eRRdeKa – Er? Tight. Ihr? Wack! [Titelstory]

Errdeka
 
Als Prinz Porno 1998 auf »Keine Liebe« den Inhalt ­seiner persönlichen Bibel formulierte, wusste Raphael ­Endraß wohl noch nicht mal, dass er eines Tages ­Rapper sein würde. Dennoch gilt der 23-Jährige, der sich als ­Rapper eRRdeKa nennt, zumindest für seinen Labelchef ­Friedrich Kautz als einzig legitimer Wiedergänger des (zumindest von ein paar tausend Menschen) immer noch kultisch verehrten Prinzen aus Berlin Steglitz-Zehlendorf. Der sagt, »Wenn Prinz Porno heute zwanzig Jahre alt wäre, dann würde seine Musik wohl so klingen wie die von eRRdeKa.« Eine gewagte These. Doch eines steht bereits jetzt, knappe zwei Monate vor dem Release von eRRdeKas erstem kommerziell ­veröffentlichten Album »Paradies«, fest: Dessen lyrische Mischung aus ­Hedonismus, Depression und Fuck-Off-Attitüde ist ­genau das, was die momentan häufig etwas zahn- und mutlos ­wirkende HipHop-Szene braucht.
 
Wir sind im Büro von eRRdeKas ­Plattenfirma Keine Liebe zum Interview verabredet. Die ­geräumige Altbau-Erdgeschoss-Wohnung, von der aus Prinz Pi mit seinen ­Geschäftspartnern sein kleines Label mit angeschlossener Management-­Agentur führt, ist ein sehr ­einladender Ort. In der Küche brüht immer gerade irgendwer frischen Espresso, und überhaupt ist Keine Liebe ein überaus ­sympathisches »Familien«-Unternehmen. Sicherlich nicht der schlechteste Ort für den Karrierestart von jemandem, der als klassischer Sohn der Kleinstadt bisher nicht viel mit der manchmal so hässlichen Rap-Industrie am Hut hatte. Als ich ankomme, ist eRRdeKa noch nicht da, also warte ich fürs erste in einem der drei Räume auf einer braunen Chesterfield-Ledercouch. Knappe zehn Minuten später steht eRRdeKa in der Tür, wir begrüßen uns freundlich, schließlich haben wir in den ­vergangenen zwölf Monaten bereits zwei gemeinsame Interview-Termine absolviert. Offensichtlich wirkt die Begrüßung ein wenig zu kumpelhaft, der Kameramann schreitet ein: »Könntet ihr das vielleicht noch mal machen, dieses Mal mit ein wenig mehr Distanz ­vielleicht?« Besagter Kameramann arbeitet für den Bayerischen Rundfunk, der sich dazu entschlossen hat, eRRdeKa als ­vielversprechendes lokales Talent (und trotz seiner nicht immer jugendfreien Texte) auf dem Weg zu seinem Debütalbum zu begleiten. Zum einen schicken sie ihn als Vertreter Bayerns in diesem Jahr beim New Music Award der Jugendsender des öffentlichen Rundfunks ins Rennen, zum anderen begleiten sie ihn aktuell mehrere Tage lang mit der Kamera bei der ­Arbeit. Gestern waren eRRdeKa und der BR im Studio von DJ Stickle. Dieser hatte zuletzt an den Alben von Casper und Chakuza ­gearbeitet und nun eben ­»Paradies« ­abgemischt, das er als »das stärkste Deutschrap-Debüt, das ich seit langem gehört habe« bezeichnet. Heute wiederum lässt sich eRRdeKa für den BR ­tätowieren und bei der Arbeit, genauer gesagt beim JUICE-Interview, filmen.
 

 
Also noch mal von vorn. Wir begrüßen uns in der Küche und tun so, als wären wir zwei Unbekannte, die sich gerade zum ersten Mal treffen. Als die Kamera wieder aus ist, müssen wir beide grinsen. Schließlich ist die Situation ungewöhnlich. Wir treffen uns bereits zu unserem dritten Interview, und dabei hat eRRdeKa noch nicht mal ein »richtiges« Album draußen. Dennoch hat dieser Raphael bereits am Startpunkt seiner Karriere all unsere Aufmerksamkeit verdient. Freilich sind solche Erfolgsvorhersagen stets mit Vorsicht zu genießen, doch es scheint so, als hätte 2014 kaum ein Newcomer so gute Chancen auf einen überraschend erfolgreichen Karrierestart wie eRRdeKa.
 
Das liegt vor allem an: »Paradies«. ­Natürlich hat eRRdeKa bereits mit den Videos ­seiner Eyeslow-Crew ordentlich Klicks und Fans ­angehäuft, sein großes Talent konnte er dort allerdings nur punktuell zeigen. Auf der ­Habenseite stand aber da bereits sein ­souverän-aggressiver Flow auf Songs wie »EDOPPELR«, auf dem eRRdeKa ­klassische Angeber-Ansagen droppt. Zugleich fanden sich auf den Eyeslow-Mixtapes aber auch immer wieder ziemlich halbgare ­Nummern. Auf ­»Paradies« hingegen fährt ­eRRdeKa so stark auf, dass man das Album schon vorab als eine der größten und ­spannendsten ­Überraschungen des ­kommenden Herbstes ankündigen kann. Warum? Weil es sich herausnimmt, inhaltlich sehr düstere Töne anzuschlagen – und gemeint ist nicht jene Melancholie und Schwermut, die momentan so viele Vertreter der sogenannten »­Generation Y« in ihren Songs kanalisieren. Wenn eRRdeKa in der Morgensonne nach mehreren Drogen-Trips aus dem Club heimkehrt, dann schreibt er sehr persönliche und manchmal brutal ehrliche Songs, die große Wut, viel Frust und Einsamkeit offenbaren. In eRRdeKa spiegelt sich das im Kleinen wie im Großen. In seinen Texten stehen er selbst und seine Erlebniswelt stets an erster Stelle. Aus dieser persönlichen Perspektive heraus schafft er es jedoch, Bilder heraufzubeschwören, die ihn und sein Umfeld als zwischen Hedonismus und Lethargie schwebend erkennbar machen. Natürlich passt er damit am Ende noch immer gut in die lange Riege junger Rapper mit eher mittelständischem Hintergrund, die in ihren Texten vor allem ihre individuelle Rolle innerhalb einer unüberschaubar komplex gewordenen Welt verhandeln.
 
Zudem bringt Raphael aber, und vor allem das macht ihn im hiesigen HipHop-Zirkus anno 2014 so besonders, ein Talent mit, das im deutschen Rap zuletzt gefehlt hat: Er weiß, wie man einen Battle-Track schreibt. Neben den düster bis dramatisch inszenierten ­Einblicken in die Gedankenwelt von Raphael Endraß zeigt »Paradies« nämlich auch, was eRRdeKa am meisten Spaß macht: Einen ­beliebigen Gegner lyrisch zu zerficken. Dabei geht er nicht zimperlich oder zögernd vor, ­sondern zeigt dir erstmal, wie wack du bist, um dir im Anschluss dein Mädel ­auszuspannen. Kurze Zwischenfrage: Wie viele von euch ­vermissen genau diese Scheiß-auf-alles-­Attitüde im aktuellen Rap-Geschehen?
 
Wassif, einer der Manager von eRRdeKa, sagt dazu selbstbewusst: »Heute hat fast alles, was an neuer Rap-Musik erfolgreich wird, irgendeinen Pop-Twist an sich. Im Deutschrap gibt es aber momentan bereits genug Künstler wie Casper, Marteria, Prinz Pi und Cro, ­dagegen aber zu wenig straighte Rap-Musik. Ich glaube, dass HipHop mittlerweile an einem Punkt angekommen ist, an dem er sich nach einem Album wie ‚Paradies‘ sehnt.« Mit dieser ­Beobachtung könnte er richtig liegen. Schon der Überraschungserfolg von Karate Andi, der mit seinem Asi-Battlerap-Album »Pilsator ­Platin« euphorische Rap-Kritiker sowie Selfmade Records auf den Plan rief, war 2014 ein erster Indikator für diese Entwicklung.
 
Sowohl Karate Andi als auch eRRdeKa tragen eine rebellische Attitüde vor sich her, mit Rap sozialisiert wurden sie beide jedoch offensichtlich durch andere Quellen. Während Andi scheinbar eine ganze Menge K.I.Z.-Humor in sich trägt und sein Flow das eine oder andere Mal an den notorischen Slow-Motion-Hänger Shindy erinnert, rappt eRRdeKa so straight forward und aggressiv, wie man das vor einer knappen Dekade vor allem bei Berliner Crews der Royal-Bunker-Schule gehört hat. So unterhalten wir uns, nachdem der BR seine Kamera eingepackt hat, unter anderem über die Sekte und Bushido, aber auch über Purity Ring und die Crystal Castles.
 

 
Ich konnte gestern zum ersten Mal dein Album »Paradies« hören. Dafür, dass die Platte sich im Titel auf das Himmelreich bezieht, klingt sie reichlich düster. Warum dieser Titel?
Ich wollte ganz explizit, dass der ­Albumtitel und die darauf befindlichen Songs in einem ­krassen Kontrast zueinander stehen. Und was liegt weiter ­auseinander als Himmel und Hölle? Ich wollte auf meinem Album aber viel mehr davon ­erzählen, wie jeder Mensch versucht, sich sein ganz persönliches Paradies auf Erden zu ­schaffen. Ganz egal, ob man sich mit ­irgendwas vollballert, um für einen Moment seine Sorgen zu vergessen, oder ob man das Glück in der großen Stadt sucht. Gleichzeitig wollte ich aber auch zeigen, dass einen die ­Realität immer wieder einholen wird – ganz egal, wie weit man von sich und seinen ­Problemen davonrennt.
 
Der Protagonist auf »Paradies« kommt auf keinem einzigen Song tatsächlich im Himmel an, oder?
Ja. Das liegt daran, dass dieses Album einen Teil meines Lebens einfängt; eine Zeit, in der ich mich weder ausgeglichen noch zufrieden gefühlt habe. Ich trage in mir sowieso eine ständige Unruhe und bin mir bis heute nicht ­sicher, wohin meine Reise am Ende noch gehen soll. So lange das so ist, kann ich einfach keine Lieder schreiben, in denen ich behaupte, alles wäre cool. Aber das sind wohl einfach die ganz normalen Probleme eines 23-Jährigen. (grinst)
 
Wann hast du angefangen, an diesem Album zu arbeiten?
Ungefähr Mitte letzten Jahres. Das war kurz bevor klar wurde, dass ich das Album bei Keine Liebe veröffentlichen werde. Die meisten Songs, die damals in dieser Anfangsphase ­entstanden sind, habe ich aber früher oder später verworfen. Die meisten der Tracks sind nun in den vergangenen Monaten bei mir zuhause entstanden, bevor ich sie dann zusammen mit Max Mostley in seinem Studio ausgearbeitet habe.
 
Man merkt auf »Paradies« immer wieder, dass du offensichtlich sehr viel Rap-Musik aus Berlin gehört hast. Bist du ein Kind der Royal-Bunker-Ära?
Nicht ganz, ich bin erst mit Aggro Berlin zu Rap gekommen. Als Kind hatte ich erst dieses Nu Metal-Zeug – Limp Bizkit, Slipknot und Korn – gehört, danach kam aber direkt »Carlo Coxxx Nutten« von Bushido und Fler. Ich fand es richtig super, dass meine Mutter diese Sachen damals so schlimm fand. (grinst) Von da an habe ich mich dann Stück für Stück nach hinten gearbeitet, wodurch ich auch solche Sachen wie Royal TS, Beatfabrik, Berlin Crime und Frauenarzt entdeckt habe. Wie die gerappt haben, hatte schon eine krasse Wirkung auf mich.
 
Momentan gibt es nur noch sehr wenig Rap-Musik, mit der man seine Eltern schocken kann, oder?
Ja, schon. Wenn man so will, gibt es ­momentan ja hauptsächlich Straßenrap mit großem Unterhaltungsfaktor, zum Beispiel Olexesh und Haftbefehl, daneben aber auch sehr viel Pop-Rap und natürlich diesen ­Gelangweilten-Rap von Leuten wie Huss & Hodn, für Menschen, die Boombap feiern und alles Aktuelle hassen. Wobei ich Huss & Hodn ja ziemlich geil finde. Ich selbst kann allerdings mit vielen aktuellen Sachen wenig bis gar nichts anfangen.
 
Wen oder was findest du denn richtig gut?
K.I.Z. sind krass, Prinz Pi ist geil, und Casper fand ich eine Zeit lang auch richtig stark. Ich kenne nicht alles von ihm, aber Songs wie »Michael X« sind ganz großes Kino. Bei ihm ist es auch okay, wenn er diese poppige Musik macht – ich weiß ja, dass er es auch anders kann: dieser »Halbe Mille«-Track war zum Beispiel krass geflowt. Ansonsten bin ich aber in Sachen Deutschrap relativ ignorant. Das beeinflusst mich immer direkt viel zu krass, wenn ich zu viel Künstler XY höre. Dann erinnert das, was ich schreibe, ganz schnell an dessen Texte.
 

 
Das hast du auf »Paradies« offensichtlich sehr gut vermieden. Es ist keine Boombap-Platte, aber auch kein Trap-Album. Hattet ihr einen Soundentwurf im Kopf, als ihr mit der Arbeit begonnen habt?
Schon. Anfangs hat mir Wassif immer mal wieder Beats von unterschiedlichen Leuten aus Berlin geschickt. Da waren auch sehr coole Sachen dabei, aber ich wollte lieber einen ganz eigenen Sound erzeugen und habe deswegen jemanden gesucht, mit dem ich das ganze Album machen kann. Den habe ich dann irgendwann in Max Mostley gefunden. Als wir anfingen zu arbeiten, hörten wir erstmal sehr viel Musik, unter anderem Purity Ring, Flume, Shlohmo und Crystal Castles. Das, was die machen, wollten wir auf eine HipHop-Weise adaptieren.
 
Vielleicht klingen die meisten Beats wegen dieser Inspirationsquellen so finster.
Ja, bestimmt. Ich fahre mir selbst ­größtenteils melancholische und düstere Musik rein und kann keine Happy-Mucke hören – so etwas nervt mich total. Mir ist es sehr wichtig, dass die Musik, die ich höre, mich in meiner ­Gefühlslage bestärkt.
 
Deine bisherige Fanbase hast du dir auf Basis der Eyeslow-Mixtapes erspielt. Die Songs darauf waren selten ­melancholisch oder nachdenklich.
Das stimmt. Noch ein bisschen früher habe ich bereits online ein paar Solo-Platten ­veröffentlicht, die in Teilen tiefgründiger waren. Eyeslow entstand zu meiner Hochzeit als Kiffer. Da passte es gut, so zu rappen; die Songs ­haben wir teilweise binnen Minuten ­geschrieben. Aber erst »Paradies« würde ich als mein Debütalbum bezeichnen. Diese Platte soll mich so darstellen, wie ich tatsächlich bin, und nicht nur eine Facette meiner selbst zeigen.
 
Dafür, dass du erst 23 Jahre alt bist, machst du schon relativ lange Musik, oder?
Auf jeden Fall. Ich habe ungefähr 2007 angefangen. Ich war erst 17, als ich meine ersten Sachen im Internet ­veröffentlicht habe. Ich habe am Anfang immer sehr ungefiltert gearbeitet und jedes Projekt sofort rausgehauen, sobald ich es fertig hatte. Das ist ja auch irgendwie geil, weil meine künstlerische Entwicklung so für jeden ganz offen nachvollziehbar ist. Ich würde sagen, ich habe mich seit 2007 Jahr für Jahr gesteigert, kann aber immer noch zu dem ­stehen, was ich damals gemacht habe. ­Natürlich ist meine aktuelle Situation umso schwieriger für mich, schließlich ist »Paradies« nun schon seit einer ganzen Weile fast fertig. Ich habe es mir selbst schon totgehört, dabei ist davon bisher so gut wie nichts veröffentlicht.
 
Um noch mal auf die Inhalte der Platte zu kommen: »Paradies« folgt einem roten Faden, oder?
Ja, das Album fasst gewissermaßen die Zeit zusammen, in der ich die Songs geschrieben habe. Die Stücke kreisen schon ganz grob um dieselben Probleme. Gewollt war dieser rote Faden allerdings nie. Ich habe auch mehr Songs geschrieben als die, die letzten Endes auf dem Album landen werden. Ein paar von denen ähnelten sich inhaltlich aber leider so stark, dass ich dann aus zwei inhaltsgleichen Songs die besten Zeilen und Elemente herausgepickt und sie zu einem schlüssigen Ganzen verwoben habe, um auf dem fertigen Album Redundanzen zu vermeiden.
 
Wen willst du mit deiner Musik ­ansprechen?
Natürlich freue ich mich über jeden Hörer, aber ich hoffe schon, dass ich es schaffe, mit meiner Musik auch Menschen in meinem Alter aus der Seele zu sprechen. Bis dato haben die mich vielleicht noch nicht so richtig auf dem Zettel, aber das dürfte daran liegen, dass man von mir im Netz bisher nur die Eyeslow-Sachen findet. Und bei den meisten Eyeslow-Videos würde ich als Typ Anfang zwanzig ja auch denken: »Cool, aber was geht mich das an?« Ich glaube, dass ich mir jetzt mit »Paradies« die Basis dafür schaffen muss, wer ich als Musiker später mal sein möchte. Ich möchte es schaffen, mich als Künstler zu verwirklichen, der Welt da draußen zeigen, wer ich bin, und am Ende etwas hinterlassen, das zumindest bei ein paar Menschen einen Eindruck gemacht hat. ◘
 

 
Text: Sascha Ehlert
Foto: Friedrich Kautz
 

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