Yung Lean & Sad Boys – Realer wird’s nicht [Interview]

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Yung Lean und seine Jungs sind traurig. Vielleicht, weil Stockholm von Aliens ­belagert wird, wie das Video zu ihrem Song »Kyoto« belegt. Vielleicht ist die Melancholie aber auch all den schönen Produkten geschuldet, die Yung Lean zelebriert, und die in Schweden eher schwer aufzutreiben sind. Für Codein gibt es in Södermalm ­schließlich auch keinen Liquor Store. Also frönen der 17-jährige Digital Native und ­seine ­Bande ihrem emotionalen Mantra in digitaler Chopped-and-screwed-Ästhetik. ­Während eines Besuchs in Berlin treffen wir Yung Lean mit seinen Produzenten Yung Gud und Yung Sherman, die auf der Couch fläzend ihren Tour-Stammtisch abhalten. Wir haben ­zwischendurch mal ein paar Fragen eingeworfen – über Rap, Tennis, Arizona Ice Tea und die Realness des Internets.
 

 
Ich habe Rap aus Schweden in den letzten Jahren eher ignoriert. Wer ist neben den Sad Boys noch relevant?
Yung Sherman: Niemand. Und das sage ich nicht, weil ich ein Arschloch bin. Würdest du in Schweden leben, könntest du das nachvollziehen. Diese ganzen Rapper erzählen immer wieder davon, wo sie herkommen und wie hart es ist, dort aufzuwachsen. Irgendwann wird das langweilig.
 
Seid ihr mit schwedischem Rap ­aufgewachsen?
Yung Sherman: Eher mit amerikanischem HipHop – J Dilla, Madlib und Pete Rock.
Yung Lean: Gang Starr, viele Stones-Throw­ ­Geschichten; vor allem Dilla und Jaylib ­waren großartig. Und wir hören viel Jazz bei mir zu Hause. Ich habe aber keine Idole, weil ich nie bei einem Ding ­hängenbleiben kann.
 
Aber es gibt bestimmt Musiker, die ­deine Perspektive beeinflusst haben.
Yung Lean: Die Beatles wahrscheinlich. (alle lachen) Nein, im Ernst. Die haben so viel verschiedenen Scheiß gemacht. Hör dir mal die »Sgt. Pepper’s«-Platte an und vergleich das mit ihren vorigen.
 
Wer ist bei euch eigentlich wofür ­zuständig?
Yung Lean: Die beiden produzieren, ich schreibe nur Lyrics, rappe und mache anderen Kram, wie Musikvideos. Ich will in Zukunft auch einen richtigen Film drehen.
Yung Gud: Und er ist ein Fußball-Biest!
Yung Lean: Im Tennis bin ich wirklich gut. Schreib das auf jeden Fall auf!
 
Du bist also Tennisprofi?
Yung Lean: Ein kleiner Profi vielleicht.
Yung Gud: Dann solltest du mit dem ­Rappen aufhören und wirklich Profi werden.
Yung Lean: Am besten mache ich beides. Ich fühle mich wie Björn Borg (schwedische Tennislegende; Anm. d. Verf.) mit jeder Menge Bars.
Yung Gud: Wir sollten diesen Sommer ­übrigens mal öfter einen Tennisplatz mieten.
Yung Sherman: Zum Sommerhaus meiner Familie gehört ein Tennisplatz. Mein Opa hat lange gespielt und war ziemlich gut, er hat etliche Pokale gewonnen.
Yung Gud: Cool, wir fahren da hin und tragen nur Fred Perry!
 
In Deutschland ist Tennis meistens mit viel Geld verbunden.
Yung Gud: Wir haben viel Geld. (lacht)
Yung Lean: Ich bin nicht mit viel Geld ­aufgewachsen, aber wenn ich früher im Sommer zu meiner Oma gefahren bin, hat sie mir immer Tennisstunden geschenkt. Deswegen habe ich als Kind oft gespielt.
Yung Gud: Ich auch. Und Cello habe ich gelernt. Meine Eltern wollten, dass ich so ein Upperclass-Kind werde.
 

 
Wann habt ihr mit der Musik angefangen, vom Cello mal abgesehen?
Yung Gud: Ich habe mit zwölf oder ­dreizehn angefangen, Psychedelic, Trance und Drum’n’Bass zu machen. Ich habe sogar Dubstep vor allen anderen gemacht. (alle lachen) Wahrscheinlich weil ich ein Faggot bin.
Yung Sherman: Was bist du?
Yung Gud: I’m a faggot!
Yung Sherman: Wenn du das dauernd sagst, glauben es die Leute irgendwann.
Yung Gud: Damit habe ich doch kein ­Problem. Woher weißt du denn eigentlich, dass es nicht so ist?
Yung Lean: Vielleicht, weil du eine Freundin hast?
Yung Gud: Nein, habe ich nicht.
 
Seid ihr in Stockholm in der gleichen Gegend aufgewachsen?
Yung Lean: Ich und Sherman kommen aus Södermalm, und Yung Gud ist da immer vorbeigekommen um abzuhängen. Das ist eine unspektakuläre schwedische Gegend. Es gibt Östermalm, wo das Geld sitzt, und Södermalm, das eher arty ist. Es gibt etliche Cafés. Wahrscheinlich würde man sagen, das ist der Hipster-Teil von Stockholm.
Yung Sherman: Ist es ja auch.
Yung Lean: Aber ich hasse diesen Begriff. Es ist absurd, wie viel Negativität da drin steckt. Die Leute haben einfach immer Angst vor anderen Menschen, die besser über etwas Bescheid wissen, als sie selbst. Als ich in der fünften Klasse war, habe ich richtig enge Hosen getragen und musste mir echt viel Scheiße anhören. Ein Jahr später hatten sie dann alle.
Yung Gud: Ich liebe es, früh Musik zu entdecken. Sobald sie dann bei den Leuten angekommen ist, gebe ich damit an, dass ich viel eher dran war. Außerdem stehe ich auf weirde Tattoos und krempel meine Hose um. Ich bin also auch ein Hipster. Und ich bin stolz darauf.
Yung Lean: Das ist ok. Wenn man mit Stolz Hipster ist, respektiere ich das.
 
Apropos Mode: Das Mixtape »Unknown Death 2002« ist über die Seite des ­Modelabels Mishka erschienen. Liegt die Zukunft für Musiker in solchen ­Kooperationen?
Yung Lean: Naja, hätte ich ein eigenes ­Plattenlabel gehabt, wäre das Mixtape ­definitiv dort rausgekommen. Aber Mishka war einfach up to date, die haben mich kontaktiert, als ich gerade mal um die 2000 Views hatte. Ich habe ihnen von dem Tape erzählt und sie wollten es auf ihrer Seite anbieten, die eine riesige Reichweite hat. Ich glaube, die Zukunft liegt nicht in der Kooperation von Musikern und Marken, aber sie wird von Leuten gemacht, die früh dran sind.
 
Konntet ihr eigentlich mittlerweile einen Deal mit Arizona Ice Tea eintüten, so wie ihr das representet?
Yung Lean: Nein, das ist ein ­unerreichter Traum. Aber sie folgen mir auf Twitter, wirklich! Den Tag, an dem das passiert ist, werde ich nie vergessen.
 
Yung Lean, du hast mittlerweile auch mit ein paar Amerikanern zusammen­gearbeitet.
Yung Lean: Ja, Kreayshawn zum Beispiel. Ich war ein großer Fan von ihrem Song »Gucci Gucci«. Als dann letzten Sommer mein Video zu »Hurt« rausgekommen ist, hat sie meine Lyrics auf Twitter gepostet – kurze Zeit später fragte sie mich nach einem Feature. Dann gibt es noch Tracks mit Yung Gleesh, Denzel Curry und SpaceGhostPurrp. Die habe ich eigentlich auch alle über Twitter kennengelernt. (lacht)
 

 
Wenn es um eure Musik geht, wird gerne über Authentizität gesprochen. Was denkt ihr über »Realness«?
Yung Lean: Wir machen das, was für uns am realsten ist. Straßenrap – wenn man das so kategorisieren will – mag für diejenigen Rapper real sein, die das leben. Aber wir machen einfach das, was wir fühlen und können. Realer wird’s nicht.
Yung Gud: Bei HipHop ging es schon immer darum, real zu sein, indem man ­angeblich die Realität wiedergibt. Bei ­anderer Musik, Metal zum Beispiel, ist es völlig legitim, über etwas zu singen, das du nie erlebt hast. Bei HipHop wird das ­dagegen immer erwartet. Wir wollen aber einfach auch eine Fantasiewelt aufbauen.
Yung Lean: Wenn du nämlich keine ­unterhaltsame Realität hast, dann musst du dem irgendwie entkommen. Und Musik ist die Antwort darauf.
 
Wie real ist das Internet?
Yung Lean: Alles was uns umgibt, ist wohl real. Ich will nicht nur mit dem Internet in Verbindung gebracht werden, aber natürlich spielen wir unsere Shows, weil uns Leute darüber kennengelernt haben. Insofern: Danke, Internet!
Yung Gud: Das Internet ist die größte und beste existierende Bibliothek.
Yung Lean: Menschen, die einen guten Geschmack haben, werden im Internet viel Spaß haben. Und debile Menschen werden noch behinderter werden.
 
Eure Musik wird oft mit Drogen in ­Zusammenhang gebracht.
Yung Lean: Wenn Leute unsere Musik gerne hören, während sie high sind, ist das cool. Das ist aber nicht beabsichtigt.
Yung Gud: Wir versuchen nicht »Get-High-Music« zu machen. Unser Sound ist einerseits sehr aufgeblasen und zur gleichen Zeit aber auch langsam und atmosphärisch – das gefällt wohl vielen, wenn sie high sind.
Yung Sherman: Machst du eigentlich Beats, wenn du high bist?
Yung Gud: Ich bin nie high! Ich werde ­nämlich nur paranoid und traurig, und will mich umso dringender umbringen.
Yung Lean: Ach ja, stimmt. Also ich ­mache echt viele Songs, wenn ich high bin. Erinnerst du dich an die Aufnahmen von »Heal You« und »Oceans 2001«?
Yung Gud: Natürlich erinnere ich mich daran. You were leanin’! Du hattest den Hustensaft von meinem Vater getrunken, der mindestens seit zwei Jahren abgelaufen war.
Yung Lean: Das schwedische Codein ist aber auch wirklich nicht gut. Das Zeug war nicht mal richtig purple.
Yung Gud: Scheiß auf die Farbe, das Zeug basiert einfach nicht auf Codein, sondern auf Morphin.
 

 
Was ist das emotionale Mantra der Sad Boys?
Yung Lean: Das ist eine individuelle Sache. Ich bin eigentlich ein ziemlich gefestigter Typ.
Yung Gud: Ich fühle mich jeden Morgen, als müsse ich sterben.
Yung Sherman: Ich glaube, ich versuche mich in meiner Badewanne zu ertränken, wenn wir zurück in Schweden sind.
Yung Lean: Und ich sitze einfach zu Hause, an meinem Rechner. Nicht so crazy.
 
Abschließende Worte?
Yung Lean: Shouts an meine Mum, meine Oma, Sherman’s Dad und vor allem an Gud’s Schwester.
Yung Gud: Was?!
Yung Lean: Sie ist cool. Shouts an jeden, der die Sad Boys mag und unseren Track »Solarflare« pumpt, während er ein Bad nimmt. Oh, und Shouts an Sam aus »Der Herr der Ringe«, weil er mir ähnlich sieht.
 
Illustration: Anna Luise Ruprecht
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #159 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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