Purple Is The New Black: Falk Schacht über den Hype um Trap und »Cloudrap«

Goony Ignaz Hurn - Thomas Weirich

Es war 2012, als ich zum ersten Mal Trap-Musik vor einem Publikum ausprobierte. Die Reaktionen kann man als »irritiert« bezeichnen. Jemand fragte mich, warum ich Dubstep auflegte. Deutschland war noch nicht so weit. Etwa zur selben Zeit geisterte ein Video durchs Netz, das »Dreh den Swag auf« hieß. Es hinterließ viel Gelächter und die immer wiederkehrende Frage: »Meint der das ernst?«. Das änderte sich auch nicht, als 2013 Cindy aus Marzahn in all ihrer Bräsigkeit bei »Wetten dass..?« zusammen mit Omas Liebling Markus Lanz den Harlem Shake tanzte. Mehr als ein Internet-Meme, bei dem deine Mutter auch mal dabei sein wollte, schien das alles nicht zu sein. Im selben Jahr konnte man dann in der JUICE lesen, dass Trap als Genre so tot sei wie Dubstep.

Fast Forward ins Jahr 2015. Es ist so gut wie unmöglich, nach den Konzerten auf dem splash! einen Partyfloor zu finden, der nicht von Trap dominiert wird. Und hätte sich Kool Savas – der die letzten Jahre immer auf dem splash! gecampt hatte, um abends mitzufeiern – beim DJ nicht 2Pac und andere Neunzigergrößen gewünscht, wäre wohl nichts dergleichen gespielt worden. Trap ist inzwischen so weit verbreitet, dass es Künstler gibt, die erwähnen, dass ihre Alben Trap-frei sind. Auch Party-Flyer mit der Aufschrift »No Trap« sind keine Seltenheit.

Und dieser Boy, der am Block chillt, performt mit seiner Glo Up Dinero Gang plötzlich vor tausenden Fans auf dem splash! Es ist im System Money Boy nur logisch und konsequent, dass es sich dabei gleichzeitig um seinen letzten Auftritt auf dem splash! handelte. Aus Gründen. Frag nicht welche. LGoony wird dagegen innerhalb eines Jahres vom No-Name zum gefeierten und viel gebuchten Künstler. Zu Anfang noch von Prinz Pi belächelt, bis heute von Staiger verachtet, hat er doch schnell prominente Fans. Da wäre etwa Casper, quasi per Geburt ein Südstaaten-Rap-Versteher, der Goony Anfang des Jahres auf die Bühne eines Konzertes komplimentiert. Wenig später gibt es ein Feature, und die Glo Up Gang darf samt Hustensaft Jüngling, Medikamenten Manfred, MC Smook, The Ji, Spinning 9 und anderen Teil des Castivals in Berlin sein.

In 2015 offenbarte sich immer mehr die Größe dieser neuen Entwicklung. Auch die extrem talentierte Cosmo Gang um Johny Space, Holy Modee und Albert Parisien trat auf der von tausenden Fans belagerten splash!-Mag-Bühne auf. Vergessen wir nicht Juicy Gay, der Savas‘ Gedanken, alle Rapper in Deutschland seien schwul, konsequent zu Ende denkt und darüber rappt, wie Sex mit den Orsons und Farid Bang wäre. Oder Mauli, der glaubt, dass ich Rap-Karrieren zerstören kann wie Akim Walta. True story, by the way. Oder die Blauen Burka Buben und ihr cray Twitter-Grind. Auch Zugezogen Maskulin sind eine Kreuzung aus Waka Flocka Flame und Public Enemy und bringen die 808-Noise. In Österreich benimmt sich zudem die Berg Money Gang daneben und sorgt dafür, dass du in 1 Bach gewirft wirst. Ihr bekanntestes Mitglied Yung Hurn kann auch einen Kickflip und schreibt dabei die Hymne »Nein« für alle Yes-Men dieser Welt. Und Crack Ignaz, der genau wie Hurn und Money Boy aus Österreich kommt, ist bei den Boombap-Auskennern von MPM unter Vertrag.

Und genau hier kommen wir zum kleinen schmutzigen Geheimnis der Trap-Entwicklung, die in Deutschland viele nicht wahrhaben wollen: Während es immer noch extrem viele True-Schooler gibt, die sich null mit dem Sound und Style anfreunden können, für die das alles den Tod von HipHop darstellt, ist die Wahrheit, dass eine sehr große Zahl der oben aufgezählten Künstler nicht nur ihre Wurzeln im Boombap-Sound hat, sondern sich auch immer wieder auf die Neunzigerschule bezieht. So zitiert LGoony Kool Savas und läuft in einem Royal-Bunker-Shirt herum. Mauli lässt in einem Video MC Rene als Zeitzeuge erklären, dass Mauli 1993 dabei war, als er, Eißfeldt, Boulevard Bou und Denyo das berühmte Video drehten, in dem sie auf der Treppe fürs ZDF freestylten. Viele der Trap-Musikanten von heute haben früher gar selbst Boombap gemacht. Denn, meine Freunde, alles baut aufeinander auf. Und am Anfang steht immer noch Torch.

Und nun zur vielleicht kurios erscheinenden These: Ich bin zu hundert Prozent davon überzeugt, dass Kool Savas, wäre er heute zwanzig, an der Spitze des deutschen Trap stehen würde. Warum? Savas kam in den Neunzigern inhaltlich mit völlig neuem Zeug, das man so zuvor nicht gehört hatte in Deutschland – auch wenn in den USA solche Texte nicht ungewöhnlich waren. Deshalb eckten seine Texte wahnsinnig an. Und sprechen wir mal über Beats: Mehr als achtzig Prozent der Tracks, auf denen Savas damals rappte, entsprachen nicht der klassischen Boombap-Schule der Eastcoast. New York war das HipHop-Mekka, und das Ziel aller war es, diesen Sound perfekt zu reproduzieren. Alle? Nein! Die Berliner haben sich immer in einem anderen Sound versucht. Und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass man damals Zeuge davon werden konnte, mit welcher Abscheu HipHop-Fans auf die ersten Texte und Auftritte von Savas im Anhang von STF reagierten. Es gab Leute, die seinetwegen Konzerte verlassen haben mit dem Statement: »Das ist kein HipHop, sondern inhaltsloser Dreck.« Das waren zumeist Alteingesessene, deren Vorstellung von Rap durch Savas gesprengt wurde. Doch die jungen HipHop-Fans, die sind damals geblieben. Denn sie waren offen – und noch nicht auf dem Rapfilm hängengeblieben. Und natürlich sind die Jungen von damals die Alteingesessenen von heute. Und ihre Argumente sind mehr oder weniger dieselben, wie die der Uralteingesessenen. Die übrigens inzwischen behaupten, dass sie schon immer fanden, dass Savas flowt wie Nasenbluten.

Der Paradigmenwechsel macht auch nicht halt vor etablierten Boombap-Apologeten. Die Betty Ford Boys haben die 808 entdeckt und das Tempo runtergeschraubt. Genetikk haben ihre eigene Variante dieses Sounds auf der Sample-Ebene entwickelt. Und sogar Audio88 & Yassin ist der Scheibenwischer-Move nicht fremd, auch wenn sie ihn als »Schellen verteilen« interpretieren. Wie wollen wir das nennen? Boom-Trap?

Vergessen wir aber nicht, dass es vor allem Fler war, der Trap nach Deutschland brachte. Und zur Etablierung des Sounds haben auch RAF Camora, KC Rebell, Hafti und eine Reihe anderer beigetragen. Wenn auch nicht immer mit lupenreinem Trap, dann doch mit Adaptionen und Varianten davon. Der Turn-Up ist also real. Und er wird es bleiben. Was an dieser Stelle fast schon wieder spannender ist: Wie wird die Musik klingen, die alle Turn-Up-Truppen heute als Verrat am »echten« Rap empfinden werden? 2025 wissen wir’s.

Text: Falk Schacht
Illustration: Thomas Weirich

Dieser Kommentar erschien als Teil des Jahresrückblicks 2015 in JUICE #172 (Back Issues hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_172_RZ.indd