, taumelt desillusioniert durch sein Studium und schreibt nachts in einer 10qm-Studentenwohnung ein kleines Meisterwerk. Die »Weit entfernt«-EP ist das Psychogramm eines ewig Pendelnden und Getriebenen mit Existenzängsten und kommt ganz ohne mittelständisches Generation-Y-Geheule und -Pathos aus.

Den epischen Titeltrack produziert der schwäbische Beat-Konducta Dexter, den Döll während seines Studiums in Stuttgart auf einem Kendrick-Lamar-Konzert kennenlernt. »Ich hatte diesen Loop mit Potenzial. Für mich war das aber kein Hit, bis Döll seine Parts aufgenommen hatte. Dann bin ich nochmal über den Beat gegangen und hab gemerkt, dass das groß werden könnte. Das Video hat auch viel dazu beigetragen«, betont Dexter. »Für Döll war das der Track, mit dem er plötzlich auf der Karte war.«

»Für mich war das aber kein Hit, bis Döll seine Parts aufgenommen hatte. Dann bin ich nochmal über den Beat gegangen und hab gemerkt, dass das groß werden könnte […] Für Döll war das der Track, mit dem er plötzlich auf der Karte war.« – Dexter über »Weit entfernt«

Ein halbes Jahr vor »Maggo« lädt WSP – ihr damaliges Heilbronner Label – das Schwarz-Weiß-Video zu »Weit entfernt« hoch. Es dauert etwas länger, bis Rapdeutschland ahnt, was hier passiert. Mittlerweile hat das Video, das in Madrid entstand und Frauenschwarm Döll zum Liebling der Beanie-Girl-Fraktion machte, eine knappe Million Klicks. Beide Videos drehen die alten Hessen-Homies und Zwillingsbrüder Markus und Michael Weicker, besser bekannt als The Factory Room, oder: das Auge von Selfmade. Die Weicker-Brüder prägen über Jahre die Optik des Düsseldorfer Labels und filmen für Kollegah, Genetikk, Karate Andi und zuletzt Rin.

»’Weit entfernt‘ ist eines meiner Lieblingsvideos, weil es so intim ist«, erzählt Markus, der als Gibmafuffi 2014 das Beattape »Trinkhallenromantik« (samt Döll-Titeltrack) veröffentlicht. »Die Szenen und Settings sind eins zu eins aus seinem Leben. Der Block, auf dem er rappt, da hat er gewohnt. Madrid hat überhaupt viel zu seinem Reifeprozess beigetragen und in ihm den Entschluss geweckt, endlich eine Solo-EP rauszubringen.«

»Weit entfernt« ist Döll damit auch vom Schulhof-Swag seiner ersten dokumentierten Veröffentlichung mit Partner Nomis. 2010 gewinnen die beiden die SAE-Jamsession und nehmen als Duo das Album »Alles im Kasten« auf. Das zeigt bereits, dass Döll ein großes Talent auf Sinn-, aber eben auch noch auf Stilsuche ist. »Inhaltlich war Fabian schon immer etwas persönlicher als Marco«, beschreibt Gibmafuffi: »Er schreibt mehr über Probleme und Ängste und erinnert mich fast an einen Kamp, der offen die eigenen Schwächen anspricht.«

Kamp, der ewig verkannte Stolibub, der 2009 mit »Versager ohne Zukunft« seine Drohung von der »ersten und letzten LP« wahr macht, spielt ohnehin eine große Rolle in der HipHop-Sozialisation der Brüder. Wenn man sie auf den (Austro-Rap-)Klassiker anspricht, fallen Superlative. Ja, vielleicht ist »Versager ohne Zukunft« sogar ihr Lieblings-Deutschrapalbum ever. 2010 tourt Mädness mit Morlockk Dilemma und Kamp als »The Good, The Bad, The Alki« und schafft es fast, den Wiener musikalisch zu reanimieren. »Marco war damals zweimal bei mir in Wien. Wir waren in einer ähnlichen Phase: Ich hatte aus unterschiedlichen Gründen ein halbes Jahr zuvor dem Alkohol abgeschworen. Und er auch. Das hat sich total gut getroffen. Aber ich konnte das Kreative halt nie steuern und hatte leider in der Phase, in der Marco voll motiviert war, einen totalen Hänger«, gesteht Kamp.

»Mädness ist ein rappender Percussionist und Adlib-Meister, der seiner Zeit immer etwas voraus war« – Kamp

»Mädness ist ein rappender Percussionist und Adlib-Meister, der seiner Zeit immer etwas voraus war«, beschreibt er und zieht Parallelen: »Uns Rappern aus den Neunzigern ist ja oft eine gewisse Desillusion gemein, weil wir schon seit zwanzig Jahren dabei sind. Wenn dann ein bisschen Aufmerksamkeit auf einen fällt, belächelt man das und ist abgeklärt. Bei Marco und Fabian ist das ja eine bewusste Haltung, weil eh schon jeder auf dicke Hose macht.«

LIFE’S A KAHBA

Rap City Darmstadt, Herbst 2015. Nicht nur der SV 98 spielt nach langer Abstinenz wieder in der ersten Fußball-Bundesliga: Die EPs von Mädness und Döll und ein alles überrollender Olexesh packen die Stadt wieder auf die Rap-Karte. Die Brüder rappen sich an den Wochenenden den Arsch ab, kriegen endlich ihren Schein, doch steuern privat auf eine Lebenskrise hin. »Da, wo ich herkomm, wurden die mentalen Krisen erfunden«, rappt Mädness auf dem »Normale Freunde«-Allstar-Track von Audio88 & Yassin, in Anspielung auf eine alte Azad-B-Seite mit den Chabs, Jonesmann und Jeyz.

Der Rhein-M(a)indstate erstickt die Dölls: Marco, der studierte Soziologe und Selfmade Man, der sich ein ansehnliches Äppelwoi-Business aufgebaut hat, kündigt. Fabian, dem nach der EP alle Label-Türen offenstehen, macht erst mal dicht: »Um mich richtig zu entscheiden, habe ich lange gebraucht. Ich stand mir in der Phase selbst im Weg.« Von dieser Ära der Abfucks und dem Ausbruch daraus erzählt jetzt »Ich und mein Bruder«.

Zuerst entsteht »Frag mich nicht«: Eine introspektive Rückschau, die als gemeinsame Live-Nummer funktioniert und im Rahmen der »Oral History Of Darmstadt« in JUICE #170 auf der Heft-CD Premiere feiert. Und: »Unabhängig«, das von Brudi Sterio produzierte, selbstermächtigende Statement, das nach progressivem Beatwechsel im »Chaospart« aufgeht und die zweite Single von »Ich und mein Bruder« werden soll. »Mit ‚Unabhängig‘ fing alles an. Marco hat die Nummer zwei Monate vor unserem Thüringen-Trip geschrieben, und ich wollte auch unbedingt eine Strophe drauf machen. Wir hingen in der Zeit ohnehin viel miteinander ab, haben dann noch einen zweiten Song in einer Nacht geschrieben und gemerkt, dass das als Duo gut funktioniert. Das war dann eine Art Nacht-und-Nebel-Aktion, Torky anzurufen und zu sagen: Lass einfach eine Woche wegfahren. Ohne zu wissen, mit was man zurückkommt. Und wir kamen tatsächlich mit acht, neun Tracks zurück.«

ALRIGHT

Zella-Mehlis, im Sommer 2016. Torky Tork liegt in der Sonne, den Midi-Controller auf seiner Brust. In der thüringischen Einöde, dem grünen Herzen Deutschlands, haben sich die Dölls mit dem Produzenten eine Woche einquartiert. Der Berliner ist bekannt dafür, mit Rappern zu verreisen und mit gemachten Alben zurückzukehren. Das Bootcamp in der Idylle – laut Torky »ein superkleines Haus mit Spitzdach und winzigen Betten, wie eine Art Knast« – wirkt befreiend auf die drei. Die Dölls sind im »Mood«: »Lines schreiben sich von allein/Weil sie überfällig zu sein scheinen.« Gleich am ersten Tag entsteht »Alright«, ein Schlüsseltrack.

»Das hatte sich so in Marco aufgestaut. Der hatte den Sechzehner schon geschrieben, bevor ich mein Equipment überhaupt aufbauen konnte. Er musste nur ein inneres Türchen öffnen, dann floss alles raus. Wir hatten auf der einen Seite so Bock, endlich zusammen Mucke machen zu können, auf der anderen Seite gab es diese privaten Konflikte und Geschichten, die verarbeitet werden mussten«, resümiert Torky. »Wir wollten einfach nur so viel wie möglich kreieren.«

»Rapkohle war schon immer die beste Kohle« – Mädness

»’Alright‘ fasst zusammen, warum sie die Platte machen mussten. In den anderen Songs gehen sie in die Details«, erklärt Yassin, der sich im Laufe der Post-Produktion den Spitznamen Rick Rubin verdient. Das Album zelebriert diesen Wiederauferstehungsmoment: Flucht vor dem 9-to-5, Arsch-hochkriegen, das Risiko Musik doch nochmal eingehen. Mädness wird später erzählen, dass »Ich und mein Bruder« weniger aus Frustration als aus einer Enttäuschung heraus entstand: »Aber auch von mir selbst.« Genaueres will man Marco nicht fragen, er erzählt eh alles auf dem Album. »Es kam in den vergangenen Jahren zu einigen Brüchen in meinem Leben, die sich jetzt erst richtig setzen. Der Entschluss kam wie gerufen, um alles Vergangene aufzuarbeiten. Das war schon ein großer Cut. Aber Rapkohle war schon immer die beste Kohle.«

»MEINE FAMILIE: DIE REALSTE CREW, DIE ES GIBT«

Mädness und Döll ergänzen sich wie die ganz großen Rapduos. »Das macht die Kombi so interessant: dass sie so Diggedi-Das-Efx-mäßig ineinander verwoben schreiben können. Sie wollen dasselbe sagen, aber auf unterschiedliche Weise«, erklärt Kamp die Brudi-Chemie. »Die kennen sich in- und auswendig. Jedes Wort, selbst ein Atmer, löst in dem anderen etwas aus«, analysiert Yassin. »Als beide private Turbulenzen hatten, war es wirklich beeindruckend zu sehen, wie sie füreinander da waren. Wenn der eine nur noch zwanzig Prozent Energie hatte, hat der andere die zusätzlichen achtzig gestemmt. Wie eine Person, obwohl sie sehr unterschiedlich sind.«

»Ich und mein Bruder, das zweite Weltwunder«

Natürlich schwebt der Geist des einen großen deutschen Rap-Bruderpaars über »IumB«. Fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren, am 14.02.1997, veröffentlichten die Heidelberger Zwillinge Martin und Christian Stieber »Fenster zum Hof«, einen der großen – sicher: den am besten gealterten – Genreklassiker. »Ich und mein Bruder, das zweite Weltwunder« ist ein zentrales Stieber-Zitat aus »Fahrenheit 72«. Rapper, die sich Brüder nennen. »Das ist der Kontrast, der das Album so interessant macht«, sagt Yassin: »Die Souveränität und Routine von Mädness gegen den Hunger von Döll.«

»Die Souveränität und Routine von Mädness gegen den Hunger von Döll.« – Yassin

Zurück in Berlin. Neckarstraße, Neukölln, Januar 2017. Yassin und Torky sitzen im fensterlosen Studiokomplex, in dem sie zusammen mit den Brüdern in den letzten Wochen der Produktion quasi wohnten. »Es hat der Platte extrem gut getan, dass wir hier im Studio kein Handynetz und Internet haben«, meint Yassin. »Je länger wir dran saßen, umso konkreter wurde unsere Vorstellung, wie das Album als Ganzes funktionieren und welche Dramaturgie es kriegen kann. Wir wollten vor allem mit den klassischen Songstrukturen aus Sechzehner/Hook/Sechzehner brechen.«

GETEILTES LEID

»IumB« bricht tatsächlich mit vielem, ist Life- und Gamechanger zugleich. Für Marco ist es das karrieredefinierende Album, die Krönung seines zweiten Frühlings, neuer Hunger. Döll wiederum schließt damit endgültig zu den besten Rappern seines Jahrgangs auf. Die Erwartungshaltung an sein Soloalbum, für das er seit Jahren Beats hortet, wird dadurch nicht geringer. Es ist bereits der zweite Schuss der Dölls. Die schnell getaktete, schnappatmende Rap-Landschaft kennt keine Gnade. »Es bleibt dabei«: Jetzt müssen sie dranbleiben.

»IumB« ist vor allem eine Familienangelegenheit: erwachsen, ohne belehrend zu sein. Universell und brutal persönlich. Jede Zeile zielt tief und lässt noch tiefer blicken. Understatement trifft, in bester »Versager ohne Zukunft«-Manier, auf erhabene Raptechnik, Boombap auf Zeitgeist, Problem auf Lösung, Kopf- auf Bauchgefühl. Zwei Ebenen, Zugänge und Erzählungen, die auf einen gemeinsamen Ausgang zusteuern. »Zwanzig Jahre, nachdem ich das erste Mal Platten hörte aus Mäds Zimmer, machten wir eine zusammen, an die wir uns in zwanzig Jahren noch erinnern«, schließt Döll nach 40 Minuten ab. Real Rap, no Amazon-Gimmicks. Es klingt verdächtig nach Klassiker.

Ein letzter Abstecher nach Schöneberg. Die Uhr schlägt: »Passende Zeit«. Das Café, in dem wir uns das erste Mal trafen, hat geschlossen: Renovierungsarbeiten. Auch die Dölls haben ausgemistet, neugemacht. »Wir haben unterschiedliche Lebenserfahrungen gesammelt. Aber unsere Ausgangslage ist jetzt die gleiche. Nur der Weg hierhin war für jeden ein anderer«, fasst Maggo zusammen. Im gleichen Kiez, in dem David Bowie in den späten Siebzigern seine Berlin-Trilogie schrieb, stranden gerade auch andere zugezogene Rapper: Ahzumjot und Maeckes, Fatoni wohnt ein paar Straßen weiter mit Juse Ju. Gemeinsame »Grown-Men-Rap-Cyphers« abhalten wollen, klingt unrealistisch, ist aber, laut Marco, geplant: »Die Whatsapp-Gruppe steht schon.«

Die Dölls sind angekommen in der Hauptstadt und wurden von Audio & Yassin, Torky, Enoq und Sänger Ipp wie Familie aufgenommen. So langsam fällt die Anspannung ab. Die Live-Generalprobe vor einigen tausend K.I.Z-Fans bestanden sie mit Sternchen. Bei FOUR erwartet man keinen überzogenen Hype, Shitstorms oder absurde Erstwochenerlöse. Man will das Album langlebig arbeiten. In die Riege großer Deutschrap-Releases reiht man sich mit »IumB« auf dem Label ohnehin ein. Aber Erwartungen hält man im Hause Döll ja gerne unten. Sie tun das aus Gründen. Für die Familie. ◘

Dieses Feature erschien erstmals als Titelstory in JUICE #179 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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