Ratking [Feature]

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Rap ist immer schon eine Musikrichtung gewesen, die sich ihre lebenserhaltenden ­Nährstoffe aus der unmittelbaren Umgebung ­- Soul, Jazz, Funk – zusammengesucht hat, um an diesen zu wachsen und sich zu entwickeln. Das New ­Yorker Rap-Trio ­Ratking geht da letztlich nicht anders zu Werke. Jedoch liegen deren ­Wurzeln nicht bloß im ­weiten Feld der afroamerikanischen Musik, sondern ebenso in der Punk- und Hardcore-Szene der 80er Jahre um Bands wie Agnostic Front und Bad Brains, die einst Manhattan zum ­aufregendsten Ort der Welt machten. Im Zuge des anstehenden ­Releases ihres lang erwarteten Debüt­albums »So It Goes« über XL Recordings traf Phillip ­Mlynar die drei Band-­Mitglieder Wiki, Hak und Sporting Life in ihrer Heimat.
 
Ich habe mich gefragt, wie sich ein Song anhören würde, wenn er mit ‚Puerto ­Rican Judo‘ betitelt wäre. Denn dieser Titel fiel uns ein. Dann arbeiteten wir rückwärts – und am Ende stand der Song«, berichtet der Produzent Sporting Life zur Hintergrund­geschichte von »Puerto Rican Judo«, einem eigenwillig betitelten Track auf Ratkings Album »So It Goes«. Der Song entstand, nachdem das New Yorker Trio, zu dem auch Lead-Rapper Wiki und sein schlaksiger Sidekick Hak gehören, ein YouTube-­Video des 1990er Rave-Tracks »House Of God« von Dimensional Holofonic Sound gesehen hatte. Dessen pulsierender House-Beat, der unheimliche gesamplete Dialog über Religion und das animierte Schwarzweißvideo inspirierten offenbar zu dem, was Sport (wie ihn der Rest der Ratking-Crew nennt) am Anfang dieses Artikels zu erklären versucht hat.
 
Wiki gibt jedoch seine eigene kurze ­Zusammenfassung des Tracks ab, die da lautet: »Es ist wie House, gemischt mit Cam’ron.« Dann ist wieder Sport an der Reihe, der am Ende einer Couch in den Manhattaner Büros von Ratkings Plattenfirma XL Recordings sitzt und zu ­philosophieren beginnt: »Das ist so ein Hin-und-her-Ding, wie Wellen. Als wenn es zwischen dir und deiner besseren Hälfte ein Hin und Her gibt. Das kann manchmal ein Streit sein. Aber manchmal ist es eben auch Kunst.« Wiki denkt noch einmal über das Gesagte nach und ergänzt: »Es ist definitiv immer Kunst« und nickt sich bekräftigend selbst zu.
 
Was auch immer das ambivalente »Puerto Rican Judo«-Konzept der Welt irgendwann einmal rückblickend bedeuten wird, für eine aufstrebende HipHop-Truppe ist es nicht unbedingt normal, Rave-Tracks der frühen 90er zu Underground-Rap-Abhandlungen umzumünzen. Aber Ratking wollen auch nicht irgendwelche gewöhnlichen, ­dreckigen Rap-Kids sein – sie versuchen, eine ­künstlerische und experimentelle HipHop-Herangehensweise mit einem Sound zu verbinden, der immer noch in der Rap-Historie der Stadt verwurzelt ist.
 
Ende 2012 nahm der Hype um Ratking mit der Veröffentlichung der EP »Wiki93« seinen Anfang (die EP war ein ausgearbeitetes Update eines früheren Mixtapes, das Wiki irgendwann mal zum Spaß herausgebracht hatte). Die Ratking-Formel verschmolz dynamische, etwas schräge Beats, allesamt von Sporting Life produziert, mit Wikis superform­barem Flow, sowie gelegentlichen Improvisationen von Hak, die dann zu Motivationsslogans wurden. Der Vibe war nicht weit von dem entfernt, was man sich wohl unter einem Clash aus den Unterbewusstseins-Texten von Freestyle Fellowship und der experimentelleren Abteilung von Definitive Jux vorstellen würde.
 
In einer weiteren Anspielung auf die Idee von Ratking als Kunstkonzept sowie als Musikgruppe veröffentlichten sie letztes Jahr direkt auf YouTube ein Video zu »Piece Of Shit«, das nicht als regulärer Song, sondern als »ein Film von Ari Marcopoulos« bezeichnet wurde (für den extrakünstlerischen Kick hatte der niederländische Filmemacher ­Marcopoulos das Material nämlich auf 16 Millimeter in körnigem Schwarzweiß gedreht). Und jetzt will das Trio herausfinden, ob die Klänge von »So It Goes« ihre ­künstlerischen Ambitionen auch einem größeren Publikum näherbringen können.
 
Wiki, nicht nur der Lead-Rapper, sondern auch de facto das Sprachrohr der Band, gibt zu, dass der Ratking-Sound nicht leicht zu verkaufen sein wird. In einem ­schmutzigen grauen Hoodie, fleckigen Jeans, ­abgewetzten Puma-Sneakern und mit den lockigen Haaren über dem Gesicht, das von einem zahnlosen Grinsen definiert wird, sagt er, dass die Gruppe lange überlegt hätte, wie man den nächsten Schritt auf der Ratking-Reise angehen soll.
 

 
»Eine der größten Herausforderungen für uns war es, herauszufinden, was überhaupt passieren muss, damit wir eine Platte veröffentlichen können«, sagt er. »Ich habe das immer so gesehen, dass, sobald ich mit einem Stück fertig bin, ich auch vorhabe, diese Musik schnellstmöglich rauszubringen. So haben wir das immer gemacht. Aber jetzt, wo wir mit einer Plattenfirma arbeiten, gibt es Monate und Monate und Monate, in denen wir mit anderen Dingen beschäftigt sind, die natürlich nötig sind, um Musik auf einem höheren Level zu veröffentlichen. Natürlich könnte ich weiterhin independent neue Ratking-Musik raushauen und hätte sicherlich genug Fans, die genau darauf warten. Auf der anderen Seite ist es aber eben auch wichtig, langfristig zu planen und zu sehen, wie weit wir möglicherweise noch kommen können. Für mich ist es eine Herausforderung zwischen diesem Instinkt, die Musik sofort herauszubringen, und dem Ansatz, so viele Leute wie möglich damit zu erreichen, hin und her zu switchen.«
 
Sporting Life, im sportlich legeren Outfit, akzentuiert mit Socken, auf denen ein dickes Cannabisblatt prangt, fügt hinzu, dass die Entscheidung, mit einem Label zusammenzuarbeiten, eine war, über die sie sehr lange nachgedacht haben. Zudem spricht er mit Stolz darüber, dass der kreative Prozess von Ratking oft beinhaltet, Songs und Musik aus verschiedenen Perspektiven zu schreiben. Es gibt nicht die eine Ratking-Stimme oder -Botschaft, sondern eine Vielzahl von ­Meinungen, die sie präsentieren und von ­ihren Zuhörern bewerten lassen. Und er sagt, dass er Befürchtungen hatte, diese Freiheit des Ausdrucks zu verlieren, sobald sie sich den gewinnorientierten Zielen eines Labels unterordnen.
 
»Ein großes Ding ist es herauszufinden, wie man die Musik zu den Fans bekommt, während man sie gleichzeitig so rein und ungefiltert wie möglich lässt«, erklärt Sport. »Das kann dazu führen, dass man als Ghost-Produzent engagiert wird und Beats anderswo unterbringt. Aber für mich ist es so: Wenn ich etwas für Ratking erschaffe, dann soll es auch für Ratking bleiben. Ein Ratking-Beat soll nicht auf einem Katy-Perry-Album landen, denn dafür war er einfach nicht bestimmt, you know? Ich will Musik nicht einfach so austauschen.«
 

 
Auf die Frage, ob Ratking irgendwelchen Druck bekamen oder sich mit dem Label über die Zusammensetzung und ­Richtung des Albums stritten, sagt Wiki: »Ja, da gab es etwas über ‚Take‘, das ist der heißeste Song des Albums. Ich weiß nicht mehr ­genau, aber sie wollten wohl, dass das Album etwas kürzer wird – also ist das Stück jetzt als Bonustrack auf der Platte. Aber ‚Take‘ ist heiß – wir brauchten den auf dem Album. Wir hätten den Track nie ­weggelassen.«
 
Ratking sind nicht die erste Rap-Gruppe mit Underground-Tendenzen, die sich darüber den Kopf zerbricht, wie sie ihren Sound unverwässert belässt, während sie sich die Ressourcen einer Plattenfirma zunutze ­machen kann, um ihre Musik in den Mainstream zu bringen. Auf der Habenseite steht, dass Wiki, Sport und Hak von den verfügbaren Budgets bei XL Recordings bereits dahingehend profitiert haben, dass sie Young Guru, Toningenieur der großen Rapstars, engagieren konnten, um »So It Goes« von ihm mixen und mastern zu lassen. Sport sagt, sie seien Young Guru erstmals ­begegnet, als er eine Lesung über die Zukunft der Musikindustrie gab. »Es war eine Rede über Technologie, über das Verhältnis zwischen dem Teilen von Information im Internet und dem Bezahlen für Songs«, erinnert er sich. »Wir schickten Young Guru ein paar unserer frühen Stücke und ihm hat wohl ­gefallen, was er hörte. Also sagte er, dass wir ­zusammen­arbeiten können«, so Wiki. »Also saßen wir irgendwann bei ihm im Studio und mixten jeden Song auf dem Album mit ihm zusammen ab. Das war eine tolle Erfahrung.«
 

 
»Yeah, wir können jetzt hinter den Vorhang blicken«, fügt Sport mit einem wissenden Grinsen im Gesicht hinzu. »Wir haben jetzt gesehen, was alle benutzen, wenn sie ihre Musik machen, und das hat viele Fragen beantwortet. Als wir da mit Guru saßen, sagten wir, ‚Oh, wir verstehen jetzt, warum alles so gleich klingt, denn sie benutzen alle die gleichen Monitore!‘ Guru hat ein enormes Wissen und weiß genau, wie das alles geht und funktioniert, wie man etwa ein Vocal richtig gut auf einen Track setzt.« Und Wiki ergänzt: »Wir wollten aber nicht, dass unser Album so wird wie sonst; dass die Vocals anders klingen als auf anderen Raptracks.« Sport: »Wir machten etwas, von dem ich wollte, dass es atmosphärischer wird. ­Atmosphärisch im Klang, damit die Musik einen solide Vibe versprüht – nicht im Sinne von Weltraum-Scheiß.«
 
»Hör dir zum Beispiel ‚Snow Beach‘ an«, so Wiki. »Als wir den Song das erste Mal aufnahmen, klang der noch ganz anders. Aber dann haben wir ihn noch mal aufgegriffen und ließen unseren Freund Isaiah Saxofon darauf spielen, was ein ganz neues Element reinbrachte und den Beat viel lebendiger gemacht hat. Oder nimm einen Song wie ‚Protein‘. Ich weiß, dass Sport einen Haufen verschiedener Sounds auf diesem Track untergebracht hat, und wir mussten uns wirklich damit beschäftigen, was wir davon wirklich auf dem Song drauf haben wollten. Da gibt es zum Beispiel den Teil, wo der Beat nur aus den Drums besteht – das hebt sich einfach total ab.«
 
»Nachdem wir die erste Runde mit Guru aufgenommen hatten, gingen wir noch mal mit unserem guten Freund DJ Dog Dick ran«, so Wiki. »Er ist so ein Noise-Music-Producer und Rapper zugleich und wir arbeiteten mit ihm daran, weil wir aus einer ganz anderen Perspektive das Album betrachten und versuchen wollten, die Beats und Reime weniger traditionell zu machen. Wir wollten herausfinden, was wir noch hinzufügen könnten. Es war also definitiv ein Prozess, um die Textur hinzukriegen; selbst dann, als wir schon so viel hinzugefügt hatten.« Und Sport ergänzt: »Mit DJ Dog Dick ging es ­darum, wieviel Lärm wir da drauf haben ­wollen und wie sehr wir wollen, dass es klingt, als würde man es auf der Straße hören. Es geht darum, es aufzubauen und wieder runterzufahren.«
 
»So It Goes« ist zweifellos experimentierfreudig, aber der Puls des Albums ist tief verankert in den Betonstraßen von New York City. Wie Sport sagt, hat das Album eine Atmosphäre, die dem Zuhörer ­suggeriert, er werde von Ratking durch die Stadt geführt. Die Reise beginnt direkt mit dem Opener »*«, auf dem Wikis Timbre klingt, als sei er gerade aus einem 24-Stunden-Club in Harlem gestolpert, während die Sonne im Frühnebel über dem Fluss aufgeht, und ­würde Halt ­machen im freakigen Bootleg-­Bezirk (»Canal«) und, als stärkster Rap-Bezug, bei dem einst berüchtigten Club The Tunnel auf »Snow ­Beach« (das wiederum nach der Ralph-Lauren-Jacke benannt ist, die ­Raekwon im Video zu »Can It Be All So Simple« vom Wu-Tang Clan trug).
 
»Snow Beach« ist fast sieben Minuten lang, und Wiki sagt, es sei von Geschichten älterer Freunde und Eltern inspiriert, die abenteuerliche Nächte feierten in dem unterirdischen Club, durch den stillgelegte U-Bahn-Gleise führten. »Ich war nie dort, der Scheiß war vor unserer Zeit«, sagt er, »aber ich erinnere mich, wie ich voller Ehrfurcht war; darüber, wie der Laden geführt wurde und wie gut er zur Stadt gepasst hat. Es war genial, wie dort eine HipHop-Show mit DMX und Cam’ron stattfinden und total ausarten konnten, ­während am nächsten Abend ein Gay-Voguing-Event stattfand und am Tag drauf wiederum ein Rave, bei dem alle Clubkids dabei sein wollten. Ich weiß auch noch, wie mir irgendein Typ mal erzählte, wie sein großer Bruder aus Queens da war und nie allein da rein durfte«, fährt er fort. »Aber dann tauchten sie alle zusammen auf, all diese Leute aus Queens, und sie drängten rein, mit Gewalt, und sahen irgendeine abgefahrene Ruff-Ryders-Show. Es war eine legendäre Halle, vor allem für die Art von Leuten, die dort spielte, aber auch wegen des kunter­bunten Publikums, das jedesmal anders war.«
 
Auf die Frage, ob Ratking ein ähnliches Publikum wie The Tunnel anziehen, also eingefleischte Rap-Fans und Kunst-Hipster, stimmt die Gruppe zu. »Ja, wir versuchen, denselben Vibe bei unseren Shows zu erzeugen«, so Sport. »Wir sind von Wu-Tang und Cam’ron und Black Rob und Biggie inspiriert, den Rap-Legenden eben, wir kommen also direkt von der Basis. Ich meine, wir wurden ausgewählt, um mit GZA auf Tour zu gehen, you know? Da gibt es diese klassische Rap-Schule, die sich durch unser Zeug zieht, und ich denke, die Leute verstehen, wo wir herkommen. Daran werden sie sich immer festhalten können und verstehen, dass wir diesen HipHop-Scheiß echt lieben. Aber wir wollen unseren Sound auch weiterentwickeln, denn wir greifen all die vielen Facetten unserer Umgebung auf und präsentieren unsere eigene Sichtweise davon.«
 
»Wir haben bemerkt, dass wir Leute ­anziehen, die wirklich hinter uns stehen«, fügt Wiki hinzu. »Es gibt da diesen Typen ­namens Dookie, und der ist mindestens dreimal von New York nach Virginia gefahren, nur um uns zu sehen und uns seine Liebe zu zeigen. Dookie kommt da hin, macht Stagediving und heizt die Menge für uns an. Er ist schon so etwas wie ein Maskottchen für Ratking.«
 
Auf die Frage, ob sie sich Sorgen machen, dass nur eine begrenzte Anzahl von Menschen den Fußstapfen von Dookie folgt und richtig auf den außergewöhnlichen Ratking-Sound abfahren könnte, sehen Wiki und Sport sich einen Augenblick lang an, bevor der Produzent mit einer Handbewegung andeutet, das Sprachrohr der Gruppe habe das Wort.
 
»Ehrlich, du kannst das, was wir machen, als irgendwelchen abgedrehten Scheiß ­betrachten«, kommt Wiki langsam zum Abschluss. »Ich meine, wir bringen definitiv nicht nur ­denselben Beat und dieselben Texte raus, die du alle schon tausendmal gehört hast, und machen es nicht in demselben Stil, den du überall auf der Welt im Radio hören kannst. Na und? Jeder, der mal zu einem der Großen wird, macht ­irgendwann mal sein eigenes Ding und erschafft etwas, das nicht als die Norm ange­sehen wird. Dann schließt jeder zu diesem Sound auf, und Leute versuchen, ihn zu ­imitieren. Er wird Teil der Musik und man erinnert sich nicht mehr, wie es war, bevor er existierte. Ich denke also nicht, dass das, was wir machen, so ausgefallen und schräg ist, dass die Leute es nicht verstehen. Es gibt Songs auf ‚So It Goes‘, die einfach nur ­straighte Raps sind, aber wir spielen ein ­bisschen herum mit der Art, wie wir sie präsentieren. Und ich weiß, dass die Leute offener sind, als man es allgemein annimmt.«
 
Dann fügt Wiki mit einem letzten zahnlosen Lächeln hinzu: »Ich meine, letztendlich ist doch alles nur Kunst, you know? Es ist immer Kunst.«
 
Text: Phillip Mlynar
Übersetzung: Matthias Jost
Foto: Alexander Richter