Rick Ross [Feature]

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Maybach Curtains
 
Es scheint, als sei Rick Ross unverwundbar gegen jegliche Attacke, die das Rap-Spiel zu bieten hat: Das unfreiwillige Outing seiner Gefängniswärter-Vergangenheit, die ­anschließend hässlich geführte Fehde mit Fifty, zwei Schlaganfälle innerhalb eines Tages und ein Drive-By-Shooting. Rückschläge, die andere die Karriere, wenn nicht gar das Leben gekostet hätten – Rozay hat sie überdauert. Ausgesessen. Selbst die ­Kontroverse um eine bedenkliche Vergewaltigungs-Zeile, mit der er im letzten Jahr nicht nur ­Feministenverbände gegen sich aufbrachte, sorgte nur vorübergehend dafür, dass der Bawse seine gutdotierten Endorsement-Deals verlor. Klar ist: Um Musik ging es in letzter Zeit nur selten, wenn über den Selfmade-Millionär und Maybach-CEO ­berichtet wurde. Sein neues Studioalbum »Mastermind« dürfte diesen Umstand wieder ändern.
 

 
Die Promo-Maschinerie rollt über Nord­amerika. Seit einem halben Jahr postet, teilt und hashtaggt Rick Ross jeden noch so kleinen Hinweis zu seinem sechsten Major-­Album. »Mastermind« soll größer sein. ­Wieder mal. Epischer, natürlich. ­Musik­alischer. Und: überlebensgroß sowieso. Ein ­handelsüblicher MMG-Blockbuster also. Nur, dass ­unmittel­bar vor ­Veröffentlichung noch immer der ­Radio-Hit fehlt. Der ­ursprüngliche Kandidat, »No Games« mit Auto-Tune-Crooner Future, der bereits im letzten Jahr erschien, ­verbuchte nur wenig Airplay. Def Jam verschob das Album ­daraufhin, und man ­entschied sich für die nächstlogische ­Alternative: das Jay-Z-Feature. Doch auch »Devil Is A Lie«, ein zeitlos-drückendes und doch vorhersehbares Boombap-Konstrukt, brachte vergleichs­weise wenig ­Aufmerksamkeit ein. Die Wiedervereini-gung mit Nebenbuhler ­Jeezy auf dem geleakten »War Ready« erzeugte ­wenigstens den nötigen Gossip auf der ­Straße. ­Seitdem verbreitet die Maybach-Gruppe die Video-Teaser und Vorverkauf-Links in den sozialen Netzwerken im Sekunden­takt. Rozay hat die Marketing-Strategien 2.0 verfeinert, ­perfektioniert und bis ins Absurde ­gesteigert. Er ist kein Ge-schäftsmann. Er ist ein ­Geschäft, Mann. Um seine paradoxe ­Karriere – eine Anomalie im Musikgeschäft, die jedem theoretischen Reißbrett-Konstrukt zu ­widersprechen ­scheint – zu verstehen, muss man dorthin gehen, wo die Geschichte des Rappers Rick Ross ihren Anfang nahm: an den »Port Of Miami«.
 
TRIPLE BEAM DREAMS
 
Geboren in Coahoma County am ­Mississippi River, wächst William Leonard Roberts II, wie ihn seine haitianische Mutter tauft, im Florida der 70er-Jahre in Carol City auf, unweit der Hafenmetropole Miami. Über ­seine Eltern lässt sich nur wenig in ­Erfahrung bringen. Über seine Schulzeit heißt es im Internet, dass William ein schwieriger ­Teenager war, der Probleme mit Autoritäten hatte. In jungen Jahren ­wechselt er mehrfach die High School und erhält letztlich ein Football-Stipendium an der Albany State University. Einsichten in das private Leben Roberts gewährt der Rapper Rick Ross nur selten. Er trennt ­seine Künstlerpersona vom Privatmann. Seine ersten Schallplatten prägen den Jungen nachhaltig: Run DMCs »Walk This Way« ermutigt ihn dazu, selbst erste Reime zu schreiben; Jackos »Thriller« dient ihm später, in leichter Abwandlung, als Titel für sein zweites Album. Seine ersten ­Gehversuche im Musikgeschäft unternimmt er unter der Aufsicht von 8Ball & MJG, die ihn Ende der 90er auf ihrem Independent-Label Suave House Records unter Vertrag nehmen. Später unterschreibt er mit seinem Carol City Cartel (Triple Cs) bei Slip-N-Slide, einem Sublabel von Def Jam, unter der Schirmherrschaft des mittlerweile an Lupus erkrankten Heimathelden Trick Daddy.
 

 
Erst 2006 gelingt ihm der landesweite Durchbruch als Solo-Künstler, im Alter von 30 ­Jahren. Den Tag, an dem er »Hustlin’« schreibt, wird er später als lebens­verändernd beschreiben. Der Song, der zunächst auf Mixtape-Basis erscheint, beschallt kurz ­darauf jeden Stash Spot im Lande. Die Ticker-Hymne führt zum aberwitzigen Wettbieten, an dem Irv Gotti und Diddy teilnehmen, das aber letztlich der damalige Def-Jam-Präsi Jay Z zu seinen Gunsten entscheidet. Außerdem steuert Mr. Carter seinen Teil dazu bei, lädt mit Young Jeezy den Hypeman der Stunde ein und macht aus dem Remix einen wasch­echten Welthit mit Platin-Plakette. Eine Million verkaufter Klingeltöne später findet sich das Debütalbum »Port Of Miami« in den Jahresbestenlisten wieder. Für viele eines der besten Coke-Rap-Alben der jüngeren ­Geschichte, setzt es in der ersten Woche knapp 200.000 Einheiten ab und landet auf Platz Eins der US-Charts. Ein Erfolg, den seine Alben ­»Deeper Than Rap«, »Trilla« und »God Forgives, I Don’t« später ein­stellen werden. Man mag Rick Ross ­lyrische Ein­dimensionalität und ­Monothematik ­vorwerfen, das Gespür für die große Geste und einen unbeirrbaren Geschäftssinn hat er aber allemal. Bis er mit »B.M.F« seine ­künstle­r­ische Neuerfindung vorantreibt, die sich als selbsterfüllende ­Prophezeiung (»Blowin’ Money Fast«) erweist, ackert er ironiefrei die Verheißungen des Amerikanischen Traums ab und stilisiert sich zum Kilo-shippenden Kartell-Oberhaupt mit Heisenberg-­Vergangenheit hoch. Sich wie Larry Hoover und Big Meech zu fühlen ist die eine Sache, ihren Lifestyle zu glorifizieren und nachahmen zu wollen, eine völlig andere. Die ­Gangster, die er rief, sollten ihm später fast zum ­Verhängnis werden.
 
POWER CIRCLE
 
Es war wohl kein schnelles Geld, mit dem Ross sein Maybach-Imperium errichtete. Legt er die Geschicke seiner Solo-Karriere in die Hände von Def Jam, so geht er für sein MMG-Imprint ein Joint Venture mit Warner Bros. ein: Mehr noch als ein überdurchschnittlicher MC ist Rozay Entrepreneur. Ein Privatjet-Bonusmeilensammler, der ­ausgesorgt hat. Reich für immer, auch dank dem Mitverdienst an seinem Label-Roster, in dem die Hierarchie klar abgesteckt ist. Bei einem ausverkauften Konzert im Londoner Wembley-Stadion, das die Maybach-Bagage spontan absagt, wird dies deutlich. Der genervte Veranstalter verklagt den Imprint und veröffentlicht die stark variierenden ­Vorschüsse der einzelnen Mitglieder. ­Während der bärtige Boss 100.000 US-Dollar einsteckt, kassiert Meek Mill 40.000, Wale immerhin noch 35.000, Omarion nur 12.000 und der Conscious-Cowboy Stalley nur läppische $5.500.
 

 
Die Ambitionen des Bawse waren schon immer »deeper than rap«. Neben der Rap-­Karriere unterhält er mittlerweile sechs Wingstops: ein Chicken-Wing-Franchise-­Unternehmen, mit dem er seiner zweiten Leidenschaft, dem Essen, frönt. Sein ­Geschäftssinn gleicht dem des ­neoliberalistischen Feingeistes und ­erklärten Mentors Diddy. Für den New Yorker ­Mogul wird Ross zum Werbeträger (seiner ­Wodka-Marke Cîroc), losen Duo-Partner (als eine Hälfte der Bugatti Boys) und Gerüchten zufolge auch zum Ghostwriter. Den Glanz der Bad-Boy-Ära bringt Rozay auf die nächste Stufe. Mit noch mehr Prunk und Größenwahn zollen die cineastischen, von Soul-Samples und warmen Bassläufen ­getragenen Breitband-Arrangements den großspurigen ­Hitmen-Produktionen der 90er-Jahre ­Respekt. Für »Mastermind«, das vor wenigen Wochen erschien, stand Diddy selbst ­erstmals wieder als Mixing Engineer hinter dem Pult. Ganz im Stile einer Aktien­gesellschaft verkündet Rick Ross seine Veröffentlichungstermine und neuen Signings auf Presskonferenzen. Selbst in seinen Parts schreckt er nicht vor Produktplatzierungen zurück und betet die neuesten Firmen-­Kooperationen runter. Die künstlerische Ebene als Werbeplattform – legitim, aber lästig wie das MMG-Jingle während eines Sechzehners, wenn man bedenkt, dass Ross auch conscious kann, wie er auf seinem reflektiertesten Album »Teflon Don« mit Songs wie »Tears Of Joy« zeigt, für dessen Intro er den Black-Panther-Mitbegründer und ­Philosophen Huey P. Newton samplet.
 
IT’S MOSTLY THA VOICE
 
Dass Rozay einer der ­einflussreichsten ­Rapper unserer Zeit ist, wird oft unter­schlagen, seine Musikalität ­unterschätzt. Trotz allem Geschäftsgebaren ordnet Raps Barry White den Konsum der Kunst unter. Mit seinem Bariton-Organ, dem ­unverkennbaren Trademark-»Ungh!« und einer ultra­realistischen ­Bildsprache ­überstrahlte er nicht nur den wiedererstarkten Nas auf »Accident ­Murderers«, sondern degradierte selbst Jay Z in einem der stärksten Momente von »MCHG«, »FuckWithMeYouKnowIGotIt«, zum Komparsen. »My Beautiful Dark Twisted ­Fantasy« und »Take Care« kamen ebenso wenig ohne Szene-stehlende Cameos des Made Mans aus. Der Gänsehautmoment auf »Devil In A New Dress« und der Gospel von »Lord Knows« – weltbewegende ­Gastbeiträge und für viele Beobachter die ­heimlichen Höhepunkte von Kanyes und Drakes Neuzeit-Klassikern.
 
Sein absolutes Gehör für das passgenaue ­Instrumental und sein untrügliches ­Gespür für den Beat der Stunde machten die ­Arrangements von Ross regelmäßig zu ­akustischen Blaupausen der Kultur. War es zu Beginn der minimalistische Synth-­Bombast des Produzenten-Duos The ­Runners und die orchestrale ­Instrumentierung des J.U.S.T.I.C.E.-League-Kabinetts und der Olympicks, oktroyierte er später mit den Trap-Konstrukten von Lex Luger der ­Produzenten-Szene den nächsten Go-To-Guy auf. Klar war, wer beim Bawse einen Hit platzierte, durfte sich künftiger ­Anfragen ­sicher sein. Am »MC Hammer«- und »B.M.F.«-Prinzip aus zitternden Hi-Hats, einer mega-schlichten Melodik und repetitivem Chorus ändert er auf seinen Folge-Mixtapes »Rich Forever« und »Ashes To Ashes« nur Nuancen. Die Follower verzeihen ihm, die Meinungsmacher nicht. »God Forgives, I Don’t« zeigt, trotz starker Momente, das Dilemma erstmals auf Albumlänge auf. Mit einem André-3000-Feature, dem Dreikönigstreffen mit Jigga und Dre, der Fortführung der »Maybach Music«-Reihe und reichlich weichgespülter Hot97-Ware handelt er ­vorsätzlich kalkuliert. Der künstlerische Impact bleibt aus.
 

 
Man kommt unmöglich hinterher, all die ­Features, Videoclips und Promo-Moves des Rick Ross der Spielzeit 2012 zu verfolgen. Das übermenschliche Pensum, das er abspult, kann er nur mit gesundheitlichen Einschränkungen stemmen. Am 14. Oktober erleidet er einen leichten Schlaganfall im Privatjet. Nachdem sich sein Zustand nach der Notlandung wieder stabilisiert, hebt der Flieger ab und Ross wird erneut ­ohnmächtig. Seine Ärzte attestieren ihm akuten Schlafmangel. Laut eigenen Aussagen soll der 300-Pfund-Mann jahrelang mit nur vier ­Stunden Schlaf pro Nacht ausgekommen sein. Ein Schicksal, das später auch Lil Wayne erleidet. Risiken und Nebenwirkungen einer völligen Fixierung auf die Karriere – die #nosleepgang stößt an die Grenzen ihrer Körper. Nur Stunden nach der Attacke verkündet er trotzdem sein baldiges Bühnen-Comeback und zeigt sich Hühner­flügel essend im Fast-Food-Restaurant.
 
STAY SCHEMIN‘
 
Neben obligatorischen Rechtsstreitigkeiten um Marihuana- und Waffenbesitz, zieht sich auch auf anderer Ebene der Konflikt mit Recht und Ordnung durch die Karriere des William Roberts. TMZ rätselt über ­unbezahlte Juwelier-Rechnungen und unter­lassene ­Unterhaltszahlungen an seine Kinder, ­während der echte Rick »Freeway« Ross, ein Drogen-Kingpin, der in den 80er-Jahren in Kalifornien ein Koks-Imperium errichtete, seit seiner Freilassung 2009 am Erfolg seines Namensvetters mitzuverdienen versucht und dies vor Gericht erfolglos einklagt. Die Anwaltskosten von Roberts übersteigen das durchschnittliche Jahresgehalt eines US-Bürgers. Sonst meist als Angeklagter vor Gericht stehend, könnte er beim neuerlichen Prozess gegen die EDM-Epileptiker LMFAO als Sieger aus den Verhandlungen gehen. Ross beschuldigt die beiden des geistigen Diebstahls. Für ihre Multi-Platin-Single »Party Rock Anthem« soll das kalifornische Duo die Textzeile ­»Everyday I’m Shufflin’« aus ­»Hustlin’« unerlaubt ­übernommen haben.
 
Rick Ross kennt beide Seiten der Anklage­bank – moralisch wie rechtlich. Als das ­Boulevard-Whistleblower-Portal ­thesmokinggun.com 2008 seine ­Vergangenheit als Gefängnis­wärter aufdeckt, sieht sich Officer Ricky einer unerbittlichen Debatte um seine Authentizität ausgesetzt. Der Pate als Snitch entlarvt? Hood-Kartelle im ganzen Land ­erteilen Stadtverbote, 50 Cent ­schlachtet die Nummer als Multimedia-Beef aus, ruiniert damit aber weniger Ross‘ ­Karriere als vielmehr seinen letzten ­Funken ­Anstand. Ganz im Gegenteil: Rozay geht ­sogar gestärkt aus der Fehde, die bis heute immer mal wieder durch Seitenhiebe angeheizt wird. Als er an seinem 37. ­Geburtstag Opfer eines Drive-By-­Shootings wird und anschließend mit dem Bentley in ein Appartment-Gebäude rast, zweifelt Fiddy an der Geschichte und weist auf fehlende Einschusslöcher auf den Unfallfotos hin.
 

 
Auch die Kontroverse um Ross’ Zeile auf Rockos »U.O.E.N.O.« im letzten Jahr prallt mit einem unerheblichen Image-Schaden an ihm ab. Er rappt: »Put molly all in her ­champagne, she ain’t even know it/I took her home and I enjoyed that/She ain’t even know it« und provoziert damit einen Protest der anti-­sexistischen NGO Ultra Violet mit landesweitem Medienecho. Die Online-Petition, die seinen Sponsor Reebok dazu auffordert, Rick Ross zur Persona non ­grata zu erklären, setzt die Turnschuhmarke unter Druck. Reebok löst den Vertrag zwischenzeitlich auf. Nachdem er sich erst zögerlich entschuldigt, lenkt der Babo schließlich ein und gesteht die unmissverständliche Vergewaltigungs-Zeile als Fehler ein. Auf der Geschäftsetage, auf der er nun agiert, gilt es, die Etikette zu wahren.
 
SUFFERING FROM SUCCESS
 
Mehr Geld, mehr Probleme: Ganz ohne ­Skandal oder Disput kommt die ­Berichterstattung über Ross nicht mehr aus. Die Promisphäre, in der er sich ­mittlerweile bewegt, funktioniert nach den Regeln des ­Boulevard. Und so thematisiert er auf ­»Mastermind« neben den neuerlichen Angriffen auch die öffentliche Rezeption seiner Person. Das Interlude »Shots Fired« – ein Zusammenschnitt von TV-Beiträgen über die Schießerei an seinem Geburtstag – geht in die von Diddy ­produzierte B.I.G.-Hommage ­»Nobody« über. Immer wieder blitzt auf »Mastermind« das Retrospektive auf: 90er-­Reminiszenzen wie der ODB-Moment auf »What A Shame«, die »’93 Til Infinity«-Rhodes auf »Thug Dry« und eben der von French Montana genuschelte Refrain: »You’re Nobody Till Somebody Kills You«. Mit Scarface und Z-Ro stellt er zudem zwei in der Öffentlichkeit immer noch unterschätzte Südstaaten-Pionieren auf seinem neuesten Breitband-Blockbuster vor. »In Vein« mit dem großartigen Abel Tesfaye, »Sanctified«, der Posse-Track mit Kanye und Big Sean und die starke Jake-One-Produktion »Drug Dealers Dream« funktionieren nicht nur als Hit-Singles, sondern ordnen sich im Albumverlauf der ­Geschichte unter. Das ­Mastermind ist zurück in seiner Zone. Auch, wenn er sich immer noch nicht entscheiden kann, ob er nun Mafia-Don, respektierter Entrepreneur oder doch nur einer der besten Rapper unserer Zeit sein will. ◘
 
Text: Carlos Steurer
Foto: Presse/Universal