ScHoolboy Q (Feature #154)

SchoolboyQ

 

Schoolboy Q wird nie ein Rapper sein, der wie Crew-Kollege Kendrick Lamar mit nur einem Verse die komplette HipHop-Gemeinde durchdrehen lässt. Ist auch gar nicht nötig. Ebenso wenig muss er zum Rap-Streber mutieren und ein bis ins letzte Detail durchdachtes Konzeptalbum abliefern. Der 26-Jährige weiß unterdessen genau, wo seine Stärken liegen. Er hat genügend gesehen und erlebt auf den Straßen seiner Heimat Los Angeles. Dass er dies in eindrückliche Songs verpacken kann, hat er bereits auf seinen Download-Releases unter Beweis gestellt. Drogengeschwängerte Spaßhymen, die denen seiner Homies A$AP Rocky oder Danny Brown in nichts nachstehen, schüttelt er locker aus dem Ärmel. Als selbsternannter ­intelligenter Gangbanger kann er natürlich auch reflektierter zu Werke gehen. Trotz aller Unterschiede wird er an »good kid, m.A.A.d city« gemessen werden, dessen ist er sich bewusst. Kendrick lasse ihm keine andere Wahl, als ein ebenso gutes oder gar besseres Album abzuliefern. »Oxymoron« soll nicht weniger als ein Klassiker werden.
 
Dass sein Album zu den meist erwarteten Rap-Releases des Jahres gehört, wäre beinahe durch seine unbestrittene Straßenkredibilität verhindert worden. Sein Label Top Dawg hätte ihn einst beinahe wieder gedroppt, da er parallel zur Musiker- auch weiterhin der Straßenkarriere nachging. Sie sahen in ihm etwas, das er selbst noch nicht sah. Das Gespräch mit seinen Labelbossen habe sein Leben gerettet, gesteht Schoolboy Q heute. Bis 2007 war Rap nie mehr als ein Hobby für ihn. Die Musik ernsthafter zu verfolgen, wurde erst nach einem einige Monate dauernden Knastaufenthalt zu einer ernsthaften Option. Der Wunsch, nicht mehr zurück in den Bau zu müssen, hat seine Rap-Karriere erst ins Rollen gebracht: »Das Gefängnis hat eigentlich alles in meinem Leben verändert, denn ich wollte mich nicht daran gewöhnen, immer wieder in den Knast zu gehen. Das war eine sehr harte Situation für mich, ich hasste es, hinter Gittern zu sein. Als ich endlich wieder in Freiheit war, besann ich mich auf mein Talent als Rapper. Zumindest glaubte ich, dieses Talent zu besitzen, denn eigentlich war ich noch gar nicht so gut zu dieser Zeit. Irgendetwas in mir ließ mich jedoch daran glauben.«
 
Sein erstes Mixtape erschien zwar 2008, doch bis er seinen Job als Straßenapotheker endgültig an den Nagel hängte und aufhörte, den Leuten in seinem Quartier das verschreibungspflichtige Medikament Oxycodon zu verkaufen, dauerte es bis 2011 und der Veröffentlichung von »Setback«. Sein erstes käuflich zu erwerbendes Release generierte offenbar genügend Bares, um Schoolboy endgültig davon zu überzeugen, der Musik den Vorzug zu geben. Auch wenn seine Zeiten als Gangbanger definitiv vorbei sind, fühlt er sich den Hoover Crips, denen er seit seinem 12. Lebensjahr angehört, bis in den Tod verbunden: »So bin ich aufgewachsen und das hat auch die Art, wie ich rappe, geprägt. Die Geschichte, die ich erzähle, ist die Geschichte von Hoover. Ich bin zwar heute kein Gangbanger mehr, aber meine Wurzeln sind immer noch in Hoover. Da bin ich aufgewachsen und meine Homies leben noch immer dort. Bei vielen Homies kann ich mich gar nicht mehr erinnern, wie ich sie kennen gelernt habe, so lange kennen wir uns bereits. Ich kann diesen Leuten nicht einfach den Rücken kehren. Deshalb bin ich Hoover, bis ich sterbe – auch wenn ich kein Gangbanger mehr bin.«
 
Seine Erfahrungen bei den Hoover Crips sind auch einer der Eckpunkte seines ersten offiziellen Albums »Oxymoron«. Gegensätze haben die Künstlerpersönlichkeit von Schoolboy stets geprägt und so soll der andere wichtige Eckpfeiler der Scheibe seine kleine Tochter sein: »Im Grunde genommen geht es um das Leben. Das Leben eines ganz normalen Mannes, der am Strugglen ist und versucht, etwas aus seinem Leben zu machen und dafür hart arbeitet. Du sitzt hier neben mir und interviewst mich, weil das dein Job ist. Mein Job ist es, mich um meine Tochter zu kümmern und den Leuten Geschichten von dort zu erzählen, wo ich aufgewachsen bin. Wie man unschwer erkennt, benehme und kleide ich mich nicht mehr wie ein Gangbanger. Aber es geht darum, den Leuten zu zeigen, woher ich komme und wie es dort wirklich abgeht. Darum geht es auf dem Album: Die Geschichte der Crips, meine Familie und man selbst zu sein.« Das bedeutet im Fall von Q, auch offen zu seiner Vorliebe für gewisse bewusstseinserweiternde Substanzen zu stehen. Auch dieser Aspekt dürfte auf dem Album nicht zur kurz kommen.
 
Dass er es mag, mit seinen verschiedenen Seiten zu spielen, unterstreicht auch der Albumtitel. »Oxymoron« könnte eine Anspielung auf seine Verkaufstätigkeit am Block sein, bedeutet aber einen »Widerspruch in sich«. Damit bezieht er sich auf weit mehr als nur seine Musik: »Das Leben besteht aus Gegensätzen. Wir leben, um zu sterben – alleine das ist ein innerer Widerspruch. Im Grunde genommen sind wir bereits tot und daher müssen wir das Leben ausschöpfen und das machen, was nötig ist, um wir selbst zu sein. Ich trage meinen Namen wegen der guten Noten, die ich auf der High School hatte. Gleichzeitig war ich aber ein Gangbanger, verkaufte Drogen, spielte Football und war ein Gamer. Ebenso bin ich ein Sneakerhead und liebe ­Klamotten. All dies vereint sich in meiner Musik. Egal, wie du dein Leben lebst und was du für eine Einstellung hast, das Leben bleibt ein Widerspruch.« Nicht auszuschließen, dass man auf »Oxymoron« auch, zumindest vermeintliche, musikalische Widersprüche finden wird. Längst hat Q bewiesen, dass er von Trap-Geschoss über Stoner-Soundtrack, vom Soul-Sample bis zum klassischen Gangsta-Funk alles zu bändigen weiß. Die bisher bestätigte Produzentenliste mit ­Pharrell, J. Cole, Boi-1da, Alchemist, THC, Digi + Phonics sowie Nez & Rio deutet auf jeden Fall bereits auf ein sehr vielseitiges Soundbild hin.
 
Obwohl er den Großteil seines Lebens an der Westküste verbrachte, wurde er vor allem durch Ostküsten-Rap sozialisiert. Sein Label beschreibt ihn dann auch gerne als eine Mixtur aus Nas, Biggie und 50 Cent. Besonders Letztgenannter war eine riesige Inspirationsquelle, da sich in den Texten des G-Unit-Generals auch sein damaliger Alltag widerspiegelte: »Fifty hatte einen riesengroßen Einfluss auf mich. Ich fühlte mich wie 50 Cent! Seine Texte sprachen mir aus der Seele. Ich hatte viele Lieblingsrapper wie Nas oder Jay-Z, aber bei 50 war es mehr als nur die Musik. Es war die Art und Weise, wie er die Dinge sagte und die Details in seinen Texten. Ich spreche dabei nicht von seinen Hit-Singles, sondern den Album-Songs. Diese detaillierten Beschreibungen waren verrückt für mich, da ich genau verstand, wovon er sprach. Durch seine Musik wurde mir auch klar, dass meine Songs grimey, echt und trotzdem erfolgreich sein können. Zuvor machte ich mir immer Sorgen, ob ich wirklich alles genau so erzählen kann, wie es wirklich passiert ist. Als ich hörte, wie er die Plätze, an denen Drogen verkauft wurden, in seinen Texten erwähnte, wusste ich, dass das auch für mich möglich ist.«
 
»Oxymoron« liegt also womöglich näher bei einem 2013-Update von »Get Rich Or Die Tryin’« als einem zweiten »good kid, m.A.A.d city«. Ob 50 Cent sich in die bisher aus Danny Brown, Action Bronson, Raekwon, seinem Ostküstenpendant A$AP Rocky und den Black-Hippy-Homies bestehende Gästeliste einreihen wird, ist hingegen noch ungewiss. Generell tut Q aber gut daran, die Gästeliste schmal zu halten, schließlich will er sich nicht von seinen Gästen die Butter vom Brot nehmen lassen. Wir erinnern uns: Nicht weniger als ein Klassiker soll entstehen. Obwohl es zumeist den Eindruck macht, als würde sich Q für den ganzen Hype kein bisschen interessieren, hat er doch überaus viel Zeit in sein Majordebüt gesteckt. Auch an ihm dürfte es nicht spurlos vorübergegangen sein, dass plötzlich alle Blicke auf ihn gerichtet sind. Nicht nur die eigenen Homies, sondern auch ein Majorgigant wie Interscope wollen jetzt an der Scheibe verdienen. Bei der Vorabsingle »Collard Greens« ging man mit einem Gastauftritt von Kendrick Lamar schon mal auf Nummer sicher.
 
Tatsächlich wird das endgültige »Oxymoron« bereits die dritte Version des Albums sein. Zwischenzeitlich stoppte er die Aufnahmen sogar für zwei Monate, um seine Gedanken zu sammeln. Zuerst sei das Album etwas zu sehr in Richtung Party gegangen. Im zweiten Anlauf machte er den Fehler, seinem Kollegen Kendrick nacheifern zu wollen und er verlegte sich zu sehr auf das Storytelling. Im dritten Versuch sei ihm nun die richtige Mischung geglückt. Heute meint er: »Manchmal muss man sich einfach mehr Zeit nehmen, bis man das hat, was man sich zum Ziel gesetzt hat. Nun bin ich endlich an diesem Punkt angelangt.«
 
Text: Fabian Merlo
Foto: Lukas Mäder