Eko Fresh – Ek im Game [Titelstory]

Eko Fresh
 
Eko Fresh ist tot. So zumindest die einhellige ­Meinung, wenn man die HipHop-Hardliner vor ein paar Jahren auf den Szene-Status von Ekrem Bora angesprochen hat. Und, mit Verlaub, so ganz falsch war das nicht. Denn Ekos ­bisherigen ­Karriereverlauf als eine Achterbahnfahrt zu ­bezeichnen, wäre eine glatte Untertreibung. Kaum ein Werdegang im hiesigen HipHop-Haifischbecken hat mehr ­Irrungen und Wirrungen ­vollzogen als der von ­Freezy. Doch der ­Neunziger-Jahre-Rap-Fan Eko hat HipHop immer schon als Tool verstanden, um sich ­weiterzuentwickeln, um sich ­Wissen ­anzueignen. Und eine der wichtigsten Lektionen, die Eko im Laufe der Zeit gelernt hat, stammt aus dem Jahr 1995, dem Jahr, in dem Mobb Deep die Darwin’sche Evolutionstheorie mit ihrem Genre-prägenden ­Überklassiker »The ­Infamous« in den staubigen ­Asphalt der Straße meißelten und verlauten ließen: »We living this ’til the day that we die/Survival of the ­fittest, only the strong survive.« Eko hat dieses Credo verinnerlicht wie kaum ein ­anderer. Es hat sich tief eingebrannt ins ­Kämpferherz von Eko Balboa – selbst wenn ­dieser seine zurückgewonnene Kraft heute aus einer gänzlich neuen Quelle schöpft: der Ruhe. Eines darf man an dieser Stelle unumwunden konstatieren: Eko Fresh lebt.
 
Aber kommen wir noch einmal auf die eingangs erwähnte Achterbahnfahrt zurück, die Eko Fresh seine Karriere nennt. Gestartet als 17-Jähriger an der Seite von Kool Savas, galt Eko 2001 als Wunderkind des Rap, als Zukunft der Zunft. Dann kam das erste Album, der Aufstieg zum Mainstream-Rapper und damit ­einhergehend der Bruch mit der Szene – der im ­legendären Battle zwischen Eko und Savas in den Jahren 2004/2005 seinen Höhepunkt fand. Ein Großteil der Szene hatte Eko seither abgeschrieben. Dieser wiederum versuchte vergeblich, eine Richtung zu finden. Ein kurzes Stelldichein bei ersguterjunge (»Ich bin Bushido bis heute dankbar, dass er mich in einer Zeit bei sich aufgenommen hat, als ich in der Luft hing«), fragwürdige ­Konzeptalben wie die 2Pac-Hommage »Ekaveli« (»Das war damals ein Insider-Ding von mir und meinen Kumpels – vielleicht hätte man es dabei belassen sollen«) sowie kommerziell ­gescheiterte Pop-Rap-Versuche wie die »Königin der Nacht«-Single und TV-Auftritte in C-Promi-Auffanglagern à la »Das ­perfekte Promi-Dinner« (»Solche Angebote habe ich aus einer finanziellen Not heraus ­angenommen«) schienen Eko dermaßen ins Aus gekegelt zu haben, dass eine Rückkehr in den Schoß der Szene wohl nur noch diejenigen für möglich hielten, die bis heute vehement das ­zertifizierte Ableben von Biggie und Tupac leugnen.
 
Doch Eko ließ sich nicht unterkriegen. ­Zusammen mit seiner German-Dream-Army haute er Freetrack nach Freetrack raus, nutzte erfolgreich die Sozialen Medien, um mit ­abstrusen Videobeiträgen Sympathiepunkte zu sammeln und veröffentlichte dann 2011 sein »Ekrem«-Album, das ihn auf einmal ­wieder zurück in die Spur brachte. Eko gewann nicht nur seine Lockerheit, sondern auch das Ansehen der Szene sowie seine Fans zurück. Auf klassischen BoomBap-Beats begab er sich »Ek To The Roots« und krönte diese künstlerische Rückkehr zu seinen Wurzeln im vergangenen Jahr mit der Veröffentlichung von »Eksodus« – dem ersten Nummer-1-Album seiner unsteten Karriere. Nun scheint er sich tatsächlich gefunden zu haben. Endlich, möchte man hinzufügen. Und mittlerweile gibt es kaum noch jemanden, der dem sympathischen Wahlkölner seinen späten Erfolg nicht gönnt. Nicht zuletzt deswegen, weil er über all die Jahre nicht das Handtuch geworfen hat und sämtlichen Fehltritten zum Trotz stets die Eier hatte, weiterzumachen – und dazu zu stehen. Grund genug für uns, Eko Fresh in dieser Ausgabe mit einem längst überfälligen JUICE-Cover zu ehren – und mit ihm zusammen seine lang ­erwarteten »1.000 Bars« unters Volk zu ­bringen, die seinen heutigen Status als einen der ganz Großen im Game untermauern.
 

 
Eko, dein erstes JUICE-Cover. Wie fühlt sich das an?
Für mich als großer HipHop-Fan hat das eine riesige Bedeutung. Das fühlt sich wie Home Coming an, wie eine Rückkehr in den Schoß der Szene. Als Rapper sieht man sich immer in der Competition mit anderen Rappern – obwohl ich da heute schon viel gechillter bin. Trotzdem habe ich häufig Leute auf dem ­Cover gesehen, die viel unbekannter waren als ich und viel weniger Platten verkauft ­haben. In meinen Augen hätte ich schon vorher ein Cover verdient gehabt. Das habe ich nicht verstanden und mich in meinem Rapper-Ego verletzt gefühlt. Aufgrund dieser Differenzen habe ich die JUICE dann auch gar nicht mehr gelesen, obwohl ich eigentlich ­immer Fan war und das gerne representet hätte. Insofern bin ich froh, dass das jetzt ­hinter uns liegt. Und eigentlich ist es so genau richtig. Das ist perfektes Timing.
 
Wann hätte dir denn deiner Meinung nach bereits zum ersten Mal ein Cover zugestanden?
Bevor 2003 mein erstes Album »Ich bin jung und brauche das Geld« auf den Markt kam, wurde mir sogar schon mal ein Cover in Aussicht gestellt. Weil die musikalische ­Ausrichtung der Platte dann aber etwas anders war, als man erwartet hatte, hat man sich am Ende dagegen entschieden. Dann gab es eine Zeit, in der ich in der ­Öffentlichkeit vor allem als Viva- und Bravo-Künstler wahrgenommen wurde – dass ich in dieser Zeit nicht als Cover-Kandidat in Betracht kam, kann ich verstehen. Ich wusste lange ja selbst nicht, wo ich als Künstler genau hin will. Aber seit dem »Ekrem«-Album von 2011, das mein Comeback eingeläutet hat, und mit dem ich endlich meine Richtung gefunden habe, wäre ein JUICE-Cover in meinen Augen mit jedem neuen Album verdient gewesen.
 
Du hast den unsteten Verlauf deiner ­Karriere schon angedeutet. Woran lag’s­?
Am fehlenden Talent lag es nie. Die ­Unstetigkeit hatte vielmehr mit ein paar ­falschen Entscheidungen zu tun: mit dem, was ich ausgestrahlt und gesagt habe. Als meine erste EP »Jetzt kommen wir auf die ­Sachen« releast wurde, war ich gerade mal 17 Jahre alt. Kurze Zeit später ging das ­Ganze bereits durch die Decke. Ich hatte aber gar keinen Plan, was ich da eigentlich mache.
 

 
Deine »500 Bars« von 2011 beginnen mit der Zeile »Es war einmal ein Junge, sie dachten, er wär’ tot«. Damit sprichst du die Zeit an, als du für deine falschen ­Entscheidungen viel gehatet wurdest. Wie hast du es deiner Ansicht nach geschafft, die Akzeptanz in der Szene zurückzugewinnen?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen hat es mit dem Internet zu tun. Ich habe die Sozialen Netzwerke schon früh für mich genutzt. Dadurch haben die Leute viel besser mitbekommen, wie ich wirklich ticke. Zudem habe ich mit German Dream auch in meiner erfolglosen Zeit permanent Freetracks rausgehauen. Dadurch haben Künstler wie Summer Cem, Farid Bang und Kay One im Game Fuß gefasst. Und heute habe ich das Gefühl, derjenige zu sein, der in der Szene am wenigsten gehatet wird.
 
Und das, obwohl du eine Zeit lang als Bravo-Rapper verschrien warst und mit Leuten wie Nino De Angelo kollaboriert hast.
Zu dieser Pop-Sache muss ich jedoch sagen: Ich habe das damals wirklich gelebt. Das ­waren keine Entscheidungen irgendeines A&­Rs. Ich war eben im selben Alter wie die Bravo-Leser und fand das geil. Heute ist das alles ja gar kein Thema mehr. Ich habe damals also Prügel für Dinge eingesteckt, die heute ganz selbstverständlich sind. Wenn man so will, steckte in meiner Unwissenheit demnach eine gewisse Pionierarbeit.
 
Würdest du bestimmte Dinge denn aus heutiger Sicht anders machen? In deinen »200 Bars« hast du dein L.O.V.E.-Projekt mit Valezka von 2004 zum Beispiel als Fehler bezeichnet.
Ich hätte L.O.V.E. einfach nicht als Eko-Ding laufen lassen sollen, sondern als Valezkas ­Soloalbum. Aber ich wollte eben meine ­damalige Freundin unterstützen. Die vielen Gesangs-Hooks auf meinem ersten Album »Ich bin jung und brauche das Geld« würde ich heute wohl auch weglassen. Aber ich habe das damals nicht aus ­Berechnung gemacht, ich habe mich dafür nicht ­verbogen. Ich wollte in der Bravo und bei Viva stattfinden. Ich fand das geil. Ich war einfach ein kleiner Junge, der unbedingt aus ­Mönchengladbach rauswollte. Und das habe ich geschafft.
 

 
Wie stehst du heute zu deinen Auftritten in TV-Formaten wie »Der Hundeprofi« und »Das perfekte Promi-Dinner«?
Einige Angebote habe ich aus einer ­finanziellen Not heraus angenommen, sprich: Ohne diese Not hätte ich das nicht gemacht. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen und das Beste daraus gemacht. Ich habe das Fernsehen ähnlich genutzt wie das Internet und den Leuten eine Seite von mir gezeigt, die sie noch nicht kannten. Dadurch bin ich in einer Zeit im Gespräch geblieben, in der meine Musik nicht so relevant war.
 
Würdest du also sagen, dass du stets authentisch geblieben bist?
Absolut. Die Leute haben mich bloß von meinen Skills her höher eingestuft und sich infolgedessen gefragt, warum ich diese Pop-Schiene fahre. Meine Skills waren aber weiter als ich es selbst im Kopf war – das war der Konflikt. Erst heute weiß ich, dass meine Songs so viel Klasse besitzen müssen, dass ich auch in ein paar Jahren noch ­dahinterstehen kann.
 
Wie meinst du das konkret?
Viele Rapper heute erscheinen ja bereits als fertige Künstler auf der Bildfläche. Den Luxus hatte ich nicht. Ich habe mich direkt in der Öffentlichkeit ausprobiert und auch alle Fehler in der Öffentlichkeit gemacht. Das war nun mal mein Weg, und das ist cool. Ich kann aber eben auch über mich selbst lachen. Viele Kollegen können das nicht – und das müssen sie ja auch nicht. Deren Weg ist halt ein anderer.
 
Es wirkt so, als seist du mittlerweile total mit dir im Reinen. Kam das mit dem »Ekrem«-Album oder war diese Platte bereits ein Resultat dieses Umstands?
Meine berufliche Wegfindung und meine ­persönliche Zufriedenheit gingen Hand in Hand. Meine private Situation hat mir das Selbstbewusstsein gegeben, darauf zu ­vertrauen, musikalisch das umzusetzen, was mir selbst am besten gefällt – und das sind eben diese oldschooligen Beats und abwechslungsreichen Raps. Und das positive Feedback auf die Platte hat mich darin bestätigt.
 
Viele Rapper deines Kalibers nehmen für sich in Anspruch, bestimmte Dinge im Game etabliert zu haben. In deinen »500 Bars« sagst du, dass du ­derjenige gewesen wärst, der deutschen Rap ­medienfähig und den Doppelreim ­geläufig gemacht hätte.
Das habe ich gesagt, ja. Ich habe aber auch mal gesagt: Wer es nötig hat, über sich selbst zu sagen, er sei eine Legende, der ist keine Legende. Solche Dinge hat man als ­Künstler nicht selbst zu behaupten, das müssen ­andere beurteilen. Aber wenn du mich direkt darauf ansprichst: In Ansätzen stimmt das. Ich war zumindest einer der ersten, der in ­seinem jugendlichen Leichtsinn Mainstream-Gefilde betreten hat, in die sich viele andere nicht hineingetraut haben – und die heute total salonfähig sind. Ich habe Türen geöffnet, die für Rapper wie die Aggro-Jungs ­ansonsten vielleicht verschlossen ­geblieben wären. Und was das Doppelreim-Ding angeht: Samy hat das natürlich schon vor mir gemacht. Das habe ich von ihm gelernt. Aber ich habe es dann auf das Pop-Level gehoben. Heute würde ich den Respekt für solche Leistungen aber nicht mehr einfordern. Und seit ich das nicht mehr tue, bekomme ich den Respekt ganz von selbst.
 
Nun hast du endlich die »1.000 Bars« ­gedroppt, die du deinen Fans ­versprochen hast. Erzähl doch noch mal kurz den Hintergrund dazu.
Die »200 Bars«, »300 Bars«, »500 Bars« und »700 Bars« waren bereits schöne Spielereien mit meinen Fans. Im Rahmen der Kampagne zum »Eksodus«-Album hatte ich dann die Idee, die »1.000 Bars« abzuliefern, wenn wir mit der Platte auf die 1 gehen. Das Lustige war: Als damals die Trendcharts veröffentlicht wurden, sah es so aus, als ob wir bloß auf der 2 landen würden – hinter Bob Dylan. Da dachte ich noch: Schade, aber immerhin muss ich dann die »1.000 Bars« nicht bringen – das ist ja doch viel Arbeit. Am Ende hat es dann aber doch für die 1 gereicht. Das war ein toller Moment!
 
Wie lange hast du für die »1.000 Bars« gebraucht?
Schwer zu sagen, weil ich immer mal wieder zwischendurch etwas geschrieben habe. Aber aktiv saß ich etwa einen Monat lang dran.
 
Wie geht man »1.000 Bars« inhaltlich an? Das ist sicherlich schwieriger als ein herkömmlicher 4-Minuten-Song.
Ich werde generell oft gefragt, wie ich es hinbekomme, so viel zu schreiben. Aber ganz ehrlich: Das fällt mir total leicht. Das ist eben genau mein Ding. Viel schwieriger ist es, sich die Zeit dafür zu nehmen und den Kopf ­freizumachen. Und was deine Frage angeht: Bei den »200 Bars«, »300 Bars« und »500 Bars« war es ja reines Gespitte. Bei den »700 Bars« hatte ich dann die Idee, meine Karriere nachzuerzählen. Dass es am Ende so episch und karrieredefinierend geworden ist, damit habe ich beim Schreiben gar nicht ­gerechnet. Und bei den »1.000 Bars« habe ich mir überlegt, den Leuten verschiedene Styles zu zeigen, wie ich es bei einem meiner »Rap Tutorials« schon mal in Kurzform gemacht habe. Das war auch insofern ganz angenehm, als dass es dadurch für mich immer kleine Etappen aus 50 oder 100 Bars gab und nicht 1.000 Bars am Stück. Insgesamt zeige ich auf den »1.000 Bars« nun 17 verschiedene Rap-Styles plus Intro und Outro – und kleinen Zwischen-Skits, gesprochen von Charles Rettinghaus, dem Synchronsprecher von Jean-Claude Van Damme und Vin Diesel.
 

 
Welcher Rap-Style liegt dir am wenigsten?
Doubletime. Entsprechende Rhymes zu schreiben ist kein Ding, aber in der Booth ist das sehr anstrengend für mich, weil ich ein Problem mit der Aussprache von »S«-Lauten habe; ich nuschele ein bisschen. Deshalb fällt mir das vergleichsweise schwer. Aber auch die »Bitte spitte«-Passagen waren eine ­Herausforderung, weil man kaum noch gute neue Lines findet. Die habe ich über einen recht langen Zeitraum gesammelt, bis ich irgendwann 50 Stück zusammenhatte.
 
Wann kommen die »2.000 Bars«?
Ich sag mal so: Ich bin sehr froh, die erst mal nicht machen zu müssen. Ich könnte mich aber gegebenenfalls dazu breitschlagen lassen, wenn ich mit dem ­nächsten Album Gold gehen sollte.
 
Wie weit bist du denn mit der Arbeit an dem Album?
Die Hälfte ist fertig. Ich kann aber noch nicht sagen, wann das Album kommen wird. Eigentlich würde ich das gerne noch dieses Jahr raushauen, aber es stehen zurzeit noch so viele Sachen an, dass ich nicht weiß, ob das klappt.
 
Wird es einen inhaltlichen roten Faden auf dem Album geben?
Das Gute ist: Dadurch, dass ich meine Skills nun bereits auf den »1.000 Bars« in der krassesten aller möglichen Formen gezeigt habe, muss ich das auf der Platte nicht mehr machen. Auch meine Sicht auf HipHop muss ich nicht mehr thematisieren, das habe ich auf »Eksodus« ausreichend getan. Insofern kann ich mich bei meinem neuen Album voll und ganz darauf konzentrieren, tolle Themen- und ­Konzeptsongs zu schreiben – so wie Sido. Denn das macht mir momentan mit Abstand einfach am meisten Spaß.
 
Apropos Sido: Ende Februar kam der Moderator Joko Winterscheidt bei Sidos Berlin-Konzert auf die Bühne, rappte eine Strophe beim Song »30-11-80« mit und schoss dabei verbal in verschiedene ­Richtungen. Zusammen mit den Atzen und Bass Sultan Hengzt hast du darauf mit einem Diss-Track ­geantwortet. Wie fandest du Jokos Aktion?
(guckt böse) HipHop ist kein Kinderspielplatz. Der Joko sollte sich ganz genau überlegen, ob er wirklich einen Schritt in meine Welt wagen will. Wenn ich anfangen würde zu moderieren, dann würde ich schließlich auch nicht gleich mit »Wetten dass..?« ­anfangen – und ähnliches gilt fürs Rappen. Du kannst dich nicht hinstellen, und dich direkt mit den ­Großen messen. Joko soll erst mal klein ­anfangen, seine Dues payen und sich ­dadurch meinen Respekt verdienen. (grinst)
 
Aber ich nehme an, du findest es generell cool, wenn Rap nicht nur innerhalb der Szenegrenzen stattfindet, sondern auch in einer solchen Form in den Mainstream gelangt, oder?
Ich finde das supergeil. Zumal das zeigt, dass Rap mittlerweile Mainstream ist. Selbst so ein Diss-Song wie der von den Atzen, Bass Sultan Hengzt und mir, der für Mainstream-Hörer inhaltlich nur bedingt greifbar ist, funktioniert plötzlich. Und das, finde ich, ist eine tolle Entwicklung.
 
Dennoch begibt man sich stets auf dünnes Eis, wenn man auf der ­einen Seite im Mainstream stattfinden, auf der anderen Seite aber auch von der Szene ernst genommen werden will. Wie schaffst du es, auf besagtem dünnen Eis nicht einzubrechen?
Das ist mir ja schon oft ­genug passiert. Aber ich habe daraus gelernt. Ich habe mich schon früh dem Mainstream geöffnet, hatte von vornherein wenig Berührungsängste damit. Und mittlerweile weiß ich, wie ich diesen Spagat hinbekomme. Allerdings muss man auch sagen, dass die Kluft zwischen HipHop-­Szene und Mainstream in den vergangenen Jahren viel kleiner geworden ist. Und wenn du deine Sache gut machst, bekommst du auch Props dafür. Viele Heads freuen sich mittlerweile sogar darüber, wenn jemand wie ich, der aus der Szene kommt und sie liebt, die HipHop-Kultur im Mainstream vertritt.
 

 
Wie schwer fällt dir die Auswahl deiner Singles, von denen du dir im besten Fall sicherlich kommerziellen Erfolg versprichst, mit der du gleichzeitig aber auch nicht die Hardcore-Fans vergrätzen willst?
Die erste Single-Auskopplung aus einem ­neuen Album ist immer etwas für diese Hardcore-Fans; etwas, womit die sich identifizieren und merken sollen, dass sie mir wichtig sind. Wenn man dann später noch eine kommerzielle Single macht, dann ist das für die okay. Die verstehen mittlerweile, dass man als Künstler weiterkommen und etwas erreichen möchte. Wichtig ist bloß, dass du dich dafür nicht verbiegst.
 
Welche Ziele gibt es denn noch, die du erreichen möchtest?
Zwei davon habe ich in diesem Jahr bereits erreicht: Das JUICE-Cover und ein Auftritt beim Splash. Beim Splash war ich nicht mehr seit 2002 – das ist zwölf Jahre her. In diesem Jahr hatte ich nun das erste Mal wieder ­genug Selbstbewusstsein, bei denen ­anzuklopfen, und die haben direkt zugesagt. Ich bin jetzt schon aufgeregt, obwohl ich ja mittlerweile echt viele Auftritte gespielt habe. Ich werde auch einen Drummer, einen Keyboarder und ein paar Special Guests dabei haben. Ich möchte einen Splash-Moment kreieren und mir wahnsinnig Mühe geben.
 
Also schon alle Ziele erreicht?
Nein, es gibt noch zwei weitere: Zum einen hätte ich gerne mal eine richtige Radio-Single, und zum anderen würde ich, wie bereits erwähnt, gerne einmal Gold erreichen.
 
Dafür musst du 100.000 Platten ­verkaufen. Von deinem letzten Album »Eksodus« hast du etwa die Hälfte ­abgesetzt, oder?
Ja. Aber wenn ich 70.000 schaffen würde, könnte man auch ein bisschen tricksen, indem man noch ein Remix- oder Live-Album rausbringt, die dann noch zur Album-­Kampagne zählen.
 
Den Grimme-Preis hast du nicht ­bekommen, bist in diesem Jahr aber bei der Verleihung aufgetreten – mit dem bekannten Jazzmusiker Klaus Doldinger, von dem auch das bekannte »Tatort«-Titelthema stammt. Das hat er performt, und du hast darüber gerappt. Wie kam es dazu?
Herr Doldinger und ich haben denselben Anwalt, und der hat uns miteinander bekannt gemacht. Herr Doldinger wollte seinen Auftritt etwas aufpeppen, und als die Idee im Raum stand, mit einem Rapper ­zusammenzuarbeiten, hat mein Anwalt mich vorgeschlagen. Das war eine glückliche ­Fügung. Aber wenn du lange dabei bist, immer gut ablieferst und stets einen guten Eindruck hinterlässt, dann bekommst du irgendwann auch solche ­Angebote. Und für mich war es eine große Ehre, denn Klaus Doldinger ist eine Koryphäe.
 
Hast du inhaltliche Vorgaben ­bekommen?
Nein, gar nicht. Die haben mir vertraut. Weil die Anfrage jedoch recht kurzfristig kam, hatte ich eh nicht genug Zeit, um etwas Neues zu schreiben und auswendig zu lernen. Daher habe ich über das »Tatort«-Thema eine ­Variation meines »Gheddo«-Songs performt.
 

 
Im nächsten Jahr bist du auch erstmals im Kino zu sehen. Du steckst bereits in den Vorbereitungen zum Dreh von »3 Türken und 1 Baby«. Nimmst du ­Schauspieltraining?
Ja. Die Arbeit vor der Kamera ist mir durch meine Musikvideos zwar nicht fremd, aber ein echter Spielfilm ist natürlich noch mal etwas anderes. Der Regisseur hat mir daher empfohlen, Schauspielunterricht zu nehmen, damit ich den Respekt vor der Drehsituation verliere. Ich soll aber ich selbst bleiben und muss keinen »Rainman« hinlegen. Ich will mich aber natürlich nicht blamieren, zumal ich mit Kostja Ullmann und Kida Ramadan zwei renommierte und angesehene Schauspieler an meiner Seite habe.
 
Wie bist du zu dem Film gekommen?
Ich habe mein Team um eine Schauspiel-Agentin erweitert, den Schritt zur ­Schauspielerei habe ich also bewusst getätigt. Ich hätte bloß nicht gedacht, dass es so schnell geht. Binnen kürzester Zeit hatte ich das Drehbuch auf dem Tisch, bin zum Casting und habe die Rolle direkt bekommen.
 
Bist du ein schauspielerisches ­Naturtalent?
Nein, das nicht, aber es fällt mir relativ leicht. Mir ist vor allem wichtig, dass es nicht ­abgelesen klingt, denn die Kritiker werden auf mich sicherlich ein besonderes Augenmerk haben. Ich weiß selbst, dass ich kein Robert De Niro bin. Aber ich habe den Anspruch an mich selbst, dass die Leute am Ende des Tages sagen: »Das hat der Eko gut gemacht. Das hätte ich nicht gedacht.«
 
Wirst du auch den Titelsong beisteuern?
So ist es geplant, ja.
 
In deinen »700 Bars« hattest du auch ein Skandalbuch angekündigt. Wie steht es damit?
Ein Skandalbuch wird es nicht werden, ­da habe ich ein bisschen ­übertrieben. Aber wir haben bereits mit ­Verlagen gesprochen, die alle sehr ­interessiert sind. Allerdings ist die Zeit noch nicht reif. Es wird darin ja um meine Karriere gehen, und die ist noch lange nicht abgeschlossen.
 
Genug Stoff würde deine bisherige ­Karriere aber locker hergeben.
Ja, das stimmt, doch momentan fehlt mir die Zeit dafür. Jetzt haben wir gerade die »1.000 Bars« veröffentlicht, im Herbst wird es eine Tour geben und vielleicht ja sogar noch ein neues Album. 2015 kommt dann der Film. Das Buch spare ich mir daher lieber für ein Jahr auf, in dem es bei mir ein bisschen ­ruhiger zugeht. Timing ist alles.
 
Du müsstest das Buch ja nicht selbst schreiben.
Klar, ich könnte das Buch auch von ­jemand anderem für mich schreiben lassen. Aber ­eigentlich würde ich das gerne selbst ­machen. Ich verstehe mich selbst schließlich als Schreiber – auch wenn bisher noch kein Buch dabei war.
 
Dein Vater Nedim Hazar ist ebenfalls Musiker …
Ja. Der hat lange in der Multikulti-Band ­Yarinistan gespielt, die vor allem im Kölner Raum sehr bekannt war.
 

 
Und er hat, noch bevor du als Rapper erfolgreich wurdest, zusammen mit dem Kabarettisten Fatih Cevikkollu das Stück »Ali-Rap« geschrieben, in dem er rappt. Dass der eigene Vater noch vor einem gerappt hat, können nicht viele MCs ­deiner Generation von sich behaupten.
Ja, das stimmt. Auf dem Song hat mein Vater halb deutsch, halb türkisch gerappt – das war sogar noch vor Fresh Familee und deren Song »Ahmet Gündüz«. Mein Vater war also einer der Vorreiter von deutschem Rap. (lacht)
 
Weißt du, wie er damals darauf kam?
Den Song hat er ja Ende der Achtziger Jahre geschrieben. Damals war das Migrationsthema sehr präsent – die Deutschen und die Ausländer fingen gerade erst an, sich anzunähern. Und mein Vater hat Rap wohl als geeignetes Medium angesehen, um über dieses Thema zu sprechen.
 
Du warst beim Dreh des Videos zu dem Song als Statist dabei. Hat das Einfluss auf deine Rap-Ambitionen gehabt?
Schwer zu sagen. Ich war zu der Zeit bereits Rap-Fan und habe sowohl Sachen aus Deutschland als auch aus Amerika gefeiert. Ich kann mich aber daran erinnern, dass ich mit Fatih damals über den Text gesprochen und unreife Statements abgegeben habe. Das war ein toller Text über Integration, aber ich meinte, das sei viel zu kompliziert und müsse lockerer klingen. Aus heutiger Sicht total bescheuert. Aber als junger Bursche habe ich mich mit meinen Aussagen gerne mal in die Nesseln gesetzt.
 
Denkst du da an eine bestimmte ­Situation?
Ja, eine mit RZA. Als der seinen Sampler »The World According To RZA« gemacht hat, haben Savas und ich ja den Song ­»Hotel« ­beigetragen. Eigentlich wollte RZA nur mit Savas arbeiten, aber Savas hat darauf ­bestanden, dass ich auch bei dem Track dabei bin und sogar mit RZA abgedealt, dass der Beat später auch auf meinem Album ­landen darf. Also fragt der große RZA mich kleinen Jungen aus Mönchengladbach, was für eine Art Beat ich denn gerne haben ­möchte. Und was sage ich? »Ich hätte gerne etwas Jay-Z-mäßiges.« Oh man, wie ­bescheuert. Da fragt dich jemand wie RZA, der maßgeblich den Wu-Tang-Style ­geprägt hat, wie der Beat klingen soll, und ich ­verweise auf Jay Z. Dafür schäme ich mich bis heute.
 
Wie hat RZA reagiert?
Der hat bloß gelacht. Der war entspannt. Der hat uns sogar direkt die Spuren gegeben, die wir dann nach unseren eigenen Vorstellungen arrangieren konnten. Sehr korrekt von ihm.
 
Lass uns noch mal über deinen Vater sprechen, der ja nicht nur Musiker ist.
Mein Vater ist ein sehr kluger und wahnsinnig talentierter Mensch; ein begnadeter Künstler: Kabarettist, Schauspieler, Sänger, Filmemacher und Moderator. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich im WDR mal in irgendeiner Kultursendung saß. Als der junge Typ, der mich interviewt hat, mitbekam, dass Nedim Hazar mein Vater ist, ist der ­vollkommen durchgedreht und meinte, der wäre in den heiligen Hallen des WDR eine Legende.
 
Macht dich das stolz, wenn Leute so über deinen Vater sprechen?
Ein bisschen schon, ja. Wir hatten lange Zeit unsere Differenzen, die wir aber mittlerweile zum Glück beigelegt haben. Heute verstehen wir uns sehr gut.
 
Was war damals das Problem?
Er fand meine Entscheidung falsch, ­professionell Musik machen zu wollen. Das hat er mir nicht zugetraut.
 
Weil er dein Talent nicht gesehen hat? Oder war er bloß sauer darüber, dass du vorzeitig und überhastet die Schule abgebrochen hast?
Beides. Ich habe mich von ihm damals extrem unverstanden gefühlt und lange um seine Anerkennung gekämpft. Und das war wohl auch der Grund, warum ich immer Leute um mich hatte, die diese Vaterrolle eingenommen haben – ob es nun Savas war oder Bushido. Ich habe immer nach jemandem gesucht, der mir bestätigt, dass es gut ist, was ich da mache.
 

 
Heute ist das offensichtlich nicht mehr der Fall.
Nein. Heute bin ich nicht nur mit meinem Vater im Reinen, sondern kann auch selbst beurteilen, ob meine Mucke cool ist oder nicht.
 
Wie steht dein Vater heute zu deiner Musik?
Heute findet er gut, was ich mache. Er ist stolz auf mich.
 
Das muss ihn doch auch freuen, dass er als Künstler immer für die Integration von Migranten eingetreten ist und du mittlerweile als Paradebeispiel dafür durchgehst.
Ja, heute ist das so. Aber genau das hat er jahrelang weder registriert noch anerkannt. Das fand ich schlimm. Hinzu kam, dass mein Vater irgendwann wieder in die Türkei gezogen ist und deshalb in Zeiten, in denen es mir nicht gut ging und ich seine Hilfe hätte gebrauchen können, nicht da war.
 
Gab es denn mal eine Aussprache ­zwischen euch?
Ja, als er das letzte Mal für längere Zeit in Deutschland war. Mein Vater hat nach der Ehe mit meiner Mutter noch mal ­geheiratet, was mir zwei Halbgeschwister beschert hat – auch wenn ich zu denen leider nicht viel ­Kontakt habe. Einer von denen ist ein bisschen jünger und wollte mich gerne mal kennenlernen. Bei diesem Treffen habe ich meinem Vater dann gesagt, dass ich es echt scheiße fand, dass er nie richtig für mich da war. Immerhin ist er auch in der ­Unterhaltungsbranche tätig und hätte mir in meiner schwierigen Phase sicherlich den einen oder anderen guten Rat geben können.
 
Hat er das verstanden?
Ja, hat er – und sich entschuldigt. Da hat er mir dann plötzlich leidgetan, sodass ich direkt das Thema gewechselt und über andere ­Dinge geredet habe. Ich wollte das aber ­mal loswerden, weil das immer zwischen uns ­gestanden hat. Das habe ich nun getan, und damit ist die Sache für mich erledigt. ­Außerdem: Mein Comeback habe ich in gewisser Weise auch meinem Vater zu verdanken.
 
Inwiefern?
Weil ich durch seinen Song »Max und ­Gülistan« auf die Idee zu »Köln Kalk ­Ehrenmord« gekommen bin, das mich als ernstzunehmenden Künstler wieder auf die Map gebracht hat. Ich hatte fürs »Ekrem«-Album damals nach Samples gesucht, bin dabei auch die Platten meines Vaters ­durchgegangen und auf diesen Song ­gestoßen. Darin geht es um die Liebe zwischen einer Türkin und einem ­Deutschen – eine Verbindung, die kaum denkbar war, als mein Vater den Song ­geschrieben hat. ­Deswegen hat der damals auch recht große Wellen geschlagen, obwohl er ­vergleichsweise harmlos ist. Für »Köln Kalk Ehrenmord« habe ich jedenfalls die beiden Charaktere aus dem Song meines Vaters benutzt und in eine etwas andere Geschichte eingebunden. Insofern hätte mein Comeback ohne meinen Vater wohl anders ausgesehen.
 

 
Ein gemeinsames Stück habt ihr aber nie aufgenommen, oder?
Nein, aber wir haben darüber geredet. ­Vielleicht kommt das noch. Irgendwann.
 
Wo du jetzt offenbar mit allen cool bist, lass uns abschließend doch noch einmal über das Thema Beef reden. Du hast mehrfach gedisst, bist aber auch häufig gedisst worden. Wie findest du die Ergebnisse dessen rückblickend aus rein künstlerischer Sicht?
Ich glaube, dass ich immer ganz gut ­abgeliefert habe, wenn es darauf ankam, einen Diss-Song zu schreiben. Ich will die Tracks jetzt nicht in den Himmel loben, aber einige Parts darauf sind legendär geworden. Ich kann dissen. Hat man ja jetzt auch im Fall von Joko wieder gesehen. (lacht)
 
Trotzdem redest du nicht mehr gerne darüber. Warum?
Weil ich oft nur darauf reduziert wurde, und das wird meinem Output einfach nicht gerecht. Zu Zeiten von »Köln Kalk Ehrenmord« war ich zum Beispiel mal bei »Roche & Böhmermann«. Über den Inhalt des Songs hätte man stundenlang sprechen können. ­Stattdessen haben die bloß nach all den Battle-Songs gefragt, sich überhaupt nicht informiert, und das fand ich total scheiße.
 
Aber sämtliche Beefs sind ja ­glücklicherweise beendet.
So ist es. Ich habe keine Feinde. Und ich hege auch keinen Groll mehr gegen irgendwelche Rapper. Und obwohl ich nach den »700 Bars« eigentlich nichts mehr dazu sagen wollte, kann ich zu der Kool-Savas-­Geschichte abschließend vielleicht noch eines anmerken: Ich verdanke Kool Savas meine Karriere. Er ist mein großer Bruder, und das wird er auch immer bleiben. ◘
 
Kurz vor Redaktionschluss ließ Eko verlauten, dass sein neues Album voraussichtlich am 26.9. erscheinen wird und »Deutscher Traum« heißen soll.. Wenn es Gold gehen sollte, freuen wir uns auf die »2.000 Bars«…
 

 
Text: Daniel Schieferdecker
Fotos: Lukas Maeder