Kings Of HipHop: Drake // Feature

2Wer hätte jemals damit gerechnet, dass der HipHop-König der 2010er ein jüdischer Middleclass-Kanadier sein wird, der den Großteil seiner Jugend im Rollstuhl auf dem Set einer Teenie-Schmonzette verbracht hat? Aubrey »Drake« Graham hat das HipHop-Brauchtum in vielerlei Hinsicht auf den Kopf gestellt: Er ist nicht nur ein Gegenstück zum Aufstiegsmärchen des testosterongeladenen Ex-Trappers, er hat ebenso melodischen Rap&B salonfähig und es mit »So Far Gone« sittenwidrig gemacht, Mixtapes in einer minderen Qualität als Alben herauszubringen. Vor allem aber hat er gezeigt, dass real zu sein mehr bedeuten sollte, als sich lediglich an Straßencodes zu halten, nämlich verdammt nochmal ehrlich zu seinen Emotionen zu stehen. Wenn Drake seiner Ex hinterherschluchzt, hört die Vine-Community genauso zu wie die Grammy-Jury. Er ist YOLO-Erfinder, Yellowpress-Liebling, Young-Money-Member. Und was für einen besseren Anlass gäbe es, auf die junge wie spielverändernde Regentschaft des 6 God zurückzublicken, als die bevor­stehende vierte LP »Views From The 6«?

Yes, »Started from the bottom, now we here«, Drakes Rags-To-Riches-Anthem brachte ihm 2013 zwar zwei seiner insgesamt 27 Grammy-Nominierungen ein, seine Erfolgssingle liefert allerdings auch bis heute die Steilvorlage für die Kritik an seiner angeblich privilegierten Person: Warum behauptet dieser Typ, der von 2001 bis 2009 als »Wheelchair Jimmy« fester Teil des Casts der kanadischen College-Soap »Degrassi: The Next Generation« war, dass er aus den Abgründen der Gesellschaft aufgestiegen ist? Die Wahrheit ist: Drake war sicher niemand, der in seiner Jugend knapp der Haft entkommen ist. Aber ganz verschont geblieben vom Struggle ist er eben auch nicht. Seine Eltern – die hellhäutige Ex-Lehrerin Sandi Graham und der afroamerikanische Profi-Drummer Dennis Graham – trennten sich, als Lil Drizzy eine fünf Jahre alte Brillenschlange gewesen ist. Mit seiner Mutter lebte er in Toronto, zunächst im »Murder Capital« Weston, ab der sechsten Klasse dann im wohlhabenderen Stadtteil Forrest Hill. Sein Vater kehrte nach der Scheidung nach Memphis, Tennessee, zurück und verfiel in alte Ticker-Gewohnheiten. Zweimal wurde er eingebuchtet – einmal war Drake sogar live dabei, als die Cops seinem Vater die Handschellen anlegten.

Um seine Bewährungsauflagen nicht zu verletzen, durfte Drakes Dad die Staatsgrenzen nicht verlassen. Drizzy kam ihn aber in den Sommerferien besuchen, lernte dort auch die Lowclass des US-amerikanischen Südens kennen. »Ich habe dort viele unschöne Dinge gesehen«, resümierte Drake in einem Interview mit Complex. Randnotiz: Drakes Memphis-Connection offenbart die Ambivalenz von »started from the bottom«. »Bottom« lässt sich auch auf den Süden, den »bottom of the map« beziehen, der ­Drake ganz wesentlich geprägt hat. Zahlreiche seiner Songs stecken voller Referenzen zum Dirty South. Schließlich waren die zwanzigstündigen Roadtrips in den Süden für Drakes musikalische Entwicklung elementar: »Auf den Fahrten nach Memphis hat mir mein Vater die ganzen alten Klassiker vorgespielt. Memphis hat mir dann gezeigt, was ich an Musik liebe: den Soul, die Melodien, die Botschaften in den Lyrics«, erinnert sich Drake an die Inspirationskraft der City Of Blues.

Aber es war nicht nur die Heimat seines Seniors, auch der Familienteil väterlicherseits hat Drakes musikalische Sozialisation vorgegeben. Dennis Graham ist verwandt mit Larry Graham und Teenie Hodges. Letzterer war führender Gitarrist bei vielen Hits von Al Green, ersterer hat mit der sogenannten Slap-Technik das E-Bass-Spielen revolutioniert und war Teil der einflussreichen Funkband Sly & The Family Stone. Die Musik lag also in Drakes Genen. »Als Dreijähriger dichtete er schon Kinderlieder um«, erinnert sich seine Mutter in einer Homestory für das Format »Degrassi: Unscripted« im Jahr 2004. In ebendieser Doku, die eigentlich den Schauspieler hinter der »Degrassi«-Figur näherbringen sollte, zeigte sich, dass dieser viel mehr die Musik als die Schauspielerei im Kopf hatte. Drake präsentierte der Kamera Blackbooks voller Reime, die er an einer Art persönlicher Kultstätte verfasst hatte – einem Tisch, auf dem Fotos seiner großen Idole ausgelegt waren: Barry White, Frank Sinatra, Pharrell, Biggie, Kanye und natürlich Aaliyah, deren Gesicht sich Drake später sogar auf den Rücken tätowieren ließ. In seinem Booth gewordenen Kinderzimmer gab der 18-jährige Aubrey dann natürlich auch eine Kostprobe: »I’ve been a mess since/Every girl I left went/And got a new man, but I’m the new version of fresh prince.«