Jean-Michel Basquiat: Outsider Art // Feature

»Picasso Baby«, wieder und wieder, sechs Stunden lang: Wer bitte hält das aus? Als Jay-Z seinen Song 2013 in einer New Yorker Galerie im Loop performte, war ihm die Frage vermutlich egal. Es ging ihm um die große Kunstgeste, nicht um die Bespaßung der Rapfans. Spätestens als die Performancekünstlerin Marina Abramovic dazu stieß, wurde klar: Kunst und HipHop, das kann zusammen funktionieren. Einer der Vorreiter für diese Verknüpfung ist Jean-Michel Basquiat. Er taggte schon Ende der Siebziger, produzierte einen Raptrack und ist trotz seines frühen Todes mit 27 Jahren einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler der Welt.

Doch lange bevor ein japanischer Sammler ein Gemälde von Basquiat für über hundert Millionen Dollar kaufte, wurde in den Straßen von New York etwas ganz anderes diskutiert: Wer ist SAMO? Es ist das Jahr 1978, und die Wände sind vollgemalt mit dem mysteriösen Kürzel, das von einem Copyright-Symbol abgerundet wird. Ironische Sprüche, die sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzten, oder skizzenhaft gezeichnete Figuren stehen neben der Signatur.

SAMO, das ist keiner, der durch die Straßen zieht, um seinen Namen zu taggen. Er fällt stattdessen durch poetische Provokation auf. Mit den sauberen Styles von Graffitipionieren wie DONDI, der sich zur gleichen Zeit an der New Yorker Metro zu schaffen macht, hat das nichts zu tun. SAMO ist besonders und »4 the so-called avant-garde«, wie es an einer Wand geschrieben steht. Aber das hilft denjenigen in Manhattan, die gerne Teil eben dieser Avantgarde sein wollen, auch nicht weiter. Sie müssen sich vorerst damit zufriedengeben, dass ein Phantom ihnen Denkanstöße liefert und sich über sie lustig macht.

Dass hinter SAMO der noch nicht mal volljährige Basquiat steckt, der gerade sein Zuhause verlassen hat, vermutet damals keiner. Basquiat ist ein hagerer, groß gewachsener Junge, mit haitianisch-puerto-ricanischen Wurzeln und einer Vorliebe für abseitige Frisuren. Als er beginnt, mit seinem Marker durch die Stadt zu streifen, ist er wohnungslos und will gar kein Teil der Graffitiszene sein. Er taggt lieber neben Galerien, um von der Kunstwelt wahrgenommen zu werden, und ist später mit Künstlern wie Rammelzee und Fab 5 Freddy befreundet, die beide mehr sind als bloße Trainwriter. Fab 5 zum Beispiel malte einen Wholecar, der sich auf den Pop-Art-Begründer Andy Warhol bezieht. Warhol wiederum war eines der größten Idole von Basquiat, später arbeiteten beide bis zu Warhols Tod intensiv zusammen.

»Als Basquiat SAMO malte, war er beeinflusst von HipHop als Kultur, von der Mode, den Graffiti und der Rapmusik«

Auch die Londoner Kuratorin Eleanor Nairne sagt, dass Basquiats Verhältnis zur Graffitiszene und zur HipHop-Kultur schwer zu fassen ist. Sie ist Expertin, hat sich mit Basquiats Leben und Wirken umfassend auseinandergesetzt. Gerade hat sie eine große Einzelausstellung seiner Arbeiten kuratiert, die in London und in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen ist. Dort geht es nicht nur um Basquiats Malerei, sondern auch um SAMO und um seine Verbindung zur Musik. »Als Basquiat SAMO malte, war er beeinflusst von HipHop als Kultur, von der Mode, den Graffiti und der Rapmusik«, sagt sie. »Aber auf den Blockpartys in der Bronx war er nicht.«

Schon in seiner Kindheit besuchte Basquiat mit seiner Mutter die großen New Yorker Kunstmuseen. Er las Künstlermonografien und verschlang Andy Warhols Buch »The Philosophy Of Andy Warhol (From A To B And Back Again)«. Dort beschäftigte der sich auch mit seiner eigenen Selbstdarstellung. Basquiat wiederum mochte das Spiel mit den Identitäten. Den Namen SAMO legte er daher nach wenigen Jahren wieder ab; auch weil er durch die Unterstützung von befreundeten Künstlern mit einem Atelierraum und Materialien ausgestattet wurde. Er war schlicht nicht mehr auf die Straßenkunst angewiesen. Trotzdem hat ihn das Versteckspiel hinter Pseudonymen immer fasziniert. Nairne sagt: »Basquiat war interessiert an der Identität als künstlerisches Medium.« Damit hat er wiederum viele heutige Sprüher beeinflusst. Es erinnert an das Hin und Her von Trainwritern wie MOSES und TAPS.

»Basquiat war interessiert an der Identität als künstlerisches Medium«

Unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichte Basquiat bruchstückhafte Malerei, gespickt mit verzerrten Figuren und Textfetzen. Für seine Werke sampelte er sich seine Einflüsse aus Kunst und Literatur zusammen und kreierte daraus etwas Neues. Auch in dieser Hinsicht war er also von der Arbeitsweise des HipHop beeinflusst und brach Konventionen. Mit diesen Arbeiten startete er durch, hatte große Ausstellungen, produzierte stellenweise auf eine manische Art Werke wie am Fließband und zog berauscht von Kokain und Heroin durch das Nachtleben, immer auch auf der Suche nach neuer Musik. Zusammen mit Rammelzee und K-Rob produzierte er schließlich die Rap-Single »Beat-Bop«. Basquiats Schaffen in den Achtzigern, seiner großen Zeit, war ein einziges Experimentieren: Mit Identitäten, mit Stilen, mit Musik und mit Drogen, die ihn nach und nach zersetzten.

Eleanor Nairne sagt: »Basquiat war ein Outsider-Artist.« Basquiat, ein wohnungsloser Afroamerikaner, der nie eine Kunsthochschule besucht hat, entwickelt sich binnen kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Stars der New Yorker Kunstszene: Das gab es vorher nie. Dieser rasante Aufstieg, den Basquiat seinem Talent, Charme und seiner Kompromisslosigkeit verdankt, treibt Rapper auch 2017 noch an. Kanye West, Jay-Z, Vince Staples, $uicideboy$: Sie alle erwähnen ihn in ihren Songs. Zu letzteren wiederum passt Basquiats selbstzerstörerische, gleichzeitig hochproduktive und unmittelbare Art, Kunst zu produzieren. Rapper wie Lil Pump, Bones oder Lil Peep bestücken stattdessen eben ihre Soundcloud mit den Auswüchsen ihrer Manien. Basquiat wurde der Lebensstil schließlich ähnlich wie Lil Peep zum Verhängnis. Mit 27 Jahren starb er an einer Überdosis Heroin. Doch sowohl im HipHop als auch in aktuellen Kunstwerken wird sein Vermächtnis wieder und wieder gesampelt.


 
Alle Bilder und Fotos zur Verfügung gestellt von der Schirn Kunsthalle Frankfurt (http://www.schirn.de/). Die Basquiat-Ausstellung läuft dort noch bis zum 27. Mai.

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